Massiv

Mittwoch Nachmittag im Wedding. Wir haben uns als Kulisse für das Interview ein Cafe gewünscht, weil wir erstens natürlich das Klischee vom Shisha-rauchenden Gangesterrapper aufrecht erhalten wollten und zweitens weil wir uns eigentlich eine Homestory im beschaulichen Rudow gewünscht hatten, wo Massiv anscheinend neuerdings wohnt, diese uns allerdings verweigert wurde. So etwas bekommt dann leider doch nur die Hip Hop Bravo, worauf wir auch dementsprechend neidisch sind.
Wie auch immer. Das Cafe H. in der Trifftstraße ist dennoch einen Besuch wert, denn wo sonst sieht man 120 Kilo schwere Typen, die mit übertrieben bunten Ecko-Ed Hardy-Hip Hop-Klamotten einträchtig mit ebenso schweren Motorradrockern zusammen sitzen. Diese haben wiederum ihre Glatzen mit Frakturschrifttätowierungen verziert und sehen eigentlich so aus, als würden sie eher in national befreiten Zonen chillen. Definitiv kurios.

Doch wir wollen hier keine falschen Unterstellungen verbreiten, es geht rein um die Optik und wer die durchaus verrückten Allianzen auf diversen Kampfsport-Veranstaltungen gesehen hat, der wundert sich auch über diese Konstellationen nicht. Die Geschäftswelt macht’s möglich und die einzige Farbe, die wirklich zählt ist schließlich die Farbe des Geldes. Klar!

Drin im Café reden wir mit Massiv genau darüber. Schließlich kann man schon sagen, dass sein Album "Meine Zeit" nicht unbedingt eingeschlagen hat wie eine Bombe. Zumindest unter kommerziellen Gesichtspunkten könnte man durchaus von einem Flop sprechen. Doch das sieht Wassiem Taha ganz anders, genauso, wie er die Kritik daran, dass er zum Album Release keine Interviews gegeben hat, zu rechtfertigen weiß.

rap.de: Hältst du es nach wie vor für schlau, keine Interviews gegeben zu haben?

Massiv: Nein, aber in meiner Position musste ich diesen Weg einfach gehen, um von diesem ganzen Drumherum um Massiv abzulenken und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten, und das ist die Musik. Darum geht es mir am Ende des Tages. Wenn sich die Leute an Massiv erinnern, dann möchte ich nicht, dass sich die Leute an irgendwelche Scheiße erinnern, die da passiert ist, sondern an Songs die ich gemacht habe. Darauf lege ich sehr großen Wert, dass ich ernst genommen werde als Künstler und nicht als jemand der hier her gezogen ist, der kein Berliner ist und irgendwann mal auf die Fresse bekommen hat.

rap.de: Diese Umstände haben aber einen Großteil zu deinem Ruhm beigetragen. Du thematisierst das ja auch auf deinem Album, wenn du sagst, wir, die Journalisten, hätten ja sonst nichts zu schreiben, wenn du nicht da wärst.


Massiv
: Klar, ich provoziere da ja auch in diesem Punkt. Aber wenn ich Promo mache und Interviews gebe, dann interessiert sich ja niemand mehr für das eigentliche Album. Darauf habe ich aber mit diesem Album gezielt, dass die Leute nur darüber schreiben können, was auf diesem Album passiert.

rap.de
: Wie gehst du mit der Kritik diesbezüglich um?

Massiv: Die Kritiker sind doch alle verstummt. Es gibt Leute, die sagen "ich würde meinen Schwanz verwetten, dass Massiv einen Songwriter hat“. Wenn Massiv einen guten Song macht, dann ist der Text auf jeden Fall nicht von Massiv. So werde ich dann abgestempelt. Aber das ist kein Problem, denn daran sehe ich ja, dass ich gut arbeite.

rap.de: Das Konzept ist dann für Dich voll aufgegangen. Du hast ja auch gute Kritiken für das Album bekommen . Enttäuscht es dich auf der anderen Seite, dass dich die Kritiker loben, aber die Leute draußen, sprich das Publikum, sich scheinbar mehr für die Story drum herum interessiert.

Massiv: Ich sag mal so, mach dir um die Story drum herum keine Sorgen, denn es gibt ja auch noch ein Morgen. Mit Peter Fox plane ich ein Kollabo Album.

rap.de: (lacht laut)

Massiv: Doch ehrlich. Nein Spaß bei Seite, nee, nee,  Ernst bei Seite. Ich habe noch genügend Zeit, um Action zu machen. Beim nächsten Album werde ich auf jeden Fall auf 180 gehen, da werde ich überall hingehen, wo man mich einlädt. Wenn es sein muss, werde ich mit Spiegel TV eine ganze Staffel drehen. Übrigens (zu Staiger gewandt) Du hast echt schöne Augen.

rap.de: (lacht laut)

Massiv: Doch wirklich, die blitzen so raus. Hat Dir das noch nie eine Frau in Kreuzberg gesagt?

rap.de
: (lacht immer noch) Ja. Eine hat mich angesprochen. Sie meinte: "Hey Du Kartoffel, Du hast voll schöne Augen.“ Dann hat sie gesagt, “Mein Freund ist ein Opfer“.

Massiv: Oh dann bist du ja auf eine ganz Oberflächliche getroffen. Das würde ich nicht als Kompliment betrachten.

An dieser Stelle muss man festhalten, dass Massiv in Punkto Humor tatsächlich ein wenig unterschätzt wurde, was wahrscheinlich auch an der Inszenierung als Muskelbepackter Gorilla lag und die Glossy-Over-Shoulder-Look-Geschichte hängt ihm bis heute nach. Zu Recht. Doch genau so wie 30 Kilogramm Körpermasse auf der Strecke blieben und Massiv überraschend schmal daher kommt, scheint er auch diesen pseudoharten Streetlifepanzer aufgegeben zu haben. Das rechtfertigt natürlich in keinster Weise die Fehler der Vergangenheit und natürlich haben alle notorischen Rechthaber Recht, die in Massiv die Over-the-top-Inszenierung von Gangsterrap sehen, mit falschen Images und falscher Härte… und, was dann? Am Ende ist Massiv doch einer der wenigen Stars im Deutschen Rap-Gewerbe, die es schaffen, die Öffentlichkeit an- und aufzuregen.
Die Medienberichterstattung zu Massivs Palästinareise zum Beispiel schlug hohe Wellen.
Während die Frankfurter Allgemeine Zeitung um Neutralität bemüht war und der Tagesspiegel sogar nach den persönlichen Motiven des Rappers forschte, droschen andere Medien auf ihn ein und erklärten es für unverantwortlich dass ein Deutscharabischer Gewaltrapper mit deutschen Steuergeldern in der Konfliktregion auftreten durfte. Klärungsbedarf!


rap.de: Die Medien haben ja dann doch noch Futter bekommen und über deinen Besuch im Gaza-Streifen berichtet. Hat dich das abgefuckt?

Massiv: Das hat mich sehr abgefuckt. Die Medien haben das sehr oberflächlich behandelt. Die meisten haben sich nur auf Textzeilen beschränkt, die ich vor zwei Jahren gebracht habe. Ich bin da mit dem Goethe Institut runter gegangen und habe mit der deutschen Botschaft zusammen gearbeitet. Wir sind in Flüchtlingscamps gefahren, in Bethlehem, Ramala, Jenin, und  Jerusalem, in denen ab 18:00 Uhr eine Ausgangssperre verhängt wurde, und ich habe mich da mit Kids unterhalten, die teilweise nicht mal Schuhe anhatten, dafür aber Einschusslöcher am Körper hatten und ich habe mich mit ihnen über ihre Probleme unterhalten und Workshops gegeben. Denen ging es wirklich schlecht und ich habe ihnen meine Aufmerksamkeit geschenkt und irgendwo auf einer Matratze geschlafen. Es war nicht so, dass ich in irgendeinem Hyatt Hotel gepennt habe und im Maybach durch die Gegend gefahren bin und letzten Endes war es für mich auch sehr riskant, weil ich da Unten ein richtiger Paradiesvogel bin.

rap.de: Wo kommen deine Eltern her?

Massiv: Aus Palästina, aber die waren selbst noch nie unten. Wenn wir irgendwo hingehen, dann gehen wir in den Libanon, weil da mein Opa noch lebt.  Insofern war das für mich also die erste Möglichkeit, nach Palästina zu gehen. Von daher musste ich da natürlich hin, um mein eigenes Land zu sehen. Ich wollte die Menschen dort kennen lernen und mit den Leuten reden und ich würde es jederzeit wieder machen, egal wie die Presse hier darüber berichtet.

rap.de: Wie war dieses Gefühl, das Heimatland wieder zu sehen, das ja eigentlich nur ein Heimatland im Kopf ist. Sozusagen ein virtuelles Heimatland.

Massiv: Es war sehr schön und ich habe schon dieses Heimatgefühl verspürt, wobei ich nie im Leben aus Deutschland weg gehen würde. Ich bin hier geboren, fühle mich hier wohl und habe auch einen deutschen Pass, aber allein dieses Gefühl, zu wissen hier sind meine Wurzeln, dass war sehr schön.

rap.de
: Back to the Roots.

Massiv: Auf jeden Fall war es ein sehr aufregendes Gefühl. Ich hatte permanent Gänsehaut. Wenn du durch Jerusalem oder Bethlehem fährst, das ist einfach unbeschreiblich, auch weil sich da soviel abgespielt hat in der Vergangenheit und in der Jetztzeit. Du weißt einfach, das ist ein heiliges Land. Abgesehen davon, dass es mein Heimatland ist, ist es einfach ein heiliges Land für mehrere Religionen.

rap.de: Du meinst, dass es da eine ganz bestimmte Energie gibt.

Massiv: Auf jeden Fall, da gibt es eine krasse Energie, die da spürbar ist.

rap.de: Denkst du, dass die Gegend jemals zur Ruhe kommt?

Massiv: Die einzige Lösung ist, dass sich irgendwann alle verstehen. Dass einer ein Stück mehr Land oder ein anderer wieder ein Stück von seinem  Land zurück bekommt, das ist, denke ich, keine Lösung. Das artet dann spätestens in fünf Jahren wieder in einem Konflikt aus.

 

rap.de: Glaubst du, dass ein Zusammenleben möglich ist, nachdem es ja auf beiden Seiten Opfer gegeben hat?

Massiv. Wie man da eine Lösung finden kann, weiß ich auch nicht. Ich kann nur hoffen, dass jeder einzelne einen Flashback bekommt, und einsieht, dass  es für ihn die einzige Lösung ist, mit dem anderen zusammenzuleben. Was soll ich dazu sagen. Es ist schwierig.
 
rap.de: Du warst ja dort und hast auch am eigenen Leib gespürt, was es da an Schikanen gibt.

Massiv: Auf 30 km kommen circa drei Checkpoints und an jedem einzelnen Checkpoint musst du mindestens 30 Minuten stehen, in der brühenden Hitze. Ich habe das zum ersten mal gemacht und ich habe mich richtig darüber aufgeregt, aber die Leute da machen das schon seit 20, 30 Jahren. Allein der Weg zur Arbeit kostet dich locker drei Stunden, der Weg zurück noch mal dasselbe. Für eine Strecke von 70km.
In Tel Aviv habe ich beim Hinflug neun, beim Rückflug zwölf Stunden gewartet. In einem separaten Raum wurden sich alle meine Videos angeschaut, jedes Tattoo wurde fotografiert und es wurde ein wenig an mir herumgefuchtelt.


rap.de
: Wie hast du darauf reagiert?

Massiv: Ganz sympathisch. Hätte ich eine mit der Keule bekommen, hätte ich sogar gelächelt.
 
 rap.de: Du hättest also ganz christlich die andere Wange hingehalten. Hattest du das Gefühl, dass es den Kontrolleuren Spaß gemacht hat, oder war das eher eine lästige Pflichterfüllung für die?

Massiv: Ich denke, die machen das mit jedem, der ein bisschen auffällt. Ich bin ja auch kein unbeschriebenes Blatt. Die haben meinen Pass gesehen und auf dem Pass sehe ich schon aus wie ein kleiner Gauner. Ich wurde gefragt, wer ich bin und was ich vorhabe, woraufhin ich denen mein Formular von der deutschen Botschaft gezeigt habe. Danach musste ich mit denen in ein Zimmer gehen und meine Videos ließen sich zum Glück nicht alle abspielen(lacht).

Doch nicht nur in den bundesdeutschen Medien hagelte es Kritik. Auch die Berliner Rapszene zeigte sich enttäuscht von Massiv, dem sie Verrat und Undankbarkeit vorwarf. Schließlich hatte ihn der gesamte Berliner Untergrund supportet, allen voran Basstard, der den damals noch ungesignten und völlig unbekannten "Pitbull“ auf seinem Horrorkore Label heraus brachte. Dementsprechend verbittert äußerte sich Basstard auch im letzten Interview auf rap.de.

rap.de: Das Basstard Interview hast Du ja gelesen. Kannst Du es verstehen, dass er menschlich enttäuscht ist?

Massiv: Er hat ja mir gegenüber auch richtig abwertend gesprochen in dem Interview. Das war ja wie ein Welpe, der zum ersten Mal bellt. Ganz ehrlich, der Typ ist einfach nur ein richtiger Kiffer mit dem  Output eines 9-jährigen. Er bringt alle sechs Jahre ein Album raus, macht einen auf Dr. Dre in einer Gegend, in der er es sich gar nicht leisten kann. Der soll mal lieber bei seinen Masken bleiben und irgendwelche Geister rufen, die nie kommen werden, weil nicht mal die sich für ihn interessieren. Der nervt mich übertrieben. Ich würde am liebsten jetzt sehr gemeine Sachen sagen, wenn ich nicht wüsste, dass er sich eh schon genug Feinde gemacht hat mit dem, was er über mich gesagt hat. … ich will es hier gar nicht aussprechen. Das habe ich persönlich genommen. Wer ist er denn, dass er so was behauptet? So was kann mein Vater behaupten oder meine Mutter. Oder meine Katze. Aber er doch nicht.

Wer nun der Vater des Erfolgs oder Nichterfolgs ist, bleibt also auch weiterhin umstritten. In der Regel ist es so wie immer: Wenn Erfolg, dann war es der Künstler alleine. Wenn nicht Erfolg, dann war es definitiv die Schuld der Plattenfirma. Zumindest aber ist es unbestreitbar, dass sich der Che Guevara aus der Pfalz in Berlin durchgesetzt hat auch wenn ihm einige das Leben hier nicht leicht machen wollten.

rap.de: Ist das so, dass die Leute, die am härtesten gegen dich gefrontet haben, heute keine Bedeutung mehr haben?

Massiv: (lacht) Das war doch der Sinn der Sache. Meine Taktik war einfach, straight meine Musik zu machen und gut zu verdienen, weißt du? Die Mucke so gut wie möglich zu machen. Diese Leute haben sich halt mehr auf mich konzentriert, als auf ihre Musik. Sie haben sich mehr darum gekümmert, zu erklären, dass es ihr Ghetto ist, wie krass sie sind und dass wir nicht so schief gucken sollen und sonst gar nichts. Ich habe eher davon geredet, was man besser machen kann und dass es auch anders geht und so. Ich habe gar nicht über das Ghetto an sich gesprochen, sondern darüber, wie man am besten da raus kommt. Und das zeichnet auch Al-Massiva aus. Nicht nur über das Ghetto zu rappen, sondern auch darüber zu reden, was man machen sollte, um aus dieser Lage raus zu kommen. Ja, das habe ich schön erklärt, was Staiger? Ha! Ich bin stolz auf mich . Ich bin Hip Hop. Ich habe damals 100 Demos rausgeschickt an alle möglichen Labels und keiner hat sich gemeldet, außer Basstard. Aber der hat mich da noch nicht gehört, sondern nur ein Bild von mir gesehen und da hat er schon Angst gehabt. Umso mehr hat er sich dann gefreut, als er meine Stimme gehört hat.

Rauskommen aus dem Ghetto. Von ganz Unten nach ganz Oben. Von Pirmasens in den Berliner Wedding und dann wieder zurück?
Als die deutsche NDW Band "Deutsch Amerikanische Freundschaft – DAF“ in den 80er Jahren an ihrer Karriere feilten, zogen die drei deutschen nach London, um dort in einem Heizungskeller zu hausen. Stundenlang übten sie ihre Sets und abends schlugen sie sich ohne Kohle durch die Londoner New Wave Clubs. Schließlich und endlich gelang ihnen dann der Durchbruch und zumindest unter Kennern ist die Band um Frontmann Gabi Delgado auch heute noch ein Begriff. Und vielleicht ist es wirklich so, wie Mach One auf seinem Albumcover getitelt hat: “Guter Rap gedeiht im Dreck“ – … auch wenn über die Qualität von Massivs Rapkünsten ebenfalls immer noch gestritten wird, sein Album "Blut gegen Blut“ war definitiv ein Untergrundhit und wahrscheinlich nur möglich durch die Einflüsse der gewissen Berliner Atmosphäre.

Das jedoch ist nicht das Faszinierendste an Massivs Geschichte. Beeindruckend ist definitiv, dass ein junger Gabelstaplerfahrer aus der pfälzischen Provinz erklärt, dass er Rapper werden will und das dann auch tatsächlich schafft. Warum gerade er? Warum nicht jeder andere? Was hat er, was ich nicht habe? Warum nicht ich?
Schwierig wird es eigentlich nur dann, wenn solche Karrieren für ein Welterklärungsmodell herhalten müssen, in dem es heißt: "Auch Du kannst es schaffen!“ Das ist definitiv NICHT wahr, aber vielleicht stimmt es ja trotzdem, dass durch die Realisierung eines eigentlich utopischen Traums der Funke der Motivation überspringt.

rap.de: Aber was glaubst du will ein Jugendlicher von dir hören?

Massiv: Ein Jugendlicher will Hoffnung mit auf den Weg bekommen. Von jemandem, der das authentisch auf den Weg mitgibt.

rap.de: Wie gibt man ihm diese Hoffnung?

Massiv: In dem man glaubwürdige Musik macht. Meine Musik ist absolut authentisch. Ich meine alles genau so, was ich rappe.

rap.de: Wie stellst Du Dir deinen typischen Zuhörer vor?

Massiv: Er ist zwischen 9 und 30. Und er ist davon fasziniert, dass ich im echten Leben auch so bin.

rap.de: Ja, gut, aber was macht er?

Massiv: Wie, was macht er?

rap.de: An wen denkst Du, wenn Du deine Texte schreibst?

Massiv: Ich denke an die 14-jährigen Kids, wie sie die Straßen lang laufen und sich gegenseitig erzählen, was gestern passiert ist, weil sie nichts anderes zu tun haben.

rap.de: An die ranzukommen ist nicht so einfach. Vielleicht erreichst Du sie sogar, aber wirst Du sie auch davon abhalten können, Scheiße zu bauen.

Massiv: Du wirst nicht glauben, wie viele Kids mich angeschrieben haben, um mir zu sagen, dass ich ihnen aus der Krise geholfen habe und dass sie durch meine Musik ein komplettes neues Lebensgefühl haben. Und solange es auch nur ein einziges dieser Kids gibt, werde ich ein nächstes Album aufnehmen. Das heißt, es wird sich immer lohnen.

rap.de: Du sagst auch, sie sollen sich ein Beispiel an Dir nehmen, schließlich hast Du es auch von unten nach oben geschafft. Aber solche Karrieren sind auch sehr selten. Das kann ja nicht jeder.

Massiv: Ja, aber wenigstens wecke ich viele Kids auf, dass sie was machen und nicht nur reden. Ich habe eine richtig gute Line auf meinem Album, die viele nicht verstanden haben, die aber total positiv ist: "Wenn du kämpfst, Junge, kannst du nur verlieren, aber wenn du nicht kämpfst , dann hast du schon verloren.“. Wenn du den Satz fühlst, dann hast du gewonnen. Ich sehe zu viele Kids, die so mitläuferisch durchs Leben gehen. Die hängen nur so rum und schauen zu Leuten hinauf. "Guck mal was der für ne geile Karre hat“ und so was. Und so baut sich Neidpotenzial auf. Dieses Potential wäre automatisch weniger, wenn man sofort was dafür machen würde, auch das gleiche zu haben.

rap.de: Neid als Motivation?

Massiv: Ja, aber im positiven Sinne. Kids, tut was! Macht was dafür! Nicht immer nur labern und haten. Es gibt Leute im Internet, die mich die ganze Zeit haten. Das sind dann aber genau die Typen, die nichts anderes machen, außer zu haten. Die sollen doch mal selbst was machen! Vor dreieinhalb Jahren bin ich noch Gabelstapler gefahren. Einmal bin ich zum ersten Mal pünktlich zur Arbeit gekommen und wurde trotzdem rausgeschmissen. Da habe ich mir dann überlegt, was ich werden könnte und habe von heute auf morgen entschieden, dass ich Rapper werden will. Ich habe noch nie in meinem Leben gerappt, aber innerhalb von einer Woche zwanzig Demo-Dinger aufgenommen und die weggeschickt. Ich hab sie sogar noch pressen lassen und ein Booklet dazu gemacht und ein bisschen mit so Grafik-Sachen rumexperimentiert. Das war alles Neuland für mich, aber ich habe es wenigstens versucht. Ich bin mit einem Riesenpaket von 100 Demos zur Post gerannt und habe die alle weggeschickt. Hätte es damals nicht geklappt, wäre ich trotzdem stolz auf mich gewesen, weil ich es zumindest versucht habe. Ich war zwar nie auf irgendwelchen Jams oder habe gebattlet oder gefreestyled, aber ich wollte Rapper werden und habe es versucht. Ich bin wirklich nicht jemand, der nichts macht. Im Internet gibt es aber nur diese Art von Wichser, die sich hinter ihrem Rechner verstecken und die ganze Zeit nur labern. Die kritisieren alles nur, anstatt mir auch mal etwas zu gönnen, weil ich es wenigstens probiert habe. Ich könnte das verstehen, wenn du die ganze Zeit bei irgendeinem Label chillst, auch aus Berlin kommst und dann irgendwann mal einen 16er kickst, aber so jemand war ich ja nicht. Ich gehörte zu keinem Kreis und keinem Label. Ich bin nach Berlin gekommen, habe niemanden gekannt und es einfach durchgezogen. Mir wurde es absolut nicht leicht gemacht und ich will mir dafür endlich meinen Respekt abholen. Ich will mich von Platte zu Platte steigern, alles andere kommt von selbst und jeder bekommt, was er verdient. Jetzt habe ich mich sogar aufgeregt, sorry.

rap.de: In den meisten Fällen klappt so was aber ja nicht. Wie hätte dein Leben dann ausgesehen? Ich möchte ja niemandem verbieten, seinen Traum zu leben, aber es gibt so viele Leute, die sich dann darin verhaken, und bei denen es nicht klappt.

Massiv: In den meisten Fällen ist es ja wirklich so, dass die nach ein paar Jahren merken, dass dieses Rapding ihnen eigentlich gar nichts bringt. Wenn es dein Traum ist, musst du es aber zumindest einmal probiert haben, bevor du komplett aufgibst. Aber wenn man schon drei, vier Jahre an dem Shit rumbastelt und es nichts wird, würde ich mich dann doch eher auf Schule oder so was konzentrieren. Aber ich habe es versucht und es hat geklappt.

rap.de: Was passiert, wenn dein nächstes Album auch floppt?

Massiv: Was heißt Flop? Das liegt ja im Auge des Betrachters. Was ist denn für Dich ein Flop? Ich würde meine Platte nicht als gefloppt bezeichnen, sondern einfach nur als Platte, die herausgekommen ist und ihren Zweck erfüllt hat. Ganz ehrlich, mit "Ein Mann Ein Wort“ habe ich jetzt knapp 35.000 Platten verkauft und das in einer Zeit, in der es schwer ist, überhaupt noch was zu verkaufen. Von "Blut Gegen Blut“ habe ich auch an die 25.000, 30.000 verkauft und damit reihe ich mich auf jeden Fall bei den Leuten ein, die gut verkaufen. Dass im Hip Hop überhaupt noch Platten verkauft werden, wundert mich. "Meine Zeit“ war einfach nur ein Grundstein dafür, dass ich beim nächsten Album richtig Action machen kann, weil ich danach jetzt einfach ernster genommen werde. Yeah, Staiger! Wuhuuuu! Alter, jetzt bin ich heiß! Jetzt lass mal noch ein bisschen dissen, jetzt kannst du mich alles fragen. (Gelächter)

rap.de: Wie heißt denn deine vierte Katze?

Massiv
: Also, ich habe noch keine, aber ich bin momentan auf der Suche nach einer englischen Katze für meine Mama. So eine wie aus der Shiba-Werbung, die immer mit ihrem edlen Fell angeschlichen kommt.

rap.de
: Ich habe von meiner Mitarbeiterin gehört, dass Menschen die Katzen besitzen, sexuell frustriert sind.


Massiv
: Ich glaube nicht, dass Katzen erklären, was ich für sexuelle Neigungen habe. Wenn man einen Hund hat, hat man also eher einen Kleinen? Wenn du dir einen holst, hol dir eine Deutsche Dogge. Ich mag Hunde an sich schon, zum Spielen und Streicheln oder so, aber nicht in meiner Wohnung. Oder doch, ich mag Lassie! Der hilft immer den Menschen. Oder Beethoven.

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