Hiob und Morlockk Dilemma

Einfach machen es einem Morlockk Dilemma und Hiob nicht wirklich. Sperrige Texte. Düsterer Sound. So richtig fürs Radio ist die Musik der beiden, bei Spoken View gesignten Künstler nicht unbedingt. 
Zum Labelwechsel haben wir Dilemma deshalb erst gar nicht befragt, da eindeutig wichtigeres auf der Agenda stand. Zum Beispiel, ob Nietzsche mit seiner Schwester gebumst hat, Immanuel Kant sein Leben lang Jungfrau war oder ob Gerechtigkeit machbar ist?
Keine leichte Kost, aber was anderes wollen der Berliner und der Mann aus Leipzig auch nicht sein. Insofern gehört auch dieses Interview voll und ganz zum Prinzip.

rap.de: Nachdem ich mir Eure Platte angehört habe, natürlich nur die ersten drei Tracks, dann hört sich das so an, als wäre es besser, keine Kinder zu zeugen und die Spezies Homo Sapiens aussterben zu lassen.

Morlockk Dilemma: Oder mit einem großen Bumm von der Erde zu verbannen, wobei ich wage zu sagen, dass nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen ist. Aber im Grunde: Ja. Weniger ist mehr.

rap.de: Gehen wir mal davon aus, dass es sich um Literatur oder Lyrik handelt und eben nicht alles wortwörtlich zu nehmen ist, aber es ist schon so ein apokalyptischer Menschenhass, ein Überdruss vorhanden auf dem Album?

Hiob: Es ist eher die Vielzahl an Menschen. Wenn ich jetzt zwei Wochen nicht in der Stadt war, dann geht es mir schon ziemlich auf den Sack, dass hier so viele Leute auf so engem Raum sind. Da ist auf jeden Fall ein Überdruss an Menschen da.

rap.de: Nun gut, das haben Städte so an sich. Das heißt du bist gegen die Wohnform Stadt?

Morlockk Dilemma: Das ist der alltäglich spürbare Überdruss, darauf liegt aber nicht das Hauptaugenmerk des Albums. Der Hintergrund,  sich diesem Apokalypse-Thema anzunehmen, war eher, dass immer versucht wird, positiv zu denken, zu sagen wir schaffen das schon, wir gehen durch alle Krisen. Der Mensch definiert sich ja darüber, das, was gut ist zu kultivieren, ich sehe das aber eigentlich anders. Das hat schon misanthropische Ansätze, zu sagen, dass der Mensch ein Egoist ist, der nur aus egoistischen Motiven in einer Gemeinschaft lebt, indem er Arbeitsteilung betreibt, aber ansonsten keinen positiven Antrieb hat. Das wäre meine Definition zur Frage Menschenhass, ja oder nein.

rap.de: Es gibt da ja zwei philosophische Modelle, die Einen gehen davon aus, dass der Mensch mal hochentwickelt war, im goldenen Zeitalter und sich sukzessive zurückentwickelt und immer primitiver und dümmer wird, die Anderen gehen davon aus, dass sich das Weltbewusstsein erweitert und ansteigt.

Morlockk Dilemma: Also ich denke eher ersteres.

Hiob: Es gibt ja auch den philosophischen Standpunkt, der behauptet, dass Geschichte sich wiederholt. Für mein eigenes Leben lerne ich aus Erfahrung. Wenn ich das aber auf  die Menschheitsgeschichte anwende, dann kann ich nur dem ersten Bild  zustimmen.

Morlockk Dilemma: Die Menschen sind dümmer geworden. Ich würde sagen im 21. Jahrhundert wurde das, was die Aufklärer Jahrhunderte lang aufgebaut haben, wieder eingerissen, durch diese ganze Vorherrschaft der Emotionalität, die man vor allem auf medialer Ebene wieder vorfindet.  Die Menschen sind nicht vernünftig, sondern emotionssüchtig und handeln auch aufgrund von Emotionen. Die Menschheit wird dümmer oder lässt sich zumindest leichter verleiten oder manipulieren.
 
Hiob: Früher konntest du die Leute nicht so leicht manipulieren, weil du gar nicht die Mittel hattest, die dir heute die Medien bieten.

Morlockk Dilemma: Oder es wäre zu einem Diskurs gekommen, wo man durch Argumentation überzeugt. Das brauchst du heute nicht mehr. Du brauchst nicht mehr das Argument, sondern du musst sehen, dass du es richtig verpackst und dann schaffst du es schon, die Leute auf deine Seite zu ziehen. Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Ebenen, das kann man im Rap genauso betrachten, wie in der Politik, der Kriegsführung oder der Wirtschaft. Überall ist die Emotion festgebohrt.

rap.de: Vertrittst Du also eine Antiemotionshaltung?

Morlockk Dilemma: Nein, ich bin ein Freund davon, das in einem Dualismus zu sehen, dass es ausgewogen ist. Emotionslose Menschen wären auch schade, aber der Emotionsjunkieism, der da ist, dass man nur eine Zeitung verkauft, wenn man eine Story hat und die eigentliche Nachricht scheißegal ist, führt doch dazu, dass die Leute irgendwann keine Emotionen mehr  fühlen können und nur noch auf der Suche nach dem nächsten Kick sind. Irgendwann ist dann aber Ende Gelände und dann werden die Leute doch wieder emotionslos. Ich bin definitiv für ein Verhältnis, dass man sagt, okay, natürlich Emotionen, aber versucht doch  ab und zu euren Kopf einzuschalten.

Hiob: Vernunft ist ja nicht auf Emotionen begründet, sondern auf Logik. Das heißt wenn ich sage, ich tue etwas, weil ich dadurch einen  Vorteil habe, oder ich tue etwas nicht, weil ich dadurch einen Nachteil habe, dann ist das ja nicht emotional begründet, dann schließt sich das von der Logik her aus.

rap.de: Aber eigentlich ist diese Welt doch rational sehr durchgeplant, gerade in Bezug auf die Erlangung des persönlichen Vorteils…

Morlockk Dilemma: Ja, aber der Schritt, der dafür benötigt wird, wird durch emotionale Kriegsführung erreicht.

rap.de: Gibt es dann auf der einen Seite die Manipulierenden, die logisch handeln und Emotionen an die Manipulierten verkaufen und damit  dumm halten?

Morlockk Dilemma: Ich bin kein Freund davon, zu sagen, es gibt nur fünf Leute, die die Welt in ihren Händen halten, so paranoid bin ich noch nicht, aber bald.
Ich denke, dass das emanzipierte Bürgertum irgendwann mal einen vernünftigen Ansatz hatte und gesagt hat: Wenn ihr das und das wollt, dann erklärt mit bitte warum?
Die Manipulierenden, wer sie auch immer sind, haben  es aber irgendwie so hingekriegt, dass man die Masse nicht mehr mit Argumenten bekommt, sondern nur noch über die Emotionsschiene.

rap.de: Ich lese jetzt aus deiner sozialen Beobachtung, dass du unsere Zeit für sehr emotionsarm hältst und die Leute deshalb ständig auf der Suche nach künstlichen Emotionen sind, bzw. auf der Suche nach echten Emotionen, aber immer nur Plastik vorgesetzt bekommen.

Morlockk Dilemma: Das kann ich mir gut vorstellen, dass die Mutti, die den ganzen Tag arbeiten geht für einen Scheißlohn, abends nach Hause kommt und dann keine Lust auf faktisches Wissen hat, sondern unterhalten werden möchte. Das ist dann vielleicht eine Suche nach Emotionsersatz, da sie in ihrem normalen Alltag keine Emotionen hat.

rap.de: Um noch mal auf das Thema vorher zu sprechen zu kommen, wann soll  es denn eurer Meinung nach diese Zeit des emanzipierten Bürgertums, der reinen Vernunft gegeben haben?

Hiob: Die gab es natürlich gar nicht. Die Zeit der Aufklärung war ja irgendwann im 18.  oder 19. Jahrhundert und danach kamen ja trotzdem noch das dritte Reich und solche Sachen. Wann war denn jetzt noch mal Kant, Anfang 19. oder Ende 20. Jahrhundert. ?

rap.de: War Kant nicht sogar sein Leben lang Jungfrau?

Hiob: Ich glaube schon.

Morlockk Dilemma: Nietschze  auch oder? Beziehungsweise, der hat doch mit seiner Schwester geschlafen.

Hiob: Hat der nicht auch in der Nähe von Leipzig irgendwo gewohnt?

Morlockk Dilemma: Langsam sind das auch zu viele Begriffe, die wir da durcheinander werfen, da kann es schnell zu Missverständnissen kommen.

Hiob: Ich  weiß auch gar nicht, wie wir jetzt in diese ganze Thematik reingerutscht sind. Es ist auch nicht so, dass wir uns bei dem Album so viele Gedanken gemacht haben. Wir gehen auch oft einfach auf eine billige Pointe. Wir haben uns auf jeden Fall nicht hingesetzt und gesagt, wir wollen jetzt Politik machen. Die apokalyptische Thematik war eher ein Zeitgeist, den wir irgendwo aufgeschnappt haben und dann einfach artikulieren wollten, ohne sich beim Niederschreiben direkt Gedanken über Kant zu machen.

rap.de: Was ist denn eurer Meinung nach der aktuelle Zeitgeist? 

Hiob: In meinem Umfeld, das sind Leute Ende 20, ist es schon so, dass die sich eine Kreditkarte holen und dann mit Drogen von Freitags bis Sonntags komplett abschießen.
Ich kann leider nicht beurteilen, ob das daran liegt, dass wir alle bald dreißig werden, oder ob sich das auch auf Zwanzigjährige bezieht. Ich sehe es auf jeden Fall häufig, dass sich die Leute keine großen Gedanken darüber machen, was sie morgen machen.

rap.de: Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, um Drogen zu nehmen?

Morlockk Dilemma: Ich möchte an dieser Stelle noch einmal deutlich machen, dass es natürlich nie einen richtigen Zeitpunkt gibt, um Drogen zu nehmen (lacht).

Hiob: Wenn ich jetzt eigentlich das Gröbste schon hinter mir habe und diese ganze Scheiße schon mal mitgemacht habe und am Ende zu dem Schluss gekommen bin, dass das alles Bullshit ist, dann kann ich ja nicht einfach wieder von vorne anfangen.  

Morlockk Dilemma: Ich glaube auch, dass da die Resignation eine große Rolle spielt. Von wegen, ich sitze jetzt hier und schreibe die 140. Bewerbung, die Jahre gehen ins Land und es verändert sich einfach nichts, weshalb ich das Gefühl habe, dass ich für diese Gesellschaft keine Rolle spiele. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum die Leute sich wegknallen. Und um damit umzugehen, entsteht dann unter anderem dieser Zynismus in den Texten.

rap.de: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, ganz auszusteigen?

Morlockk Dilemma: Was heißt denn aussteigen?

rap.de: So richtig das Land zu wechseln, Indien oder so.

Morlockk Dilemma: Da bin ich, glaube ich, zu inkonsequent dazu. Ich spreche auch nur englisch.

Hiob: Ich habe das sogar schon mal probiert. Das war nicht richtig geplant, aber wir hatten da so eine Kommune auf dem Land und so weiter. Das hat sich aber dann ganz schnell hin zu einer krassen Hierarchie entwickelt. Zunächst haben wir gesagt, wir bauen uns hier was auf und versuchen für uns, das Beste rauszuholen, aber das ist dann schön nach hinten losgegangen.
Irgendwann gab es einfach in der Hierarchie ganz oben ein Monster, so wie das in der Gesellschaft auch oft ist

Morlockk Dilemma: Es ist auch die Frage ob es etwas bringt, wenn man einfach abhaut. Ich persönlich bilde mir nicht ein, dass es irgendwo auf der Welt anders ist. Ich denke das ist auch kein Stadtproblem, sondern es ist halt einfach so.
Es ist ja auch nicht so, dass ich jeden Tag heulend aufwache und total resigniert bin. Ich habe ja auch das Recht zu sagen, dass nicht alles cool ist und das verarbeite ich dann in der Kunst, die ich mache. Ich verfüge ja zum Glück über einen gepflegten Humor, der mich das Ganze verarbeiten lässt, von daher ist zwar nicht alles gut, aber ich werfe auf keinen Fall die Flinte ins Korn.

rap.de: Wie wachst du denn morgens auf?

Morlockk Dilemma. Wie jeder Mensch auch, mit Konfettidusche und so weiter. Keine Ahnung, ganz normal, ich empfinde halt nichts (Gelächter). Ich mache mir einen Kaffe, gehe Duschen und trinke den Kaffe unter der Dusche. Nein, ganz normal eigentlich.


 

rap.de: Nun wird  im letzten JUICE Interview mit Euch auch groß thematisiert, ob Eure Musik wirtschaftlich irgendwelche Früchte trägt?

Morlockk Dilemma: Der Große Fehler, der in der Berichterstattung über Deutschrap jahrelang gemacht wurde, ist der, dass einem das als echte Alternative zu einer Lehre präsentiert wurde und jetzt  alle ein bisschen rumheulen, weil es eben doch nicht der große Karrierezweig ist. Für mich persönlich war das von Anfang an eigentlich nie das Ding. Ich persönlich kenne auch Leute in meinem Umfeld, die das eigentlich so sehen wie ich und deshalb wundere ich mich immer, warum alle übers Geldmachen reden, denn es ist doch nicht so, dass es viele Leute gibt, die davon wirklich Leben können.
Es gibt natürlich viele Leute, die davon leben WOLLEN und am Ende des Tages ziemlich abgefuckt sind, weil sie ihre Erwartungen einfach nicht erfüllt bekommen. Ich persönlich habe halt einfach angefangen, weil es mir Spaß gemacht hat. Wenn man dann ein paar Jahre dabei ist, dann ist der Spaß, auf die Bühnen zu gehen vielleicht weniger da, aber dann findet man irgendwas anderes, was einem Spaß macht. Mir geht es jedenfalls nur um die kreative Entfaltung und Kohle machen war nie der Antrieb. Man muss natürlich insofern wirtschaftlich denken, dass man nicht ständig auch noch reinbuttert. Meine Herangehensweise ist, dass die Zeit und die ganze Kohle, die man investiert, in einem gesunden Verhältnis zu den Einnahmen stehen sollten. Es wäre aber auch unrealistisch anzunehmen, dass wir mit der Mucke, die wir machen, Airplay bekommen.

rap.de: Das ist eine gesunde Independent Einstellung, die es seit 10 oder 15 Jahren gibt. Habt ihr das Gefühl, dass es bei jüngeren Künstlern wieder eine Hinwendung zu diesen alten Indie-Werten gibt?

Hiob: Es gibt in jeder Kleinstadt solche Leute. Die machen das auch wieder so, weil ich glaube, dass es  sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass es da nicht mehr das große Geld zu holen gibt.

Morlockk Dilemma: Ich habe im Bekanntenkreis auf jeden Fall Leute, die Anfang zwanzig sind und jetzt seit zwei, drei Jahren rappen und obwohl die einem zuhören und aufnahmebereit sind, haben die alle noch im Hinterkopf, es doch irgendwann zu reißen. Ich versuche dann immer auf die Leute einzureden, und sage, mach es, weil du es machen musst oder willst, aber nicht, um damit Geld zu verdienen. Allerdings bilde ich mir nicht ein, dass diese Leute auf mich hören.

Hiob: Ich glaube das hängt auch weniger mit dem Alter zusammen, als damit, wer diese ganze Sache wirklich durchblickt. Umso mehr man erahnt, was es wirklich heißt, davon leben zu müssen, umso weniger Lust hat man eigentlich darauf.

Morlockk Dilemma: Mich haben in Leipzig 2004 schon Leute gefragt, als ich angefangen habe, Tapes zu verkaufen, ob ich davon leben kann und die waren dann immer richtige verwundert, wenn ich gesagt habe: nein, ich mache gerade mein Fachabitur nach.
Wenn Du dir auf die Fahne geschrieben hast, dass du davon leben musst, dann musst du auch Moves machen, die nicht cool sind. Ich will halt einfach keine Bitchmoves machen, schon gar nicht bei einer Sache, die mir Spaß macht. Ich hab in der richtigen Welt schon Ärger genug, deshalb brauche ich keinen Ärger im Hip Hop. Das  ist mein kleines Utopia, das ist mir heilig.

rap.de: Ist es aber vielleicht auch ein allgemeines Problem im Hip Hop, dass es immer so dargestellt wird, als könnte man damit wahnsinnig reich werden?
 
Morlockk Dilemma: Am Anfang, als das hier in Deutschland alles so groß wurde, hat man glaube ich schon sehr stark nach Amerika geschaut. Das wollte man dann einfach auf die deutschen Verhältnisse übertragen, was aber natürlich nicht geht. Dieser Vergleich hat sich aber über die Jahre mitgezogen und die Konsumenten wurden von diesem Bild mitgeprägt. Dadurch haben sie wiederum eine Erwartungshaltung an die Künstler und da besteht dann eine Interdependenz.

rap.de: Studierst du Soziologie?

Morlockk Dilemma: Nein, Demagogie. (lacht)

rap.de: Macht euch dieses ganze Musik-Ding noch Spaß?

Morlockk Dilemma: Die Hälfte der Zeit macht es Spaß, die andere ist anstrengend.

Hiob: Wir sind jetzt auch beide keine Personen, die sich unfassbar lange mit der Entourage, die in Backstage-Räumen rumhängt, aufhält. Ich höre auf jeden Fall immer noch sehr gerne Rap, auch neue Sachen.

Morlockk Dilemma: Ich höre mir nur unsere Beats an. (lacht)

rap.de: Was ist dieses Hip Hop Utopia, von dem du sprichst?

Hiob: Diese kleine Welt, in der man noch jung bleibt, würde ich als Utopia bezeichnen. Da ist man dann halt noch 17 und kann sagen, dass man die Gesellschaft fickt, was man natürlich gar nicht kann. Im wirklichen Leben geht man arbeiten und zahlt Miete und Strom, aber im Rap kann man solche Sachen eben noch ganz wunderbar machen und sagen.

rap.de: Das hört sich jetzt schon fast so ein bisschen nach einem Rückzug ins Private an. (lacht)

Hiob: Man kann ja gute Rapalben machen, die technisch gut sind, gute Beats haben und darin auch noch eine Aussage verpacken, ohne irgendetwas mit diesem ganzen Rapzirkus zu tun zu haben. Ich mache lieber meinen Kram. Es ist aber natürlich nicht so, dass wir uns verschließen, sonst würden wir das Interview hier auch nicht führen. Aber wir müssen nicht ständig überall präsent sein, oder in jedem Club an der Bar hängen. Oder immer wieder im Netz in Erscheinung treten, um 200 CDs mehr zu verkaufen.

rap.de: Wollt ihr mit eurer Musik etwas bewegen?

Morlockk Dilemma: Es wäre natürlich schön, aber ich bin da realistisch. Im Endeffekt ist es auch nur ein Album, was zwei Wochen lang auf dem iPod irgendeines 17-Jährigen laufen und dann in Vergessenheit geraten wird. Tja, so ist es nun mal. (seufzt) Was man gerne hätte und was wirklich passiert, sind ja zwei sehr unterschiedliche Sachen. Was wollen wir eigentlich? Gold gehen mit der ersten Auflage – nee, Quatsch.
Ich habe einfach die Hoffnung, dass irgendwann mal jemand zu uns kommt und sagt: „Ich habe davor das und das gehört, aber jetzt höre ich euch, weil das genau mein Film ist und ich euch verstehe.“. Dass die Texte, die wir so von uns geben, dadurch eben auch mal honoriert werden.

Hiob: Es wäre schon schön, wenn derjenige, der uns hört, schon irgendwann damit anfängt, sich einen Kopf darüber zu machen. Eben weil wir Dinge ja auch drastisch ausdrücken. Wir wollen die Leute aus ihrer Apathie reißen.

Morlockk Dilemma: Ja, das ist eine schöne Idee. Das wäre schön. Damit die MICH dann wiederum aus meiner Apathie reißen! (lautes Gelächter)

rap.de: Die Frage, die ich mir jetzt wiederum stelle, ist: Sollen die Leute denn jetzt wirklich aufstehen und irgendwas unternehmen? Wollt ihr das?

Morlockk Dilemma: Das kann ich dir doch jetzt nicht so sagen. Hast du denn das Augenzwinkern übersehen?

Hiob: Gucken wir doch einfach was passiert.

Morlockk Dilemma: Mit einem Augenzwinkern kann man nämlich auch einen kleinen Wirbelsturm entfachen.


 

rap.de: Oder ist es doch eher die Suche nach einem Dialog?

Morlockk Dilemma: Oh nein, um Gottes Willen! Nicht noch mehr Dialog auf irgendwelchen Jams, bitte nicht! Die Leute wollen einem da immer nur Witze erzählen, die nicht witzig sind. Das ist wirklich das Schlimmste, was es gibt. Oder wenn sie auf einen zukommen und sagen „Ey, ich feier deinen Shit voll und so. Und jetzt hier Labelwechseln, bla bla bla, läuft das da Business-mäßig auch alles gut?“ und ich denke mir nur „Häh? Warum fragst du mich das jetzt gerade?“.

rap.de: Weil du gerade da bist. Wenn Fler da stehen würde, würden sie den fragen.

Morlockk Dilemma: Dann sollen sie bitte Fler diese Fragen stellen, ich möchte darauf nicht mehr antworten.

rap.de: Der chillt aber eben lieber im Backstage, den kriegen sie nicht zu sehen.

Morlockk Dilemma: Damit ist er wahrscheinlich auch gar nicht so schlecht beraten. (lacht)

rap.de: Kannst du mir das Hiob-Kapitel in der Bibel erklären? Ich habe es nicht verstanden, obwohl ich es fünf mal gelesen habe.

Hiob: Naja, ist schon etwas länger her, dass ich das gelesen habe. Aber die Grundaussage ist ja, dass der alte Man, der von allerhand schlimmen Dingen heimgesucht wird, trotzdem seinem Glauben treu bleibt. Und am Ende wird er dann belohnt!

rap.de: Du hast ja auch gerade von der Bösartigkeit des Menschen gesprochen. In dieser Geschichte ist Gott aber sehr bösartig. Der Ausgangspunkt ist ja, dass Gott eine Wette mit dem Teufel abschließt.

Hiob: An dieser Stelle ist Gott ja nicht nur zynisch, sondern auch eitel. Er will ja dem Teufel unbedingt beweisen, dass die Menschen an ihn glauben. Ist schon ein merkwürdiger Gott, der in dieser Passage der Bibel beschrieben wird. 

rap.de: Bei euch beziehen sich ja auch mehrere Songtitel auf die Bibel…

Hiob: Naja, das kommt daher, dass wir diesen Albumtitel “Apokalypse Jetzt!” hatten. Und dadurch bewegt man sich ja sowieso in diesem Bereich. Morlockk hat sich mit irgendwelchen Evangelikalen beschäftigt! Ich hab mir denn ganzen Müll von so anglikanischen Sekten reingezogen. Ich buchstabiere nochmal: AN-GLI-KANISCHE Sekten. In der JUICE steht jetzt nämlich amerikanische Sekten. Diese christlichen Sekten in den USA.

(An dieser Stelle entspinnt sich eine ausgelassene Diskussion über diverseste religiöse Strömungen, deren genaue Buchstabierung und deren Herkunftsland. Wir ersparen euch das mal.)

Hiob: Also, man kann auf jeden Fall sagen, dass religiöse Fundamentalisten unser Album für blasphemisch halten können.       
 
Morlockk Dilemma: (verschmitzt) Ach, das finde ich nun nicht

Hiob: Ich habe es darauf angelegt.

rap.de: Was ist denn euer persönliches Verhältnis zum Glauben beziehungsweise zum Christentum?

Hiob: Katholischer Kindergarten, katholischer Knabenchor, da war ich überall. Ich habe zwar nie an Gott geglaubt, aber ich habe diese ganze Institution „Kirche“ mitbekommen, ich bin mit den Sitten und Traditionen sehr vertraut.

Morlockk Dilemma: Meine neun Jahre DDR waren ja nicht so auf Kirche getrimmt. Meine Großeltern waren zwar mal in der Kirche, sind dort aber nach dem Krieg, wie viele andere auch, ausgetreten. Und das wurde dann auch weitergegeben. Uns wurde halt eher das naturwissenschaftliche Modell vermittelt.
Ich habe schon einen gewissen Glauben. Also, wenn ich jetzt sage, „Ich sehe diesen Tisch“, dann ist das natürlich mit irgendwelchen physikalischen Regelwerken erklärt. Und wenn ich den Tisch anfasse, dann fühle ich den ja auch. Und dieses Zusammenspiel aus Sehen und Fühlen, dann ist das ja auch eine Art von Glauben.

Hiob: Wenn man jetzt aber die Quantenphysik bemüht, dann kann man ja auch nur vermuten, dass der Tisch dort steht. Genauso wie man nur vermuten kann, dass es Gott gibt.

Morlockk Dilemma: Naja, manchmal hat man das ja schon so, dass man hofft, „Ach, lass das Brot nicht teurer geworden sein.“ Oder wenn man im Flieger sitzt und hofft, dass das Flugzeug heil runterkommt. Das hat dann ja auch nichts mehr mit wissenschaftlichen Scheiß zu tun, das ist dann ja auch eher Glaube an etwas, was über einem steht. So wie das ja fast jeder Mensch tut. Ich richte mich ja auch an das rap.de-Stammleserpublikum und spreche deshalb in sehr einfachen Bildern (lacht)
Aber um noch mal auf die Frage zurück zu kommen: Ich glaube nicht an einen Gott, mit einem weißen Bart. Aber ich glaube schon an eine übergeordnete Kraft, die alles zusammenhält.

rap.de: Wie kommt der Glaube auf euer Album?

Hiob: Die ganzen Religionen bedienen sich halt auch einer wunderbar pathetischer Sprache, und die Geschichten haben halt auch alle schöne Pointen.

Morlockk Dilemma: Und weil sich die Welt ja auch irgendwie durch Religion erklärt, haben wir diese Sprache benutzt, weil wir möchten die Welt ja auch zerstören (lacht) Wir sprechen die Sprache, derer, die wir vernichten möchten.

Hiob: Ich hab kein Wort verstanden.

Morlockk Dilemma: Das ist egal, es geht ja darum möglichst viel kluge Wörter in einen Satz zu verpacken.

rap.de: Du weißt aber schon, dass sich solche Sachen in geschriebener Form gar nicht mehr so intelligent anhören.

Morlockk Dilemma: Achsoojaaa, da habe ich aber schon schlimmere Interviews gegeben. Als ich betrunken war.


 

rap.de: Also, habt ihr euch dann einen gewissen Themenkomplex vorgenommen, den ihr abgearbeitet habt? Kommt nach "Apokalypse Jetzt!“ auch "Weltwirtschaftskrise Jetzt!“?

Morlockk Dilemma: Wenn du das Album bis zum Ende gehört hättest, dann wüsstest du, dass es darum geht. Teilweise waren die Texte auch schon längst fertig. Im weitesten Sinne gibt es „Das Große Spiel“ oder „Mutter der Huren“ wo es um Weltwirtschaft und Doppelmoral geht, gespickt mit einer Menge Halbwissen. Die letzten Worte auf dem Album sind: „Jetzt müssen wir bauen“, das heißt, wir haben die Welt eingerissen und jetzt müssen wir wieder von vorne beginnen. Das ist der positive Aspekt darin. Das Chaos, das alles wieder in Ordnung bringt.

rap.de: Dann möchte ich das Gespräch gerne mit der letzten Frage schließen, und zwar, wie würde eine Welt nach der Zerstörung aussehen?  

Morlockk Dilemma: Chaotisch!

Hiob: Mann, Staiger, du stellst immer so schwierige Fragen! (Lacht)

Morlockk Dilemma: Man müsste die technischen Mittel so einsetzen, dass es allen gut geht, was schwer vorzustellen ist, angesichts der ganzen Menschen, die auf dieser Welt leben. Gerechtigkeit und Harmonie wären aber dennoch die zwei Dinge, die ich nach einer Zerstörung sehen will. Und dass Gier besiegt wird, ja.. Ich denke, dass ist der Zustand, den die Mehrheit anstrebt.

Hiob: Und dass alle versuchen nach einfachen Grundsätzen für sich selber zu leben und zu sagen, dass sie keinem antun, was sie nicht bei sich selbst erleben wollen. Es ist schon utopisch irgendwo. Gerechtigkeit ist utopisch, denn da muss ja erst mal einer sein, der sagt, was gerecht ist und was nicht und der bestraft und dann fängt wieder alles von vorne an.
Im Endeffekt geht es darum, wenn wir die Stunde Null hätten, dass dann alle den gleichen Status mit den gleichen Vorraussetzungen hätten.

rap.de: Das wird nie gehen, denn Menschen sind nicht gleich schnell, oder gleich talentiert oder gleich skrupellos.

Morlockk Dilemma: Dessen sind wir uns auch bewusst, aber man muss trotzdem ein Ideal haben, an dem man festhält und auf das man hinarbeitet, auch wenn es nicht in Vollendung erreichbar ist. Denn sonst brauchen wir auch keine Musik zu machen, oder überhaupt irgendwas machen. Dann wäre ja alles egal.

rap.de: Und das wollen wir ja alle nicht. Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

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