D-Bo

Beschweren wir uns an dieser Stelle sonst regelmäßig über zu spät kommende Ami-Künster, so sind wir dieses Mal selbst nicht ganz pünktlich zum Interview-Termin mit D-Bo erschienen. Das mag aber unterem daran gelegen haben, dass wir nicht so oft im Berliner Bezirk Lichtenberg unterwegs sind, wo wir uns im Studio von Raf Camora verbredet hatten, und auch an der Tatsache, dass uns noch nicht einmal die ortsansässigen Bahn-Mitarbeiter sagen konnten, wo sich die angegebene Straße befindet. Gott Sei Dank haben wir dann schlußendlich doch noch zueinander gefunden, herausgekommen ist dabei nämlich ein durchaus interessantes Gespräch mit dem Ex-Guten Jungen über alternative Verkaufsstrategien seines neuen Albums "Die Lüge der Freiheit", Vorteile des Dumm-Seins und die drei Kategorien, in die sich die Mädchen einteilen lassen, die man nach Rap-Konzerten so im Backstagebereich trifft.

rap.de: Dein Album hat ja einen sehr ungewöhnlichen Aufbau. Du hast quasi immer einen Track und dann wieder einen Skit. Wolltest du für dein fünftes Album von Anfang an etwas komplett Anderes machen?

D-Bo: Ja, auf jeden Fall. Ich habe schon vier Alben nach dem normalen Hip Hop Prinzip gemacht – ins Studio gehen, aufnehmen, irgendwann genug Songs haben und dann die CD raus bringen. Vielleicht ordnet man die Songs dann noch so ein bisschen thematisch an, damit nicht ständig ein Partysong und dann wieder was Tiefgründigeres kommt, aber das war mir dieses Mal einfach zu blöd. Ich wollte einen roten Faden haben und irgendwie hat sich das dann nach und nach entwickelt. Raf und ich haben das alles zusammen gemacht und sind auf die Idee gekommen, das Ganze wie ein Hörbuch aufzubauen. Wir haben zusammen, damals noch bei ihm zuhause, einen Skit produziert und geguckt, ob das reinpassen würde. Das Gesamtkonzept fanden wir dann ganz cool und deshalb haben wir das ganze Album so aufgebaut. Die Texte hatte ich schon vorher geschrieben, dass ich eine durchgehende Story haben wollte war auch schon klar, nur wie ich das im Endeffekt umsetzen würde eben noch nicht. Jetzt haben wir das mit Skits und musikalischer Untermalung gemacht.

rap.de: Stand bei den Skits genau fest, wer was sagt oder wurde da so ein bisschen improvisiert?

D-Bo: Du wusstest ja, welche Songs davor und danach kommen und der Skit sollte eben einen sinnvollen Übergang darstellen, von daher wusste ich schon, was da jetzt thematisch gesagt werden sollte. Natürlich musste es aber auch noch einigermaßen authentisch klingen, wir sind alle keine Schauspieler und wenn ich Chakuza anrufe, dann sage ich ihm nur "Du, ich rufe dich gleich an und du bist gerade aufgewacht. Dann frage ich dich was und du musst einfach nur sagen, dass du mitkommst.“ Das Ganze haben wir drei, vier Mal aufgenommen und im Endeffekt die beste Variante genommen.

rap.de: Darauf wollte ich eigentlich hinaus. Ob jetzt jeder einen Zettel hatte, auf dem dann stand "Ja. Ich komme mit. Cool.

D-Bo: Nein, das nicht. Ich weiß ja auch gar nicht, wie sich Chakuza oder andere Leute artikulieren. Also… (lacht) Natürlich erkenne ich schon, ob das Chakuza gesagt hat oder nicht, aber es wäre ja total schwachsinnig, wenn ich denen die Texte vorgeben würde. Es war einfach nur klar, worauf das hinauslaufen sollte und dann haben wir uns hingesetzt und das aufgenommen. Das war manchmal unfassbar anstrengend und langwierig, manchmal aber auch krass witzig. An einem Abend haben wir hier mit Max Mostley gesessen und ein paar Skits aufgenommen und so einen lustigen Abend wie mit ihm und Raf habe ich selten in meinem Leben gehabt. Das muss auch mal sein, auch wenn die Skits an sich eher ernste Themen darstellen sollten.

rap.de: Bist du ein Hörspiel-Fan?

D-Bo: Nö! (lacht)

rap.de: Also könntest du dir das nicht als zusätzlichen Karrierezweig vorstellen?

D-Bo: Doch, das allerdings schon. Als wir die Skits aufgenommen haben, haben wir uns gedacht, dass es doch übelst geil wäre, mal so einen Auftrag zu kriegen. Das wäre eine richtige Herausforderung. Von den ganzen Hintergrundgeräuschen, die du hörst, haben wir die wenigsten nachträglich aufgenommen. Nur ein paar Schritte oder andere Sachen, die man schnell und einfach machen kann, aber ansonsten haben wir alles aus Computerprogrammen zusammen geschnitten und Raf hat das dann alles noch bearbeitet. Zum Beispiel mit einem Hall-Effekt, damit es sich eben so anhört, als würdest du durch eine Häusergasse gehen.

rap.de: Aber du warst jetzt als Kind nicht irgendwie…

Raf Camora: Benjamin Blümchen-Fan!

D-Bo: Als Kind schon. Ich habe immer Calimero gehört.

Raf Camora: Das gab es als Hörspiel?

D-Bo: Sogar als Platte! Ich hatte eine Calimero-Vinyl.

rap.de: Du Oldschooler.

D-Bo: Ja, voll cool. Was habe ich noch gehört? Die Schwarze Sieben, das war so die Aldi-Variante von TKKG. Die waren so wack, ey. (lacht)

rap.de: Es gibt ja viele Leute, die das immer noch hören. Zum Einschlafen oder so.

D-Bo: Wenn einen das so an die Kindheit erinnert, gibt das einem bestimmt ein beruhigendes Gefühl. Aber ich brauche das nicht. Ich brauche Licht aus und Ruhe, sonst kann ich nicht schlafen. Wenn da irgendwo Geräusche sind oder Licht, das mich nervt, dann… Wobei nee, bei Licht ist es nicht so. Ich kann auch bei Tageslicht schlafen, aber es muss schon eine gewisse Atmosphäre da sein. Obwohl ich mich auf Tour inzwischen daran gewöhnt habe. Da kann ich auch schlafen, aber zuhause ist das ganz komisch – gerade mit Geräuschen. So ein Handyladegerät hat zum Beispiel immer so ein Piepen. Das fällt den meisten Leuten gar nicht auf.

rap.de: Ein Piepen?

D-Bo: Stickle hört das bestimmt auch, oder?

DJ Stickle (aus dem Hintergrund): Häh? Was? Also mein Handyladegerät hat noch nie gepiept.

D-Bo: Du musst mal dein Ohr dran halten, das piept auf jeden Fall.

Raf Camora: Ich höre manchmal meinen Fernseher piepen.

D-Bo: Ja genau, wenn der Fernseher auf Stand-by ist.

rap.de: Ist das nicht eher so ein Summen?

D-Bo: Das ist ein richtig hohes Piepen. Da werde ich wirklich verrückt von. Wenn ein Fernseher an ist, kann ich nie schlafen.


rap.de: Nun gut, zurück zu deinem Album. Hinter den Tracks stehen Fragezeichen, hinter den Skits Ausrufezeichen. Steckt da irgendein tieferer Sinn dahinter?

D-Bo: Ja sicher, sonst würde ich es ja nicht machen. Ich bin ja grundsätzlich nicht so ein Fan davon, solche Sachen zu verraten. Ein Album kann für jeden ja immer etwas Anderes aussagen und wenn ich das jetzt fest vorgebe, fühlt sich der ein oder andere vielleicht nicht mehr so in das Album rein, wie er es eigentlich könnte. Aber das mit den Fragezeichen soll bedeuten, dass ich quasi meine Gedanken wiedergebe, meine Emotionen und meine Gefühle. Und da steht es natürlich in Frage, ob du das genau so siehst. Die Skits sind das wahre Leben, der Tagesablauf. Wenn ich irgendwo langgehe, dann wirst du sagen "Der ist da lang gelaufen“ und ich werde dasselbe sagen, weil es einfach so passiert ist, egal aus welcher Perspektive. Was ich dabei denke und fühle ist aber unterschiedlich und deshalb haben die Skits ein Ausrufezeichen und die Songs ein Fragezeichen. Die Erkenntnis am Ende des Albums ist aber allgemeingültig: Die Lüge der Freiheit. Und deshalb hat das drei Ausrufezeichen.

rap.de: "Die Lüge der Freiheit“ ist ja auch der Titel des Albums. Ist das denn so? Ist Freiheit eine Illusion und wir sind alle fremd gelenkt?

D-Bo: Ja, sicher. Frei sein geht gar nicht, du hast ja immer irgendwelche Gesetze, Regeln, Werte und Normen, an die du dich halten musst. Deiner Familie bist du zum Beispiel verpflichtet und frei im eigentlichen Sinne ist niemand. Du bist gezwungen, bestimmte Sachen zu tun, ob dir das jetzt Spaß macht oder nicht, um dein ganz normales Leben weiterführen zu können. Du bist auch Sklave deiner Gefühlswelt und deiner Erfahrungen, die du früher gemacht hast. Wenn dein Vater dich bis zu deinem sechsten Lebensjahr jeden Tag fünfmal geschlagen hat, dann wirst du diese Erfahrung nie wieder los. Du kannst deine Gefühle nicht frei ausleben, wenn da Dinge im Kindesalter kaputt gemacht wurden. Es gibt ja eine Million Beispiele, die man jetzt nennen kann. Freiheit ist auf jeden Fall eine ganz krasse Illusion. Beim Album selber gibt es ganz viele Punkte, die jeder für sich selbst nachempfinden und auf sein eigenes Leben beziehen kann.

rap.de: Es gibt sehr viele Theorien darüber, wie unvorbelastet ein Mensch eigentlich auf die Welt kommt. Gehörst du zu denen, die der Meinung sind, dass die Persönlichkeit nur durch gemachte Erfahrungen und das Umfeld geformt wird, oder ist man im gewissen Sinne auch immer noch seinen Genen unterworfen?

D-Bo: Da habe ich mich noch nicht so intensiv mit beschäftigt. Fakt ist, dass du ab dem Moment beeinflussbar bist, ab dem dein Bewusstsein ausgebildet ist. Ob du noch im Mutterleib bist oder nicht. Die Instinkte beeinflussen das Leben schon maßgeblich, ob da die Gene aber so eine große Rolle spielen, weiß ich nicht.

Raf Camora: Nur in extremen Fällen. Wenn du zum Beispiel behindert auf die Welt kommst. (Stille) Weißt du, was ich meine? Ansonsten glaube ich aber nicht, dass die Gene das beeinflussen und dass jemand gut oder böse auf die Welt kommt.

rap.de: Kann man sich absolute und unvorbelastete Freiheit überhaupt vorstellen, oder ist das so etwas, was das menschliche Vorstellungsvermögen einfach sprengt – wie die Vorstellung von Unendlichkeit zum Beispiel?

D-Bo: Mhm, keine Ahnung. Leute, die Meditation als Religion sehen und sich richtig intensiv damit beschäftigen, behaupten ja, dass sie in diesen ekstasischen Meditationsmomenten Freiheit empfinden. Ich selbst kann mir das aber nicht vorstellen. Ich bin in einer westlichen Gesellschaft, in der Geld eine viel zu große Rolle spielt, in der ich sehr darauf bedacht bin, wie ich wirke. Ich bin auch ein oberflächlicher Mensch und könnte mir nie im Leben vorstellen, frei zu sein. Deshalb kann ich es auch niemandem glauben, wenn er behauptet, frei zu sein. Das übersteigt meinen Horizont.

rap.de: Ich habe gelesen, dass du dein Album als Free Download zur Verfügung stellen wirst. Was ist der Gedanke dahinter?

D-Bo: Ja, das war jetzt natürlich so ein Move von der Bravo. (schmunzelt) Ich wollte das eigentlich noch etwas geheim halten und dann erst den Leuten mitteilen. Es geht halt um Folgendes: Mein Album als CD, als physikalischer Tonträger, kannst du weiterhin ganz normal im Laden kaufen und bekommst eben als Mehrwert noch ein T-Shirt dazu. Das habe ich als Dankeschön an die Fans gemacht, ist ja jetzt auch schon mein fünftes Album. Ich habe eine relativ feste Fanbase, auf die ich mich verlassen kann und die mein Album auf jeden Fall kaufen. Dafür habe ich relativ wenig Gelegenheitskäufer, was einfach daran liegt, dass ich keine polarisierende Person bin. Man muss sich erst mal mit mir beschäftigen, bevor man mich interessant oder uninteressant findet. Deshalb habe ich mir eben überlegt, wie ich Leute überhaupt dazu bringen kann, sich erst mal mit mir zu beschäftigen. Das geht natürlich am Besten über das Internet, darüber kannst du heutzutage jeden relativ schnell und kostengünstig erreichen. Die Leute laden die Sachen sowieso illegal von irgendwelchen Seiten runter und dann haben wir uns gedacht, dass wir das einfach miteinander verbinden. Das Internet bietet ein riesiges Potential an Hörern und wenn du denen erstmal das Gefühl gibst, dass du ihnen was gibst, haben sie vielleicht weniger Probleme damit, dir etwas zurück zu geben. Sie müssen keine 20 Euro für ein komplettes Album zahlen, sondern nur so viel, wie es ihnen wert ist. Entweder man schickt eine SMS und zahlt 49 Cent oder spendet was an das angegebene Konto. Eventuell gibt es auch noch eine kostenpflichtige Telefonnummer, unter der du anrufen kannst und dann ein Dankeschön von mir auf dem Anrufbeantworter oder so hörst. Letztendlich denke ich, dass es dadurch, dass das dann relativ viele Leute runterladen werden, gar nicht so das Verlustgeschäft wird.

rap.de: In deinem Pressetext ist von einem "neuen D-Bo“ die Rede und man hört es ja auch, dass du dich von der Stimme her und der Art wie du rappst verändert hast. War das für dich eine logische Weiterentwicklung? Wo liegen denn in deinen Augen die Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten D-Bo?

D-Bo: Der neue D-Bo hat einfach unfassbaren Spaß daran gehabt, sein Album aufzunehmen. Aufnehmen ist natürlich immer cool, aber eben auch Arbeit und dieses Mal gab es gar keine Arbeitsatmosphäre. Raf hat sich dieses Mal auch sehr viel Zeit genommen und meinte, wir würden mir erst mal ein vernünftiges Mic aussuchen. Nicht jedes Mic passt zu jeder Stimme und sonst war es einfach so, dass irgendein Mic im Studio hing, man damit aufgenommen hat und Kingsize oder Stickle das dann am Schluss gemischt haben. Das klang auch immer super, aber es war eben nicht so perfekt, wie es hätte sein können. Dieses Mal haben wir alles von Anfang an so gemacht, wie es am Besten ist. Viele Rapper haben eine bestimmte Stimme, mit der sie rappen, aber ich bin jetzt nicht so ein Flex-Typ, dass ich da eingeschränkt bin. Ich kann einigermaßen mit meiner Stimme spielen und wir haben einfach ausprobiert, was am Besten klingt. Wir haben uns für jeden Song sehr viel Zeit gelassen und deshalb ist das auch vom Musikalischen her neu. Die ganzen Beats sind ganz anders durcharrangiert, eigentlich so wie Popsongs. In den Skits findet man nicht nur von den Inhalten her einen roten Faden, sondern eben auch vom musikalischen, weil jeder Song einen bestimmten Grundton hat, den Raf dann im nachfolgenden Skit aufnimmt und auf den Grundton des folgenden Songs moduliert. Du hast dann quasi gar keine Disharmonien mehr, wenn du das Album hörst. Dadurch, dass ich das Album alleine raus bringe, ist das auch viel emanzipierter und ich fühle mich in einer ganz anderen Rolle. Ich bin jetzt der Kopf dieses Albums und nicht nur ein ausführender Arm.

rap.de: Obwohl ihr Spaß beim Aufnehmen hattet, ist es ja ein gewohnt nachdenkliches bis düsteres Album. Bist du denn wirklich so ein unglücklicher Mensch?

D-Bo: Das ist jetzt ein bisschen blöd, das so zu sagen, weil das ja kein prinzipielles Lebensgefühl von mir ist, das mich begleitet. Aber ich bin einfach nachdenklich und einigermaßen gebildet und intellektuell und wenn du viele Sachen erlebt hast, gerade auch viel Scheiße, wenn du ein bisschen Ahnung hast, was auf der Welt so passiert und wenn du nicht so "Frau ficken, Nummer löschen, Problem erledigt“-mäßig funktionierst, dann hast du einfach Probleme damit, wenn dich zum Beispiel eine Frau nicht mag. So etwas belastet mich einfach voll krass, da kann ich auch nichts gegen machen. Da kann ich noch so oft sagen, dass ich eine coole Sau bin – es ist halt einfach nicht so. Das kann ich dir jetzt so sagen und ob du es glaubst oder nicht, kann ich nicht beeinflussen, aber wenn ich alleine oder mit guten Freunden zuhause sitze, dann gibt es eben diese ganzen Sachen, die mich belasten. Gerade wenn du alleine zuhause sitzt und Texte schreibst und ehrlich zu dir selber bist, kommt so etwas eben raus. Ich kann das auch nicht beschönigen, dann wäre meine Musik nicht authentisch.

rap.de: Sind Menschen, die einfacher gestrickt sind, glücklicher?

D-Bo: Selbstverständlich. Ich meine, du kannst ja ein Problem viel geiler ausblenden, wenn du davon nicht so viel Ahnung hast. Du bist natürlich nicht so kritikfähig und wirst wahrscheinlich für viele Sachen missbraucht, aber wenn du es nicht realisierst, ist es dir im Endeffekt vielleicht auch egal. Ich habe zum Beispiel ein Problem damit, dass dummen Menschen in Fabriken einfach gesagt wird, dass sie jetzt fünf Stunden länger arbeiten und sofort gefeuert werden, wenn sie es nicht machen, obwohl das vielleicht rechtlich gar nicht möglich ist. Die nehmen das hin, gehen nach Hause und ärgern sich, machen dann den Fernseher an und auf einmal ist alles wieder gut. Ich leide für diese Menschen mit, weil ich über den Tellerrand hinaus weiß, dass die einfach ausgenutzt werden. Denen werden Lügen erzählt, um bestimmte Ziele zu erreichen und ich würde denen gerne sagen, dass es so nicht geht. Wenn mir so was passiert, dann ist es natürlich noch zehnmal schlimmer. Wenn Sachen passieren, die ich nicht beeinflussen kann, von denen ich aber weiß, dass sie ganz anders sein könnten.

rap.de: Wärst du manchmal lieber einer von den Arbeitern aus der Fabrik, die nach Hause gehen, den Fernseher anmachen und glücklich sind?

D-Bo: Nein, das dann eigentlich auch wieder nicht. Wenn ich dann glücklich bin oder mich über etwas freue oder etwas Schönes registriere, hat das eine ganz andere Qualität. Ich gehe ja nicht in den Zoo, sehe Knut den Eisbären und denke mir "Boah der ist voll geil“, weißt du? Ich habe da schon andere Sachen im Leben, die mich begeistern können. Wenn ich zum Beispiel ein Buch lese von Leuten, die mir vom Intellekt her noch zwanzigmal überlegen sind und mir in drei Zeilen die Welt erklären können. Das flasht mich so krass, dass ich da drei Monate lang hin und weg bin. Das können mir andere Menschen dann nicht nachempfinden, aber es sind auch Erfahrungen, die wichtig sind und das Leben lebenswert machen.

rap.de: Wer ist so jemand, der dir die Welt in drei Zeilen erklären kann?

D-Bo: Ich finde zum Beispiel Erich Fromm unheimlich gut, der scheint ein extrem krasser Psychoanalytiker zu sein. Einstein finde ich wahnsinnig – da bin ich wirklich ehrfürchtig. Man muss sich das auch einfach mal vorstellen: Einstein sitzt da und rechnet Sachen nach und merkt irgendwann, dass alles, woran die Menschheit glaubt, gar nicht stimmt. Und sagt sich "Und ich weiß es! Ich muss es euch nur noch beweisen.“ Und dann rechnet er weiter und sagt "So, hier. Die Welt funktioniert anders, das Universum funktioniert anders – ihr habt alle falsch gelegen.“ Das ist doch krass, oder? So einen Moment werde ich nie haben, aber so etwas beeindruckt mich richtig.

rap.de: Man braucht ja auch den Mut, um an seine eigene Erkenntnis zu glauben. Man könnte sich ja auch denken "Ok, bin ich jetzt wirklich die erste Person, der das aufgefallen ist, oder bin ich einfach…

Raf Camora: Verrückt!

D-Bo: Aber er konnte es ja letztendlich beweisen. Er hat sich ja auch nicht irgendwo hingestellt und gesagt "Ich bin schlau und ihr seid alle doof“, sondern die Sachen erst mal mit ein paar Kollegen besprochen und die haben ihm wahrscheinlich alle Recht gegeben. Wenn du dumm bist, hast du niemals diese Erkenntnisse, aber wenn du ein intelligenter Mensch bist, dann hast du diese Momente. Wir haben das ja auch, nur im kleineren Rahmen. Als wir die Idee entwickelt haben, das Album zum Download bereit zu stellen, war das auch so ein Erkenntnismoment. Wir haben uns nach und nach immer tiefer in die Materie gedacht und uns ist dann klar geworden, dass das Sinn macht. Dieses Bewusstsein, dass man nicht umsonst auf der Welt ist und für sich oder ein paar andere Leute, die was mit der Sache zu tun haben, was bewirken kann, ist eben ein wahnsinnig schönes und intensives Gefühl. Das würde ich auf gar keinen Fall gegen Dummheit tauschen wollen.

rap.de: Glaubst du, dass viele Leute, die sich innerhalb der Hip Hop Szene bewegen, dumm sind?

D-Bo: Dumm ist das falsche Wort, weil das ja impliziert, dass sie nicht mehr wissen könnten, als sie eigentlich wissen. Aber ich glaube, dass die entweder kein Interesse daran haben oder eben aus solchen Schichten kommen, wo es schwer ist sich zu bilden. Man muss sehen, dass die teilweise wahnsinnig sprachbegabt sind, auch wenn sie nur Schwachsinn von sich geben. Wie sie das alles aber ausdrücken ist ja auch eine Begabung die zeigt, dass diese Menschen nicht dumm sind. Aber die haben halt keinen Weitblick oder interessieren sich eben nicht für Dinge, die zumindest für mein Leben wichtig sind. Politik oder Wissenschaft ist denen wahrscheinlich egal, da haben andere Themen ein ganz großes Gewicht. Religion oder wie man sich selbst in der Gesellschaft darstellt vielleicht.

rap.de: Bist du religiös?

D-Bo: Das lässt sich jetzt nicht hundertprozentig sagen, aber ich glaube auf jeden Fall an Gott. Ich finde dass Religion, oder zumindest Glauben so wie er vermittelt wird, meistens mehr Schlechtes als Gutes bewirkt. Man sollte an etwas glauben, aber jeder sollte das für sich entscheiden und ansonsten sein Leben eher nach moralischen Grundsätzen gestalten. Einer Religion zu folgen ist meiner Meinung nach immer falsch.

rap.de: Es ist denke ich relativ einfach. Dir wird aufgezeigt, was Gut und was Schlecht ist und du musst nicht für dich selbst entscheiden.

D-Bo: Das findest du einfach? Wenn du nach religiösen Grundsätzen lebst, musst du dein eigenes Handeln ständig hinterfragen. Bei allem was du machst, musst du dir überlegen, ob es gut oder schlecht für dein Leben ist.

rap.de: Natürlich, aber du musst diese Grenzen nicht selbst festlegen.

D-Bo: Aber guck mal, du wirst doch wahnsinnig, wenn du wirklich ernsthaft glaubst, dass Gott die Welt in Schwarz und Weiß unterteilt hat. Gott ist allmächtig, aber Gott hat auch manchmal keinen Bock und dann passieren Katastrophen und das hat dann aber auch wieder einen Sinn. Wenn ein Tsunami irgendwie hunderttausend Menschen in den Tod reißt, ist das eine Strafe und er will ein Zeichen setzen zum Beispiel. Du bist ihm voll ausgeliefert, lebst in einem ständigen Angstzustand und Gott kriegt ja auch alles mit, selbst deine Gedanken. Und wenn du ihn auch nur einmal dadurch in Frage stellst, dass du dich fragst, warum er uns einen Tsunami geschickt hat, dann… Ach, ich weiß nicht. Wenn du ein tiefreligiöser Mensch bist, kannst du dein Leben glaube ich nicht genießen. Und da hilft es dir auch nicht, wenn du einen Leitfaden hast, der dir sagt, was Gut und was Böse ist. Das bringt dir alles nichts, weil Gott tausendmal bewiesen hat, dass er sich selbst nicht daran hält.

rap.de: Was hast du für eine Vorstellung von Gott?

D-Bo: Ich denke zuerst einmal, dass man Gott nicht personifizieren darf. Ich glaube, es ist etwas, was alles und jeden durchdringt und in was wir übergeben können, wenn wir gestorben sind. In was wir beziehungsweise ziemlich sicher übergeben werden, wenn wir gestorben sind und unsere Seele unseren Körper verlässt – das wäre auch so mein Beweis für das Göttliche. Da werden wir dann wieder zu dem großen Ganzen, was eigentlich schon die ganze Zeit zu unserem Leben gehört, wofür uns aber jetzt noch das Bewusstsein fehlt, um es einzuordnen. Ich glaube auch nicht, dass es einen schöpferischen oder einen lenkenden Gott gibt. Das Göttliche ist einfach nur so eine Erfahrungs- oder Bewusstseinsebene, die alles durchdringt, auf die wir aber aktuell nicht zugreifen können.

rap.de: Du sprichst auf deinem Album sehr viel von Therapie und Dingen, die dich fertig machen. Ist der Begriff "Therapie“ einfach nur ein Bild dafür, dass du mit gewissen Sachen nicht klarkommst, oder hast du wirkliche psychische Probleme?

D-Bo: Ich war eine Zeit lang depressiv, bin aber nicht in Behandlung gegangen, weil eine Freundin von mir Musiktherapeutin ist und während ihres Studiums mit so was Erfahrungen gemacht hat. Die wurde in dieser Hinsicht geschult und konnte mir da weiterhelfen. Ich hatte ganz krasse Schlafstörungen und Erstickungsängste und so was. Auch wenn das jetzt kein professioneller ärztlicher Beistand war, sehe ich das trotzdem als Therapie. Ansonsten sehe ich Musik als meine Therapie, der Begriff an sich steht dann einfach für alles, was auch während einer herkömmlichen "Therapie“ passiert. Viele haben ja gar nicht die Möglichkeit, sich selbst zu therapieren. Manche Leute leiden unter Hass und Frustration. Die betreiben dann einen Sport und wenn die sich ausgepowert haben, geht es ihnen wieder besser und sie können die Welt wieder mit anderen Augen betrachten. Das ist dieses allgemeingültige Beispiel, was auch jeder nachempfinden kann. Darüber hinaus gibt es halt Probleme, über die man reden muss, über die jeder Mensch reden müsste, um sich seiner eigenen Probleme bewusst zu werden. Das mache ich mit meinen Texten und das ist dann meine Therapie, im eigentlichen Sinne.

rap.de: Glaubst du, dass deine Musik auch Therapie für Andere sein kann?

D-Bo: Auf jeden Fall, das ist wie in so einer Gesprächsrunde, wo mehrere Leute sitzen, aber immer nur einer spricht. Man kann sich ja trotzdem in dem wieder finden, was die eine Person sagt, und so ist das auch bei dem Album. Nicht nur bei mir, sondern bei jedem Musikalbum. Da werden Erfahrungen wiedergegeben, die du vielleicht nachvollziehen kannst und dann kannst du aus den Schlüssen, die die Musiker da ziehen, auch etwas mitnehmen. Entweder du sagst "Stimmt, so hab ich das noch nie gesehen“ oder du bist eben anderer Meinung. Selbst wenn du das kritisierst, kann dir das deine Augen öffnen, weil das Thema angesprochen wurde und dich zum Nachdenken anregt – ob jetzt bewusst oder unbewusst. Man sagt immer so lapidar, dass Leute, die Bushido oder sido hören, nicht so intensiv über die Texte nachdenken, aber egal wie oberflächlich ein Thema angesprochen wird, reicht es manchmal eben doch aus, dass darüber gesprochen wurde. Für manche Leute reicht eben so ein zwei Minuten Gespräch. Da sagt der eine "Politiker sind alle scheiße!“ und der andere dann "Ja, du hast Recht. Politiker sind alle scheiße und da kann man einfach nichts machen!“ und damit ist das Problem für die erledigt und die fühlen sich schon ein bisschen besser, weil sie darüber geredet haben. Es gibt aber auch Leute, die ein bisschen intensivere Gespräche brauchen, und für die ist dann eben ein Text von mir oder einem anderen Rapper, der anspruchsvollere Texte schreibt, mehr das Mittel zum Zweck.

rap.de: Sind schon Leute zu dir gekommen und haben gesagt, dass ihnen deine Musik durch schwierige Phasen ihres Lebens geholfen hat?

D-Bo: Ja, schon sehr oft und ich habe auch mit einigen noch regelmäßig Kontakt. Da gibt es zum Beispiel so Suizidpatienten, die einfach in dieser medizinischen Welt gefangen waren und Probleme damit hatten, dass ihre Sorgen nur medizinisch gelöst wurden. Dass sie quasi wie ein Objekt behandelt wurden und diese menschliche Verständnisebene gefehlt hat. Die haben sich dann in solche Musik geflüchtet. Nicht nur speziell in meine, aber eben in Musik, die ihnen in ihrer Situation hilft und ihnen das gibt, was sie brauchen. Da haben sich schon viele bei mir für bestimmte Gedanken, für verschiedene Motivationshilfen, für Lichtblicke und alles, was man aus solchen Songs ziehen kann, bedankt.

rap.de: Macht dich das glücklich?

D-Bo: Glücklich ist das falsche Wort, aber wenn ich jetzt entscheiden müsste, ob tausend Leute mehr meine Platte kaufen oder ich zehn Leuten mehr so helfen kann, dass sie ihr Leben meistern können, dann ist mir Letzteres ehrlich gesagt lieber. Das gibt mir einfach das Gefühl, dass das, was ich mache, wichtig ist und nicht nur ein Zeitvertreib oder eine kurzweilige Befriedigung von Konsumgelüsten. Jugendliche wollen ja auch immer dazugehören und wenn drei deiner Freunde ein D-Bo Album gekauft haben, dann bist du halt einfach out, wenn du es nicht gekauft hast. Das ist gut für mich, weil ich damit Geld verdiene, aber jemandem etwas Gutes zu tun ist meiner Meinung nach viel wichtiger. Der Wert davon lässt sich auch nicht in Geld aufwiegen.

rap.de: Ist das dein Antrieb, Musik zu machen?

D-Bo: Nein, mein Antrieb ist meine eigene Therapie, die wir eben angesprochen hatten, die ich kreativ ausleben möchte. Ich würde auch weiter Musik machen und Texte schreiben, wenn ich das gar nicht mehr verkaufen würde. Es erleichtert mich, das raus zu lassen und ich bin kein Mensch, der das so einfach erzählen kann. Es gibt nur sehr wenige Menschen, denen ich das offenbaren kann, aber dann auch nicht so explizit, wie das in meinen Texten ist. Da geniere ich mich dann ein bisschen oder will auch niemandem zur Last fallen. So kotze ich das einfach in die Welt raus und wenn es jemand aufnimmt, dann ok und wenn nicht, dann verfliegt es halt im Raum.

rap.de: Dein Album hat aber auch eine andere Seite. Zur Mitte hin, was auf das ein Album-ein Tag im Leben bezogene Konzept so ein bisschen die beginnende Nacht darstellt, geht es dann um Parties und eben auch leicht zu habende Frauen. Was für Erfahrungen hast du mit Groupies gemacht?

D-Bo: (längere Pause) Also… Ich genieße das schon, wenn Frauen mich begehren, aber ich finde das natürlich dementsprechend auch unheimlich billig und kann mich nicht weit genug auf dieses Niveau herablassen, um mit denen großartig… Also, ich bin schon höflich und freundlich zu denen, weil das ja auch ganz normale Menschen sind, die sich vielleicht auch einfach nur so benehmen, weil die glauben, dass ich das von ihnen erwarte, aber das zeckt mich überhaupt nicht. Das bewirkt eher das Gegenteil. Ich kann es nicht abhaben, wenn sich ein Mensch unter Wert verkauft, das hasse ich wirklich richtig. Es soll jetzt auch niemand arrogant sein und Dinge behaupten, die er niemals einhalten kann, aber wenn sich jemand unter Wert verkauft, dann finde ich das noch schlimmer, als wenn er sich die ganze Zeit nur für den Größten hält.

rap.de: Was sind das für Mädchen, die nach dem Konzert am Bus warten? Du warst ja schon oft genug mit Bushido auf Tour, da stehen bestimmt nicht Wenige.

D-Bo: Ganz unterschiedlich. Da gibt es natürlich dieses klassische Groupie-Bild: Dumm und… (lacht) Na ja, zumindest mit einem eingeschränkten Horizont, die dann einfach Lust auf ein bisschen Spaß haben und gekleidet sind wie in so einem klassischen 50 Cent Video. Mit Hotpants und High Heels. Dann gibt es komischerweise auch relativ oft diese ganz Stillen, die relativ eingeschüchtert sind – als ob sie ferngelenkt wären. Man kann denen gar nicht ansehen, was sie jetzt dazu treibt. Sie beteiligen sich auch nicht an Gesprächen oder so, lassen aber alles mit sich machen und sind fast schon masochistisch veranlagt. Und dann gibt es auch noch Menschen, von denen man das nie erwarten würde. Die intelligent sind, die einfach irgendwie die Künstler herausfordern wollen, glaube ich. Die sich auf diesem Weg dann aber auch überschätzen und sich darin verlieren und letztendlich auch zum Groupie werden.

rap.de: Obwohl sie das gar nicht wollen.

D-Bo: Genau! Die zum Beispiel gar nicht mit Absicht dahin gehen und einfach diesen Künstler und dieses Groupie-Sein in Frage stellen wollen und dem Künstler beweisen wollen, dass man auch eine tolle und interessante Frau sein kann, die sich nicht so billig hergibt. Dann verlieren sie sich aber so in der Situation, dass sie von dem Künstler doch so in den Bann gezogen werden, dass sie sich letztendlich doch für so was hergeben. Nicht immer, aber das passiert halt auch.

rap.de: In dem Track "Sehnsucht?“ gehst du auf solche Falscheinschätzungen von Frauen auch ein. Du hast da eine Zeile, bei der ich auch einfach aus persönlichem Interesse mal nachfragen muss. (lacht) Wenn Männer zusammen weggehen, läuft es denn dann tatsächlich zwingend auf Gruppensex hinaus?

D-Bo: Grundsätzlich sind Männer ja relativ schnell für so was zu begeistern und was Gruppensex angeht kenne ich auch nur wenige, die Skrupel hätten das zu machen. In dem speziellen Fall ist es halt so, dass ich in dem Song ein bestimmtes Mädchen anspreche und das alles realistische Situationen sind. Ich sage keine Namen, aber die Leute wissen schon, wenn sie gemeint sind. Der Ex-Freund von der Person ist eben ein realer Mensch und deshalb spreche ich das auch an. Das war ein Thema, als wir uns mal so über bestimmte Sachen ausgetauscht haben, und hat halt gut in den Song gepasst. Das erlebt man aber gerade in unseren Kreisen auf Tour auch sau oft.

rap.de: Aber widerspricht das nicht eigentlich diesem doch ziemlich homophoben Bild im Hip Hop?

D-Bo: Wieso homophob? Weil da mehrere Männer nackt sind und so? Keine Ahnung, ich hatte noch keinen Gruppensex. Das wollte ich jetzt nur noch mal klarstellen, klar? (lacht)

Raf Camora: Nee, man achtet gar nicht auf die anderen Männer. (Pause) Also, die Leute, die so was machen.

D-Bo: Ein Groupie ficken ist ja auch quasi Selbstbefriedigung im Körper einer Frau. In den meisten Fällen ist es auch egal, wie das Groupie aussieht. Man versucht natürlich schon, das Beste raus zu holen (Gelächter aus dem Hintergrund), aber danach will man mit der ja auch gar nichts mehr zu tun haben. Also, äh, so kriege ich das mit. Das ist so mein Eindruck.

rap.de: Wenn du dann so als Beobachter am Rande stehst und dir denkst "Wir leben in einer schlechten Welt. Diese armen jungen Mädchen.

D-Bo: Ja, selbstverständlich! Da gab es dann an so einem Konzertabend, bei dem tausend Leute sind, wahrscheinlich so 500 Mädels und zehn von denen kommen noch Backstage. Das heißt, 490 sind einfach nach Hause gegangen und haben sich dadurch vernünftig verhalten. Aber allein dadurch, dass du mit den zehn Verbliebenen noch auf irgendeine Art und Weise interagierst, denkst du dir halt "Ey krass, alle Weiber sind Schlampen“. Das brennt sich richtig ein in den Kopf. Ich habe ein ganz großes Problem damit, wenn ich ein Mädchen treffe, mir denke "Oh, die ist interessant“ und die mir dann aber sagt "Ja, ich weiß wer du bist.“ – dann kann die sich eigentlich schon mal verpissen.

 

rap.de: Etwas Ähnliches hatte ja kürzlich auch Bushido in einem Interview gesagt. In dem Track "Gerüchte?“ sprichst du darüber, dass viele Leute glauben, ihr würdet euch nicht mehr verstehen. Was wiederum auch nicht so vollkommen aus der Luft gegriffen zu sein scheint, wenn man bedenkt, dass du Ersguterjunge quasi mitgegründet hast, dein Album jetzt aber gar nicht darüber raus bringst.

D-Bo: Ich habe vier Alben über Ersguterjunge raus gebracht und wollte mich halt einfach weiterentwickeln. Wenn du zu einem bestimmten Team dazugehörst, musst du für alles was dort passiert gerade stehen und wirst auch damit assoziiert. Ob das jetzt positiv oder negativ ist, will ich damit gar nicht zum Ausdruck bringen, es geht nur darum, dass ich für mich alleine stehen will. Ich mag es nicht, wenn Leute sagen "Ich habe dein Album gekauft, du bist ja bei Ersguterjunge“ – das ist dann für mich kein Lob. Oder wenn andere sagen "Du bist ganz nett, aber ich mag Ersguterjunge nicht“ – versteht doch, dass das ein Geschäft ist! Du sagst ja zu einem Mercedes-Verkäufer auch nicht, dass du mit ihm persönlich nichts zu tun haben kannst, weil er bei der Automarke arbeitet. Das übersteigt zumindest meinen Horizont. Ich wollte einfach die Situation schaffen, dass ich musikalisch für nichts und niemanden verantwortlich bin und deshalb bringe ich es alleine raus. Ich wollte das einfach mal probieren und mir selber beweisen, was ich erreichen und welche Kontakte ich wahrnehmen kann. Einfach meine Möglichkeiten austesten. Das ist zum Beispiel ein Prozess, der wesentlich freier ist, als wenn du es über eine Plattenfirma raus bringst. Ob das jetzt scheitert oder du weniger verkaufst, spielt dabei keine Rolle. Ich habe einfach dieses Freiheitsgefühl und das fühlt sich dann gut an. Das heißt aber nicht, um das jetzt noch mal zu betonen, dass ich mit Ersguterjunge nichts mehr zu tun habe. Da gab es unter allen Fans einen ganz hysterischen Aufschrei, aber es war mir halt nicht so bewusst, dass man das explizit noch mal erwähnen muss. Dass es im Hip Hop gleich bedeutet, mit allen zerstritten zu sein, mit denen man zuvor zusammen gearbeitet hat, wenn man eine Platte alleine raus bringt.

rap.de: Es gab ja aber auch diese Geschichte innerhalb des doch sehr treuen Ersguterjunge-Fancamps, dass Hörer gegen dich aufgehetzt wurden. In eurem eigenen Forum. Von daher hat sich da innerhalb der Internet-Öffentlichkeit auch so ein bisschen der Eindruck gefestigt, dass da nicht mehr alles in Ordnung ist, glaube ich.

D-Bo: Das hatte sich quasi so entwickelt, dass einige Künstler von Ersguterjunge keinen Einfluss mehr auf dieses Forum hatten. Ich und zum Beispiel auch Chakuza haben das kritisiert und das hatte zur Folge, dass die sich dann persönlich beleidigt gefühlt und uns den Support gestrichen haben. Wenn die Fans oder Forum-Administratoren das so sehen, müssen sie das wohl so machen. Wenn die das für richtig halten, dann will ich mich da auch nicht einmischen. Das ist mir aber auch irgendwie zu unwichtiges Terrain. Vielleicht spielt das für die Verkäufe eine gewisse Rolle und da habe ich jetzt sicher Käufer verloren, aber so etwas ist mir nicht wichtig. Wenn du jetzt meine Freundin wärest und sagen würdest "Ich finde D-Bo doof und wenn du den hörst, sind wir nicht mehr befreundet“, dann würde ich auf dich scheißenl. Wenn du jetzt aber sagst "Ok, hier wird D-Bo nicht mehr supportet, der hat aber eine eigene Seite“ dann supporte ich den eben da und alles ist in Ordnung. In diesem Forum kann passieren was will, das lässt mich ehrlich gesagt völlig kalt. Ich verstehe die Erwartungshaltung von bestimmten Leuten, die sich da engagieren, nicht. Was erwarten sie denn, was man als Gegenleistung bringen soll? Ich bin ein Mensch, der da anders funktioniert. Ich will gar nicht in Frage stellen, dass das für sie alles richtig ist, was sie machen und das funktioniert nach ihren Vorstellungen ja auch einwandfrei. Man kann ja wirklich nicht sagen, dass dieses Forum nicht funktioniert. Ich habe aber eine andere Vorstellung davon, wie Fansupport funktionieren sollte und deshalb habe ich mich da auch einfach zurückgezogen. Ich habe auch keine Vorstellung davon, was da jetzt so passiert. Dass du mir sagst, dass da gegen mich agiert wurde, war mir in dem Sinne jetzt nicht bewusst. Ich habe zwar mitgekriegt, dass da ab und zu jemand etwas Schlechtes gegen mich geschrieben hat, aber das passiert ja in jedem Forum – sogar in meinem eigenen. Aber Kritik zu äußern ist ja auch der eigentliche Sinn eines Forums, ich glaube die Leute wissen gar nicht, wo der Begriff eigentlich herkommt.

rap.de: Hat im Hip Hop Bereich die Entwicklung, dass sich viele Leute für ein gewisses Camp entscheiden und dann nichts anderes mehr hören, eigentlich überhand genommen? Dass es irgendwann gar nicht mehr auf die Musik ankommt, sondern man gegen alle verfeindeten Camps ist und sich so komische Pausenhofgrüppchen bilden?

D-Bo: Na ja, das wird wahrscheinlich auch von den Labels forciert. Das ist ja die billigste Art und Weise Käufer an sich zu binden und die davon abzuhalten, sich mit anderen Sachen auseinander zu setzen. Indem man sagt "Wir sind cool, alle anderen sind scheiße und wenn du cool sein willst, gehörst du zu uns und wenn du scheiße sein willst, gehörst du zu den anderen“. Ich kann das halt auch einfach nicht so nachvollziehen, weil ich noch nie so ein Mensch war und auch nie sein werde. Aber scheinbar gibt es Leute, die da richtig aufblühen und ihre "Armeen“ anführen. Keine Ahnung, ich stehe da einfach drüber und das ist auch das Beste, was man machen kann. Da ist es ja auch wieder dasselbe: Wenn du dich für eine Sache entscheidest, musst du dich diesbezüglich für alles rechtfertigen, auch wenn du keinen Einfluss darauf hast. Ich habe auch keine Lust mich für irgendetwas zu rechtfertigen, was Leute machen, die ich noch nicht einmal kenne. Wenn irgendwelche Fans von mir rausgehen und Fans von anderen Gruppen anspucken, will ich überhaupt nicht, dass mich jemand fragt, was ich davon halte. Für so etwas will ich gar nicht gerade stehen, das ist doch nicht mein Problem. Ich meine, die können machen was sie wollen und wenn die sich da engagieren wollen, ist das auch voll ok, das sind halt Jugendliche. In dem Alter habe ich manche Sachen auch anders gesehen, aber wenn die erwachsen sind, werden sie einfach merken, dass es peinlich war, was sie da gemacht haben. Ist ganz normal, man macht viele peinliche Sachen, wenn man jung ist.

rap.de: Wäre es für dich ein Problem mit jemandem zusammenzuarbeiten, der Streit mit jemandem hat, mit dem du wiederum cool bist?
 
D-Bo: Nein, auf gar keinen Fall. Wenn ich jetzt wüsste, dass Stickle Chakuza nicht mehr mag, ich Stickle aber total gerne mag, dann würde ich ihm zuliebe meinen Kontakt zu Chakuza ein bisschen einschränken, weil der mir vielleicht auch gar nicht so wichtig ist. Ich muss es ja nicht provozieren, dass er sich angepisst fühlt. Aber wenn ich kein Problem mit Chakuza habe, dann sehe ich keinen Grund dazu, so Partei zu ergreifen, dass ich mein eigenes Einschätzungsvermögen oder meinen freien Willen in Frage stelle. Ich muss ja auch dafür sorgen, dass meine Entscheidung und das, wofür ich stehe, von allen wahrgenommen und respektiert wird. Wenn ich mich zu einem Sklaven von anderen mache, dann wird meine Meinung ja irgendwann nicht mehr ernst genommen. Auch nicht, wenn es mir wirklich wichtig ist.

rap.de: Insbesondere in Berlin gibt es viele komplizierte Feindschaftsverstrickungen und in einem Song sagst du auch, dass diese Stadt nie erwachsen wird. Was für ein Verhältnis hast du zu Berlin?

D-Bo: Ich finde die Stadt geil, aber die Mentalität der Menschen ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Ich habe das Gefühl, dass unheimlich viele Berliner das Wort "Freundschaft“ kennen, aber nicht wissen, was es bedeutet. Aber nur wenn du das weißt, kannst du mit Konflikten auch so umgehen, dass es nicht peinlich wird. Wie sich da teilweise benommen wird… Wenn der eine ein Problem mit dem Anderen hat, wird ein Video gedreht und auf Youtube hochgestellt, verstehst du? So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt und inzwischen passiert das überall in Deutschland. Ursprünglich kommt das aber alles aus Berlin. Ich habe immer gelernt, dass man versucht, Dinge persönlich zu klären. Dann probiere ich eben bei dir anzurufen und frage dich, was eigentlich los ist, wenn ich höre, dass du Scheiße über mich erzählst. Dann kann man darüber sprechen und das regeln oder man geht sich eben in Zukunft aus dem Weg. Aber bei jeder Situation dieses Geltungsbedürfnis zu haben, sich öffentlich zu profilieren und sich zu irgendwas zu äußern, Meinungen zu vertreten, ist anstrengend und kindisch.

rap.de: Du hast jetzt bei Universal eine Edition namens "Wolfpack“. Was hat man sich darunter vorzustellen?

D-Bo: Den Namen "Wolfpack“ gibt es schon ewig, das haben wir damals vor zehn Jahren oder so erfunden. Wir haben Basketball gespielt und hatten eine Auseinandersetzung mit einem anderen Team, wo es zu einer kleinen Handgreiflichkeit gekommen ist. Die sind dann in ihre Kabine gelaufen und wir haben ihnen hinterher geschrien "Legt euch nicht mit uns an, wir sind wie ein Rudel Wölfe. Wird einer angegriffen, greifen alle zurück an“ und bla bla bla. (Gelächter) Dadurch ist dieser Name eben entstanden. Ich hatte den ja auch schon immer irgendwie so ein bisschen in meine Sachen integriert und als ich meine eigene Edition gegründet habe, brauchte ich eben einen Namen und das war dann am naheliegendsten. Eine Verlagsedition kümmert sich eigentlich nur um die Anmeldung bei der GEMA und die Verwaltung dieser Sachen, das heißt, niemand ist bei mir so unter Vertrag, wie man das von einer Plattenfirma kennt. Ich werde an den GEMA-Einnahmen beteiligt, muss aber auch nicht so viel investieren oder machen wie eine Plattenfirma. Ich will aber, dass es in der Außenwirkung als eine Art Vereinigung von interessanten Künstlern wahrgenommen wird. Keine Armee, kein Label, keine Crew…

rap.de: …keine Bewegung…

D-Bo: Eine Bewegung ist was anderes, weil die auch unterschiedliche Leute unterstützen kann. Aber es geht einfach darum, dass das Menschen sind, die auf musikalische Qualität Wert legen und die sich darüber profilieren, dass sie was können und nicht, dass sie nur irgendetwas sagen. Die Edition an sich wurde Anfang 2008 gegründet, aber das dauert natürlich, bis du die Künstler unter Vertrag genommen hast. Das sind hauptsächlich Produzenten, die dann auch erst mal den ganzen Künstlern vorgestellt werden müssen, aber viele von denen haben schon richtig viel für deutsche Rapper oder auch welche aus dem Ausland gemacht. In der Edition gibt es aber auch "richtige“ Künstler: Sonnik Boom zum Beispiel, der früher Sprachtot hieß. Beatlefield macht bei ihm gerade das, was ein Label machen würde, sprich sie bauen ihn als Künstler auf, und ich mache das ganze GEMA-Zeug drum herum. Nazar aus Wien ist auch auf der Edition, also eben auch Leute, die schon Künstler sind und einen Namen haben. Natürlich will ich damit Geld verdienen, deshalb kann ich manchmal auch über den Idealen, die ich habe, stehen und sagen "Ok, das ist jetzt eine geschäftliche Beziehung.“ Letztendlich verstehe ich mich aber trotzdem mit allen super und nachdem ich sie kennen gelernt habe, sind sie auch zu Freunden geworden. Da habe ich bei der Auswahl der Leute also doch ein gutes Händchen gehabt.
 

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