Capkekz

Eigentlich ist Capkekz ein Veteran. Seine ersten Zeilen kickte er auf den alben der Ventura Brothers und Hand aufs Herz: Wer kann sich daran noch erinnern?
Trotz allem hat es bis 2009 gedauert, dass der Cap der Angst und German Dream Soldier seine erste eigene Platte vorlegt. Durch die harte Schule von Eko Fresh gegangen, zeigt der Kölner, dass sich viel getan hat und dass es ihm ernst ist mit der Rap Musik. Darüber hinaus ist da aber noch einiges mehr, was den Mann von der falschen Rheinseite beschäftigt und über diese Themen plus den Hip Hop Fanatismus eines jungen Gastarbeiterjungen haben wir in unserem Berliner Büro mit ihm gesprochen. 

rap.de: Wofür steht Grembranx überhaupt noch mal?

Capkekz: Für Gremberg. das ist ein Stadtteil von Köln-Kalk, allerdings auf der falschen Seite. Auf der ist schäl Sick. (lacht) Wir sind da aber in der Nachbarschaft, haben uns da eingelebt. Es ist auch gar nicht das super graue Viertel von Köln. Man muss da gewesen zu sein, um es erlebt zu haben. Es ähnelt Kreuzberg, aber es ist kleiner und familiärer. Kreuzberg ist so groß, dass es schon wieder anonymer ist. Bei uns ist es so, da kennt wirklich original jeder jeden.
 
rap.de: Glaubst du, dass es einerseits die deutsche Hip Hop Szene und anderseits diesen Kanaken Rap gab?

Capkekz: Ja, genau Es gab nur ganz wenige Kanaken, die “Ventura Brüder“ und “Disput“. Und dann gab es diese afrikanischen Tyron Ricketts Verschnitte, die nur dabei waren, weil sie ein Bisschen so aussahen wie die Freaks aus den USA und die hatten diesen Bonus dazu. Kool Savas war zwar nicht der Prototypkanake, aber er war der erste Türke im Game und dann gab es natürlich auch Eko, da kam es richtig ins Laufen. Kanaken, die auch Deutsch sprechen konnten und sich dementsprechend artikulieren konnten.

rap.de: Bist du denn auf Hip Hop-Jams gegangen?

Capkekz: Ja war ich, da war ich zwar einer von vielleicht 10 Kanaken unter Tausenden. Ich war mit 12 schon der übelste Hip Hop Fanatiker mit den ersten Sachen von Public Enemy die hier rein kamen. Auch die erste Breakdance Welle 84´ habe ich mitgemacht, da war ich ein Breakdancer in der Schule.

rap.de: Rechnest du dir Chancen aus im Game?

Capkekz: Ich sag es mal so, ich geh da nicht mit so riesigen Erwartungen ran. Ich möchte mir einfach nur den Respekt holen, den ich verdiene. Ich plane das jetzt nicht so, dass ich die nächsten Tage mein Brot damit verdienen werde. ich mache das jetzt schon sehr lange und da ist auch viel herz mit dabei, trotzdem wäre ich nicht abgeneigt etwas Kohle damit verdienen zu können. Ich habe auch wirklich an meinen Styles und Skills gearbeitet. Ich hab mir gesagt: “Ich muss das lernen!“. Ich konnte nicht schlafen, wenn ich mir das nicht beigebracht habe. Ich habe auf den ersten Jams, da waren ja auch amerikanische Sachen zu hören, auch was auf Englisch geübt. Die Jams waren in irgendeinem Keller und ich hab dann irgendwas auf Englisch gerappt, was aber gar kein richtiges Englisch war, das klang nur so. Und trotzdem fanden das alle cool, aber so richtig etwas Tiefsinniges in Englisch war gar nicht drin, Tiefsinniges generell. Die haben dich damals vor 15 Jahren ausgelacht, wenn du was Tiefgründiges gerappt hast.

rap.de: Jetzt sagen ja viele Leute, dass diese Straßenrap-Geschichte langsam vorbei ist…


Capkekz
: Ja klar. Sie ist zwar noch da, aber das ist nichts neues, Bahnbrechendes mehr. Ich denke auch, das durch diese Gangsta-Scheiße ist Musik sehr in den Hintergrund gerückt worden, die Qualität der Musik hat gelitten. Man kann zwar böse Streicher und böse Beats mischen, aber das war’s dann. Man hat sich einfach zu wenig Mühe gegeben, für die eingespielten Sachen. Für die Musik einfach.

rap.de: Bei eurem "Gangsterrap“ habe ich noch nicht mal den Eindruck, dass es besonders hart klingen soll. Sondern dass es eher funky ist. Ist das eigentlich ein Lifestyle?

Capkekz: Es kommt auf die Persönlichkeit an. Wenn du keinen Bock hast zu arbeiten, kann dich auch keiner zwingen. Es gibt ja viele Wege aus dem Ghetto heraus, du kannst auch im Lotto gewinnen oder Flaschen sammeln. Es gibt Flaschensammler, die verdienen mehr als manche Bürohengste. Ich hab einen Rentner in meiner Nachbarschaft, der geht jeden Abend Flaschen sammeln und finanziert damit seinen Wagen, seinen Urlaub. Der macht original seine 80 bis 100 Euro damit.

rap.de: Das wären dann ja 1000 Bierflaschen!

Capkekz: Der sammelt ja auch Plastikflaschen.

rap.de: Wie viel ist denn eigentlich wahr von euren Geschichten?

Capkekz: Ich versuche auf jeden Fall realistisch zu bleiben. Wenn ich sage "Ich schlage dir den Kopf ab“, dann mein ich das ja nicht so. Ich bin halt orientalisch eingeklinkt, da umschreibt man mehr. Wenn ich mich an dir rächen will, dann sage ich "Ich will, dass du durch dein eigenes Blut latscht!“, obwohl es dir eigentlich nur heimzahlen will. Es ist Musik, da übertreibt man ein bisschen, es soll aber trotzdem auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

rap.de: Es wird aktuell viel über das hohe Aggressionspotential junger Menschen, auch in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage, gesprochen. Glaubst du, dass es für deine Eltern leichter war?

Capkekz: Mein Vater sagt, auf jeden  Fall. Meine Eltern sind als Gastarbeiter in den 60ern oder 70ern in die BRD gekommen, und das war es so, das man in der Müllabfuhr gearbeitet hat, 10 Prozent für Miete bezahlt, noch mal 10 Prozent für Essen und Trinken. Und den Rest hat man gespart, sich eine Auto gekauft und konnte zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren. Mit einem Helferjob, oder bei der Stadtreinigung oder in den Fordwerken, damit konnte man sich eine kleine Existenz aufbauen, sich die Rente sichern. Das ist heutzutage kaum noch möglich. Wenn du normal arbeiten gehst, Durchschnittslohn 1200 Euro, dann musst du 500 Euro für die Miete und Strom bezahlen, dann ist sind schon mal 50 Prozent des Lohn weg, anstelle von 10 Prozent. Dann noch Essen und Kippen kaufen, und das war’s dann. Irgendwann lädt das Frust auf. Du gehst arbeiten, also willst du auch was dafür haben. Je fleißiger du bist, desto mehr willst du ja auch verdienen. Heute reißt du dir den Arsch für einen 1€-Job auf, in der Hoffnung, dass sie dich fest einstellen, aber am Ende kriegst du einen fetten Finger in den Arsch. Deswegen auch die Gewalt und die Anspannung, die hier herrscht. Dieser Hang zur Gewalt, Gangsterrap, endlich einer der die Fresse aufmacht, der sagt "Isch ficke den und den und so“ – Ja, den Scheiß fühlen die Leute. 

rap.de: Jetzt wirkt das bei euch aber alles sehr beschaulich. Was macht eine Gegend trotzdem zum Ghetto?

Capkekz:  Die Lebensumstände. Es gibt Menschen, die leben im Ghetto und kommen da nie mehr raus. Ich kenne ein paar Familien, in Ostheim, das war das alte Viertel, wo ich mal gelebt hab, wo ich aufgewachsen bin, die Leute da, die kommen nicht raus. Die haben da alles, was die brauchen, ihre Läden, ihre Geschäfte. Wenn die nicht arbeiten, dann kriegen die Hartz IV und hängen vor der Tür ab, die kriegen da ihre Kinder und werden da alt. Die kriegen von der Welt nix mit. Die kommen nicht aus dem Ghetto raus. Das ist original am Stadtrand, da wo nix los ist. Die Stadt ist weit weg, man lernt niemanden kennen, der einem die Augen öffnen könnte. Die fucken sich gegenseitig ab. Andererseits: Wenn du nix siehst, dann vermisst du ja auch nix. Es gibt draußen viel zu sehen, nicht nur das dreckige abgefuckte Ghetto. Nur wenige kommen da raus, machen Abi und gehen studieren. Die sehen dann, wie viel es gibt und dass man richtig viel machen kann, statt nur so abzukacken. Man muss ja keine Millionen machen, aber zumindest was sehen, mal draußen sein und alles. Engt euch nicht selber ein in euren Ghettos.

rap.de: Hattest du eine wilde Phase und hätte man dich da erreicht?

Capkekz: Ja, in der Schule hätte man das machen können. Ich hatte wirklich in der Schule ein paar Lehrer, von denen ich wirklich was gelernt habe. Die waren mit Herz dabei und es hat sie interessiert, was aus den Kindern wird. Aber wenn die Lehrer keinen Bock haben, dann haben die Schüler auch keinen Bock. Früher gab es Lehrer, die haben gemerkt, wenn ein Schüler lyrisches Talent hatte oder musikalisches und sie haben versucht es zu fördern. Hätte mir einer erzählt "Junge spar dein Geld und hol dir ne Geige“ dann hätte ich das gemacht und wäre Musik studieren gegangen. Ich wusste damals noch nicht mal, dass man Musik studieren kann, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe das erst spät gerafft, dass man wirklich ein Instrument lernt, Musik studiert und später seinen Platz in der Philharmonie hat. Meine Eltern haben schon mal gar keine Ahnung gehabt. Die waren froh, wenn sie von der Arbeit zu Hause waren und waren so "Ach, mach was du willst, Junge."

rap.de: Wann hast du mit dem Produzieren angefangen?

Capkekz: Ich hatte immer Melodien im Kopf, konnte aber keine Noten lesen. Ich konnte die Melodien nur auf dem Klavier nachspielen, so autodidaktisch oder wie heißt das? Autodidaktisch, ne? Ich habe vor einigen Jahren so Ende der 90er einen Franzosen hier kennen gelernt, der heißt Jeff. Er lebt jetzt wieder in Paris. Er war der erste, der mir eine MPC gezeigt hat und da hab ich gesehen, dass ich all diese Melodien auf diesem Gerät nachspielen kann. So ging das dann, auch ohne Noten. Das war so ´98, ´99. Eine MPC hab ich mir dann geholt und ich habe sogar probiert, Geige zu spielen. Da kamen aber nur krumme und schiefe Sachen bei raus. Ich habe auch gar nicht die Geduld dafür. Aber Gitarre habe ich angefangen zu lernen.

rap.de: Auf deinem Album gibt es auch sehr viele gegensätzliche Aussagen zum Thema Drogen…

Capkekz: Das ist alles scheiße, das ist wirklich nicht gut. Ich bin kein Befürworter davon und ich finde es auch scheiße, dass es so was gibt, aber es ist halt da und auch nicht mehr wegzudenken. Drogen gibt es seit es Menschen gibt. Man sollte den Verkauf davon auch sein lassen, weil man davon nur immer mehr in die Scheiße reinkommt. Ich bin aber eben auch ein Künstler und schreibe das, was ich sehe, hin. Ich versuche den Leuten begreifbar zu machen, dass es so was gibt, aber dass es auch nicht gut ist. Es ist nicht cool, der Supergangster zu sein oder Koks zu verticken, weil du am Ende davon gefickt wirst. Wenn du jahrelang mit einem Auge offen schlafen musst, ist auch irgendwann dein Kopf gefickt. Du musst immer wachsam sein. Das Ganze hat einfach seinen Preis, wenn du Dealer oder Zuhälter bist. Und ob die Kohle es dann wirklich wert ist, dass dein Kopf so gefickt ist… Ich kenne eine Menge Leute, die ganz oben waren und jetzt unten sind. Die haben die dicksten Autos gehabt, die dicksten Wohnungen, die geilsten Weiber und am Ende des Tages hat es ihnen nicht wirklich viel gebracht.

rap.de: Das heißt, aus dem Ghetto kommt man wirklich nur über ehrliche Arbeit raus und die Dinge, die du vorhin angesprochen hast, helfen doch nicht so wirklich?

Capkekz: Vielleicht wohnst du nicht wirklich im Ghetto, aber das Ghetto ist in dir drin. Vielleicht bist du dadurch nach Berlin Grunewald gekommen, weil du in Tempelhof extrem viel vertickt hast. Dein Kopf wurde dabei gefickt und auch wenn du in Grunewald wohnst, ist dein Kopf immer noch gefickt. Man merkt das dann vielleicht selbst nicht, aber du bist ein Asi und ob das dann so schön ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht, wenn man innerlich total kalt und abgewichst ist. Das ist der Preis dafür, wenn man ein Gee ist, wenn man Drogen vertickt und Ollen auf den Strich schickt. Als ich jung war, wollte ich immer dicke Autos und geile Weiber, aber wenn du das erst mal alles hast, erkennst du die wesentlichen Dinge und dass die viel mehr wert sind, als der ganze Scheiße darum. Manche werden erwachsen im Knast, manche werden erwachsen, in dem sie nicht mehr aufstehen und manche haben Glück gehabt und die Kurve noch mal im letzten Moment gekriegt. Wie gesagt, alles hat seinen Preis.

rap.de: Was mir beim Durchhören auffällt, ist dass du das sehr detailliert beschreibst, aber es weder abwertend noch glorifizierend darstellst. Es kommt so rüber, als müsste man tun, was man tun muss.

Capkekz: Das ist auch irgendwo so. Wenn du anfängst zu ticken, verlierst du deinen täglichen Rhythmus und den kriegst du nicht mehr rein. Da musst du keinem Chef mehr den Hof kehren, du bist selbstständig und keiner sagt dir was.

rap.de: Meinst du das so, wenn du sagst "Das Gesetz steht mir im Weg“?

Capkekz: Das Gesetz steht dir schon im Weg, wenn du einen Handyvertrag machen möchtest, in diesem Tarifdschungel. Und es gibt kein Gesetz, dass sagt "Fickt die Leute nicht mit den Tarifen. Macht einen, der für jeden funktioniert und gut ist.“ Da fängt es an. Es gibt tausend Sachen. Früher bin ich in die Telefonzelle gegangen und wusste, mit 20 Pfennig kann ich acht Minuten telefonieren. Jetzt mit Handy, kein Plan, da gibt’s den Homezone-Tarif, den Tarif, den Päppäpä-Tarif, das fickt mein Hirn. Du denkst auch, du hast immer den falschen Tarif. (lacht) Oder bei O2. Da zeigen die das Kleingedruckte fünf Sekunden lang. Ich weiß nicht, welcher Mensch so schnell lesen kann. Warum macht der Gesetzgeber nichts dagegen? Weil er verdient.

rap.de: Bist du eigentlich einigermaßen zufrieden mit Deutschland?

Capkekz: Ey, wir reden immer über "Ghetto! Ghetto! Ghetto!“. Aber wenn du mal nach Afrika gehst und da die Leute siehst, die mit blauen Schiffen übers Mittelmeer fahren, nur um hier Hartz IV zu beziehen, dann weiß man, dass das Ghetto, in dem wir hier leben, für die das reinste Paradies ist. Wenn du aber in so einer dreckigen Gegend wie wir aufgewachsen bist, dann fuckt dich dieses Ghetto ab. Wenn du aus’m Urwald in einen Supermarkt gehst, dann willst du alles im Supermarkt haben. Wenn du den Supermarkt nie gesehen hast, dann möchtest du das auch nicht haben. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

rap.de: Es ist ja auch leichter in einer armen Gesellschaft arm zu sein, als in einer reichen.

Capkekz: Das glaube ich auch. Arme Menschen helfen sich untereinander ja auch mehr, als Arm und Reich. Alleine schon in der Nachbarschaft. Wenn ich Ghetto sage, dann meine ich auch nicht nur Kanakenviertel, es leben ja auch sehr viele Deutsche in Ghettos. Bei uns in Köln und anscheinend auch hier, leben viele Deutsche, Schwarze und Weiße zusammen. Alles, was es entweder nicht auf die Reihe gekriegt hat oder nicht die gleichen Chancen hatte. Man hilft sich da mehr, man ist herzlicher, man hat mehr Wärme. Meine Befürchtung ist auch, dass durch die Armut auch der Rassimus wieder wächst. Durch die Kapitalismusscheiße. Das ist jetzt ein dummes Beispiel: Wenn ich mit einem dicken Benz durch mein Viertel fahre, und mich sieht dabei eine deutsche Familie, die Bus fahren muss. Die kriegen doch einen Hass auf mich. Die verstehen einfach nicht, dass das freie Marktwirtschaft ist.

rap.de: Und die Lösung? Zurück zu den 50ern?

Capkekz: Nein, der Staat muss einfach gerecht sein. Wie bei diesen Scheißtelefontarifen, das ist doch das beste Beispiel. Diese Verarscherei muss aufhören, sonst lernt auch das Volk, wie man sich sich gegenseitig verarscht, und dann bildet sich eine Ellbogengesellschaft, weil es normal ist. Es muss einfach menschlicher werden. Aber wenn ich jetzt wie Martin Luther King predige, dann ändert sich auch nichts. Das wird nur noch schlimmer.

 

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