Xatar

Xatar ist stattliche 1 Meter 90 groß und eigentlich kein Mensch, den man so leicht übersehen könnte. Trotzdem haben wir genau das geschafft, als wir zu unserer Verabredung ins Restaurant Oriental Planet auf dem Kölner Ring kommen. Und so sitzen wir drin, während Xatar draußen steht und seinen Ferrari bewacht. Später wird er ihn dann doch noch umparken müssen, da Halteverbot und mit den Kölner Knöllchenfrauen genau so wenig zu spaßen ist, wie mit Politessen überall auf diesem Planeten.
Xatar ist sehr höflich und zuvorkommend und als er erklärt, dass seine Fans keine Autogramme von ihm haben wollen, sondern ihn lieber umarmen, sind, wie auf Bestellung, zwei Boys am Start, die ihn zwar weder umarmen noch ein Autogramm haben wollen, dafür aber… klar ein Handy Foto.
Dass die beiden mit diesen komischen hochgestellten Haaren und den kunstvoll auf vintage gemachten Hosen zwar ein bisschen metrosexuell aussehen – auch dafür hat der Mann aus Bonn Verständnis: „Den Mädchen gefällt das. Die nennen sich Styler. Wir, mit unseren kurzen Haaren, wir sind Assis für die.“ Insofern war das also ein Gespräch unter Gleichgesinnten und es ging um Rap, Musik und die wirtschaftliche Kraft von krummen Geschäften.



Xatar (zeigt auf den Prinz Pi-Pullover):  Was geht mit Prinz Pi? Erzählt mir irgendwas von Hoffnung, dann gucke ich das Video und sehe nur grüne Affen und so, was geht da ab? Hat er verkauft?

rap.de: Interessiert dich denn so was? Verkaufszahlen im deutschen HipHop?

Xatar: Nee, ich habe gehört, was Neffi über den erzählt hat. Das klang nicht nach 10.000 Platten, sondern nach 100.000.

rap.de: Ja? Aber was erwartest du dir denn vom deutschen Rapgame, wenn wir jetzt von Verkaufszahlen sprechen?

Xatar: Ich habe da jetzt keine Zahlen im Kopf, kein bestimmtes Ziel. Mein Wunsch ist natürlich, so viel wie möglich zu verkaufen. Ich möchte einfach nur Respekt, für was ich tue. Den bekomme ich jetzt auch Gott sei Dank. Nicht von allen, das ist ja auch nicht möglich. Aber von den Leuten, von denen ich es erwartet habe, habe ich ihn auf jeden Fall bekommen. Ich will halt immer weiter Gas geben, mein Bestes geben, immer weiter machen, nonstop, ohne Pause. Dass es da gefeiert wird, wo es gefeiert werden soll.

rap.de: Du sagst ja auch in diesem einen Track, dass du nicht des Geldes wegen ins Rapgame gekommen bist, sondern um die Straße zu ehren.

Xatar: Ich brauche nicht des Geldes wegen Musik zu machen. Ich bin keiner dieser Träumer, die Bushido sehen, Filme schieben und denken, dass sie auch Geld mit Rap machen und Platin gehen. Ich sehe das ganz nüchtern. Wenn ich Geld machen will, dann mach ich andere Sachen und das ist dann auch einfacher, weißt du was ich meine? Es ist leicht, heutzutage im Milieu oder so Geld zu machen. Von der Musik erwarte ich das nicht. Ich weiß, dass man damit Geld machen kann, wenn es den Leuten gefällt und es gut ankommt. Das habe ich im Hinterkopf, aber ich habe da keine wirklichen Erwartungen. Viele sagen ja auch „Rap bringt mich aus dem Ghetto raus“ und so einen Scheiß, so was erwarte ich gar nicht. Klar, ich komme aus einem sozialen Brennpunkt, da sind alle meine Freunde und meine Familie. Aber da ist es korrekt, ich will da auch gar nicht weg.

rap.de: Das sagst du ja auch in einem Lied.

Xatar: Ja, genau, es ist nur so: Leute sagen, in Deutschland gäbe es kein Ghetto. So etwas interessiert mich gar nicht. Ich sehe, um mich herum ist ein sehr kriminelles Umfeld, aber das ist so, weil es einfach so gekommen ist. Als wir klein waren, haben wir alle Sport gemacht, Fußball und Basketball gespielt und mit der Zeit ist irgendwann Geld ins Spiel gekommen. Da hieß es dann auf einmal. „Ey, der eine ist irgendwo eingebrochen und hat 50.000 Mark da rausgeholt.“ Mit 14! Der ist dann mit irgendeinem anderen Marokkaner da rein gegangen, die haben das Geld rausgeholt und das hat geklappt. Da wird man natürlich geil darauf. Und so fing das dann an, ich bin dann selber so geworden. Ich habe dann versucht, Geld zu machen. Wenn du dann einmal Blut geleckt hast, mit 16, in einem Alter, in dem man sonst noch nie Geld gehabt hat – Taschengeld gab es ja nicht – und übelste Nutten fickst, wo andere von träumen, will man das dann natürlich immer wieder haben. Und in diesem Umfeld sind wir und dann fange ich mit der Zeit auch an, das zu lieben. Ich sehe auch Ehrlichkeit darin. Die Leute sagen: „Straße, das ist alles link und dreckig und die machen unehrliches Geld und so“, aber ich sehe mit der Zeit Ehrlichkeit darin. Ich sehe, dass es korrekte und schlechte Leute gibt und die gibt es auch in dieser anderen Welt. Ich habe auch studiert im Ausland. Meine Familie hat sich auch extrem darüber gefreut, aber das war eben gar nicht mein Ding. Ich habe da Leute gesehen, die sind noch verlogener als die Leute bei uns im Milieu. Harmlose Studenten. Total verlogen, link, egoistisch, geizig und so ein Scheiß. Dann denke ich: „Boah, ich liebe diese Welt, aus der ich komme.“ Dann komme ich wieder zurück und dann kommt der Punkt, dass ich irgendwelche Rapper in Berlin, Frankfurt, egal wo, sehe und die labern nur Scheiße. Ich versuche es mir reinzuziehen und denke mir „Okay, cool.“ Aber auf einmal kommt ein Spruch, dann denke ich wieder „Was labert der denn für einen Scheiß?
 

rap.de: Was waren das für Sprüche?

Xatar: Der krasseste Spruch, den ich schon so oft gehört hab ist: „Ich habe schon so und so viele Kilo Koks verkauft.“ Da dachte ich nur: „Ey warte mal, hää? Der wird doch jetzt gefickt, wenn er das sagt.“ Ich kenne doch die Bullen. Weißt du, ich habe schon Musik gemacht, bevor die Videos von mir im Internet waren. Nicht mal meine größten Fans haben diese Lieder, aber die Bullen haben die. Als ich bei einer Haftrichtervorführung war, haben sie mir diese Lieder vorgespielt. Krass, keiner hat diese Lieder, aber die haben sie. Und die nehmen jedes Wort ernst, das da drin vorkommt, wenn die wissen, was du machst oder zumindest einen Verdacht haben. Die schieben sich da Filme drauf. Ich stehe vor Gericht, muss eine Geldstrafe zahlen und die wollen mein Einkommen wissen und mein Anwalt sagt, das sind nicht mehr als 900 Euro im Monat. Dann sagen die: „Wie kann das sein, in einem Interview sagt er, sein Video hat 60.000 Euro gekostet?“. Und dann höre ich irgendwelche Leute, die davon rappen, wie viele Kilo Koks sie verticken und dass man Heroin bei ihnen kriegen kann. Das geht nicht! Das gibt’s nicht! Da denke ich mir „Was labert der, Alter? Halt deine Fresse, Mann!“ Und dann geht es weiter mit diesen Sprüchen „Jeder hat Angst vor mir; Ich bin der Krasseste!“ Guck mal, wenn jemand echt Eier hat, wenn jemand ne Nummer ist, dann sagt er so was gar nicht. Das macht man nicht, auch wenn’s Rap ist und es um Punchlines und so weiter geht, aber nicht solche Punchlines! Das Krasseste ist aber, dass es noch Erfolg hat, aber das ist eine andere Geschichte. Die Leute kaufen es ja und die, die wirklich im Milieu sind fragen sich dann „Warum?“. Diese alten Lieder, die ich damals gemacht habe, das waren nur Storys. Ich war nicht so der Rapmaster, ich habe einfach nur Storys erzählt, von dem, was letzte Woche passiert war. Wir haben das immer weiter gemacht und die Leute haben das gefeiert. Man hat sich dann halt gefragt, warum die anderen so einen Scheiß machen und Geschichten erzählen, bei denen sie so dreckig übertreiben. Wenn es wahr wäre, was die sagen, müssten sie ja Multimillionäre sein. Ich weiß ja, was abgeht. Ich weiß, dass man damit viel Kohle macht. Das war der Abfuck, wo ich mir dachte: „Komm, mach dein Ding.

rap.de: Ich finde, bei deinem Album ist da auch schon beim Intro eine gewisse Art Straßenhumor mit drin, der ein bisschen dreckig, aber auch ein bisschen selbst-verarschend ist. Ich würde ja auch gern mal die alten Tracks hören mit „den Geschichten von letzter Woche“.

Xatar: Die willst du gar nicht hören, die Aufnahme fickt dein Ohr, Alter. Wir haben halt versucht mit einem 200-Euro-Mikrofon am Laptop aufzunehmen. Da sind auch sehr lustige Sachen dabei. Wir haben uns da auch ein bisschen selber verarscht. Wenn du das jetzt hören würdest, hättest du nach einer Line keinen Bock mehr, da ging es auch nicht weiter um den Inhalt. Aber ich weiß, was du mit Humor meinst, zum Beispiel die Intros heutzutage. Egal von welchem Gangsterrapper: Immer ein orchestrales, gottverfluchtes Sample, meistens noch ein Sprachsample, irgend so ein Scheiß. Jedes mal, Alter. Kuck mal, wenn’s um orchestral geht, ich ficke alles, ALLES. Mein Vater ist Komponist.

rap.de: Dein Intro ist ja sehr lustig mit "Harry Schmarry“ und den ganzen Verbrecher-Namen, aber der Rap ist ja dann doch wieder relativ gewöhnlich. Das ist dann wieder so „Ich komm ins Game, ich ficke alle blablabla.“ Das ist dann leider nichts Neues.

Xatar: Ja, guck mal, ich habe das schon mal gesagt, bei mir gibt’s nichts Neues, für euch ist nix Neues dabei.
 

rap.de: Doch, "Ich Will Nicht Weg Hier“ ist was absolut Neues.

Xatar: Okay, dann das. Aber vom Rap her, zum Beispiel das Intro, das ist nichts Neues für euch. Ich sage in dem Intro nur „Hallo, mein Name ist Xatar. In den nächsten 60 Minuten ficke ich Deutschrap. Haha!

rap.de: Das hat auch schon jeder gesagt. „Ich brenn das Land ab, ich ficke Deutschrap“ und so.

Xatar: Ich sag es dir so: Gangsterrap, oder was das auch immer sein soll, was ich mache, ist ja nichts Neues. Da hätte ich ein paar Jahre eher kommen müssen. Aber der Grund, warum mich mehr Leute feiern als andere, ist, dass die Leute aus dem Milieu merken, dass das, was ich sage, ehrlich ist. Ich haue da nichts drauf, wofür ich mich am Ende schämen muss. Ich bleibe ehrlich. Ich übertreibe auch nicht mit Reimen. Ich komme nicht mit dieser komplexen Scheiße, weil die das eh nicht verstehen. Da haben die auch gar keinen Bock drauf, ich weiß selber wie das ist. Als Savas auf einmal völlig durchgedreht ist mit seinen Reimen, da habe ich das nicht mehr gehört, obwohl ich ihn vorher extremst gefeiert habe. Solche Sachen wie "LMS“ und so habe ich übertrieben gefeiert. Aber als er dann mit diesem Asthma-Rap angefangen hat, (imitiert Savas mit seltsamen Hechel-Geräuschen) da ging das nicht mehr, weil das nicht mehr ehrlich ist. Das ist nicht mehr er selbst. "LMS“ war seine Stimme, sein Gerede. Nix gegen ihn, Alter, der ist ne Legende, aber so ist es halt. Das, was ich mache ist auf jeden Fall nichts Neues, außer für die Leute von der Straße. Für die ist das was extrem Neues.

rap.de: "Ich Will Nicht Weg Hier“ ist auch unter dem Gesichtspunkt interessant, weil bislang immer eher Lieder gemacht wurden, in denen gesagt wurde „Guck mal wie scheiße es hier ist“, aber niemand ändert etwas daran. Du sagst, dass du es super findest, wo du bist.

Xatar: Das ist, was ich meine. Es reden immer alle von Ghetto, aber wir sind hier nicht in Brasilien oder Moskau, sondern in Deutschland. Jeder hat hier seine eigene Perspektive, was für den einen hart ist, ist für den anderen vielleicht soft. Aber ich weiß ja, was hier abgeht und das ist super. Wenn etwas abgefuckt ist, kann ich aber auch darüber rappen. Kürzlich wurde bei uns im Haus einem der Kopf abgehackt und im Hausflur liegen auch immer Spritzen rum. Es gibt richtige Drecksecken und da wohnen dann auch nur Kanaken und Russen. Ich will dann aber nicht rappen: „Hier ist alles scheiße, Angela Merkel ändere das mal!“ So ist es halt. Ich bin damit aufgewachsen und zum Beispiel assoziiere ich den Geruch von Schore mit einer Telefonzelle! Wenn ich in eine Telefonzelle reingehe, erwarte ich diesen Geruch und wenn ich Schore rieche, denke ich an eine Telefonzelle. So ist das, wo ich herkomme, das juckt mich aber nicht. Ich denke an die positiven Sachen, die sind besser. Durch meine Geschäfte habe ich viele Leute kennen gelernt, auch welche, die in guten Gegenden aufwachsen sind. Nicht alle, aber viele von denen sind total abgefuckt und schieben Filme. Ich kannte mal einen, der war Deutscher mit lauter Millionärskindern hier in Köln. Die waren immer nur auf Koks am Feiern in irgendwelchen Nachtclubs. Die waren 23 Jahre alt und hatten geile Klamotten und Ferraris am Start. Dann hat er einen Freund von mir nach einer Knarre gefragt, der hat ihm die besorgt und dann hat er sich umgebracht. Ich meine, was geht da ab? Die Leute killen sich gegenseitig, der eine fickt die Freundin vom anderen oder dessen Mutter… Da wo ich herkomme, haben die Leute zwar weniger Kohle, aber zumindest Ehre untereinander. Darauf bin ich stolz und warum sollte ich dann da weg?

rap.de: Du hast vorhin gesagt, dass es heute kein Problem ist, im Milieu Geld zu machen. War das früher schwieriger?

Xatar: Früher war es bestimmt noch einfacher, aber da war ich jünger. Ich habe jetzt dazu gelernt. Leute haben mehr Respekt, weil viel passiert ist und dann kommen Sachen automatisch. Gott sei dank!

rap.de: Du sagtest vorhin, dass die Bullen die ganze Musik und so von dir hatten. Was ist denn deine Meinung zur deutschen Polizei?

Xatar: Die machen halt ihren Job, ne? Alles cool, die machen ihren Job.

rap.de: Machen die ihren Job gut?

Xatar: Manchmal ja, manchmal überhaupt nicht. Aber die deutsche Polizei ist doch weltberühmt, Alter. Die Leute wollen hier nicht einwandern wegen der deutschen Polizei und weil wir so viele Polizisten haben. Es heißt auch „In Deutschland ist jeder Mensch ein Polizist.“ Wenn du hier über ne rote Ampel fährst, hast du noch bevor die Polizei kommt schon 30 andere Leute, die dich ankacken.
 



rap.de:
Du musstest ja mal kurz nach England auswandern und sagtest danach, du hast dich außergerichtlich geeinigt. Wie läuft so etwas ab?

Xatar: Die Sache war so: Ich war im Ausland und dann hat mich mein Anwalt angerufen und gemeint, ich solle lieber gar nicht erst wiederkommen. An diesem Tag wurde ein Haftbefehl gegen mich und fünf meiner Leute ausgestellt, drei wurden festgenommen, ich nicht, weil in England war, und ein Kumpel, der zufällig grad in der Türkei war, auch nicht. Die anderen sitzen jetzt für fünf Jahre, wegen derselben Sache. Die haben ein halbes Jahr U-Haft bekommen, damit sie der Polizei Namen geben. Weil sie das nicht getan haben, haben sie eine richtig dicke Strafe bekommen, obwohl die Bullen nichts als Indizien gegen sie hatten, auf die sie sich die übelsten Filme geschoben haben. Mein Anwalt meinte dann, ich soll dort bleiben. Mein Cousin war zu der Zeit schon ein paar Jahre in England und studierte dort. Er meinte dann, ich solle das auch tun. Ich hatte zwar kein Abi, führte aber dann ein langes Gespräch mit diesem einen Lehrer. Ich habe ihm erzählt, dass ich Musik mache, habe ihm meine Beats gezeigt. Er meinte dann „Du hast so ein Feuer in dir. Wir machen das schon klar.“ Er hat mir dann ein Schreiben aufgesetzt, in dem es hieß, dass ich zwar nicht die geforderten Qualifikationen habe, aber dass er mich dennoch empfiehlt, weil ich Erfahrungen in der Industrie habe. Dann habe ich mich eingeschrieben, Mein Anwalt wollte das in der Zwischenzeit klären, weil ich wollte nicht in den Knast. Leute sind ja immer stolz drauf, aber ich gehe nicht in den Knast! Ich war mal ein paar Wochen und das ist überhaupt nicht mein Ding. Knast ist der größte Scheiß, den es gibt. Deshalb wollte ich diesem Haftbefehl unbedingt ausweichen. Ich wäre auch für immer im Ausland geblieben, um nicht da rein zu müssen. Das ging dann immer weiter, bis dann irgendwann ein internationaler Haftbefehl kam. Das Geile ist nur: In London findet dich keiner, das ist die geilste Stadt der Welt. Da gibt es keine ID oder irgendwas. Nichts! Ich habe dann dort auf jeden Fall gechillt, mein Ding gemacht. Ich habe ne Securityfirma aufgemacht, die läuft immer noch. Für ein paar Casinos und Clubs. Türsteher und so. Das macht mein Cousin jetzt, deswegen bin ich auch immer öfter dort. Auf jeden Fall hat mein Anwalt, der sowieso der übelste Typ ist – er steht auch in meinem Video neben mir -, es so hinbekommen, dass die Haftrichterin bei meinem Fall eine Freundin von ihm ist. Er hat das irgendwie gemanagt. Also ich weiß nicht, ob er das gemanagt hat, ich will jetzt nichts sagen. Aber sie war jeden Fall eine Freundin von ihm. Er meinte dann zu mir nur: „Okay, ich habe das geklärt. Du kommst hier her und wirst zwar festgenommen, kriegst aber am nächsten Tag direkt deine Haftprüfung.“ Und bis das dann soweit war, hatte ich Beweise. Es war nämlich so, dass es einen Typen gab, der mich verraten hatte. Er hatte Aussagen darüber gemacht, in denen er gesagt hatte, an welchem Tag ich ihm wie viel Kilo gegeben hätte. Er meinte dann zu denen: „Xatar ist noch im Ausland und holt so und so viel Kilo.“ Ich habe dann Beweise erbracht, die belegten, dass ich an diesem Tag bereits in London war, dass ich mich eingeschrieben hatte, dass ich als Dolmetscher gejobbt habe. Alles schwarz auf weiß, von großen Instanzen bestätigt, so dass sie nichts dagegen sagen konnten. Ich bin dann angekommen und hatte also die Beweise. Dann war die Haftprüfung und ich musste bei der Polizei Aussagen darüber machen, was ich alles in meinem Leben bisher getan hatte. Da habe ich denen irgendwelchen Scheiß erzählt. Koks gezogen, da mal ne Frau gefickt, obwohl sie das nicht wollte, aber dann war es wieder cool und so. Solche Geschichten eben. Da war das dann übrigens auch, wo sie mir meine CDs vorgespielt haben. Am Ende war dann jedenfalls alles cool. Dann haben sie mich zu der Haftrichterin gebracht und da mein Anwalt die auch recht gut kannte, ging das dann auch schneller. War auch ok, ich war ja unschuldig.

rap.de: Du betonst ja immer, dass du mit dieser Doppelreim- und Asthmarapszene nichts zu tun hast, aber irgendwas an Hip Hop interessiert dich ja trotzdem.

Xatar: Ich liebe Hip Hop, bis zum Tod, Mann! Hip Hop ist mein Ding. Nur das, was in Deutschland abläuft, ist nicht so mein Ding.

rap.de: Was ist dein Ding auf internationaler Ebene?

Xatar: Also damals war’s nur Death Row, nur Death Row und nichts anderes. Als dann B.I.G. kam, hat der auch mein Kopf gefickt, Nas auch übelst. Vor "The Chronic“ habe ich gar kein Hip Hop gehört. Die NWA-Scheiße und so, das war überhaupt nicht mein Ding, das war alles zu unmusikalisch, zu hart. Auch die Raps von Eazy E waren scheiße. Als dann Chronik rauskam, war das voll mein Ding, weil ich schon immer musikbegeistert war. Das war echt ein krasses Funkalbum. Auch die Videos, das war alles so locker. Das war auch besser als diese New York-Scheiße aus den Achtzigern, das hat mich nie interessiert. So ist zwar Hip Hop entstanden und das sind vielleicht auch die Vorgänger von dem, was ich geliebt hab. 2Pac zum Beispiel hat eh alles gefickt, seine Beats waren der Hammer, die Songkonzepte, sein ganzes Auftreten war super. Nas, B.I.G., was noch…?

rap.de: Wie alt bist du?

Xatar: 25, ich werd jetzt 26.

rap.de: Ja? Da hast du aber schon relativ früh angefangen.

Xatar: Klar, als "Chronic“ rauskam, Bruder, weißt du, was da bei uns abging?

rap.de: Da warst du ja elf oder so.

Xatar: Ja, ey, da gab es Schlägerein, jeden Tag. Keiner hatte doch Geld für ne CD, da gab’s die übelsten Boxereien. Ohne Scheiß, wegen dieser CD! Am Ende hatte ich die und keiner wusste das.
 

rap.de: Und dann hat dich geärgert, was in Deutschland draus gemacht wurde?

Xatar: In den Neunzigern war Deutschrap ja lustig. Ganz ehrlich, musikalisch gesehen, auch von den Ideen und der Kreativität her war dieser Rucksack-, "Ich-bin-ein-Idiot“-Rap besser, als das, was jetzt rauskommt. Jetzt geht einfach alles nur in eine Richtung. Ich habe mir letztens mit meinem Produzenten mal die alten Videos von damals, von Deichkind und so reingezogen. Da habe ich gemerkt, dass die Leute wenigstens noch was investiert haben. Heutzutage, dieser Bluebox-Trend, was ist das? Jeder macht das. Das kostet ja noch nicht mal was, 500 Euro oder so. Ne Kamera hinstellen, Bluebox und dann am Computer ein bisschen bearbeiten, jeder macht so etwas heute. Was geht ab? Damals hatte jeder ein anderes Video, Blumentopf, Max Herre, Afrob, jedes Video war ein Film für sich. Das war cool, die waren kreativer. Aber von der musikalischen Seite war es damals halt das Ding, dass ich keinen Deutschrap gehört habe. Ich komme eben aus einer anderen Szene, ich war nie mit diesen Leuten. Die Art, wie die reden, und dass die sich immer selber lächerlich machen, das war ja damals Trend. Die Namen alleine, "Blumentopf“ und so, darauf bin ich halt nicht klar gekommen. Damals hatte ich auch noch nicht daran gedacht, selber zu rappen. Nie im Leben, Alter. Ich wusste einfach nicht, dass man Deutschrap auch anders machen kann.

rap.de: Was war das für ein Film, auf dem du warst, lebenstechnisch?

Xatar: Ganz anders. Geld. Nichts anderes.

rap.de: Was hast du für eine Schulausbildung?

Xatar: Ich hab Gymnasium gemacht bis zur Elften. Bin dann sitzen geblieben und hab es noch zweimal versucht, dann Gesamtschule, hat auch nicht geklappt. Ich war eigentlich gut in der Schule. Außer in Mathe (lacht).

rap.de: …aber das hat du sicher auf der Straße gelernt. Zählen und Rechnen.

Xatar: Ich hatte immer meinen Taschenrechner dabei.
 

rap.de: Könntest du dir auch eine andere Karriere vorstellen in diesem Land oder glaubst du, dass eine Karriere zwangsläufig im Milieu endet, wenn man da aufwächst, wo du aufwächst?

Xatar: Nein, also da wo ich herkomme, gibt es auch Leute, die Astrophysik oder so etwas studieren. Die Erziehung ist einfach wichtig, aber es gibt Familien, bei denen das eben nicht mehr so da ist. Und es kommt auch auf die Leute an, mit denen du zusammen bist. Ich habe schon Dinge gesehen, die hat ein Astrophysik-Student eben nicht gesehen. Als der nicht mehr raus durfte, war ich noch draußen und habe Sachen mitbekommen, wo ich dann voll geil drauf geworden bin, das auch zu machen. Als Kind hat man immer Vorbilder. Der eine einen Fußballer und bei mir waren es eben die Gangster, weil die so übertrieben auf die Kacke gehauen haben. Da habe ich mir dann gedacht „Ich scheiß auf Hollywood, guck mal, was hier abgeht!“ und das war auch wirklich so. Bei den Zuhältern hier ging es richtig krass ab, auch deren Kleidung und so war so beeindruckend, dass ich eine Zeit lang Zuhälter werden wollte. Das ist bei uns Kurden das Schlimmste, die hätten mich abgeschlachtet. Frauen anschaffen zu schicken ist bei anderen Kulturen ein bisschen lockerer,  bei uns ist das das Allerschlimmste. Meine ganze Jugend lang fand ich das richtig krass. Die Frauen arbeiten für dich, du hast das Geld, du kommst überall rein und teilweise waren da so richtige Promigeschichten dabei.

rap.de: Du hast sehr unterschiedliche Statements bezüglich Geld und materiellem Reichtum. Auf der einen Seite rappst du „Egal wie mächtig Geld ist, es bleibt eine Nutte“ und auf der anderen Seite sagst du, dass du alles willst. Was bedeutet Geld denn für dich?

Xatar: Die Sache ist: Ich hasse Geld. Also, ich hasse es nicht, aber ich habe die Einstellung, dass Geld nicht das Wichtigste ist. Es ist einfach notwendig. Ich bin bekannt dafür, dass ich Geld unnötig rausschmeiße, so dass Leute wirklich zu mir sagen „Sag mal bist du behindert?“. Ich hab Freunde, die sind so verflucht geizig, obwohl die wirklich reich sind, und so etwas hasse ich über alles. Aber es ist jedem seine Sache, ich will einfach nur, dass es meiner Familie gut geht und danach kommt Geld. Viele Leute sagen, dass es ohne Geld ja auch gehen würde, aber die haben das wahrscheinlich noch nicht so richtig gespürt. Ich weiß, wie ekelhaft das sein kann. Das ist zum Kotzen und ich will da nie wieder hin. Besonders in dieser Gesellschaft gehst du ohne Geld psychisch kaputt. Ich will Geld, ich will Autos, ich will Frauen, ich will Respekt, ich will alles haben.
Guck mal, ein Beispiel: Wir drei sind befreundet, wachsen miteinander auf und du wirst auf einmal reich, weil du irgendeine krasse Sache machst. Das machst du jahrelang und obwohl wir immer Freunde waren, ist es trotzdem schwierig, weil du das Geld hast und wir Probleme haben und welches brauchen. Wir arbeiten also für dich und du bist unser Boss und der Typ, der das Geld macht. Auf einmal haben wir eine andere Beziehung zueinander, weil wir die Sachen machen müssen, die du uns sagst. So bin ich zum Beispiel nicht. Wenn ich reich bin, seid ihr auch reich. Geld muss da sein, damit es allen gut geht. Das Lachen, dass man dann da hat, ist geil. Sich keine Sorgen um die essentiellen Sachen machen zu müssen, ist auch geil. Jeder will gerne das haben, wovon er sein ganzes Leben lang träumt, aber wenn ich mal an dem Punkt bin, dann gebe ich das ganze Geld nicht für mich alleine aus, niemals. Ich habe schon immer mehr für meine Freunde getan, als für mich selbst. Oder auch für Leute, die ich mag oder die Hilfe brauchen.

rap.de: Wie wichtig ist in dem Zusammenhang Loyalität?

Xatar: Ich bin Kurde, bei uns ist Loyalität die Nummer Eins.

rap.de: Es gibt ja auch diesen Song "Paragraph 31“, da wurde Loyalität verletzt. Warum machst du das so öffentlich?

Xatar: Die Sache ist eh öffentlich. Also hier kennt die Sache jeder. Es gab die Gerichtsverhandlung. Die Sache kennt sowieso jeder.

rap.de: Aber es ist doch eine unterschwellige Drohung, oder?

Xatar: Drohung? Guck mal der Song ist zwei, drei Jahre alt. Den gibt’s nicht erst seit diesem Jahr. Der ist schon älter. Der war am Anfang ein bisschen anders, aber inhaltlich ist es ziemlich dasselbe. Ich hab den direkt gemacht, als das passiert ist. Und die Drohung, wenn dann war die von damals. Es gibt keine Drohung mehr. Sein Leben ist sowieso gefickt. Er hat ja so übertrieben vor Gericht, dass der Richter gesagt hat, dass er ihm nicht glaubt und ihm dann wegen Meineid noch was aufgebrummt hat. Dann habe ich gehört, dass er jede Nacht weint. Die ganze Nacht durch. Jede Nacht, wie ein Baby. Er wimmert die ganze Zeit, die haben das gehört. 
 

rap.de: Warum kannst du ihm nicht vergeben?

Xatar: Ich habe ihm doch vergeben. Spätestens als ich gehört habe, dass er sich schon fünfmal umbringen wollte, habe ich ihm vergeben. Das habe ich schon längst getan.

rap.de: Ist das, was ihr mit Azad gemacht habt, auch so ein Kurden-Ding?

Xatar: Musikalisch sind wir uns überhaupt nicht ähnlich, der ist da auf einer ganz anderen Welle, aber wir verstehen uns. Die Fans wollten das aber auch von Anfang an und als ich Azad dann kennen gelernt hatte, meinte er auch direkt von selbst „Lass uns was machen“. Ich wollte dann einen Kurden-Track machen, aber der war ihm etwas zu radikal und er meinte, dass wäre nicht seine Einstellung. In jedem Fall ist da ein Traum für mich wahrgeworden, Azad ist der einzige deutsche Rapper, dem ich Props gebe.

rap.de: Bist du radikaler bezüglich der Kurden-Thematik?

Xatar: Ich glaube alle Kurden haben da dieselbe Einstellung, weil alle wissen, was passiert ist und worum es geht. Nur wie man darüber redet, ist eine andere Sache. Der Unterschied zwischen mir und allen anderen, die bisher über ihre Heimat gesungen haben? Es gibt Hoffnungslieder, die einem Hoffnung geben sollen oder die darauf hinweisen, was gerade bei uns passiert. Aber das war von Anfang an nicht mein Konzept, auch nicht bei auf Deutschland bezogene Themen. Ich wollte sagen „Haltet eure Fresse, ihr seid alle dran!“, weißt du, was ich meine? Diese Leute, die unsere Feinde sind, die sind unsere Feinde.Ich meine die, die die Leute killen. Die in Dörfer kommen und einfach die Leute killen. Die wissen von gar nichts, die haben ihr ganzes Leben lang Weizen angebaut und Kühe geschlachtet, und dann kommen auf einmal diese Gestörten und killen die einfach alle. Einfach 20 Dörfer weg, alle tot. Diese Leute meine ich. Keiner weiß, was so richtig abgeht, das ist schon immer so gewesen. Was ich mit meinen Tracks sagen möchte, ist einfach, dass wir nicht vergessen, was die uns antun und die auch irgendwann dran sind und nicht denken sollen, dass sie einfach so davon kommen. Saddam ist ja schon dran gewesen. Der Typ, der den aufgehängt hat, ist Kurde und das Gericht war auch komplett kurdisch.

rap.de: Würdest du in der Gegend, aus der du kommst, gewisse Sachen ändern, wenn du es könntest?

Xatar: Das ist jetzt eine dumme Einstellung und meine Mutter würde sagen „Was redest du da für eine Scheiße?“, aber die Sachen, die negativ sind, haben mir viel gebracht. Dass ich Gut und Schlecht unterscheiden kann, solche Geschichten. Das sollte eigentlich jeder erleben, deshalb denke ich mir oft, dass ich, wenn ich mal Kinder habe, dahin gehe, wo ich aufgewachsen bin.

rap.de: Aber man kann ja auch abstürzen.

Xatar: Das kann man auch, da hast du Recht.

rap.de: Das ist ein sehr riskanter Lebensstil und wenn deine Kinder dann mit dem Blech in der Telefonzelle stehen…

Xatar: Vielleicht sage ich das jetzt auch einfach so und wenn ich dann Kinder habe, sieht es anders aus. Was ich auf jeden Fall ändern würde, wenn ich es könnte, wäre diese scheiß Aufteilung in Schulen. Das ist die größte Diskriminierung, die ich in meinem Leben mitbekommen habe, ich schwöre es dir. Diese Aufteilung nach Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist der größte Schwachsinn, den es gibt. Kinder in dem Alter zu beurteilen! Ich bin in den Pausen im Klassenzimmer geblieben, habe die Tafel aufgeklappt und die Welt drauf gemalt. Das war so in der dritten, vierten Klasse. Ich habe versucht, jedes scheiß Land in einer anderen Farbe zu malen, auf der gesamten Weltkarte. Als die eine Lehrerin rein gekommen ist, das war so eine junge, war sie total schockiert und fand das umwerfend. Ein anderer meinte dann, dass ich das wegmachen soll.

rap.de: Was glaubst du, wie viel der wirtschaftlichen Kraft in so einem Viertel durch die Arbeit im Milieu entsteht?

Xatar: Von 100 Leuten in so einem Viertel gehen 40 den guten Weg mit Schule und so. 60 versuchen es anders und 10 davon schaffen es. So läuft das einfach.
 

rap.de: Und der Rest bekommt Hartz IV?

Xatar: Der Rest ist im Knast oder abgeschoben. Da wo ich herkomme, gibt es keine Älteren mehr. Die ganze ältere Generation, und das waren verdammt viele, also alle so ab 30, sind weg. Alle im Knast oder abgeschoben.

 

rap.de: Trittst du auch live auf?

Xatar: Hast du mich mal gesehen? Boah, das ist voll mein Ding.

rap.de: Nö, wann soll ich dich denn gesehen haben?

Xatar: Da gab es schon viele. Ich hatte im September letzten Jahres meinen ersten Liveauftritt. Ich hatte noch nie vor einem Live-Publikum ein Mikrofon in der Hand, nur immer im Studio. Ich dachte mir die ganze Zeit nur „Scheiße“ und wollte das nicht machen. Dann habe ich meinen Vater angerufen, der ist ja Bühnen erfahren, und habe gemeint, wie nervös ich bin. Der meinte dann „Zieh dir einfach einen Cognac rein. Keinen Whiskey, einen Cognac. Ein Glas Cognac auf Ex, bevor du auf die Bühne gehst“, also habe ich das gemacht und bin dann bei der Show total durchgedreht. Bei den anderen Shows in der Schweiz und so habe ich dann die Bühne kaputt gemacht, Alter. In Basel hatten wir eine total krasse Location, die sah so aus wie ein Mozartgebäude. Alles mit Gold verziert, rot, mit Balkonen und in der Mitte war die Bühne. Bei dem dritten Lied von meinem Snippet, das mit der Panzerfaust, waren dann überall Securities. Die Leute sind auf die los und dann auf die Bühne um mich rum und das ganze Ding ist eingekracht. Übertrieben.

rap.de: Wie viele kommen da?

Xatar: Beim ersten Konzert waren es so 150 Leute, beim Zweiten dann 300, 400 Leute und ab da so 700. Das ist krass, wie die abgehen. Die pushen mich dann noch mehr. Die boxen sich auch während ich rappe. Richtig geil, Mann.

rap.de: Ist das dann ein hauptsächlich ausländisches Publikum?

Xatar: Nein, auch Deutsche. In der Schweiz waren auch richtig viele schweizerische Mädchen da. Hier aber auch, gut aussehende Mädchen, wirklich. In der Schweiz hatten wir einen Auftritt, wo eine VIP-Karte mit Tisch und Getränken umgerechnet 400 Euro gekostet hat. Es gab acht Tische und die waren alle ausgebucht. Zwei Tische waren Mädchen und der Rest Jungs. Da kommt einer zu mir und sagt „Siehst du die Mädchen da hinten? Die haben 400 Euro bezahlt, um da sitzen zu können“ und die haben nicht einmal hergeguckt. Also bin ich da hin und habe den Deal geklärt.

rap.de: Welche Optionen gab es da?

Xatar: Du weißt doch, wie es läuft. Ich habe gesagt „Entweder du gehst schon mal vor ins Hotel, oder wir gehen gleich zusammen“. Die lassen sich von dir die Adresse geben und wenn sie da nicht alleine hinkommen, dann sollen sie warten und wir können zusammen da hinfahren. Ganz einfach.

rap.de: Und diese Bedingungen wurden auch so akzeptiert?

Xatar: Ja, in den meisten Fällen. Nicht immer, aber meistens.

rap.de: Wie erklärst du dir so was?

Xatar: Ich weiß es selber nicht, Alter. Früher, wenn ich durch Köln gelaufen bin und ich sehe die übelste Sau, mit den übelsten Augen und so, und die kommt mir mit diesem typischen Frauengehabe… Also, sie gibt dir ihre Nummer, du rufst sie an, dann fängt das an mit dem Treffen, dann lässt sie dich doch immer nicht ran – jedes Mal derselbe Scheiß. Irgendwann klappt es dann vielleicht oder es klappt halt gar nicht. Seitdem ich dieses verfluchte Video rausgebracht habe, seitdem ich im Rap-Game bin, sitzt die Frau neben mir, ich sage zu ihr „Hör mal zu, ich will dich jetzt an deinem gesamten Körper küssen“ und sie sagt nur „Ja, hehehe“. Sie fragt nicht, warum ich so mit ihr rede, sie macht einfach mit. 

 

rap.de: Hast Du Respekt vor diesen Frauen?

Xatar: Ja. Ehrlich gesagt, ja. Das sind nette Frauen, das ist alles cool. Die sind wegen meiner Musik da. Das ist alles cool. Manchmal wird was draus, manchmal nicht.  Ich hab Respekt vor Frauen. Sehr viel. Ich hab eine Mutter. Ich hab eine Schwester.

rap.de: Es gibt ja auch die weitverbreitete Doppelmoral, man kann alles machen, aber die Frauen, mit denen man das macht, das sind alles Schlampen und geheiratet wird dann doch diejenige, die noch nie was mit einem anderen Mann hatte.

Xatar: Auf jeden Fall.

rap.de: Und wo findest du diese unberührten Frauen.

Xatar: Hier. Gibt’s genug. Gibt’s viele. Man glaubt es nicht aber ich muss sagen 2008 hab ich viele kennen gelernt, die waren unberührt. Hat mich selber gewundert.

rap.de: Bis sie dich kennen gelernt haben, dann waren sie nicht mehr unberührt?

Xatar: Nein. Vor so was habe ich Respekt. Aber Frauen wollen das eben auch so. Es gibt Frauen, die viele Sachen machen, die andere Frauen nicht machen wollen. Und die, die es nicht machen wollen, die machen’s dann eben nicht.  Die Frauen sind da nicht unschuldiger als die Männer. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Und die Frauen, die unberührt sind und dann heiraten, die wollen auch keinen Mann, der unberührt ist. Niemals im Leben. Frag die mal. niemals wollen die das. Die wollen einen erfahrenen Mann, das ist das, was sie wollen. Darauf warten die. Ihr ganzes Leben, damit ein erfahrener Mann deren Mann wird.
 

rap.de: Aha. Ok. Dazu kann ich jetzt nicht viel sagen. Kommen wir dann noch mal auf den Track "Ich Will Nicht Weg Hier“ zu sprechen. Du sagst darin „Ich bleib hier, weil mich hier die Kripo kennt. Hier bin ich Prominent. Was soll ich woanders, wo die Kripo mich nicht kennt.“ Ist das so eine friedliche Koexistenz? Oder machen die das, auf die Tour, dass sie einen beobachten und sich sagen, dass sie dann die Sache unter Kontrolle haben? Was ist das für ein Verhältnis?

Xatar: Ja das ist schon cool. Bei uns die Kripo, die ist locker. Damals früher, die haben richtig unser Leben gefickt. Bis ich 21, 22 war, da war das richtig unnormal. Jeden Tag haben die uns kontrolliert. Das war so ein Spiel. Jeden Tag Palaver. Boxen. Wir haben uns richtig mit denen geschlagen. Das sind auch nicht immer die gleichen, aber 3 oder 4 von denen sind immer dieselben. Otto und Joe, Don und Fuß. Da ist der schnellste Sprinter der Welt dabei. Der kriegt jeden. Die sind aber super. Die kennen wir schon so lange und die sind cool. Wir geben uns die Hand, wenn wir uns sehen. Keine Ausweise müssen gezeigt werden. Irgendwann hat das aber angefangen, dass andere Leute uns observiert haben. Das haben wir gemerkt. Weil die uns bei vielen Sachen dann nicht mehr so hart drangenommen haben. Da habe ich gemerkt: "Ey, das kann nicht sein." Irgendjemand hat denen gesagt: „Ey, macht mal locker, wir übernehmen das.“ Auf jeden Fall ist das später dann auch rausgekommen, dass da andere an uns dran waren, als die örtlichen Kripos. Seitdem sind wir cool. Zum Beispiel wenn ein Mann, ein Mädchen vergewaltigt hat oder auch kleine Kinder wurden auch schon mal angefasst, dann haben wir Selbstjustiz gemacht. Radikal. Aber das fanden die cool. Oder jetzt vor kurzem wurde einem Anwalt eine Rolex, also der hat eine auf die Fresse bekommen, ist irgendwo lang gegangen, dem wurde die Rolex geklaut. Und der Farin, der hat das mitbekommen, hat sich den Jungen gepackt, hat den verprügelt, hat die Rolex genommen und dem Anwalt wieder zurückgegeben. Solche Sachen machen wir auch.

rap.de: Also ihr seid fast schon Polizeikräfte. Es stimmt also auch hier: In Deutschland ist jeder ein Polizist.

Xatar: Wenn etwas unfair ist, dann geht das nicht. Gerechtigkeit ist so ein Ding. Ich bin Kurde. Ich gebe am Tag 15 Euro für Penner aus. An jedem Penner, an dem ich vorbeigehen muss, muss ich Geld geben. Ich kann das nicht. Mit dem Blick. Auch wenn die Leute sagen, die haben Geld und die können zum Sozialamt. Das kann ich nicht. 

 

rap.de: Zurück zu deinem Album. Bei dem Song "Geschichte 1“ ist ein relativ brutaler Sachverhalt dargestellt. Du hast ja auch vorhin gesagt, dass jemand, der tatsächlich was gemacht hat, das in Songs nicht so einfach preisgeben kann.

Xatar: Das hab ich nicht selber gemacht. Ich hab das mitgekriegt. Die Sache ist auch bekannt hier in der Gegend. Die Leute, die von hier sind, die wissen, was Sache ist. Ist eine bekannte Sache, aber ich war’s nicht selber.
 

rap.de: Der Song ist ja schon sehr, sehr intensiv. Stellst du dir dann so was vor? Kannst du dich in solche Geschichten reinsteigern als Künstler?

Xatar: So was passiert halt. So was passiert tagtäglich. Ich weiß nicht, warum zum Teufel so was vertuscht wird, aber so was passiert. Tag – täg –lich. Ich lese das nicht in der Zeitung. Ich weiß nicht warum. Zum Beispiel dem Typen, dem letzte Woche der Kopf abgehackt wurde. Bis jetzt haben die Bullen jeden Tag Kontrollen gemacht und jeden kontrolliert, ich weiß nicht, warum der Typ nicht in der Zeitung war. Ich hab sogar einen Typen von der Zeitung angerufen und gefragt: „Hey, warum steht das nicht in der Zeitung?“ Er meinte: „Ich weiß davon nichts.“ Aber das passiert jeden Tag und ich erlebe auch so einen Scheiß oder hab so was erlebt. Die übelsten Sachen passieren. Deutschland ist gut in dieser Vertuschungssache. In Amerika jubeln sie das ja noch hoch, aber hier sind sie gut im Vertuschen. Hier heißt es immer, es wäre doch alles okay.

rap.de: Die Auflösung in diesem Song ist dann, dass er beim Rausgehen, nachdem er die andere Gruppe aufgemischt hat und einen erschossen hat, dass dann der Anruf kommt, sie haben Ahmad erschossen.

Xatar: Guck mal, ich habe die ganze Zeit jetzt Anrufe bekommen. Einer davon war bestimmt ein Problem. Der sagt dann: „Hey da sind irgendwelche Leute und die machen Stress.“ Ich krieg aber die Namen nicht, von diesen Leuten. Dann fahren wir da hin und dann kann das sein, dass dann irgendwie der Cousin oder der kleine Bruder von jemandem dabei ist, den ich dann wieder kenne. Das passiert. Das kann passieren.

rap.de: Wäre es da nicht eine Möglichkeit, dass man die Dinge vorher klärt? Das man miteinander spricht?

Xatar: Das Problem ist, dass diese Leute Reden als Schwäche empfinden. Ich weiß nicht warum, aber wenn man redet, dann akzeptieren die das nicht. Dann denken die, dass man schwach ist. Und dann denken  die, dass sie Faxen machen können und das geht nicht. Das kann man sich nicht leisten, auf gar keinen Fall.
 

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