Kano

Nach Home Sweet Home und London Town meldet sich der gerade mal 23-jährige Brite zurück. Mit freshem neuem Album 140 Grime Street, veröffentlicht über eigenes Label Bigger Picture Music traf ich einen weniger freshen, gerade in Berlin angekommenen Kano im schicken Shiro I Shiro, dem weissen Schloß in Mitte. Wie es zur Kollaboration zwischen dem jungen Gentleman und Marteria kam, warum er 679 verließ und wie er zu seiner Heimat London steht – das alles hier und jetzt.

 

rap.de: Ein Name, der Fragen aufwirft, ist der deines Albums, "140 Grime Street". Was bedeutet dieser Titel?

Kano: Es ist das Konzept hinter der Musik. 140 ist die Anzahl der BPM in traditioneller Grime Musik und der Style ist von der Straße. Du hörst Grime überall in den Straßen. 

rap.de: Wie kommt es, dass sich die meisten deiner Album-Titel auf dein Zuhause beziehen? "Home Sweet Home", "London Town", du scheinst deine Stadt zu representen wo du nur kannst. Ist das so und in wie weit ist London kreativer Input für dich und deine Musik?

Kano: Ich werde von mehreren Orten dieser Welt kreativ beeinflusst. Jamaika ist einer davon, Dancehall Musik, die Staaten bilden mit Hip Hop ihren Einfluss, aber London ist mein Zuhause und deshalb Haupteinflussquelle. Die Titel der Alben kommen erst nachdem das Album fertig ist und nicht umgekehrt. Ich höre der Musik zu und sie sagt mir, was es ist. Es ist London, es ist Heimat. Ich denke, ohne London hätte ich es nie soweit gebracht. Viele Leute fliegen in die Staaten um aufzunehmen oder nach Frankreich, aber ich muss hier sein, ich muss mittendrin sein. Vielleicht mache ich das eines Tages anders, aber momentan ist London die Nummer Eins.

rap.de: Wo wurde "140 Grime Street" aufgenommen?

Kano: In Ilford/London, im Schlafzimmer eines Freundes. Da liefen Kinder rum und Leute haben geschrien…

rap.de: …und das Mic war im Badezimmer?

Kano: So in der Art.. (lacht)

 

rap.de: Das ist dope. Was ist momentan kreativer Input in London?

Kano: Es gibt viele Kids da draußen momentan. Viele gute Untergrundkünstler wie Chipmunk, Ice Kid, Criminal. Gleichzeitig gibt es verdammt gute MCs von der Straße wie Ghetto. Musik aus England hat mich immer schon inspiriert. Wiley, Heartless Crew und die komplette Garage-Szene. Ich glaube, wir inspirieren uns gegenseitig sehr viel und geben einander die nötige Energie. Das ist die Art Szene, die wir sind, nur deshalb konnten wir auch so einen einzigartigen Sound kreieren wie diesen, weil wir nicht außerhalb des UK nach Inspiration suchen. Bevor es uns gab, gab es einen Haufen MCs, die einfach einen amerikanischen Akzent aufgesetzt und einen auf Jay-Z gemacht haben. 

rap.de: Wer denn zum Beispiel?

Kano: Die meisten. Roots Manuva  war einer der ersten, der einen ganz eigenen kreativen Style hatte und wir kommen mit der gleichen Mentalität – wir wollen klingen wie wir, wollen aussehen und uns ausdrücken wie wir, alles auf unsere eigene Art und Weise.

rap.de: Witzig, dass du das sagst, denn von Deutschland oder zumindest von mir aus, scheint es so, als gäbe es verdammt viel Beef unter den Crews und MCs. Als wäre es gar nicht eins.

Kano: Die Medien versuchen natürlich unsere Musik mit den aktuellen Themen zu verbinden, wie nun mal Jugendkriminalität und so was. Aber das hat nicht viel mit der Musik zu tun, denn die ist mit Sicherheit eine Sache, die Menschen zusammenbringen kann. Für eine gewisse Zeit war das ganz und gar nicht so. Da hatten wirklich viele Beef miteinander, aber das hat sich geändert. Wir machen jetzt unbekümmert Musik miteinander. Ich habe kürzlich ein Video gedreht mit Wiley und Ghetto zur Single "She Glows“, was zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind uns zu vereinigen und zu lernen, wie man das macht. Ich habe auch Skepta und Ghetto auf meinem Album, Da Vinci und Mikey J als Produzenten und wir sind alle zusammen aufgetreten bei einem meiner Konzerte in London. Das war ein schöner Anblick. Ich werde in Zukunft auf jeden Fall mehr mit Leuten außerhalb meines eigenen Kreises arbeiten.

rap.de: Dein Album klingt für mich ein wenig so, als hättest du versucht, ein größeres Publikum anzusprechen ohne deinen eigenen Stil zu verraten. Ist das ein unvermeidbarer Kompromiss, den man als Künstler eingeht? Von vielen gemocht zu werden und doch seiner eigenen Linie treu zu bleiben?

Kano: Ja das ist es, immer. Wenn ich versuchte, ihn (zeigt wahllos auf einen Mann) dazu zu bringen mich zu mögen, dann würde mich der Typ von der Straße, der mich immer schon mochte, wahrscheinlich nicht mehr mögen. Wenn man aber etwas zu krampfhaft versucht, dann geht man tatsächlich einen Kompromiss ein, aber manchmal kann man sich gar nicht in der Mitte treffen, sondern bleibt nur in der Mitte stecken. Es wird immer einen geben, der dich nicht mag. Ich versuche daher, nicht mit einem Album oder einem Song alle Publika für mich zu gewinnen, aber über die Jahre wurde ich von so vielen verschiedenen Musikarten geprägt, dass ich mit der Zeit immer neue Kreise begeistern konnte. Es ist ganz natürlich passiert. Besonders mit diesem Album habe ich versucht mir so treu zu bleiben und es ist so nah angebunden an meine Grass Roots-Leute, dass es mir einfach egal war, ob es Mainstream kompatibel wird. 

rap.de: Das ist krass, denn es hört sich genau nach dem Gegenteil an.

Kano: Nein, die meisten der Songs wurden noch nicht mal im Radio gespielt. Radio1 zum Beispiel hat der Single keine Rotation gegeben, das Video zu "Hustler“ war zu explizit, die Fernsehsender wollten es nicht spielen. Doch genau so ein Video wollte ich auch machen, eins das nicht gespielt wird. Ich wollte, dass jeder es hört, aber gleichzeitig tat ich nichts, was nötig gewesen wäre, um mein ursprüngliches Ziel zu erreichen. Also gab es in diesem Fall keinen Kompromiss und trotzdem schlug es in die Charts ein, hatte unglaubliche Online-Präsenz auf Youtube, Myspace und all dem. Ich musste keinem TV- oder Radiosender hinterherlaufen.  

 

rap.de: Glaubst du, ohne Kompromiss ist deine Musik interessanter?

Kano: Sicher. Auf eine gewisse Weise schon. Dieses Mal schon.

 

rap.de: Was war mit “London Town”? Das wurde ja sogar in den USA verkauft, richtig?

Kano: Manche Alben landen drüben in den Regalen, ohne dass es ein offizielles Release gab. Wir waren dort und haben ein paar Shows gemacht, aber Europa ist cool für mich. Ich bringe meine Alben in vielen Ländern hier raus und das reicht mir vorerst. 

rap.de: Also sind die USA kein angestrebtes Ziel?

Kano: Im Moment gar nicht. Dieses Album richtet sich an die Grime-Szene und ich weiß nicht, ob Amerika das verstehen würde. Um die Leute dort für Grime zu begeistern, müsste man mehr Zeit drüben verbringen, die Menschen und ihre Musik studieren. Aber dann würde ich einen Teil meiner Fanbase hier verlieren. Vielleicht versuche ich es eines Tages, wenn die Zeit dafür reif ist. Es ist alles eine Frage des Timings.

rap.de: Was hältst du von Dizzee und seinen US-Releases?

Kano: Ich weiß davon und wenn er meint, er hat die richtigen Tracks für die Leute in den Staaten, dann soll er doch sein Ding machen. Ist mir sonst eigentlich egal.

rap.de: Wie siehst du denn deinen eigenen Status im Moment? Bist du ein Grime-Rapper? Gibt es das überhaupt? Oder bist du unabhängig und frei von Genres?

Kano: Nee, das wär ich gerne aber die Leute lassen so was nicht zu. Alles braucht eine Betitelung für die Meisten. Ich sage ihnen, sie sollen mir kein Etikett verpassen, aber am Ende des Tages braucht alles seine Kategorie. Ich nenne mich selbst manchmal einen Rapper, manchmal einen Grime-MC. Was für Musik mache ich? Hip Hop, Grime, etwas von allem. “Typical Me” zum Beispiel. war etwas rockiger, ganz und gar kein typischer Grime-Track. Ich glaube über die Jahre habe ich was entwickelt, was mich immun macht gegen Einzelbegriffe.

rap.de: Heißt deshalb dein Label "Bigger Picture Music“?

Kano: Da ging es weniger um die Musik und mehr ums Business. Es geht darum, ein größeres Bild zu sehen, weniger engstirnig zu handeln und neue Verfahrensweisen für Musikveröffentlichungen zu entdecken, weg von denen der Major Labels.

 

 rap.de: Bildet dies auch den Anreiz dazu, mit Künstlern aus anderen Ländern wie Marteria zusammenzuarbeiten? Zu expandieren?

Kano: Ja, definitiv. Das war für uns beide nur positiv. Ich hatte vorher schon gehört, dass er sein Ding im Untergrund macht und ich wollte, je nach Land, eine Version von "Hustler“ mit einem lokalen Künstler machen. Für Deutschland habe ich Marteria, in Schweden habe ich Adam Tensta und ich plane noch eine französische Version.

rap.de: Mit welchem französischem Künstler würdest du gerne zusammenarbeiten?

Kano: Ich weiß es noch nicht so genau. Ich wollte Booba, aber er war grade auf Tour, als wir ihn angeschrieben haben. Abgesehen von "Hustler“ würde ich einfach Beats-technisch gerne mit Booba zusammenkommen. Er ist wicked. Man sollte mehr mit anderen Ländern zusammenarbeiten. Man klebt irgendwie zu sehr an den Leuten aus der eigenen Region und wenn man Features macht, dann mit Amis. Man sollte sich in Europa mehr unterstützen. 

 

 

rap.de: Wie ist es letztendlich zur Kollabo mit Marteria gekommen? Wer hat euch vorgestellt?

Kano: Es ging über das Management. Die meinten, Marteria würde den Track gerne machen. Ich habe ihn mir angehört und dachte „Cool“, aber kennen gelernt habe ich ihn erst beim Videodreh. Er wird auch bei der Show dabei sein heute Abend. Er ist ein cooler Typ, ich mag ihn. Wir haben das Video in London gedreht, also kam er zu uns. Er ist verrückt, aber er ist cool. Als wir angefangen haben zu filmen, hatte er seine Kapuze tief im Gesicht, den Blick nach unten gerichtet, die Arme zusammengefaltet und ich dachte nur so „Bitte nicht, der wird doch nicht das ganze Video durch so da sitzen!“ Ich dachte, er will mich verarschen, aber dann habe ich gecheckt, dass er zugehört hat, um sich besser an die Lyrics zu erinnern.

rap.de: Wusstest du, dass er zwei Persönlichkeiten präsentiert – Marteria und Marsimoto? So wie Madlib mit Quasimoto ungefähr.

Kano: (lacht) Fuckin’ hell! Das wusste ich nicht, aber es erklärt einiges!

rap.de: Aber mit der Kollabo bist du zufrieden?

Kano: Absolut. Er ist großartig.

rap.de: Okay. Ich finde deine Musik sehr vielfältig und wie du schon bestätigt hast, gelingt es dir, immer anders zu klingen. Du hast sogar auf deinem ersten Album “War Pigs” einen Klassiker von Black Sabbath gesamplet. Parallel litt Grime immer mehr unter seinem schlechten Ruf, Shows wurden gecancelt, weil Veranstalter Angst vor gewalttätigem Publikum hatten. Hast du das ein wenig vorhergesehen und bist deshalb so experimentierfreudig?

Kano: Auch Shows von mir wurden gecancelt, aber das hat nichts mit meiner Musik zu tun. Ich experimentiere einfach mit Musik Punkt. Manchmal mache ich Tracks und kann gar nicht erklären, wie. Jemand anderes hört es und sagt mir, dass es sich rockig anhört oder wie ein Track, den ich vor Jahren mal gemacht habe oder wie dieses oder jenes Genre. Aber ich habe es einfach gemacht und hatte keinen Plan von irgendeinem Genre. Erst danach hört man raus, was man da gebaut hat. Man geht nicht ins Studio und denkt sich „Heute mache einen Heavy Metal-Song.“ Es passiert einfach so und nicht weil Grime in ein schlechtes Licht gerückt wird. Viele Heads, die Grime-Musik machen, haben keine Ahnung von Musik. Obwohl sie unbewusst von vielen Richtungen geprägt sind, durch Radio, Familie was auch immer. Ich kannte “War Pigs” auch nicht, bevor wir es nutzten. Ich wusste auch nicht, dass es ein legendärer Song war. Als ich es herausfand, wollte ich damit gar nichts zu tun haben. Ich fand, es war eins dieser Lieder, an die man nicht rankommt. Ich hatte ein wenig Angst vor den Reaktionen der Leute.

rap.de: Jetzt releast du aber über dein eigenes Label. Dadurch verfügst du über jegliche künstlerische Freiheit. Was ist mit 679 passiert?

Kano: Lange Geschichte… 679 wurde von der Warner Music Group aufgekauft und ich wurde in eine ganze Menge Labelpolitik verstrickt, von der ich überhaupt kein Teil sein wollte. Es wurde einfach zu einem Ort, an dem ich nicht mehr sein wollte. Ich wäre jetzt da gefangen und hätte nie mein Album rausbringen können. WMG hätte mich irgendwelchen Leuten zugeteilt, auf die ich keinen Bock hätte und umgekehrt. Ich bin echt froh raus zu sein und mein eigenes Ding machen zu können.

rap.de: Ist das wirklich so leicht? Sagt man einfach “Haut rein” und macht sein eigenes Ding?

Kano: Ich hatte in meinem alten Vertrag zwei Alben festgelegt, die ich auch dort produziert habe, von daher war es leicht zu gehen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten sie mich festgehalten und ich wäre nirgendwo hin gegangen. Was hätte ich dann tun sollen? Mit so was legt man sich nicht an. Ich wollte seit  “London Town” so ein Album wie “140 Grime Street” produzieren. „Grime MC“ wäre die erste Single darauf gewesen, jetzt ist sie ein Bonus Track, aber WMG hätte mich, rein rechtlich schon, niemals so ein Album produzieren lassen. Es wäre zu explizit für sie gewesen. Also musste ich raus. 

rap.de: Wie ist es für dich, dein eigenes Label zu führen? Wie kann man sich das vorstellen? Trägst du einen Anzug und hast feste Bürozeiten?

Kano: Ich bin immer noch ein Künstler und als Künstler trifft man ab und zu dumme Entscheidungen. Man muss natürlich auch ein Geschäftsmann sein, aber als diesen sehe ich mich nicht. Jay-Z ist einer, den kann man sich im Büro mit Anzug vorstellen, er wickelt Geschäfte ab und dann zieht er ein Cap und eine Kette aus der Schublade und ist der Rapper. Clark Kent-Style. (lacht) Doch da bin ich noch nicht angekommen. Ich drehe teure Videos, die keiner zeigen will. Was für einen Sinn macht das? Welches Label würde dir das erlauben? Genau da liegt aber auch das Schöne an der ganzen Sache. Ich bringe mein Album selber raus, es ist nicht kommerziell, aber trotzdem im richtigen Licht. Ich gebe große Konzerte, ich muss mit Major Labels konkurrieren, was auf die Dauer anstrengend wird, aber ich bin frei.

rap.de: Ich habe mal gelesen, dass du dich im Grime limitiert und eingeengt fühlst. Andererseits scheint es so als kehrtest du zurück zum Grime. Empfindest du eine Hassliebe gegenüber Grime?

Kano: Du hast keine andere Chance, du kannst es nur lieben und hassen. Ich selber fühle mich darin nicht eingegrenzt, aber ich glaube, andere könnten sich so fühlen. Ich habe den Leuten von Anfang an gesagt, dass ich weder Grime-MC noch Hip Hopper bin.

rap.de: Was bist du dann?

Kano: Ich weiß es wirklich nicht. Einfach ein Künstler, der diese ganzen Musikstile macht. Wenn ich da raus gehe und mich selber als Grime-MC betitele, was kann ich dann noch viel anderes machen außer Grime?  Ich will einfach experimentieren. Ich mache Musik seitdem ich 15 bin. Ich habe einen Deal gekriegt, da war ich 19. Ich habe immer schon Musik gemacht. Wenn es diese Plattform nie gegeben hätte und all diese Namen, würde ich immer noch Musik machen, weil ich sie liebe.

rap.de: Du rappst: “Now its back to Grime cause they’ve been missin me like Madeleine”. Wer ist Madeleine und haben sie dich vermisst oder hast du Grime vermisst?

Kano: Manche Leute meinen, ich hätte diese Zeile nie bringen sollen. Madeleine ist das kleine englische Mädchen, das in Portugal entführt wurde. Es ist nicht witzig, aber das ganze Land vermisst sie. Und die haben mich definitiv vermisst!

rap.de: (lacht) Hast du Grime vermisst?

Kano: Ja und  ich war doch immer da. Ich musste was machen, um ihnen zeigen, dass ich da war, weil sie mich mehr vermisst haben als ich Grime! (lacht) Natürlich habe ich es auch vermisst. Egal wie viele tolle Shows du im Ausland machst, manchmal muss man zurückkommen zu einem guten alten Rave und einfach ein bisschen emceen.

 

 

rap.de: Wo ist deine jetzige Position? Wie wichtig ist die Zeit, die man sich zwischen zwei Alben lässt? Wächst man in der Zeit, kommt ins Studio und macht ein Album, das das neue Ich der Welt präsentiert?

Kano:  Ich wünsche mir wirklich, dass ich das eines Tages wie Dr. Dre machen und mir acht Jahre Zeit lassen kann, aber momentan geht das nicht. Ich mache alles gerne in möglichst kurzer Zeit, aber das ist nicht immer möglich. Ich will auch keine halbherzige Musik auf den Markt schmeißen. Musik, die ich viel besser hingekriegt hätte, wenn ich mehr Zeit investiert hätte. Mit eben dieser Mentalität kannst du aber ein Album nie fertig kriegen, denn wann ist ein Album fertig? Wenn du 14 Tracks hast? So einfach ist das nicht und oft, wenn man es dann fertig hat, macht man diesen einen Track und beißt sich in den Arsch, weil man nicht noch etwas gewartet hat, um ihn auch noch auf das Album zu hauen. Das Auswahlverfahren von Songs kann ewig dauern. Also ist das Album fertig, wenn es richtig klingt. Jedes Album fängt eine gewisse Zeit ein und das ist die Magie des Albums. Du kannst darauf zurückschauen und dir sagen „Zu der Zeit habe ich so und so getickt.

 

 rap.de: Von Deutschland aus sieht es immer so aus, als gäbe es ein paar große Grime-Künstler. Du, Dizzee, Wiley, Sway, Lady Sovereign oder Lethal Bizzle, aber dafür Tonnen von verschiedenen Styles. Garage, Dubstep, Sublow, Grime, 2Step, Bassline… Früher in London hat einfach jeder Garage dazu gesagt, in Deutschland haben sie es dann aber 2Step genannt und dachten, Craig David hätte es erfunden. Also wer ist was? Break it down.

Kano: (lacht) Es wurde echt verwirrend, so verwirrend, dass es schon lächerlich war. In jedem Interview fragten sie dich, wie zum Teufel man diese Musik nennt. Sogar Wiley fragte “Wotchu Call It” und zu dieser Zeit, wusste es wirklich keiner! Die Künstler bestimmen nicht ihr Genre, ihre Musik bekommt einfach einen Stempel und in diesem Fall hatte „Grime“ die hartnäckigste Tinte. Manchmal frage ich mich, ob das beim Hip Hop auch so war. Jammte Afrika Bambaataa im Park und verkündete dann: „Das nennt man Hip Hop“? Ich glaube kaum.

 

rap.de: Das ist wahr. Hip Hop ist ein großer Pool.


Kano:
Genau, und das gleiche wünsche ich mir auch für Grime. Du kannst Hip Hop von der Westcoast sein, du kannst Crunk sein oder Eastcoast, Conscious, Deep, Slow-Beats Hip Hop oder Neptunes, aber es ist alles immer unterm gleichen Schirm – Hip Hop. Bei Grime ist es anders, Leute wollen nur einen ganz bestimmten Stil Grime nennen, aber wenn man sich Sachen wie  “Wearin My Rolex” von Wiley anhört, dann merkst du, dass es mehr eine Elektroschiene des Grime ist. 

 

rap.de: Ist das aber noch Grime?

 

Kano: (lacht) Nicht wirklich. Aber selbst wenn es nicht so klingt wie "typischer" Grime, warum kann man es nicht trotzdem so nennen?  Oder Bizzle’s “POW”, was ein wirklich schnelles Tempo hat, eine Art Up-Tempo Grime. Es könnte doch alles das Feld Grime sein nur mit verschiedenen Spektren. Sogar Mary J. Blige ist Hip Hop oder T-Pain, obwohl sie R’n’B oder etwas komplett Neues machen, aber sie sind unter dem Hip Hop Schirm. So was will ich bei Grime auch sehen. 

 

 

rap.de: Glaubst du, wenn das der Fall wäre, dass du dich mit all diesen verschiedenen Künstlern vergleichen wolltest oder könntest? Es kämen ganz neue Künstler, die anders klingen könnten. Denkst du es würde dir gefallen, mit denen dann im gleichen Pool zu schwimmen?

 

Kano: Wenn es soweit wäre, müsste man es wohl. Man hätte keine Chance. Man wird sowieso immer verglichen als Künstler und obwohl viel von dem was rauskommt totale Scheiße ist, meint irgendjemand, dich vergleichen zu müssen. Das macht mich manchmal richtig wütend, aber du musst damit cool sein, weil es immer wieder passieren wird.   

 

rap.de: Wenn man dich so reden hört, dann möchte man erst recht wissen, wo du deine Position in dem ganzen Grime Ding siehst. Langsam kommen ganz andere Farben durch.  

 

Kano: Um ehrlich zu sein, zusammen mit Wiley bin ich einer der Leader. Wiley ist aber ein anderer Fall, er nennt sich den „Godfather“ (lacht). Er hat einen wichtigen Teil dieser Brücke von Garage zu Grime gebaut und spielt bis heute eine große Rolle. Er ist so was wie der Gründer des Ganzen und ist für den Wandel im Sound verantwortlich.   

 

rap.de: Wer hat die weiteren Teile dieser Brücke gebaut?  

 

Kano: Ich würde sagen Sticky, mein Produzent, hat den allerersten Teil dieser Brücke gebaut. Wiley hat dann den Track "Eskimo“ gemacht und der war absolut kein Garage mehr. Der Style, den MCs heute spitten, ist in gar keinem Maß vergleichbar mit dem was Old School Garage Heads gespittet haben. Heute ist der Style mehr Hip Hop nur auf anderen Beats. Was musikalische Styles angeht, gab es damals nichts außer Garage. Bassline und alles kam erst später, auch wenn alle meinen, dass sie es schon länger machen, aber England es nicht hören wollte.  

 

rap.de: Glaubst du nicht, dass es schon immer verschiedene Styles gab, die jetzt zu Grime fusioniert sind?  

 

Kano: Wie gesagt, das ist einfach dieses Ding mit Leuten, die jeder Kleinigkeit einen Namen geben müssen, aber am Ende des Tages ist doch alles Garage.  

 

 

rap.de: Geht man da nicht einfach zurück zum Ursprung? Ich meine, Grime ist diesen langen Weg gegangen, durch all diese Namen und jetzt sitzt du hier und behauptest, es sei doch alles Garage.  

 

Kano: Irgendwie schon. Garage wird nur wahrscheinlich nicht der größte aller Stile werden. Grime wird immer da draußen sein, der Rest kommt und geht. Bassline hat keine Künstler mit lyrischer Relevanz. Um zurück zu kommen zu deiner Frage mit den Künstlern, die immer die gleichen waren. Sie haben schon oft gewechselt nur Wiley ist durch wirklich viel gegangen. (lacht) Wiley war schon MC als Jungle kam. Er war der Mann im Jungle, er der Mann im Garage und er ist der Mann im Grime. Er hat viel Scheiße durchgemacht!  

 

rap.de: Was mir, so wie vielen anderen, in London aufgefallen ist, ist die hohe Rate an Jugendkriminalität, die jugendlichen Mütter überall, die Kinder, die sich gegenseitig abstechen. London ist eine der territorialsten Städte, die ich kenne. Glaubst du, du kannst diese Kinder mit deiner Musik positiv beeinflussen und mit deiner Plattform ein positives Vorbild für diese Kinder sein?  

 

Kano: Ich denke, wenn man das richtig macht, dann schon. Aber es geht nicht unbedingt um die Musik sondern um die Person, die dahinter steht. Wenn ich jetzt einen Song mache, indem ich rappe “put down the guns”, dann wird es nie zu diesen Kids durchdringen. Die hören auf nix, aber wenn jemand sagt, ich bin durch die gleiche Misere gegangen, dann werden sie es respektieren. Die wollen keine perfekten Menschen und ich will nicht versuchen, ein Vorbild zu werden, denn ich habe selber noch zu viel zu lernen. Also warum soll ich ihnen was vorheucheln? 

 

rap.de: Deine Mutter ist eine Lehrerin. Vielleicht steckt auch in dir ein Lehrer, der anderen was beibringen will.

 

Kano: Nein, gar nicht. Ich könnte mich nie in dieser Lehrer-Rolle sehen. Ich versuche jüngeren MCs was mit auf den Weg zu geben, dass sie keine Angst davor haben sollen, anders zu klingen, weil das auch etwas ist, das ich in meinen Songs beweisen kann. Aber ich predige nicht herum und belehre Menschen. Ich tue, was ich tue und wer folgt, folgt und wer nicht, eben nicht.  

 

rap.de: Abgesehen von deiner Einstellung und Lyrics, wie weit glaubst du spielt Aussehen eine Rolle beim Erfolg?

 

Kano: Ah, jetzt geht’s los! Und die nächste Frage wird wahrscheinlich etwas mit Frauen zu tun haben, oder?  

 

rap.de: Das halte ich für ein Gerücht, von dem ich mich weit distanziere! (lacht)

 

Kano: Ich versuche mir zu sagen, dass mein Aussehen keine Rolle spielt aber ich könnte mich da selbst belügen. Aber selbst wenn du echt hässlich bist und dich wie ein Gammler anziehst, wird irgendwem dein Look gefallen und schon spielt dein Aussehen eine Rolle.  

 

rap.de: Stimmt, aber das ist ja nicht dein Image.   

 

Kano: Ich weiß es nicht. Ich glaube Mädels gehen nicht los und kaufen Musik, die ihnen nicht gefällt. Sie kommen vielleicht zu den Shows (lacht). Und dann merkt man es auch, aber davon sehe ich nicht viele. Ich versuche mich immer auf meine Lyrics zu konzentrieren und die Leute mit meiner Musik zu beeindrucken, auch wenn es genug gibt, die mich einen Posterboy nennen. Was soll’s? Keep it movin‘!   

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