Roots Manuva

Roots Manuva, ein Künstler der immer wieder für interessante Sounds aus den Bereichen Hip Hop, Dancehall und Raggae sorgt, schafft es auch noch bei seinem sechsten Album zu überzeugen. Wir trafen ihn in einem Berliner Hotel und obwohl er schon einige Promotermine zuvor hatte, nahm er sich alle Zeit der Welt, um alle Fragen ausführlich zu beantworten. Unter anderem sprachen wir mit ihm über gewalttätige Jugendgangs in England, seine neuesten Projekte und was er eigentlich so macht, wenn er mal frei hat. Aber lest selbst.

rap.de: Was hast du die letzten zwei Jahre gemacht, außer an deinem aktuellen Album “Slime And Reason” zu arbeiten?

Roots Manuva: Ich habe im Bereich Film gearbeitet. Einen Part in einem Feature-Film, versucht einen Kurzfilm zu drehen… Habe an ein paar Essays geschrieben, die ich aber jetzt noch niemandem zeigen möchte. Ansonsten habe ich mit meiner Biografie angefangen, aber das ist nicht so einfach. Es soll um mein gesamtes Leben gehen und deshalb kann man das nicht in ein paar Monaten abwickeln. Da brauche ich dann auch vielleicht etwas Hilfe, deshalb habe ich außerdem mit dem Malen angefangen, ein paar Gemälde, aber das hat mich auch wahnsinnig gemacht (lacht). Im Endeffekt habe ich viele verschiedene Sachen gemacht. Ich habe ja Kinder, also bin ich auch ein bisschen Rollschuh gefahren.

rap.de: Also ist es für dich immer noch möglich auf der Straße mit deinen Kindern herumzulaufen, ohne von jeder dritten Person angesprochen zu werden?

Roots Manuva: Es ist immer noch möglich, ich glaube, ich habe da wirklich Glück. Aber es gibt auch Momente, in denen ich mir denke „Oh mein Gott, ich bin hier mit meiner Familie. Warum bedrängen die mich jetzt?“. Natürlich wird das niemals so schlimm sein wie bei Britney Spears, aber es ist manchmal trotzdem belastend. Auch wenn jemand sagt, er hätte mich in dem und dem Zug in diese Richtung gesehen. Es erscheint mir dann so, als würde jeder wissen wo ich bin und ich mich nicht bewegen kann, ohne gesehen zu werden.

rap.de: Also fährst du immer noch mit der U-Bahn?

Roots Manuva: Ja, sehr oft sogar. Die Leute sagen immer „Oh, was machst du denn hier unten?“. „Was glaubt ihr, was ich hier mache? Es ist billiger!“. Weißt du, wie oft mir mein Auto schon abgeschleppt wurde? Es gibt einfach nirgendwo Parkplätze und wenn, dann ist es sowieso zu teuer. Beinahe neun Euro für eine Stunde!

rap.de: Wofür steht eigentlich “Slime And Reason”?

Roots Manuva: Es ist mein Slang und meine Abänderung des Satzes „Rhyme And Reason“. Es sollte eine gewisse Sanftheit enthalten und das ist bei „Slime And Reason“ einfach logischer. Wenn „Rhyme And Reason“ die Technik und Schärfe von Bruce Lee darstellt, ist „Slime And Reason“ mehr der betrunkene Meister, wie der Filmcharakter Blazing Settles, der nur scharf schießen konnte, wenn er seinen Whiskey hatte. Also ist „Slime And Reason“ meine Auffassung dieser Technik, das Chaos zu nutzen, um Stabilität zu finden.

rap.de: In einem älteren Interview hast du gesagt, dass es an der Zeit wäre, einen Schritt zurück zu gehen, in den Untergrund, und damit mehr Geld zu sparen. Was hat es damit auf sich?

Roots Manuva: Du hast ein geringeres Risiko, konzentrierst dich auf das, was ansteht und verschwendest nicht zuviel Zeit damit, neue Märkte zu erschließen. Es ist besser, etwas für die Leute zu machen, die dich schon kennen, als sich irgendwo hin vorzuwagen, um zu versuchen, neue Fans für sich zu gewinnen. Mein Management wird mich für diese Aussage wahrscheinlich schlagen, aber es gab Situationen in meiner Karriere, in denen ich auf der Bühne stand, mich umsah und dachte „Jesus Christus, für wen zur Hölle spiele ich hier?“. Ich bin dankbar für die Leute, die bei einem Festival vor der Bühne stehen und sich für meine Musik interessieren, obwohl sie sie nicht kennen, aber innerlich denke ich mir, dass ich lieber in einem Club vor 500 Leuten spielen würde, die meine Musik kennen.

rap.de: Hip Hop ist offensichtlich ein Teil deines Lebens. Interessierst du dich auch für die anderen Elemente dieser Kultur wie Breakdance, DJing oder Graffiti?

Roots Manuva: Ich bin ein schrecklicher Sprüher, aber ja, ich bin früher immer rumgerannt und habe ein bisschen getaggt. Aber das ist lange her. Mein DJ hat mir mal versucht, das Scratchen beizubringen, aber ich bin einfach nicht gut. An allererster Stelle bin ich aber immer noch Fan, kein Musiker.

rap.de: In den letzten Jahren ist es des Öfteren vorgekommen, dass bekannte Rapper angegriffen wurden. Ist das in England auch so?

Roots Manuva: Ja, das gibt es. Das war aber schon immer so.

rap.de: Lassen sich viele von Bodyguards schützen?

Roots Manuva: Ja, da gibt es einige. Ich erwähne ihre Namen jetzt nicht, aber die Leute bewegen sich gerne in größeren Gruppen. Aber ich habe bisher noch nicht gehört, dass jemand von der Bühne geschlagen wurde.

rap.de: Was ist mit London? In der letzten Zeit gab es viele Verbrechen, die mit Gangs in Zusammenhang gebracht wurden.

Roots Manuva: Das ist nicht erst seit kurzem so, es wird nur erst jetzt darüber berichtet. Ich persönlich kriege solche Vorfälle schon seit Jahren mit, aber wir befinden uns jetzt in einer Situation, in der sehr viel aus den USA übernommen wird. Seltsame Sachen passieren, seltsame Gangs mit verschiedenen Farben und Postleitzahlen tauchen auf, alles wird schlimmer. Aber diese ganze Gewalt war schon vorher da, es wird jetzt nur mehr darüber berichtet. Wie in Liverpool, wo verfeindete Fußballfans aufeinander geschossen haben. Das ist bizarr.

rap.de: Inwiefern kann ein Künstler da auf seine Hörer einwirken?

Roots Manuva: Ich denke, ein Künstler kann den jungen Leuten Aufmerksamkeit widmen und versuchen, eine Diskussion zu entfachen. Zum Beispiel, wie man seine Energie zum Kampf nutzen kann. Nicht zum Kampf gegen uns selbst, sondern gegen die Maschinerie. Während wir so beschäftigt damit sind, uns oder unseren Stolz gegen irgendwelche kleinen Gangs zu verteidigen, schaffen wir eine Situation, in der wir der Polizei mehr Macht geben, um neue Gesetze zu erlassen und uns damit selbst in den Fuß schießen. Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass ein Künstler wirklich sagen kann „Hört mit dem Töten auf!“, er kann nur zum Nachdenken anregen.

rap.de: Was denkst du über Videoüberwachung, wie sie ja in London sehr extrem ist? Glaubst du, dass es besser wäre, das Geld anderweitig zu verwenden?

Roots Manuva: Das ist eine schwierige Frage, ich sehe sowohl die Vorteile als auch die Nachteile. So wie die Maschine dich beobachten kann, so kannst du auch in sie eindringen. Es geht darum, die Informationen zu verbreiten und darüber zu diskutieren und eine Plattform zu schaffen, auf der sich nicht nur die Jugend selbst darstellen und die Technologie als Vorteil nutzen kann.

rap.de: In einem YouTube-Video hast du "Again And Again“ vom neuen Album als deinen Lieblingssong bezeichnet. Warum?

Roots Manuva: Er steht mir nicht nur am nahsten, wenn ich ihn höre, bringt er mich immer zum Lachen. Das ist wirklich ziemlich verrückt. Da sind diese ganzen Rohelemente, die zusammengefügt wurden und dann auch wirklich immer wieder funktionieren.

rap.de: Vielen Künstlern, deren erstes Album eingeschlagen ist wie eine Bombe, tuen sich schwer damit, ihr nächstes Album heraus zu bringen, weil sie Angst haben, es könnte nicht so gut angenommen werden. Du selbst bringst jetzt dein Sechstes raus, misst du dich immer noch an dir selbst?

Roots Manuva: Es gibt immer diesen Moment, in dem man sich denkt „Ja, ich muss denselben Erfolg erreichen wie mit meinen ersten beiden Alben“. Manche fanden das Erste besser, Andere das Zweite. Ich habe aber immer im Hinterkopf, die Leute dazu bringen zu wollen, dass sie sagen „Das sechste Album war der Hit, weil es mich an die Unverbrauchtheit des Ersten erinnert“.

rap.de: Kommen wir zu einem anderen Thema. Du meintest, du hättest mehrere Kinder, ich habe aber nur von einem Sohn gewusst.

Roots Manuva: Nein, ich habe vier Söhne.

rap.de: Oh, das tut mir leid.

Roots Manuva: Oh, verdammt, warte. Normalerweise erzähle ich das keinem! (lacht)

rap.de: Nun gut. Wäre es denn dein Traum, dass einer deiner Söhne irgendwann mal in deine Fußstapfen als Musiker tritt?

Roots Manuva: Lass es mich so sagen: ich fände es nicht schlimm, aber ich hätte lieber, dass sie etwas anderes machen. Eigentlich sollten sie aufgrund der Tatsache, dass sie schon vor ihrer Geburt permanent mit Musik beschallt wurden, in diese Richtung gehen, aber ich will sie dazu ermutigen, sich zu bilden. Nicht nur auf die Schule bezogen, sondern auf das Leben an sich. Zu verstehen, wo die Hamburger wirklich herkommen, verschiedene Arten von Religion und Spiritualität begreifen, zu lernen, mit Geld umzugehen… Am meisten Wert lege ich darauf, dass sie anständige Menschen werden und gut durchs Leben kommen.

rap.de: In Deutschland ist es so, dass in den Medien hauptsächlich über Gangster-Rap berichtet wird. Gibt es in England eine größere Bandbreite in der Berichterstattung?

Roots Manuva: Es scheint so, als wäre diese Böser Gangster-Sache das interessanteste Element, deshalb ist es wohl auch das Größte. Es gab auch andere Strömungen, aber die scheinen sich einfach nicht so lange zu halten. Es gibt natürlich alternativen, unbeschwerteren Rap, aber der bekommt nicht dieselbe Aufmerksamkeit.

rap.de: Glaubst du, dass die Medien an der Tatsache eine Mitschuld tragen, dass Rapper sich dieses Ghetto-Image aufbauen, um damit Geld zu verdienen, obwohl sie eigentlich aus einem anderen sozialen Umfeld kommen?

Roots Manuva: Die Medien müssen sich teilweise auf jeden Fall dafür verantworten. Es gibt nicht viele Gangs in England, aber die Medien berichten liebend gerne über sie und lassen sich deren Waffen und Drogen zeigen, als wäre das das Furchteinflößendste überhaupt. Von daher tragen sie auf jeden Fall einen Teil der Schuld.

rap.de: Wie entspannst du nach einem stressigen Arbeitstag am besten?

Roots Manuva: Die beste Entspannung ist wahrscheinlich ein heißes Bad zu nehmen und dann eine schöne Massage zu bekommen (lacht).

rap.de: Du wurdest in London geboren, aber deine Eltern stammen aus Jamaica. Fährst du dort manchmal hin?

Roots Manuva: Ich war dort seid 22 Jahren nicht mehr, aber meine Mutter ist gerade da. Ich muss mal wieder zurück, aber habe das bisher noch nicht auf die Reihe gekriegt.

rap.de: Wie kommt das? Hattest du keine Zeit?

Roots Manuva: Wenn ich dahin zurückgehe, möchte ich dort auch ein bisschen Zeit verbringen. Ich hasse es, nur zwei Wochen Zeit zu haben, ich brauche mindestens zwei Monate.

rap.de: Wenn du seit 22 Jahren nicht mehr dort warst, bist du wahrscheinlich auch kaum von Jamaica beeinflusst, oder?

Roots Manuva: Na ja, es gibt viele Jamaikaner in London, von daher war ich davon schon beeinflusst. Natürlich nicht im selben Maße, als wäre ich da gewesen, aber mehr als genug. Die hier lebenden Jamaikaner bringen auch immer wieder neue Sounds mit nach London und ich glaube sogar, dass es genug Jamaikaner in Deutschland gibt, um sich davon beeinflussen zu lassen. Das sind sehr internationale Leute.

rap.de: Du planst eine Tour durch ganz Europa?

Roots Manuva: Ja, auch durch Deutschland, vermutlich im November. Anfangen wird es mit Leipzig und danach kommen Berlin, Köln, München und Bonn. Ich wollte schon immer mal in Deutschland auftreten und jetzt sind es ganze fünf Termine!

rap.de: Magst du Deutschland?

Roots Manuva: In meinen Interviews erzähle ich immer, dass man dort die verrücktesten Auftritte hat, besonders in Berlin. Du kannst drei Stunden spielen und die Leute vor der Bühne schreien immer noch nach mehr.

rap.de: Und auf die Rufe der Leute gehst du dann auch ein?

Roots Manuva: Wenn ich sehe, dass die noch genug Energie haben, warum nicht? Dann habe ich auch die Kraft, um noch weiterzumachen. Ernsthaft, in Berlin gehen die Leute richtig ab.

rap.de: Gut, dann bedanke ich mich für das Interview. Falls du noch irgendwas loswerden möchtest, hast du jetzt die Gelegenheit dazu.

Roots Manuva: Haltet Ausschau nach den Terminen meiner Tour und den Sachen vom Banana Clan. Sie haben in den letzten Jahren einiges rausgebracht und ich hoffe, dass ich ein paar der Jungs mit auf Tour nehmen und ihre Mixtapes auch in Deutschland an den Mann bringen kann.

 

 

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