DJ Vadim

Nach der Veröffentlichung seines Producer-Albums "The Soundcatcher" über BBE, ist der in Russland geborene und in England aufgewachsene DJ Vadim gleich wieder auf Tour gegangen. Den zweiten Auftritt in Deutschland hatten die Künstler der Soundcatcher-Tour Vadim, seine Frau, der Sängerin, Rapperin und vor allem guten "Mistress of Ceremony" Yarah Bravo, der Rapper Deuce Eclipse, der Reggae-Sänger Emo und der Pianist Joe Tatton in Berlin. In der Pause zwischen Soundcheck und der Show, die übrigens sehr gut war, konnte ich den vielbeschäftigten Vadim Paere vor dem Abendessen im Restaurant noch für ein Interview gewinnen.

rap.de: Ich hab gesehen, dass du hart arbeitest und ich habe auch gelesen, dass du der „hardest working man in showbusiness“ sein könntest. Ist das wahr?

DJ Vadim: Ich weiß es nicht. Ich tu, was ich liebe. Es ist keine Arbeit für mich, es ist meine Leidenschaft. Musik zu machen, zu reisen und Shows zu machen. Ich liebe, was ich mache. Ich liebe mein Leben und der Tag ist nicht lang genug. Selbst wenn er 48 Stunden hätte, ich würde nicht aufhören.

rap.de: Ich bin auch ein DJ und mag „Soundcatching“. Ich kaufe immer billige Platten. Wie findest du die Sounds, bevor du sie fängst?

DJ Vadim: Ich kaufe auch sehr viele billige Platten. Ich liebe billige Platten, ich liebe es, zum Flohmarkt zu gehen und alte aber billige Platten zu finden. Ich mag nicht viel Geld ausgeben, denn man kann wunderbaren Shit sehr günstig bekommen. Für 1 € oder 50 Cent kriegt man unglaubliche Platten. Das finde ich gut. Ich gehe auch ins Internet, suche dort nach Zeug, ich bereise die Welt, heute bin ich in Berlin, morgen in Pfarrkirchen, nächste Woche in Schweden, dann Frankreich, Italien, Japan. Überall, wo ich hingehe finde ich unterschiedliche Platten, unterschiedliche Klänge.

rap.de: Benutzt du viel Internet und Internetplattformen wie Myspace?

DJ Vadim: Ja, sicher!

rap.de: Wenn man deine Plattencovers anschaut, sieht man gleich, dass du „Oldschool“-Technologien wie Drum Machines magst.

DJ Vadim: Ja, ich denke, der Sound ist einfach viel besser, vor allem bei der Bearbeitung von Drumsounds. Aber ich benutze auch sehr viel Computer für die Tonbearbeitung. Ich mache so viel auf meinem Laptop. Ich halte immer ein Auge auf neue Technologien und mische sie mit alten Technologien, mische analoge Klänge mit digitalen Klängen und versuche die beiden Wege zu kombinieren.

rap.de: Welches Programm benutzt du?

DJ Vadim: Ich benutze Cubase VST.

rap.de: Und welches Equipment?

DJ Vadim: Die Grundlage meines Studios bildet ein MPC 3000, ein MPC 1000 und ein MPC 500. Ich habe drei MPCs, auf denen ich die Drumspuren mache. Die Samples sind alle in meinem Computer auf Cubase VST. Dann habe ich sehr, sehr viele externe Geräte, wie eine Menge Kompressoren, Limiter, Graphic EQ, Parametric EQ, Effekte, Delays, Hall, Faderhall, ich habe auch viele analoge Hallgeräte und Gitarrenverstärker und Effekte, um dem Sound einen organischen, warmen Vibe zu geben.

rap.de: Mit welchem Equipment hast du angefangen?

DJ Vadim: Ein Atari 1040 ST Computer mit Cubase drauf und ein Akai S950 Sampler. Das hatte ich, als ich 1992 angefangen habe. Richtig Oldschool!

rap.de: Hattest du davor irgendeine musikalische Erziehung?

DJ Vadim: Nein. Im Kindergarten wurde mir Klavier beigebracht, aber ich habe alles verlernt.

rap.de: Also spielst du kein Instrument?

DJ Vadim: Nicht wirklich. Ich würde gerne Klavier spielen und ich hab bisschen gelernt und wieder vergessen, ich hab es versucht.

rap.de: Was, glaubst du, macht Musik im Allgemeinen so interessant? Es ist ja die abstrakteste Kunstform, aber dennoch die beliebteste.

DJ Vadim: Ich weiß nicht, ob es die … Ist es die abstrakteste Kunstform? Es ist die einzige Kunstform, mit deren Hilfe die ganze Welt kommunizieren kann. Ich bin hier in Deutschland, meine Lieder sind nicht auf Deutsch, aber die Leute spüren die Schwingung, was echt sehr cool ist. Und ich kann nach Japan gehen oder nach Argentinien oder nach Italien, wohin auch immer, und die Leute spüren die Schwingung. Also ist Musik universell. Während es Literatur nicht immer ist. Manchmal kann man übersetzen, einen großen Text zum Beispiel, und es funktioniert, aber manchmal geht es nicht. Wie bei Filmen, englischen Filmen, die auf Deutsch übersetzt werden, bei denen ich nicht weiß, wie die Leute sie verstehen. In manchen Filmen wird so viel Umgangssprache benutzt. Es gibt ja Wörter, die im Slang genau das Gegenteil bedeuten, das gibt es sicher auch im Deutschen. Wie wenn „das ist scheiße“ im Slang bedeuten würde, das etwas wirklich gut ist. Manche Sachen kann man halt nicht übersetzen, aber bei Musik hab ich das Gefühl, dass sie ziemlich universell ist. Das ist eine schöne Sache.

rap.de: Du reist viel, du bist ein Weltbürger …

DJ Vadim: Richtig, das bin ich.

         

rap.de: Siehst du keine Gefahr darin, dass durch die Vermischung von Kulturen die kulturelle Vielfalt verloren gehen könnte, alles zu einem kulturellen Einheitsbrei vermischt wird?

DJ Vadim: Du meinst Globalisierung? Aber das ist etwas anderes. Ich glaube nicht, dass das, was ich mache … Weißt du, das ist eine sehr gute Frage, die hat mir noch nie jemand gestellt. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das, was ich mache, ein Teil der Globalisierung ist. Denn Globalisierung ist, eine uniforme, geschlossene Form zu nehmen und diese überall drauf zu drücken. Zurzeit drückt Amerika seine Form auf die Welt. Deutschland gleicht sich Amerika an, England gleicht sich an, Frankreich, all diese Länder, mit McDonalds, Burgerking, Pizza Hut, Pepsi Cola, Coca Cola und all dieser Scheiße, mit der Kleidung, mit allem. Es wird alles zu einem homogenen Lebensmodell geformt. In der Zukunft wird es dann weniger Wahl geben, weil jeder die gleiche Scheiße konsumiert und am Ende spricht jeder die gleiche Sprache.
Aber das ist nicht das, was ich tu. Das unterscheidet sich sehr von dem, was ich mache. Ich komme und arbeite mit den individuellen Kulturen und ich gebe den Kulturen zurück. Ich arbeite mit deutschen Künstlern, ich arbeite mit polnischen, französischen, spanischen, italienischen, russischen, schwedischen Leuten, Leuten in Lateinamerika, in Afrika, in Asien und ich gebe den Kulturen zurück. Ich arbeite mit den jeweiligen Muttersprachen. Und ich versuche keine Lieder zu machen, bei denen ich was von Japan nehme, etwas von Australien, etwas von Afrika, etwas von Lateinamerika und alles in einen Track mische. Der eine Track ist mehr asiatisch, der andere Track ist mehr latino und man kriegt ein globales Feld, aber es ist keine Musik der Globalisierung. Ich glaube, dass ist ziemlich verschieden, es sind zwei unterschiedliche Dinge. Es gibt vielleicht gewisse moralische Aspekte, manche Musik ist religiös, wird für religiöse Zwecke gebraucht und ich muss manchmal vorsichtig mit solchen Sachen sein, denn ich will nicht respektlos sein. Aber ich hoffe auch, dass ich keine Musik mache, die Leute für respektlos halten. Ich mache keine „Bitch, Hoe, Motherfucker, suck my dick“-Musik, meine Musik ist nicht von dieser Art. Ich versuche Zeug zu machen, das respektvoll ist.
Und ich denke, wenn man die Musik in Botswana oder in Kongo, all diesen fantastischen Orten in Afrika betrachtet, sieht man, dass die Musik, die sie jetzt im Jahr 2007 haben, auch eine Mischung, eine Verschmelzung von Musik ist. Sie hat sich über Hunderte von Jahren entwickelt, indem sich die Musik der verschiedenen Stämme vermischt hat. Schaut man Nigeria an, wie viele verschiedene Volksstämme gibt es in Nigeria? Nigeria ist ein einziges Land und Englisch ist die Sprache, mit der die Menschen dort kommunizieren, aber es gibt vielleicht hundertunddreißig oder hundertundfünfzig verschiedene Stämme mit unterschiedlichen Sprachen. Und jeder dieser Stämme hat seine eigene, spielt seine eigene Musik. Aber sie haben auch eine nationale Musik. Wie zum Teufel machen sie das? Hundertunddreißig verschiedene Stämme oder wie viele auch immer es dort gibt – ich weiß, dass es sehr viele sind – in einen landesweiten Sound zu vereinen. Wie hat Fela Kuti das gemacht? Ich glaube, Musik entwickelt sich ständig, sie muss sich entwickeln, sonst stirbt sie. Und wenn man in die Vergangenheit blickt, sieht man auch eine Menge Musik, die ausgestorben ist, wie Tiere, die ausgerottet wurden. Also ist es wichtig, dass sich Musik weiterentwickelt. Und das Aufregende daran ist für mich, weiterhin verschiedene Klänge zu verbinden.
Auch HipHop hat sich stark verändert seit 1979, als die erste HipHop-Platte raus kam. Damals war HipHop-Musik nur eine Funkband mit einem Rapper, der gerappt hat. Das war 1979. Dann kamen 1982 die Drum Machines und Run-DMC. Für ein paar Jahre waren Drum Machines in, dann fingen 1985/86 die Leute an, Samples über die Drums zu setzen, wie bei „Paid In Full“ oder dem ersten B.D.P.-Album oder bei Public Enemy. James Brown-Samples und Sachen von der Art wurden erstmals benutzt. Und dann entwickelten in den frühen Neunzigern Leute wie Pete Rock oder Large Professor die Kunstform des Loopens. Die ganze Technik entwickelte sich und es kam bis zu dem Punkt, an dem – wie bei den Neptunes – gar keine Samples mehr benutzt wurden. Sie benutzen Keyboards und so weiter. Dann gibt es aber auch Leute wie Kanye West, die Samples und Keyboards kombinieren. Man muss also immer weitergehen. Man kann nicht immer noch die Funkband von 1979 sein. Und so muss ich mich auch entwickeln.

rap.de: Glaubst du, es gibt gute Musik und schlechte Musik?

DJ Vadim: Ja, das glaube ich. Man könnte natürlich sagen, es gibt gute Musik, schlechte Musik und durchschnittliche Musik. Dann kann man jedoch argumentieren, dass durchschnittliche Musik schlechte Musik ist und man daher nur zwischen guter und schlechter Musik unterscheiden kann. Das ist mir aber zu schwarzweiß. Es gibt Musik, die einfach nur okay ist. Es gibt wenig Musik, die gut ist, viel, die durchschnittlich ist und noch viel mehr, die schrecklich ist.

rap.de: Wie definierst du gute Musik?

DJ Vadim: Ich denke, das ist zum Teil subjektiv. Und das ist es, was die Welt interessant macht. Wenn jeder mit dem einverstanden wäre, was Vadim sagt, wenn jeder nur das sagen würde, was ich mag, wäre die Welt wahrscheinlich ziemlich langweilig. Und weißt du was, das ist es vielleicht, was das Leben so interessant macht, dass wir als Menschen nicht wirklich rational sind. So findet ein Freund von dir vielleicht MF Doom gut, aber gleichzeitig mag er auch 50 Cent. Und vielleicht fragst du dich, wie zum Teufel man sowohl MF Doom als auch 50 Cent hören kann, weil die Beiden wirklich total gegensätzliche Arten von HipHop machen. Das eine ist eher so Pop-Rap und beim anderen sagt er wirklich dope Sachen. Aber manche Leute mögen das. Ich kenne Leute, die MF Doom und 50 Cent mögen. Und ich sag dazu nur, tja, … cool.
Also, es ist zum Teil subjektiv aber andererseits ist es wie bei einer Wahl. Wie bei den Wahlen in Frankreich jetzt. Das Land geht zu den Wahlen und es wird durch einen Konsens entschieden. Oder wenn jetzt hier in Deutschland zum Beispiel auf rap.de eine Befragung wäre, wer der beste Producer ist, welches die besten Songs sind, glaube ich, würden viele Menschen die gleichen oder ähnliche Künstler nennen. Viele würden DJ Premier, DJ Muggs oder Dr. Dre nennen oder Pharcydes „Passin’ Me By“ als besten Song. Das ist eben eine Sache der Übereinstimmung.

         

rap.de: Noch eine Botschaft an die Leser?

DJ Vadim: Meine Botschaft an die Leser ist, kreativ zu bleiben und weiter Musik zu hören. Wenn du dies hier auf rap.de liest, tust du das, weil du Musik liebst. Ich hoffe, du wirst diese Leidenschaft für Musik nie verlieren. Geh raus und entdecke mehr Musik, die Welt ist größer als nur Rap, es gibt so viel dope Musik da draußen. Bei Funk, Soul, Reggae, Ska erst angefangen, Rock, Disco, House, was auch immer. Es gibt so viel geiles Zeug. Mach Musik zu deiner Leidenschaft im Leben, denn du willst nicht dieser Typ sein, der 30 Jahre alt ist und in der Bank arbeitet und sein Leben vergisst. Lass Musik in deinem Herzen leben!

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