Ercandize

Wir trafen uns mit dem Bochumer Rapper Ercandize, um mit ihm über sein erstes Soloalbum "Verbrannte Erde" zu reden, das am 13.04. erschienen ist. Andere wichtige Themen waren natürlich auch das eigene Label, Assazeen, sowie die dort in Zukunft anstehenden Releases.

rap.de: Erste Frage: Du bist ja seit 2002 bei Optik unter Vertrag.

Ercandize: Ja, 2003
rap.de: Seitdem wurde das Album häufig angekündigt und wieder verschoben. Woran lag das?
Ercandize: Ich habe bereits vor zwei Jahren begonnen, am Album zu arbeiten und hatte es soweit auch fertig. Zu diesem Zeitpunkt waren das 18, 19 Tracks und es wurde parallel zu den Arbeiten an meinem Album mit dem „Optik Takeover“–Album begonnen. Das Optik-Album wurde letztendlich auch schneller fertig gestellt als erwartet und ich wurde vor die Wahl gestellt, mein eigenes Album zuerst zu veröffentlichen. Ich bin jedoch froh, dass ich mich dagegen entschieden habe, da ich durch die anschließende gemeinsame Tour noch einmal Zeit gewonnen habe, das komplette Album zu überdenken. Aus dem heutigen Standpunkt wäre ich auf jeden Fall unglücklich gewesen, wenn wir das Album bereits vor zwei Jahren veröffentlicht hätten. Es gab schon noch einige Tracks, die wirklich um Klassen schlechter waren, als die Songs die heute drauf gekommen sind und nicht auf dem Debütalbum sein sollten.
rap.de:  Waren die Mixtapes ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Album?

Ercandize: Auf jeden Fall. Vor allem „La Haine – Sie Nannten Ihn Mücke“ aus dem letzten Jahr. Ich hatte da auch selbst noch einmal die Gelegenheit zu sehen, wie ich auf Albumlänge klingen könnte. Auf den „Ear To The Streets“-Mixtapes stand ich selbst wenig im Mittelpunkt, genauso, wie natürlich auf den verschiedenen Features der letzten Jahre. “La Haine“ wurde ja dann auch als Streetalbum und Mixtape angekündigt und war für mich eher ein Entwicklungsweg, bei dem nicht jeder Track unbedingt so komplett durchgeplant sein musste wie beim Album und ich noch einmal Dampf ablassen konnte.

rap.de: Wie ist es, jetzt alleine im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Gerade im Vergleich zu früheren Bandkarrieren bei ABS oder Auftritten mit der Optik Army?

Ercandize:  Es hat sich eigentlich nicht viel getan. Bei ABS waren wir zwar eine ganze Crew, hatten aber eigentlich keinen klaren Frontmann. Man weiß zwar irgendwie immer, wer das Ganze voran treibt – was damals meine Rolle war. Dementsprechend hatte ich dann auch etwas mehr Aufmerksamkeit als die anderen Jungs. Bei Optik hab’ ich aber bisher keine großen Unterschiede, was die Aufmerksamkeit angeht, bemerkt. Es ist ganz klar, dass Savas im Mittelpunkt steht und da führt auch kein Weg dran vorbei, da er das Team zusammengestellt hat. Es ist im Moment wieder ein Schub von Interviews, die ich im Rahmen der Albumveröffentlichung gebe und es ist insofern aufwendiger, dass hier natürlich mehr Geld rein gesteckt wird. Aber ansonsten komme ich mir nicht krasser in den Mittelpunkt geschoben vor als sonst.
rap.de: Auch aus deiner Sicht wurde im Vorfeld der Albumveröffentlichung von einem Deutschrap-Klassiker geredet. Hattest du bei der Produktion des Albums da irgendwelche Vorbilder, die du erreichen wolltest?

Ercandize: Eigentlich nicht. Nicht Deutschrap-Klassiker. Wenn ich an Klassiker denke, dann eher allgemeine Klassiker wie Nas „Illmatic“ oder Tupac „All Eyez On Me“, aber das natürlich nicht, das ist ja meilenweit entfernt. Für mich war das Wichtigste, zwanghaft nicht so zu klingen wie irgendjemand anderes. Das funktioniert in der Regel eigentlich auch ganz automatisch. Ich glaube auch, dass wenn ich einen Vers schreibe und den jemand anderes rappen würde, man das auf jeden Fall raushören könnte. Ich bin auch 100% der Überzeugung, dass man mich nicht in eine der üblichen Schubladen hineinstecken kann. Ich bin kein Gangsta-Rapper, kein Comedy-Rapper, kein was auch immer. Ich nehme die Sachen halt so, wie sie kommen und mache mir nicht großartig Gedanken. Ich finde, das hört man auch am Album. Das ist auf jeden Fall die Reaktion, die ich bisher aus meinem direkten Umfeld hatte, dass es extrem abwechslungsreich geworden ist. Unter dem Titel „Verbrannte Erde“ hatten sich viele eher was anderes vorgestellt, gerade diejenigen, die nach den Mixtapes eine harte Battle-Platte erwartet hatten. Ich bin sehr zufrieden mit dem Album, da es zum Einen nicht den Erwartungen der meisten entspricht und zweitens, weil man keine Vergleichspunkte finden kann.

rap.de: Worin siehst du also den Klassikerstatus von „Verbrannte Erde“?

Ercandize: Es ist was Eigenständiges. Es ist nicht einzuordnen. Es ist für mich auf jeden Fall das zeitloseste Stück Musik, das ich je geschrieben habe. Da ich schon vor zwei Jahren mit der Arbeit am Album begonnen habe, mussten die Tracks auch durchaus zeitlos sein, sonst hätte ich ja das komplette Album neu aufnehmen müssen. Ich habe schon die Hälfte der Tracks behalten, weil ich sie heute, 2007, gar nicht anders schreiben wollen würde und könnte, als ich es 2004 gemacht habe. Das macht meiner Meinung nach einen Klassiker aus. Dass man ein Album auch Jahre nach seiner Veröffentlichung noch hören kann und es immer noch eine Existenzberechtigung hat. Ich greife sehr viele unterschiedliche Themen auf, die nicht alle etwas mit Hip Hop zu tun haben. Ich kann mir von Azad „Leben“ immer noch anhören, es hat immer noch Aktualität für mich und die Platte ist genauso alt wie das ABS Album, also sechs Jahre. Ich kann mir immer noch Savas´ erstes Album „Der Beste Tag Meines Lebens“ anhören und das, obwohl ich die letzten drei Jahre die Songs mit ihm auf der Bühne hoch und runter genudelt hab. Eigentlich müssten mir die Songs inzwischen aus den Ohren raushängen, aber ich hör sie im Auto. Wie gesagt, von Nas kann ich mir die ersten zwei Alben immer noch hoch und runter dudeln, ohne dass mir dabei langweilig wird. Und ich muss sagen, es ist – glaub ich – auch ein Album geworden – das habe ich ebenfalls an den Reaktionen aus meinem direkten Umfeld gemerkt – das man beim ersten Hören gar nicht direkt nachvollziehen kann. Es werden immer neue Sachen dabei sein, die man entdeckt. Es ist für mich deswegen etwas Spannendes, etwas Langlebiges. Ich hab jetzt auch keinen Bock, mich mit irgendwelchen anderen deutschen Rappern zu messen, jeder hat irgendwo seine Existenzberechtigung. Der Erfolg kommt ja auch nicht von irgendwo, aber im Vergleich zu anderen Alben, die ich so in letzter Zeit gehört habe, kann mein Album schon sehr gut mithalten.

 
rap.de: Hat dein direktes Umfeld am Entstehungsprozess mitgewirkt? Oder hast du komplett für dich gearbeitet und dann gesagt: Ok, das hab ich jetzt gemacht. Wie war das?

Ercandize: Es war eher ein Zwischending. Ich habe eigentlich von Bochum aus selbst alles gemacht. Im direkten Prozess waren nur die Leute eingebunden, die ich auch gebraucht habe wegen des technischen Ablaufs. Das waren Leute wie DJ Schaenz – mein Live-DJ – die verschiedenen Jungs, die Beats dazu beigetragen haben und dann der Soundengineer. Wir waren da so ein kleiner Kreis. Ich hab einfach gemacht. Ich hab eingerappt und da hat man vielleicht hier und da mal über die eine oder andere Zeile geredet, sich halt ganz normal ausgetauscht.
rap.de: Hat das Optik-Umfeld in die Entstehung hineingewirkt? War Savas also bei der Entstehung mit dabei?

Ercandize: Weniger bis gar nicht. Für mich war es so eigentlich auch wichtiger. Ich wollte ihn eigentlich auch nicht auf dem Laufenden halten mit den Tracks. Ich hab einfach erstmal gemacht und wollte auch an Savas´ Reaktion sehen, was ich da überhaupt fabriziert habe. Deswegen habe ich den ersten Schub an Tracks komplett für mich gemacht in Bochum und hab dann alle Tracks auf einmal Savas gegeben, habe sie mir zusammen mit ihm angehört und konnte sehen: Das gefällt ihm, das gefällt ihm nicht. Er war überrascht, umso mehr hat es mich dann überrascht, dass er über das endgültige Album auch überrascht war, weil bestimmte Tracks runter geflogen sind, von denen er gedacht hatte: Das hätte ich mir eigentlich auf dem Album vorstellen können, aber warum hast du es runter genommen? Ich hab den roten Faden, den ich vor zwei Jahren angefangen habe, konsequent weiter verfolgt und jetzt vollendet.



rap.de: Du hast vorhin angesprochen, dass der Titel „Verbrannte Erde“ viele Leute eventuell verwirren könnte mit den Songs, die auf dem Album enthalten sind. Stand für dich der Titel schon vorher fest? Und warum „Verbrannte Erde“?

Ercandize: Als ich mir gedacht hab, mein Soloalbum soll „Verbrannte Erde“ heißen, da stand der Battle-Gedanke noch viel mehr im Vordergrund. Für mich war ganz klar: Ich mach ein Lied, einen super krassen Banger, ein brutales, aggressives Ding, das nach vorne geht und das soll „Verbrannte Erde“ heißen und damit will ich ein Statement setzen. In den letzten zwei Jahren hatte ich aber wirklich noch mal Zeit, Dampf abzulassen, womit sich dann auch der Titel gewandelt hat. Den Titeltrack „Verbrannte Erde“ habe ich als einen der letzten aufgenommen. Erst nachdem das Lied fertig war, war mir klar, dass speziell dieses Lied „Verbrannte Erde“ heißen soll, das ist mein Titelsong. Es ist ein extrem politisches, sozialkritisches Ding geworden, in dem auch meine politischen Ansichten und ein bisschen meiner eigenen Geschichte enthalten sind. Mit einer gesungenen Hook von einem Freund von mir, der auf arabisch singt. Es ist auf jeden Fall das gefühlvollste Lied, das ich je gemacht habe. So ist es halt gekommen. Vom aggressiven Aufhänger zum politischen, sozialkritischen Song. So hat sich die ganze Sache gewandelt, aber ich bin froh darüber. Wenn ich mir in ein paar Jahren mein Solodebüt anhöre und mir denke, schaust du mal, was du damals gemacht hast. Wenn ich dann nur höre: Ich zerschmettere den und ich reiß dem den Arsch auf und gib mir ein Mic und ich bin eh der geilste. Is nicht mein Fall. Ich bin immer mehr davon weggerückt, wobei ich nebenher natürlich immer noch Battlesongs mache. Für mich aber eher nebenbei. Ich hab drauf Wert gelegt, richtige Songs zu machen und auf dem Album ist mir das gut gelungen.

rap.de: Für die nächste Frage einen kleinen Schritt weg vom Album. Und zwar Thema Ruhrpott. Ich finde es auffällig, dass du, anstatt dir irgendwie möglichst viele große Namen zu holen, um das erste Album zu pushen, vor allem Leute aus der Heimat und vom eigenen Label dabei hast. Absicht?

Ercandize: Das war eigentlich der natürliche Prozess und es kam automatisch so. Ich hab mittlerweile auch so viele Leute, auf die ich hätte zurückgreifen können, so viele bekannte Namen. Über mich selbst, über Savas, über irgendwelche anderen Freunde, die ich hab, die dann wieder irgendwelche anderen krassen Rapper kennen. Das wäre das kleinste Problem gewesen. Und Budget hätte in der Hinsicht auch nicht mal eine große Rolle gespielt, weil den einen oder anderen großen Namen hätte man schon dazu holen können, aber ich wollte das einfach nicht. Der einzige große Name, den ich gerne dabei gehabt hätte, war Azad, aber da hab ich mich auch nicht mehr großartig darum gekümmert und bemüht, weil ich weiß, dass er in seinen Arbeiten steckt. Ich hatte auch gar nicht die Zeit dafür, ich wollte das Album so schnell wie möglich auch abhacken. Dass Savas, Amar und Caput drauf sind, war selbstverständlich, Moe natürlich, dass Melanie mindestens einen Beat dazu beisteuert. In letzter Zeit, also in den letzten ein, zwei Jahren, ist der Ruhrpott auch ein bisschen enger gerückt und dass ich mit den Jungs Songs gemacht hab, bei denen ich auch tag täglich im Studio bin. Jetzt ganz abgesehen davon, dass ich auch Bock drauf hatte, einen Song zu machen, auf den Laki von Creutzfeld & Jakob, Brenna & Desasta und Too Strong drauf sind. Ich hab jeden Tag mit mindestens einen oder zwei von denen zu tun, dann wär´s ja auch schade eigentlich, wenn ich die Leute dann nicht auf meinem Album drauf hätte. Und deswegen war das eigentlich eine ganz natürliche Entwicklung.



rap.de: Siehst du heute den Pott als das nächste neue große Ding nach Süddeutschland, Hamburg und Berlin?

Ercandize: Das Ruhrgebiet stand ja vor sechs, sieben Jahren auch schon mal sehr im Mittelpunkt. Mit Gruppen wie Creutzfeld & Jakob, ABS, Too Strong, RAG, die alle erfolgreiche Alben gemacht haben und viel getourt sind, viele Hallen gefüllt haben. Klar, in mir steckt auch ein kleiner Lokalpatriot, in wem nicht? Ich bin kein Fan davon, blind irgendwas zu pushen, nur weil man gerade zufällig da wohnt oder da herkommt. Das Ruhrgebiet ist ja auch keine einzelne Stadt, es ist eine ganz Reihe von Städten und es gibt dementsprechend viel Austausch mit anderen Städten. Wir sind keine Ruhrpott-Nazis oder so. Es gilbt viele gute Rapper aus dem Ruhrgebiet, aber ob der Fokus jetzt so krass aufs Ruhrgebiet rückt, wie das in den letzten paar Jahren bei Berlin der Fall war, weiß ich nicht. Das werden die nächsten Alben zeigen.
rap.de: Siehst du die ganze „Neuer Westen“-Bewegung, die sich grade im Ruhrpott formiert, als Gegenbewegung gegen das ganze Berlin-Ding?

Ercandize: Gar nicht. Mit Sicherheit gibt es irgendwelche Leute, die denken: Komm wir sind jetzt 18 Rapper, wir geben uns jetzt einen Namen und machen mal was ganz anderes als die aggressiven, bösen Rüpel-Rapper aus Berlin. (lacht) Das ist im Endeffekt auch Quatsch. Solche Sachen sind für mich reine Frustrations-Movements, da bin ich kein Fan von. Ich muss auch nicht mit 30 anderen Rappern in einer Crew sein, um dann mal zu zeigen: OK, das ist der Pott. Ich kann für mich selbst stehen, ich brauch eigentlich niemanden. Ich bin mein eigener Herr. Ich hab mein eigenes Album gemacht. Keiner von den neuen besten Leuten hat mir geholfen, ich hab ein paar auf mein Album geholt und bin natürlich stolz drauf, dass gute Tracks dabei raus gekommen sind. Am Ende des Tages hab ich mein Album bei Savas gemacht, bei Optik Records, was ein Berliner Label ist und das hat so alles seine Richtigkeit. Ich muss da jetzt nicht irgendwie trotzen und ich gönn jedem seinen Erfolg.

rap.de: Sag doch mal was zu deinem eigenen Label.

Ercandize: Brenna & Desasta, Lakman One, das ist, was das raptechnische angeht, mein enger Kreis, den ich auch vorerst gar nicht ausweiten will. Ich lern tagtäglich dazu. Ich weiß schon, was ich mir da vorgenommen hab und da kommen sehr viele Sachen auf einen zu. Ich hab schon etwas Erfahrung mit Labelarbeit. Ich konnte bei David, von Optik, sehr viel nachschauen, was da so täglich abgeht, auch damals bei Uprock Records in Dortmund. Ich kann also ungefähr nachvollziehen, wie man was machen muss, aber ich bin, was dieses Label-Ding angeht, eigentlich noch ein Schüler. Das Brenna & Desasta-Ding ist seit kurzer Zeit fertig. Wir haben erstmals darauf Wert gelegt, dass es anständig gemischt und gemastert wurde, dass wir ein gutes Artwork haben. Ich wollte nichts blindlings einfach raus hauen, nur um ein Release am Start zu haben. Ich will natürlich auch, dass die Jungs was davon haben und dass auch ich auf lange Sicht was davon habe. Wir werden das mit Groove Attack Hand in Hand machen, was für mich ein riesengroßer Schritt ist, weil ohne Groove Attack hätte ich glaube ich keine großen Anreize gehabt, da weiter zu suchen. Weil ich mich ja jetzt auch nicht so gut auskenne, dass ich weiß, wo noch andere Vertriebe wären. Groove Attack ist das Masterding, das den Indie-Vertrieb in den letzten Jahren dominiert hat. Ich hab natürlich auch die große Gewissheit, dass mir David und Savas immer mit Rat und Tat zur Seite stehen werden. Geplant ist auf jeden Fall, Brenna & Desasta an den Start zu bringen, dann Lakman One, der fast fertig ist mit seinem Mixtape. Dann hab ich da gerade noch was Interessantes mit Freunden aus Kassel, mit Gambit Entertainment. Wir haben einen Sampler auf die Beine gestellt, da fehlen noch ein paar Stücke. Das wird wohl auch noch dieses Jahr erscheinen. Das sind die drei großen Dinge, die nach meinem Album für mich anstehen.
rap.de: Wie sieht bei deinem eigenen Label für dich der Alltag aus? Kümmerst du dich jeden Tag um Labelkram?


Ercandize: Ich bin jeden Tag bei Brenna & Desasta im Studio. Das ist mein ganz normaler Alltag. Wir nehmen ständig Tracks auf, reden sehr viel, tauschen uns sehr viel aus. In der Hinsicht übernehme ich die A&R Funktion, mach den ganzen Papierkram, muss zum Finanzamt, muss zum Steuerberater und so weiter. Ich mach das aber auf jeden Fall gern. Ich hab einen Promoplan aufgestellt, einfach aus eigener Erfahrung. Geschaut, was wurde für mich gemacht, was kann ich für die Jungs tun. Wo kann man die unterbringen, mit Interviews und so weiter. Ich bin gespannt, wie das erste Release laufen wird. Ich hab bis jetzt durchweg positive Resonanzen gehabt. Wir haben zwei Snippets von dem Mixtape „Der Pott Is Back“ online gestellt. Die Jungs waren bei den NRW Gigs der Optik Takeover-Tour mit dabei, treten auch eigenständig relativ viel auf und ich denke, da wird auf jeden Fall was passieren
rap.de: Siehst du für dich ein zeitliches Problem? Du sagst, jetzt leidet halt meine eigene Musik darunter, weil ich zum Finanzamt muss und so. Siehst du da irgendwelche Komplikationen mit dem, was du eigentlich als Musiker machen willst?

Ercandize: Das ist ja immer eine Sache vom Zeitmanagement. Ich hab ja auch bis vor einem Jahr studiert. Da stand ich auch immer komplett unter Strom. Ich bin aus der Vorlesung raus, nach Hause, dann zum Auftritt mit Savas, dann wieder nach Hause, danach was aufnehmen, dann noch mal für ’ne Klausur lernen. Eigentlich kenn ich das gar nicht anders, als nicht unter Strom zu stehen. So bin ich die ganze Zeit, ich hab immer was zu tun und das ist auch gut so, ist besser als nichts zu tun zu haben. Klar wär´s schöner, wenn man Zeit hätte zu chillen, Gedanken über bestimmte Sachen zu machen, was die eigene Musik angeht, aber das hab ich eigentlich ganz gut unter Kontrolle. Ich bin auch offen und ehrlich, die Jungs wissen, dass ich selbst auch rappe. Das ist ja auch der Grund, warum ich die so gut pushen kann. Ich bin der Meinung, ich muss ein erfolgreiches erstes Album haben, um die Jungs dann auch entsprechend mehr fördern zu können. Die Zeit für meine eigene Musik nehm ich mir schon. Ich kriege dabei sogar noch die Unterstützung von den Jungs, genauso wie umgekehrt.

 
rap.de: Thema Uni. Gab´s jemals Schwierigkeiten von wegen MC mit Diplom und Klischee „Studentenrap“?

Ercandize: Ich lese ja auch gelegentlich im Internet rum und krieg die üblichen Resonanzen, gute Kritiken, schlechte Kritiken, plumpe Beleidigungen, was wahrscheinlich jeder Rapper in Deutschland so erlebt. Aber, das mir das jetzt so an den Kopf geworfen wurde: “Was bist du´n für einer, du hast studiert.“ Auch wenn das jemand sagen sollte, auch wenn sich jemand anmaßen sollte, mir so etwas vorzuhalten, dann würde ich den Glauben an die Menschheit verlieren. Mir wurde nichts geschenkt, ich hab mir mein Arsch deswegen aufgerissen, ich hab ein paar graue Haare deswegen gekriegt und viele Opfer dafür gebracht, um das machen zu können. Ich bin hier in Deutschland, ich hab die gleichen Voraussetzungen wie jeder andere auch. Ich komme aus keiner wohlbetuchten Familie, aber ich komm auch nicht aus dem letzten Loch. Ich komm aus einer ganz normalen türkischen Gastarbeiterfamilie. Die Chancen, die ich hatte, hab ich halt ergriffen. Ich würde mir in den Arsch beißen, wenn ich diese Uni-Geschichte nicht gemacht hätte. Ich kann mich nicht 100% nur auf eine Sache verlassen. Ich bin realistisch genug, zu sehen, dass ich kein Typ bin, der 100.000 Platten verkauft. Bis zu einem gewissen Punkt geht´s ja gut, aber man muss auf jeden Fall immer auch an die Zukunft denken. Ich seh mich in 10 Jahren nicht unbedingt auf der Bühne. Vielleicht mache ich dann Beats, oder trete hier und da mal in irgendeinem kleinen Jugendzentrum auf. Aber so weit sollte man dann schon auch denken. Wir sind immer noch in Deutschland, deutschsprachiges Gebiet, wo man Platten umsetzen kann – ist auch nicht wirklich groß, wir haben noch Schweiz, Österreich, vielleicht werden dann noch paar Vinyls in Japan vertickt, an denen man eh nichts verdient, aber das war´s dann auch.



rap.de: Was hast du studiert?

Ercandize: Wirtschaftswissenschaft

rap.de: Was willst du später damit mal anfangen?

Ercandize: Ich weiß nicht genau. Das wird die Zeit zeigen. Ich denke, ich werde mich jetzt auf jeden Fall erstmal auf die angefangenen Sachen konzentrieren. Ich will das Album erstmal erfolgreich promoten, dann in nächster Zeit mit neuen Aufnahmen beginnen, ich will Brenna & Desasta, Lakman und den Assazeen–Sampler machen und damit hab ich in den nächsten Monaten noch viel vor mir. Wer weiß, es könnte sein, dass ich in 5 Jahren Wirtschaftsprüfer bin und dann die ganzen Labels aufsuche und mal gucke, was die mir alles schulden.(Gelächter)

 
rap.de: Wie sehen deine sonstigen Zukunftspläne aus? Planst du Familie? Hast du Familie? Wie siehst du dich in zehn Jahren?

Ercandize: Ich bin schon Familienmensch und sehne mich nach einer Familie und denk, da wird´s dann auch darauf hinauslaufen, dass ich irgendwann meine Traumfrau finde, sie heirate und Kinder kriege. Ich hab eigentlich ganz normale Vorstellungen vom Leben, das eine schließt das andere ja nicht aus.
rap.de: Es ist ganz interessant, was man von Rappern auf diese Frage für unterschiedliche Antworten bekommt. Deswegen frag ich. Eine Frage die ich dir gerne noch stellen wollte, hab ich hauptsächlich aus Amerika aufgeschnappt. Also seit Nas heißt es überall "Hip Hop Is Dead". Deine Meinung?

Ercandize: Ich kann das irgendwie nicht verstehen. Für mich ist Hip Hop nicht tot. Hip Hop ist ja auch so dehnbar und kein festes Konstrukt, das aus irgendeinem Grund plötzlich in sich zusammenfallen kann und dann tot ist. Es gehören so viele Leute dieser Bewegung, diesem Lifestyle an und jeder lebt es so aus, wie er es möchte. Ich hab Respekt für Torch und für das, was er für den deutschen Hip Hop erreicht hat, aber ich fand es doof, mit irgendwelchen Regeln um die Ecke zu kommen: Hip Hop hat für mich keine Regeln. "Hip Hop Is Dead" ist für mich einfach nur eine provokative Aussage. Dass Nas sagt "Hip Hop Is Dead" und ich bin jetzt da, sagt er gleichzeitig, dass alles, was die anderen in den letzten Jahren gemacht haben, scheiße ist und die jüngeren keinen Respekt mehr vor den älteren haben. Aber warum sollten sie auch? Was hat ein 18jähriger neuer Rapper mit Afrika Bambaataa am Kopf? Wenn er sich für Hip Hop Geschichte interessiert, ist es schön, wenn er ihn seine Verdienste huldigt. Ich hab jetzt auch nicht so den Bezug zu Dana Dane und Melle Mell und wie sie alle heißen. Und deswegen kann ich mit der Aussage nichts anfangen.

rap.de: Dann danken wir von Rap.de für das Interview, wünschen viel Erfolg für „Verbrannte Erde“, Assazeen und Optik. Gibt´s noch etwas, das du den Lesern von Rap.de zum Abschluss mitteilen möchtest?

Ercandize: Hört auf jeden Fall in das Album rein. 13.04., „Verbrannte Erde“, haltet die Augen auf für die nächsten Sachen, die bei Optik passieren, für Brenna & Desasta und Lakman One.
 
rap.de: OK, sehr gut. Danke schön.

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