El-P

Wer das gerade erschienene El-P Album „I ´ll Sleep When You ´Re Dead“ anhört, stellt schnell fest: Auf den Mann ist Verlass. Nicht, dass sich nichts getan hätte seit „Fantastic Damage“. DieDefJux-Katalognummer ist von 27 auf 137 hochgeschnellt und auch unter den Gästen finden sich einige Namen, mit denen noch vor fünf Jahren niemand zwingend gerechnet hätte. So etwaTrent Reznor von den Nine Inch Nails oder Chan Marshall von Cat Power. Unterm Strich zeichnet sich Els Platte aber dadurch aus, den mit seiner Musik bereits vertrauten Hörer nicht mit Experimenten zu überfordern. „Wie soll das auch gehen?“ könnte der eingefleischte Fan fragen, denn schließlicht ist Els Musik im Vergleich zur breiten Masse wohl grundsätzlich als hoch-experimentell zu bezeichnen. „Stimmt schon“ könnte man aus einer etwas distanzierteren Position entgegnen, dürfte sich aber zu Recht wünschen, dass „Experimentell 2007“ ruhig etwas anders als „Experimentell 2002“ klingen könnte. Wie gewohnt gibt es wütende semi-kryptische Lyrics auf rumpeligen Low-Fi-Beatgebilden, deren atmosphäre-stiftende Samples aus beliebigen Quellen zu stammen scheinen.

Dennoch stellt sich Els Gesamtwerk natürlich als äußerst vielfältig dar. Entsprechend war seine neue LP ein willkommener Anlass, den Meister auch mal auf Seitenprojekte – wie etwa die schon etwas zurück liegende Arbeit an dem Freejazz-Album „High Water“ oder seine Aktivitäten als Musikjournalist in einem mit Herbie Hancock geführten Interview anzusprechen. Interessant auch, was El über das Sample-Clearing im House Jux und seine Motivation für Rock-Remixe zu erzählen hat. Auch eine Einschätzung des Labelchefs zur aktuellen Situation bei DefJux darf selbstverständlich nicht fehlen.

 

rap.de: Du bis ein vielbeschäftigter Mann. Trotzdem: Das Bio-Sheet Deiner neuen LP spricht davon, dass Du daran vier Jahre gearbeitet hast – eine lange Zeit. Woran liegt das?

El-P: "Fantastic Damage" kam 2002 raus und danach tourte ich erst Mal ein Jahr. Dann folgten andere Produktionen wie der Soundtrack [„Bomb The System“, Anm. d. Red.] , das Jazz-Album, die Platte von Cage und die von Lif. Außerdem ein Haufen Rock-Remixe. Ich denke, dass das Album hier netto eher zwei als vier Jahre gebraucht hat. Ich nehme mir eben auch gerne Zeit, wenn ich meine Platten mache – ich zähle nicht zu den Leuten, die ihre Musik einfach so raushauen. I put extra-love and -care and -attention into what I ´m doing und denke, dass man dadurch auch zu einem anderen Sound kommt. Die meisten Songs bleiben dadurch auch für mich fresh, weil ich eben ständig an ihnen arbeite.

rap.de: Auch von anderen DefJux-Künstlern hat man lange nichts gehört. Der letzte Release war das„Mo´ Mega“-Album von Mr. Lif, was aber auch schon wieder weit über ein halbes Jahr her ist. Früher hattet Ihr definitiv eine andere Taktung. Bist Du inzwischen der Ansicht, möglicherweise ein paar Platten „zuviel“ veröffentlicht zu haben? Lif deutete neulich mal an, dass der Fokus bei DefJux wieder zu den sogenannten „Core-Artists“ zurückgehen könnte.

El-P: Das verläuft in Wellen. Es kommt eben vor, dass aus der Gruppe der Core-Artists zeitgleich niemand ein Album am Start hat. Umgekehrt gibt es dann wieder Situationen, in der alle ihren Shit mehr oder weniger gleichzeitig zusammen bekommen. Kurz nach mir wird jetzt ja z.B. Aesop releasen. Gleichwohl glaube ich immer noch fest daran, neue Künstler an den Tisch zu bringen, auch wenn man dadurch größere Risiken eingeht. Natürlich haben wir auch Platten veröffentlicht, die die Leute weniger mochten. Ich stehe trotzdem hinter jedem einzelnen Release. Außerdem – nenn mir ein Label, bei dem es so was nicht gibt. Ich glaube immer noch an die Platten, die die Leute zu ihrer Zeit nicht verstanden haben. Außerdem hat sich da draußen auch schnell ein Bild davon entwickelt, was DefJux ist. Als wir dann Platten veröffentlichten, die da nicht zu 100% reinpassten, kam oft „What the fuck is this!?“. Wir sind aber größer als das.

rap.de: Du hast es eben schon angesprochen – vor gut drei Jahren hast für das Label Thirsty Ear Recordings eine Freejazzsession aufgenommen. Kein Standard-Job für einen HipHop-Produzenten. Wie kam es dazu?

El-P: Matthew Ship, der Pianist, hat mit mir Kontakt aufgenommen. Auch die anderen Typen, die nun auf der Platte sind, sind alle ziemlich bekannte Freejazzer, die offenbar wollten, dass ich eine Platte mit ihnen produziere. Ich fragte mich, wie das laufen könnte und ob ich wirklich in der Lage wäre, Einfluss auf das zu nehmen, was sie tun. Sie selbst sitzen ja schlicht in einem Raum und improvisieren.

 

 

 

 

 

rap.de:  Wie lief das Ganze dann ab?

El-P: Ich habe Musik mitgebracht, die ich zu hause vorproduziert hatte, und ließ sie dazu improvisieren. Danach habe ich das, was sie gespielt haben, gesamplet und rekonstruiert – es ging darum, diese Sessions wieder in Songs zu verwandeln. Die Aufnahmen selbst haben eigentlich nur einen Tag gedauert, was natürlich auch daran lag, dass ich sie alle gleichzeitig aufgenommen habe.

rap.de: Dein Vater war ja auch Jazzmusiker. Was hat er gespielt und wie sieht Eure Beziehung aus? Versteht er, was Du tust?

El-P: Er ist Klavierspieler und inzwischen weit in seinen 70ern. Meine Beziehung zu ihm ist in Ordnung. Ich bin allerdings nicht mit ihm aufgewachsen. Meine Eltern wurden geschieden, als ich noch sehr jung war und er ist weggezogen. Inzwischen sind wir allerdings wieder cool. Er weiß, was ich tue und ich glaube auch, dass er es mag. Er versucht, das ein bisschen mitzuverfolgen – ich schicke ihm die Sachen auch. Allerdings bin ich nicht sicher, ob er meine Musik wirklich versteht. Er schätzt sie aber, obwohl es offensichtlich nicht sein bevorzugter Musikstil ist.

rap.de: Macht er denn selbst noch Musik?

El-P: Nein, er spielt nicht mehr. Er war in den 70ern und den frühen 80ern sehr aktiv und hat zu dieser Zeit viel in New Yorker Bars gespielt. Er war in der Jazz-Szene im West Village, hat aber nie Platten gemacht. Tatsächlich ist die Platte auf Thirsty Ear die erste, auf der er je drauf war.

rap.de: Er ist auch auf der Platte mit Matthew Ship?

El-P: Ja -allerdings habe ich ihn quasi reingeschmuggelt, denn bei den Aufnahmesessions mit den Jungs war er nicht dabei. Ich ließ ihn vorab einen Song für mich singen, genau genommen mehrere. Ich hatte ihm von den Aufnahmen erzählt und wollte, dass er einen Song auswählt, den die Jungs dann spielen. Also hat er mir ein paar Sachen vorgesungen, die ich aufgenommen habe. Einen der Songs habe ich später dann geschnitten und eingesetzt. Es war also keine wirkliche Zusammenarbeit, aber es machte Spaß.

 

rap.de: In einem Interview, das Du zu diesem Projekt gegeben hast, hast Du gesagt, dass es Dich auch deshalb interessiert hätte, weil es Dir ein wenig Angst gemacht hat. Wann hattest Du dieses Gefühl das letzte Mal?

El-P: Mir geht es öfter so, vor allem, wenn ich Remixe für Rockbands mache – z.B. Trent Reznor, Mars Volta. Alles, was sich außerhalb der HipHop-Welt bewegt und mir angeboten wird, mache ich, weil ich es für wichtig halte, dass man sich als Musiker auch mal vorsätzlich aus seiner Komfort-Zone begibt, um sich Herausforderungen auszusetzen. Aber diese Zusammenarbeit mit Livemusikern war tatsächlich etwas beängstigend für mich, weil ich vorher einfach nicht wusste, wie ich das angehen soll. Vielleicht ist „beängstigend“ aber das falsche Wort – aufregend trifft es wohl eher.

rap.de: Eines meiner Lieblingsvideos ist das Company-Flow-Video zu „End-To-End-Burners“. Wer hat es gedreht und wer hatte die Idee mit dem fliegenden Tag?

El-P: Das Video war genau genommen eine Kollabo zwischen einem Typen namens Todd Muler und Zoo York, bevor sie richtig groß raus kamen. Die Sache mit dem fliegenden Tag war seine Idee – er hat eine Menge Grafiken und Special-Effects für viele Fernsehkanäle gemacht. Wir wollten einfach, dass das Video unseren gesamten Background repräsentiert – also musste es in New York stattfinden, die U-Bahn musste zu sehen sein und Graffiti ist damit sowieso untrennbar verbunden.

rap.de: Auch dasDeep Space 9mm-Video ist großartig. Wer hatte die Idee mit der Waffe, die in jedem Frame zu sehen ist?

El-P: Die Idee kam von mir, und bei dem Video führte ich neben Brian Balletic auch Co-Regie. Brian ist ein Freund von mir. Das Konzept stammt allerdings vollständig von mir und es ist bisher wohl auch mein All-Time-Lieblingsvideo. Ein Teil davon spielt auch in meinem Apartment – ich meine den Part, in dem die ganzen anderen DefJux-MCs zu sehen sind, die sich alle gegenseitig mit Waffen bedrohen. Die Waffe als solche sollte eine Metapher für das Gefühl ständiger Bedrohung und drohender Gewalt liefern – im politischen, intellektuellen und buchstäblichen Sinne. „Under The Gun“ eben. Ich laufe in dem Video mit dem Wissen durch die Gegend, ständig einer gesellschaftsimmanenten Gefahr ausgesetzt zu sein.

 

 

 

 

 

rap.de: Ich habe gerade gelesen, dass Du mal ein Interview mit Herbie Hancock gemacht hast…

El-P: Ja, das war für irgendein Magazin, ich weiß aber nicht mehr für welches. Leider haben wir nur telefoniert – trotzdem war es eine coole Konversation. Der Typ ist eine Legende und ich bin ein großer Fan von ihm.

rap.de: Ich kannte ihn lange nur als Solokünstler bzw. Bandleader und habe erst relativ spät gecheckt, dass er z.B. auch einige Jahre mit Miles Davis gespielt hat…

El-P: Bei mir war es so, dass ich ihn anfangs noch nicht mal als Jazzer kennen lernte, sondern über seinen Song„Rockit“, also eigentlich über HipHop. „Rockit“ war einer meiner ersten großen Lieblingssongs und ist wohl zugleich einer der Hauptgründe für meine Leidenschaft für Musik allgemein. Dass er ein Jazzmusiker ist, habe ich erst später realisiert, als ich älter wurde und anfing, seine Platten zu kaufen. Ich habe ihn ungefähr zu der Zeit interviewt, als ich das Jazzalbum produzierte habe. Ein Teil des Gesprächs drehte sich darum, wie interessant es für mich war, dass er ein Jazzmusiker ist, der ein HipHop-Album gemacht hat, womit er letztlich eine der Ursachen dafür war, dass ich mit HipHop in Berührung kam, und ich dann schließlich selbst eine Jazzplatte gemacht habe. Der Kreis hat sich in dem Moment quasi geschlossen.

rap.de: Deine Lyrics bleiben für mich nach wie vor manchmal etwas kryptisch. So auch gleich beim ersten Song Deines neuen Albums – „TPC“. In der zweiten Strophe steige ich aus.

El-P: Verstehe. Ist aber auch leicht zu erklären: Die erste Strophe setzt sozusagen den Rahmen, indem sie eine dieser typischen Szenen beschreibt, die mir öfter passieren. Du triffst jemanden im Zug, hast aber eigentlich keine Lust, Dich zu unterhalten. Trotzdem bist du höflich und fragst „Was geht?“. Plötzlich merkst Du, dass das ein Fehler war, weil es ihm eben nicht gut geht und Du Dir nun alles anhören musst. Es passiert genau das, was Du am wenigsten wolltest. Die zweite Strophe wirkt in der Tat etwas zusammenhangslos, weil es sich um seine Reaktion handelt, die eben recht zerstreut ist. Der Typ ist etwas verrückt und entsprechend haspelig ist sein Gedankengang.

 

rap.de: Wovon genau handelt Flyentology?

El-P: Es geht es um meine Flugangst.

rap.de: Tatsächlich? Ich finde, man nimmt schnell an, dass es sich dabei eher um eine Metapher für die heuchlerische Gesellschaft handelt, die nur in Extremsituationen vermeintlich zum Glauben findet.

El-P: Könnte man so interpretieren, aber tatsächlich geht es nur um mich. Eine spirituelle Beziehung habe ich eben nur, wenn ich im Flugzeug bin – sonst habe ich keinerlei Interesse an irgendeiner Form von Glauben oder Gott. Wenn ich im Flugzeug bin, bekomme ich aber oft Angstzustände und fange dann tatsächlich an, mit Gott zu reden.

rap.de: Wie bist Du bei DefJux ins Tagesgeschäft eingebunden?

El-P: So wenig wie möglich. Ich habe über die Jahre hinweg versucht, immer stärker an den Punkt zu kommen, nur noch mit der übergreifenden Vision und der Musik von Jux zu tun zu haben. Ich habe großartige Leute, die für mich den alltäglichen Bullshit erledigen. Ich selbst will das einfach nicht mehr machen müssen – ich will keinen klassischen Day Job. Ich bin dafür da, die Songs zu signen, die wir veröffentlichen.

rap.de: Wo siehst Du Dein Label Anfang 2007?

El-P: Ich betreibe DefJux seit dem Jahr 2000 und denke, dass wir heute in einer großartigen Position sind. Letztes Jahr haben wir uns Zeit genommen, um an der Infrastruktur zu arbeiten und sind u. a. auch umgezogen. Es ging darum, eine Menge interner Dinge tighter zu machen, außerdem haben wir eine eigene Download-Plattform entwickelt. Gerade das war für uns eine große Sache, da wir eine Menge Wert darauf legen, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Auch deshalb haben wir letztes Jahr nicht so furchtbar viele physische Tonträger veröffentlicht. Da unser Geschäft vorher ja sehr gut gelaufen ist, hatten wir auch das Geld, um die Füße einen Moment hochzulegen. Wir wollten unsere Firma modernisieren, um in der digitalen Welt der Musik vorne dabei zu sein.

 

 

 

 

 

rap.de: Deine Musik ist nach wie vor stark sample-based. Hast Du schon jemals ein Sample geklärt?

El-P: Ja klar, schon öfter. Allerdings meisten doch eher nach dem Release der jeweiligen Platte (grinst). Ich bekomme öfter Anrufe von Leuten, die mir sagen „You used my sample, asshole!“, worauf hin ich dann „Oh sorry!“ sage und bezahle.

rap.de:  Wurdest Du auch schon verklagt?

El-P: Nein, es kam noch nie zum Prozess. Aber ich wurde eben schon ein paar Mal ertappt und musste dann zahlen. Irgendwie ließ sich das aber immer klären. Philip Glass [amerikanischer Komponist mit einigen Soundtrackkompositionen, u.a. „Kundun“, Anm. d. Red.] hat mich erwischt, weil ich seine Musik ein paar Mal auf der Canibal Ox-Platte gesamplet habe. Auch einige andere Leute, aber es wurde nie zu allzu wild. Außerdem war es auch fast immer so, dass ich bei den Songs, bei denen man mich letztlich erwischt hat, auch vorher schon dachte „Das könnte etwas dreist sein, aber scheiß drauf!“. Generell ist mein Produktionsstyle ja nicht darauf angelegt, dass ich ein paar Takte sample und das dann laufen lasse. Natürlich ist meine Musik sample-based, aber ich nutze in der Regel nur kleine Ausschnitte, Flächen und Geräusche, um neue Sounds kreieren. Normalerweise stehle ich also nicht in dem Sinne Musik, wie Leute sich das beim Sampling zumeist vorstellen.

 

rap.de: Euer Label-Manager Jesse Furgeson hat mir erzählt, dass ihr im Kontext Sampling mit einer Frau zusammen arbeitet. Wie läuft das ab?

El-P: Ja, sie ist unser Sample-Clearance-Agent. Es gibt einige von diesen Leuten da draußen. Wenn ich mir wegen eines verwendeten Samples Sorgen mache, rufe sie an und erzähle ihr von dem Song, den ich gerade produziere. Ich muss so was sofort immer sofort klären, weil ich einfach nicht abwarten kann, bis die Platte fertig ist. Sie hört sich das Stück dann an und wägt ab, ob es nötig ist, das Sample zu klären. Sie gibt dir einen Einblick in die verlagsrechtliche Seite und nimmt schließlich auch Kontakt zu den Verlegern auf, wenn wir uns einig werden, dass das Sample tatsächlich geklärt werden muss. Das ist ein interessantes Geschäft und ein interessanter Prozess.

rap.de: Nenn mir zum Abschluss doch Deine Top-5 DefJux-Singles.

El-P: Ich denke, wir haben inzwischen eine Menge Klassiker auf dem Konto. Ich würde wohl einen Cannibal Ox-Song, einen RJD2-Song, einen Mr.Lif-Song und einenAesop Rock-Song wählen. Aber ich bin generell nicht so gut, was diese spontanen Top-5-Listen angeht.„God ´s Work“ von Murs ist groß.

 

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