Cage


Chris Palko wurde in Würzburg geboren. Sein Vater, Bill Murray, war nicht etwa der gleichnamige Schauspieler, sondern ein in Deutschland stationierter US-Soldat, der außerdem heroinabhängig war. Das konnte der Armee nicht verborgen bleiben, und so musste die junge Familie zurück in die USA – da war Chris vier Jahre alt. Doch der Umzug hielt seinen Vater auch nicht vom Drogenkonsum fern. Chris war acht, als er seinen Vater zum letzten Mal sah. An diesem Tag bedrohte Bill Murray seine Frau und den kleinen Chris mit einer Waffe. Dafür ging er geradewegs ins Gefängnis, das Leben für Chris musste ohne ihn weitergehen. Das ging auch, aber es folgten Probleme mit Autorität und Drogen, was mit der Einweisung in eine psychiatrische Anstalt gipfelte, wo er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Glücklicherweise konnte er gerettet werden.

Mit 18 Jahren entschied sich Chris, der sich inzwischen Cage nannte, Rap als Profession zu wählen. Pete Nice von 3rd Bass nahm sich seiner an und featurete den jungen MC auf dem Track "Rich Bring ‚Em Back". Jetzt müsste eigentlich der Satz: "und der Rest ist Geschichte" folgen, aber so einfach war das leider nicht. Cage hatte weiterhin massive Drogenprobleme, war frustriert, bekam Depressionen und zu allem Überfluss wurde er auch noch Vater. Es war letztlich sein guter Freund und Mentor Bobbito Garcia, der ihm 1997 das Angebot machte, für sein neu gegründetes Label Fondle ‚ Em Records eine 12" aufzunehmen. Das Ergebnis war "Orange b/w Radiohead", inzwischen ein Klassiker, der die Karriere von Cage endlich in die richtigen Bahnen lenkte. Inzwischen ist sein zweites Soloalbum "Hell’s Winter" nun auf Def Jux erschienen und Cage ist momentan ziemlich zufrieden mit seinem Status, wie er uns im Interview erzählte.
 

rap.de: Nachdem du ja jetzt einige Zeit lang mit Def Jux zusammengearbeitet hast und weißt, wie dort der Hase läuft, kannst du sicherlich sagen, wo deren Stärken liegen. Was läuft besser, als zum Beispiel bei Eastern Conference, wo du dein Debütalbum "Movies For The Blind" veröffentlicht hast? Wie groß ist der Unterschied?                                                               
Cage: Es ist ein sehr großer Unterschied. Weißt du, bei Def Jux gibt es solche Dinge wie Büros, Mitarbeiter, Leute die Öffentlichkeitsarbeit machen und interne Sachen regeln. Das fehlt eben bei manchen anderen Labels, auch bei dem einem, wo ich vorher war. Ich denke, Def Jux ist ein gut funktionierendes, starkes Label, darüber hinaus können sie als Firma echt stolz sein auf das, was sie in den Jahren erreicht haben.

rap.de: Als Außenstehender bekommt man den Eindruck, dass El-P ganz klar der Boss ist und man sich eher schneller mit der Hierarchie bei Def Jux auseinandersetzen sollte. Ist da was dran?                                                                                        
Cage: In gewisser Weise schon. El-P ist auf jeden Fall ein echter Tyrann, aber gleichzeitig auch ein sehr guter Freund. Ich bin mir nicht sicher, was zuerst kommt.

rap.de: Dass ihr gute Freunde seid, hast du erwähnt. Allerdings steht ihr ja auch gleichzeitig in einer geschäftlichen Beziehung. Wie haltet ihr das auseinander? Kann das auf Dauer funktionieren?                                                                             
Cage: Die Freundschaft ist natürlich genauso wichtig, wie das Business. Wir besprechen und diskutieren natürlich auch geschäftliche Dinge, aber wenn es wirklich um sehr wichtige vertragliche Verhandlungen und solche Sachen geht, lassen wir das ganze über Anwälte machen. So sollte es meiner Meinung nach auch sein. Denn nur so lassen sich Freundschaft und Geschäft unter einen Hut bringen. Bei uns funktioniert das bisher perfekt, und ich sehe nicht, dass sich daran in Zukunft etwas ändern sollte.

rap.de: Dein aktuelles Album heißt "Hell’s Winter". Es ist insgesamt recht düster und roh, gleichzeitig sehr persönlich. Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Begriff Hölle für dich? Denkst du dabei an ein religiös geprägtes Bildnis der Hölle oder geht es vielleicht eher um eine Form von Emotion?                                                                               
Cage: Ich meinte damit erst einmal schlicht und einfach die Hölle auf Erden. Vielleicht ist es aber auch ein wenig von deinen Vorschlägen? Diese Welt ist manchmal echt beschissen und wir hier in Amerika leben sowieso U.nder S.atans A.uthority. Anders kann ich es nicht beschreiben. Wurde Lucifer nicht auch auf die Erde losgelassen? Wie auch immer, dieses Land hier ist einfach nur die Hölle!

rap.de: Denkst du im Zusammenhang mit der Hölle auch über den Tod nach? Glaubst du zum Beispiel an ein Leben nach dem Tod? Hast du möglicherweise Angst davor zu sterben?    
Cage: Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod, und ich glaube auch nicht daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt oder irgendetwas anderes. Da ist doch nur das große dunkle Nichts.

rap.de: Ok, lass uns wieder auf die Musik zu sprechen kommen. Auf "Hell’s Winter" hast du mit verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet, mit El-P, RJD2, Camu Tao und DJ Shadow. Wie lief das ab? Hast du von denen die Beats bekommen und dann angefangen los zu schreiben oder war es umgekehrt?                                                                                   
Cage: Also, die Arbeit war echt nicht immer einfach. Der Prozess war meistens so, dass die Beats noch ziemlich rough waren, als ich sie das erste Mal bekam und zu schreiben anfing. Dann ging der Track wieder an sie (die Produzenten) zurück und es wurde noch weiter dran rumgeschraubt. Danach hab ich dann wieder die Lyrics verändert und so weiter. Es war also ein ständiges Vor und Zurück, mit den Beats und auch mit den Lyrics. So habe ich noch nie gearbeitet. Bisher war es immer so, dass ich mir die Beats ausgesucht habe, Lyrics schrieb und fertig war die Geschichte. Der Weg zu "Hell’s Winter" war anstrengender, aber es hat sich geloht, wie ich finde.

rap.de: Wie steht es eigentlich mit positiven Tracks? Möglicherweise hast du noch eine ganze Reihe unveröffentlichter Partytracks in der Hinterhand und wartest nur auf den richtigen Zeitpunkt, die rauszuhauen. Oder würde das deinem eher düsteren Image schaden?           
Cage: Ich sehe mich selbst überhaupt nicht als düsterer Typ, aber okay, ich werde immer die Musik machen, auf die ich Bock habe.  Es ist mir scheißegal, was mir andere Leute für ein Image aufdrücken. Ich selbst sehe da gar kein bestimmtes. Ich sehe ja auch gar nicht aus wie ein Rapper. So gesehen mache ich sowieso einfach, was ich will, und wenn ich Lust habe, einen Partytrack aufzunehmen, dann werde ich das mit Sicherheit auch tun. Wartet es nur ab.

rap.de: Du bist ja auch bei den "Weathermen" dabei (zusammen mit Camu Tao, El-P, Aesop Rock, Yak Ballz, Tame 1, Breeze und Vast Aire). Wie groß ist für dich der Unterschied zwischen dem Arbeiten an einer Soloscheibe und an diesem Gruppenprojekt?                   
Cage: Oh, ich sehe einen großen Unterschied zwischen der Arbeit als Solokünstler und der Weathermengeschichte. Denn innerhalb der Gruppe sollte man sich ja schon gut verstehen können. In einer Gruppe geht es in erster Linie darum, Kompromisse einzugehen, anders, als wenn man alleine arbeitet, wo man einfach selbst die Entscheidungen trifft und gut ist. Das muss man beachten, dann funktioniert es auch.

rap.de: Hat der Name "Cage", zu Deutsch Käfig, eigentlich eine tiefere Bedeutung für dich? Ist es zum Beispiel ein Käfig, der dich vor etwas von außen beschützt oder eher etwas, was dich gefangen hält?                                                                                           
Cage: Der Name bedeutet an sich gar nichts Bestimmtes. Mal überlegen. Vielleicht ist "prisoner of sound" die Bezeichnung, die noch am besten dazu passt.

rap.de: Nach deinen Inhalten zu urteilen, ist Musik für dich ein wichtiges Mittel, dein Leben zu reflektieren, Emotionen zu zeigen und sich gehen zu lassen. War das auch deine Intention, mit dem Rappen anzufangen?                                                                               
Cage: Als ich anfing zu rappen, hab ich mir über nix einen Kopf gemacht und genau darum ging es auch in der Musik, um nichts. Später kamen dann erst Dinge wie Zorn, Ärger, Angst und Wut zum Ausdruck. Also ging es zumindest schon mal um mehr, als um gar nix. So gesehen eine deutliche Steigerung.

rap.de: Was wolltest du denn werden, als du noch klein warst?                                   
Cage: Oh, das ist einfach: Fame! Ich wollte berühmt werden.
 
rap.de: Nach dem, was man so hört und liest, hattest du nicht gerade eine besonders glückliche Kindheit. Wie wichtig ist es für dich, eine eigene Familie zu haben?                  
Cage: Eigentlich wollte ich nie eine eigene Familie haben, aber ich habe nun mal ein Kind. Trotzdem empfehle ich jedem, keine Kinder in diese Welt zu setzen.

rap.de: Du bist in Deutschland geboren, allerdings schon in jungen Jahren mit deinen Elteren in die USA zurückgegangen. Hast du noch eine besondere Beziehung zu Deutschland?     
Cage: Ich bin natürlich an erster Stelle Amerikaner. Ich spreche kein Deutsch und kann die Sprache auch kaum verstehen. Ich interessiere mich schon für die Dinge, die in der Welt passieren und dazu gehören auch politische Sachen, wie die Beziehungen der USA zu anderen Ländern, wie z.B. Deutschland. Aber ansonsten gibt es kein spezielles Interesse an Deutschland, das über mein generelles Interesse an solchen Dingen hinausgeht.

rap.de: Ich habe von einem Auftritt in London gelesen, von dem du sehr begeistert warst. Interessiert du dich für die europäische Musikszene? Vielleicht die Grimeszene in England, eine Musik mit elektronischen Einflüssen, aber auch Ragga- und HipHop-Bestandteilen.
Cage: Ich bin kein großer Ragga-Fan und mag auch kein Ska und solche Sachen. Ich muss zugeben, dass ich nicht besonders gut über die europäische Rapszene bescheid weiß. Ich habe in paar Sachen gehört, die mir gut gefallen haben, allerdings kann mich nicht an die Namen der Künstler erinnern.

rap.de: Ist die Sprachbarriere eine Einschränkung für dich?                                            
Cage: Ja, schon. Bei Rap ist mir das sehr wichtig. Wenn ich nicht verstehe, was die sagen, dann höre ich es mir nicht weiter an.

rap.de: Du hast aber schon einmal mit Künstlern gearbeitet, die nicht auf Englisch gerappt haben, oder?                                                                                           
Cage: Ja, mit den Smut Peddlers habe ich schon mal so eine Kollabo gemacht. (2001 mit Kool Savas auf der 12" "The Smut Part2"- die Red.)  Das war zumindest eine interessante Erfahrung.

rap.de: Die Musikbranche verändert sich. Das Internet spielt eine immer wichtigere Rolle dabei. Könntest du dir vorstellen, in naher Zukunft ein Album zuerst im MP3-Format rauszubringen?       
Cage: Ich habe diese Veränderung kommen sehen. Aber ich bin noch sehr weit davon entfernt, meine Musik hauptsächlich im MP3-Format zu veröffentlichen. Wenn es wirklich so sein sollte, dass ich keine einzige CD mehr verkaufe, würde ich es mir wohl überlegen. Allerdings, wenn es erst mal so weit ist, dass keiner mehr meine CDs kauft, hat wahrscheinlich auch niemand mehr Interesse an mir. Dann werden mir auch keine MP3s helfen.
 
rap.de: Die Kids beginnen damit, sich Songs direkt auf das Handy zu laden und diese Songs dann auch als Klingelton zu nutzen. Findest du diese Entwicklung gut, oder ist das ein Alptraum für sich.                                                                                            
Cage: Na ja, es gibt bereits Klingeltöne von einigen meiner Songs. So gesehen haben sie mich wohl bereits gekriegt. Mir ist das ziemlich egal. Ich mache einfach Musik, nicht mehr und nicht weniger. Punkt.  

rap.de: Letzte Frage. Ich habe gerade wieder einige dieser großartigen Shows gesehen, wie “Cribs”, “Pimp My Ride”, "Celebrities Uncensored" usw. Hast du nicht auch so ein brillantes Konzept auf Lager?                                                                               
Cage: Klar. Wie wäre es mit einer Realityshow über eine Realityshow, in der Leute es total vermasseln, eine Realityshow über eine Realityshow zu machen.

rap.de: Ähh, alles klar! Sollte direkt mal angefragt werden. Danke für das Interview.

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