7L&Esoteric

Als 7L&Esoteric 1992 das erste Mal gemeinsam zusammen Musik machten, nannten sie sich noch „God Complex“ , auch ihr erster Release im 12-Inch-Format mit den Titeln „Strontium 90“ , „Cortex Nematode“ und „Secret Wars“ (1996 auf Brick Records) erschien noch unter dem alten Namen. Ein knappes Jahr später, im Sommer 1997, releaste man dann erstmals unter dem aktuellen Bandnamen („Protocol Holocron / Be Alert“). Die beiden lernten sich kennen, als Esoteric, der MC der Gruppe, eine College-Radio-Show hostete: „7L rief immer an und wünschte sich Tracks von Leuten wie den Ultramagnetic MCs , Main Source oder DITC . Viele der Kids, die sonst anriefen, wünschten sich ständig irgendwelchen Bullshit, und deshalb war es cool, dass er ab und zu dazwischenfunkte. So entwickelten wir erst mal eine Telefon-Beziehung. Da ich in der Sendung aber auch immer freestylte, bot er mir dann an, mir ein paar Beats zu schicken, und irgendwann landeten wir gemeinsam im Studio.“ Nun, ziemlich genau 10 Jahre später, veröffentlichen die beiden nach „The Soul Purpose“ (2001) mit „Dangerous Connection“ auf Brick Records ihren zweiten Longplayer – in die Läden gestellt wird das Album, wie so vieles in letzter Zeit, über den zunehmend an Bedeutung gewinnenden Vertrieb „Landspeed“ . Ihre Homebase haben die beiden Freunde – wie etwa auch Mr. Lif und Edo G – in Boston. Im Gegensatz zu Lif, der Boston gerade zugunsten von Berkeley den Rücken kehrte, werden 7L& Esoteric ihrer Heimat jedoch die Stange halten, wie Esoteric erläutert: „Ich bin im Moment ziemlich glücklich hier. Es gibt eine Menge Sachen, die mich in Boston halten, wie z.B. meine Freundin, und ich denke, wir machen unser Ding erst mal weiterhin von hier aus.“ Auf ihrem Album kommen die Jungs im Wesentlichen ohne Support aus, featuren jedoch auf insgesamt drei Tracks Vinnie Paz & Apathy , J-Live & Count Bass D (der demnächst übrigens das Album „Dwight Spitz“ releasen wird) sowie Beyonder und haben darüber hinaus einen Beat von Kutmasta Kurt (zu „Rest In Peace“) spendiert bekommen. Aus Anlass des Releases telefonierte ich mit Esoteric:

rap.de: Ich hab´ euch das letzte Mal vor ´nem halben auf Tour in Hamburg gesehen, als ihr mit J-Live unterwegs wart. Wie lief die Tour?

Esoteric: Wir hatten wirklich eine gute Zeit mit vielen guten Erfahrungen, vor allen Dingen hatten wir auch eine Menge Gigs in Deutschland. Abgesehen davon waren wir aber auch in Italien, der Schweiz, England und Frankreich. In Hamburg hatten wir allerdings wirklich viel Spaß, dort waren wir bereits einen Tag vor der Show und hatten so etwas Zeit, uns einiges anzusehen. Natürlich waren wir auch auf der Reeperbahn (lacht).


rap.de: Wie habt ihr J-Live denn kennengelernt?

Esoteric: Wir haben ihn schon früher bei einigen Open-Mic-Events in New York getroffen – ich denke, das war so ungefähr 1997. Vor der Tour hatten wir aber ehrlich gesagt noch nicht viel miteinander zu tun. Wenn du schließlich aber mal eineinhalb Monate mit jemandem verbringst, dann wird man entweder zu guten Freunden oder zu den schlimmsten Feinden. Wir wurden gute Freunde.
rap.de: Mit ihm habt ihr ja auch einen Track gemacht – wann ist der entstanden?

Esoteric: Den Track haben wir erst nach der Tour aufgenommen, und zwar in New York. Es ist auch einer meiner Lieblingstracks auf der Platte. Wir hatten vor der Tour schon vier oder fünf Tracks im Kasten und haben dann danach noch sechs oder sieben weitere aufgenommen. Insgesamt hat es wohl so ungefähr ein halbes Jahr gedauert.
rap.de: Ihr habt dieses Jahr quasi Jubiläum – euer 10-jähriges. Was hat sich aus deiner Sicht in der Branche und für euch selbst in der Zwischenzeit geändert?

Esoteric: Ich denke, dass der Underground-Sound, also die Richtung, aus der wir kommen, zwischenzeitlich eine wesentlich größere Szene entwickelt hat. Wir haben ja ungefähr 93/94 so richtig angefangen, und heutzutage ist es wirklich einfacher, wahrgenommen zu werden. Es gibt einfach viel mehr Leute, die sich der Musik bewusst sind und sie schätzen. Als wir 93/94 anfingen, sogar noch 95, bevor wir ein paar Tracks auf Vinyl rausgebracht hatten, war es einfach ein Risiko, vor Gruppen wie EPMD oder Leuten wie Redman zu eröffnen. Heute kennen uns die Leute und akzeptieren unseren Sound.

rap.de: „Dangerous Connection“ ist euer zweites Album – wo siehst du die Hauptunterschiede zu „The Soul Purpose“?

Esoteric: Ich denke, dass unser aktuelles Album stärker auf den Punkt kommt und abgerundeter ist. Rapmäßig beziehe ich wesentlich mehr Themen ein, habe bei den Texten vor allem auch mehr mit Konzepten gearbeitet. 7Ls Beats kommen auch besser – während wir auf dem ersten Album noch viel mehr Gastproduzenten hatten, hat er nun den Großteil der Platte produziert
rap.de: Habt ihr dieses Ergebnis angestrebt, oder hat sich das eher so ergeben?

Esoteric: Ich denke, das war einfach eine natürliche Entwicklung. Ich brauchte etwas Neues, und wenn es in der Vergangenheit überhaupt negatives Feedback gab, dann zielte dies darauf ab, dass ich hauptsächlich gebattlet und wenig über andere Dinge geredet habe. Deshalb wollte ich nun auch beweisen, dass ich die anderen Sachen genauso beherrsche. Es ging schlicht darum, sich vielseitiger zu zeigen.

rap.de: In dem Zusammenhang ist für mich vor allem „Terrorist Cell“ interessant. Es ist offensichtlich, dass es um den 11. September geht, aber wie bist du darauf gekommen, aus der Sicht der Hijacker zu erzählen?

Esoteric: Letztlich wollte ich vor allem über Religion reden und einen andere Sichtweise darauf eröffnen, wie jemand mit seinem Glauben und einer größeren Macht kämpft. Ich sah darin eine Möglichkeit, das zu tun.
rap.de: J-Live hat mit „Satisfied“ ja auch einen Track zum 11. September gemacht – wie findest du den?

Esoteric: Ich mag Js Track sehr, denke aber, dass sein Song mehr mit Bewusstsein und Selbsterkenntnis zu tun hat. Ich selbst bin offensichtlich kein allzu patriotischer Typ – ich meine, ich bin froh, hier zu leben, aber nicht wirklich glücklich damit, was unsere Regierung tut. Ich war es noch nie – ich wurde in einem ziemlich kritischen Haushalt groß. Trotzdem beschäftigt sich der Song, den ich gemacht habe, mehr mit Religion als mit der Politik, die hinter dem 11. September steht. Es geht darum, wie der Terrorist seinen Glauben verliert, darum, dass er eigentlich gar nicht weiß, was los ist.
rap.de: Ich finde den Track „Rest In Peace“ ziemlich originell – erklär doch mal, worum es dabei geht!

Esoteric: Hauptsächlich geht es darin um BigLs , BigPuns und Biggies Tode und darum, wie ihr Vermächtnis ausgeschlachtet wurde, nachdem diese Typen gestorben waren. Also darum, wie man ihre Acapellas nahm und sie über Beats legte, die sie niemals angerührt hätten, darum, wie all diese Gäste auf ihren Posthum-Alben landeten und sie nach ihrem Tod ausgebeutet wurden. Es wird versucht, so viel Geld wie möglich aus einer unglücklichen Situation, aus einer Tragödie, zu machen. That´s a pretty fucked-up situation.

rap.de: Außerdem mag ich „What I Mean“ , auf dem ihr Beyonder featured, weil das Instrumental sehr fröhlich ist und ordentlich abgeht…

Esoteric: Das ist definitiv auch einer meiner Favourites. Beyonder ist mit uns auch schon ewig down, er ist einer meiner besten Freunde und auch immer mit uns auf der Bühne, wenn wir in den Staaten touren. Er ist übrigens mein zweiter Mitbewohner.
rap.de: Machst du jobmäßig noch etwas außer Musik?

Esoteric: Ich arbeite ein paar Tage in der Woche mit Senioren, mit 80-, 90-jährigen Ladies, die Alzheimer und Demenz haben, senil sind. Ich könnte auch alleine von der Musik leben, habe mich aber entschieden, das trotzdem zu tun, weil das meinem Leben eine gewisse Balance gibt.

 

rap.de: Mr. Lif ist doch auch ein alter Buddy von euch – wie sieht euer Verhältnis zur Zeit aus?

Esoteric: Wir haben schon einen Haufen Tracks mit ihm gemeinsam gemacht, haben allerdings schon länger nicht mehr miteinander geredet. Ich sehe ihn ab und zu, aber wir hängen nicht mehr so oft miteinander ab wie früher. Er ist auch viel auf Tour zur Zeit. Ich mag seine Sachen, er hat einfach auch eine Menge im politischen Bereich beizutragen. Ich weiß allerdings auch, wo seine Wurzeln sind – es sind dieselben, wie meine: Battle-Stuff. Wenn du ihn nach Battle-Rhymes fragen würdest, dann könnte er ordentlich loslegen. Zur Zeit ist es vielleicht sogar so, dass er den politischen Kram etwas überbetont, so wie ich das bis vor kurzem mit den Battle-Rhymes getan habe.

rap.de: Besten Dank für das Gespräch.

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