Creators

Die tatsächlichen Abstände zwischen Erinnerung und Gegenwart verwischen bis zur Unkenntlichkeit, und der Begriff „neulich“ kann bisweilen eine Spannweite von etlichen Jahren bedeuten. Ruft derlei chronologische Schlamperei zwar oft hämische Schadenfreude hervor, so sei hier allerdings bemerkt, daß – je bewegter ein Leben – dieses Phänomen umso früher eintritt. Und wenn man mit Mitte 20 schon echte Probleme hat, gewisse Dinge zeitlich korrekt einzuordnen, dann spricht das meist dafür, daß in diesen kurzen Lebensjahren schon eine Menge Wasser den Bach runterglelaufen ist. So wie zum Beispiel bei Julian und Simon, die beiden Creators. Noch jung an Jahren (eben keine 30), scheint die Zeit mit all ihren Tücken die einzige Mauer zu sein, an der sich die beiden immer wieder die Köpfe einrennen, und im Gespräch wird diese Tatsache schnell zum running Gag… über den Julian und Simon selbst am lautesten lachen können. Aber kein Wunder. Jetzt, wo das erste komplette Album der zwei Engländer vorliegt, können sie schon auf eine reichlich bewegte musikalische Vergangenheit zurückschauen, und in all der Zeit ist eben zuviel passiert, um noch geordneten Überblick zu behalten. Als Teenager trafen sich Julian und Simon das erste Mal in einem kleinen Club in Cornwall, wo Simon Platten auflegte. Julian, der nur auf Besuch in der Gegend war, freundete sich mit dem lokalen Dj an, und nach einer alkoholschwangeren Nacht, einem Rauschmiss Julians aus dem Kamp, in dem er übernachtete, und einem nur knappen Entkommen vor dem Arm des Gesetztes blieben die beiden auch nach Julians Abreise in engem Kontakt. Da beide schon damals notorische Beatsammler und HipHop- Freaks waren und auch spürten, daß ihr musikalischer Anspruch in die gleiche Richtung zielte, war klar, daß sich daraus etwas Gemeinsames bilden würde. Nach einem Umzug Julians entstand schließlich die erste Crew mit dem poetischen Namen the RATS: Roughnecks Against The System. Nach einem in der Musikgeschichte wohl einmaligen Vertrag über eine 12“ Ep (die vom Label wohl gezahlt wurde, allerdings niemals erschien) fingen Julian und Simon schließlich an, für den Rapper MCM als Produktionsteam zu arbeiten. Allerdings waren die Voraussetzungen damals noch denkbar schlecht. Vom HipHop leben war gerade in Uk ein fast unmögliches Unterfangen.

Simon: „Als wir anfingen, war es wie ein Teufelskreis. Es war einfach niemand da, der dir für irgendwas, das du machtest, Geld gegeben hätte. Also versuchte man, soviel wie möglich selbst zu machen. Und zwar nicht für den Markt in England, sondern für den Markt in den Staaten, weil dort wenigstens eine geringe Chance bestand, ein bißchen was zu verdienen, wenn dein Zeug gut war. Hier war der Markt nicht annähernd so groß. Wir haben´s zwar versucht mit unserem ersten Album, aber was helfen dir gute Kritiken schon. Der große Push kam nicht.“ Julian: „Und dann haben wir ein paar 12-Inches in Amerika veröffentlicht, und es hat sich tatsächlich was getan. Wenn die Amerikaner etwas kaufen, dann kauft es der Rest auch. Von dort kommt schließlich alles. Seltsam, aber ist so.“

Die ersten Releases erschienen auf dem Label BlindSide, schließlich auf dem selbstgegründeten Label Creative Entertainment, und Ziel der Produktionen war hauptsächlich der Markt in Amerika. Das Vorurteil, daß Amerikaner oft nicht wissen, was in der eigenen musikalischen Nachbarschaft passiert, können Julian und Simon nicht bestätigen. Trotz ihrer englischen Herkunft und Homebase erfreuen sich die Creators in den Staaten einer großen Beliebtheit.

Simon: „Ich glaube, daß es im Underground dort ganz anders läuft als sonst generell. Die Leute suchen nach guter Musik in den Plattenläden, ganz egal, wo diese herkommt. Dieses Stigma existiert dort nicht so, es geht nur um die Musik, und du findest dort auch Sachen von überall.“ Julian: „Viele Leute, die Sachen von uns kauften, haben gar nicht realisiert, wo das Zeug herkam. Ob das nun auf BindSide war oder auf Creative Entertainment, die haben´s einfach mitgenommen. Es gab auch viele Leute, die dann dachten, wir kämen aus Kanada oder sonstwoher (..lacht..). Das konnte man sogar in Zeitschriften lesen!“

Doch schließlich kam der Punkt, wo sich Julian und Simon nach einem größeren Label umsahen. Im Zuge der vielen kleinen Veröffentlichungen hatte sich nämlich auch ein Stapel Tracks angesammelt, der ihnen zu schade erschien, in kleinem Format verwurstet zu werden.

Simon: „Wir hätten die Sachen schon rausbringen können. So mit kleinen Maxis und dem guten, alten Bootlegstyle. Aber das wollten wir nicht. Wir wollten die Sachen ‚richtig‘ veröffentlichen. Für alles andere erschien es uns zu schade.“ Julian: „Und so fing die ganze Verhandlungsgeschichte an. Wir hatten also quasi das Album fertig und wollten es unterbringen. Aber in den zwei Jahren, in denen wir uns nach einem guten Label umgesehen hatten, war natürlich eine Menge Neues dazugekommen. Und das wollten wir dann auch noch dazupacken."

Daß als Label ausgerechnet Bad Magic gewählt wurde, ist schnell erklärt: Seitenwechsel
Simon: „Das waren die Einzigen zu dem Zeitpunkt, die kapiert haben, was für eine Art Album wir gemacht hatten. Damals – also vor über zwei Jahren (..lacht..) – gab es ja noch nicht so viele Produzentenalben wie jetzt. Viele Labels wollten die Lp als Compilation vermarkten, was allerdings uns nicht passte, denn es war ja keine Compilation. Bad Magic hat gut verstanden, worum es uns ging, wir bekamen völlige künstlerische Freiheit, und so stimmten einfach die Grundvoraussetzungen. Daß es dann bis zur Veröffentlichung eben nochmal so lange gedauert hat, lag echt an uns. Wir bräuchten rückwärst laufende Uhren, weil wir manchmal wirklich zu viel Zeit auf gewisse Dinge verwenden (..lacht wieder..). Julian: „Ja, wenn du ein eigenes Studio hast, dann ist die Versuchung groß, daß Du immer weiter und weiter an einem Track bastelst.“

Und wann war dann Schluß mit dem Gebastel?

Simon: (schallendes Gelächter) Die Deadline kam von Bad Magic. Irgendwann hatten sie einfach keine Lust mehr, sich mit uns ständig rumzuschlagen!“

Aber wie lange die Arbeit an dem Album auch gedauert haben mag, es hat sich sicherlich gelohnt, darauf zu warten. „The Weight“ ist ein tatsächlich tonnenschweres Album, das nicht nur durch seine oberfette Produktion überzeugt, sondern auch durch ein exquisites Gäste- Lineup. Viele der Leute kannten Julain und Simon von ihren Aufenthalten in den Staaten, und im Laufe ihrer Tätigkeit als Produzenten hatten sich Adressbücher (und Anrufbeantworter) schnell gefüllt. Man lernte sich eben kennen, und zwischen dem Austausch von Beats und Buy- Listen kam man schnell ins Gespräch für Zusammenarbeiten. Man hört auch, daß die Creators ihre Arbeit auf Amerika konzentriert haben. Die Sounds haben amerikanischen Style, und auch die Gäste kommen vorwiegend aus den Staaten. Trotzdem wurden die Creators jahrelang in der Presse als „the best british producers“ und dergleichen tituliert, was die beiden ziemlich nervt.

Simon: “Klar, es gibt schon sowas wie ein länderspezifisches Flair. Zum Beispiel fingen hier die Leute erst vor ca. 4 Jahren richtig an, das Engineering zu lernen. Deshalb klang damals alles etwas roher. Man war eben noch nicht so vertraut so verändern sich die Sounds im Laufe der Zeit, behalten aber ihren Grundcharakter. Unsere Sachen hören sich jetzt auch komplett anders an als vor zwei Jahren. Man lernt einfach was dazu. Aber generell ist das doch was Grenzenloses, es ist international!"

Julian: „Wir hatten auch Glück, weil wir vielen amerikanischen Größen über die Schulter schauen konnten. Ich meine, dem Engineer von Marley Marl über die Schulter zu sehen… ich war wie ein Schwamm, habe alles aufgesaugt, was er gemacht hat. Oder Lord Finesse oder Spinna… denen mal zuzusehen im Studio, da haben wir schon viel gelernt.“ Simon: „Aber man bringt sich auch viel selbst bei, klar. Es ist eh Wahnsinn, was sich immer so tut …Zeit! … (lacht)“

Klar, und es scheint auch so, als hätten die Creators ihre kreative Schaffensphase lange nicht abgeschlossen. Eine Menge neue Sachen sind in Planung, und man darf gespant sein, was da noch kommt. Neben weiteren eigenen Produktionen sind in nächster Zeit eine Menge „Gastauftritte“ zu erwarten, wie zum Besipiel ein Remix für A Tribe Called Quest feat. Busta Rhymes, der auf Jive US erscheint, und einen Remix für Masta Ace auf Bad Magic. Fragt man konkret nach der Zukunft, dann müssen die beiden lachen.

Simon: „Solange ich glücklich bin, ist alles gut!" Julian: „Es macht so viel Spaß gerade, gerade in Europa tut sich momentan tierisch viel. Es gibt noch viel zu tun, und so lange wir es aus Leidenschaft machen, sehen ich uns nirgendwo anders!“
Die Tiefen der Vergangenheit, die Momente, in denen ans Aufhören gedacht wurde, sind momentan weit weg.

Simon: „Klar, es gab Momente, wo wir uns gefragt haben, was das eigentlich noch alles soll. Wenn Du immer nur Geld in etwas reinsteckst, ohne etwas rauszubekommen, dann möchte man manchmal einfach gerne aufgeben.“ Julian: „Aber wir wußten immer, daß Musik das einzige ist, was wir machenwollen. Definitiv!“

So scheint sich langsam auszuzahlen, was sich die beiden wirklich verdient haben. Wir wünschen ihnen dabei nur das Beste und einen guten Manager, der es ihnen abnimmt, sich um Zeit zu kümmern…

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