Fette Beats am Badesee – splash!

Für mich hat alles begonnen zu Beginn des Jahres 1998 – in Chemnitz. Mir wurde eine schwarze Postkarte vorgelegt, auf der in gelben Buchstaben das Wort splash! prangte. Keine weitere Information. Nichts. Hm… splash! … was soll denn das sein? Bubble Gum? Ein Klamotten-Trademark? Eine Party? Erhalten hatte ich diese Karte von einem guten Freund – DJ Little T. Der grinste nur vielsagend und meinte zu mir, ich solle mich mal überraschen lassen. Etwas anderes blieb mir und dem Rest der Stadt auch nicht übrig. Die Herausgeber der splash!-Karten hüllten sich in Schweigen. Man bekam sehr wohl mit, dass etwas mächtig Gewaltiges in Planung war und die vermeintlich daran Beteiligten heftig unter Stress standen. Meetings wurden abgehalten, Telefonate häuften sich. Aber dann, die nächste Information schwappte in die Öffentlichkeit, ich hielt die nächste Karte in den Händen. Diese war blau – der gelbe splash!-Schriftzug war wieder am Start. Und dann doch vor allem – eine Information. Open Air am Stausee Oberrabenstein. Und u.a. Freundeskreis & Afrob sollten kommen. Klang gut! Besagter Stausee war bis dato etwas, wo man im Sommer den Wanst in die Sonne hielt. In früheren Tagen mit den Eltern, später dann mit den Freunden. Dabei war es oberste Priorität, nicht den Haupteingang zu nutzen, sondern auf der anderen Seite – quasi ohne Eintritt zu lassen – über den Zaun zu klettern. Da sollte nun also ein Open Air stattfinden? Sicher.

 

In diesen Tagen wurde wild spekuliert und viel getratscht. Ich lernte irgendwann Jan Richter und Mirko Rossner von Hakke–Media kennen. Der eine trug 24/7 eine gelbe Oklay-Sonnenbrille, der andere hatte den Beinamen Chaot. Was, um Himmels willen, führten denn nun diese beiden Typen im Schilde? Antwort: Großes! Beide hatten die Vision von einem HipHop-Festival. Und zwar mitten in Chemnitz, welches sich zu diesem Zeitpunkt anschickte, sich einen Namen als Homebase der forward strebenden Phlatline-Family zu machen. Nach etlichen Kooperationsversuchen, verworfenen und später doch umgesetzten Ideen finden sich am 17.Juli 1998 Jan, Mirko, Little T. und der Rest der Familie zwischen knapp 1500 Leuten wieder und feiern die kleinere – doch immerhin umgesetzte – Version des ersten erträumten Festivals, in dieser netten, kleinen sächsischen Stadt. Nicht am Stausee, aber im und um das Chemnitzer Kraftwerk herum. splash! war geboren. Es wurde gegrillt, gejamt, und die Wände hinter dem Haus wurden ordentlich zugebombt. Auf der Live-Bühne waren z.B. Afrob, KMC-Klikk, Harleckinz und Spezializtz. Mirko frohlockte, sichtlich geschafft und mit hochrotem Kopf (den er, genau wie der Rest der Organisatoren, übrigens bis heute in den Tagen des Splash! mit sich führt): „Wir haben es allen gezeigt!“ In der Tat.

Ein Jahr später wurde genau dieser Satz noch einmal neu definiert. In Eigenregie hatten Phlatline und Hakke sich erneut an das Unterfangen splash! gewagt und zeigten erst allen, die freundschaftlich mit ihnen verbunden waren, was fette Party wirklich bedeutet, und anschließend den zugereisten Gästen. Unfassbar, wie aus diesem „Naherholungsgebiet“ ein Festival-Gelände geworden war! Und die Sache wächst ja auch stetig, und Jahr für Jahr wieder ein Stückchen mehr. Ein Kind wird ja auch größer und älter – sofern es gut versorgt wird! Lange Rede, kurzer Sinn: Die Veranstaltung im Jahre 1999 stopfte allen Zweiflern gehörig das sprichwörtliche Lästermaul. 10.000 HipHop-Hungrige feierten an zwei Tagen, trotz gelegentlichen Regengusses. Aus dem kleinen Line-Upchen vom vergangenen Jahr war ein stattliches Line-Up geworden. So waren u.a. Eins Zwo, Walking Large, MC Rene, (Absolute) Beginner und Gentleman vor Ort und heizten der Massive ordentlich ein. Apropos Regenguss. Jener sollte bis in das Jahr 2002 zum unumstößlichen Markenzeichen des Splash! werden. Man konnte regelrecht Wetten darauf abschließen, dass splash!-Tage Regentage sein werden. Diese Tatsache führte 2001 beispielshalber zu massiven organisatorischen wie auch finanziellen Problemen.

 

Aber vorerst zurück ins Jahr `99. splash! war größer geworden und somit auch die dahinter stehende Mannschaft. Hauptverantwortlich für Koordination und Organisation waren nunmehr nicht länger einzig Mirko, Jan und Thomas. Die weitestgehend in Drum`n`Bass-Kreisen bekannte Dead Metropolis-Crew ergänzte den Phlatline/Hakke-Mob tatkräftig. Außerdem gab es reichlich Unterstützung von Bekannten, Verwandten und guten Freunden. Man traf sich morgens gutgelaunt zum Frühstück im Backstage-Bereich und besprach das Tagesprogramm. Das war auch im Vorfeld schon so möglich gewesen, währenddessen also sowieso, und erst Recht – und Gott sei Dank – im Anschluss. So ein Festival-Gelände, welches sich in Wirklichkeit als Naherholungsgebiet auszeichnet, will am Ende ja schließlich wiederhergestellt werden. Beschwerden von Seiten der Stadt und den umliegenden Anwohnern waren eh schon zahlreich genug – wieder war abschließend nicht ganz klar, wie und ob splash! im Folgejahr stattfinden würde.

Nichtsdestotrotz hieß es dann auch 2000 erneut: Tore auf und ab dafür! splash! – Runde drei. Neben Main Acts wie: 5 Sterne Deluxe, Die Firma, Square One, Freeman, Metaphysics (welcher vor Ort und mitten im eigenen Videodreh zusammenbrach), Freundeskreis, IAM gab es erstmals 2000 Besuch zweier Acts aus Jamaika. General Degree und Chico beendeten in diesem Jahr auf der Hauptbühne mit Reggae- und Dancehall-Vibes das Programm. Nun war auch die in Deutschland stetig wachsende Dancehall-Massive gefragt. Außerdem wurde die Feierlichkeit um einen weiteren Tag verlängert. Seit diesem Jahr gehen nun also die Besucher des Chemnitzer Stausees an drei Tagen in Folge wicked! Leider gab es auch im Millennium-Jahr einen Wermutstropfen für die ansonsten recht frohen Organisatoren. Einige Zelte waren aufgeschlitzt und fremdes Eigentum entwendet worden. Ebenso musste mit ausgebrannten Autowracks unweit vom Festival-Gelände gehändelt werden. Direkt im Gelände gab es ähnlich verkohlte Dixi-Klos zu entsorgen. Es ist eben leider auch in Chemnitz wie überall: In einer Riesenmassive peaceful Feiernder befinden sich eben auch immer ein paar respektlose – mit Verlaub – Arschlöcher.

 

2001 – inzwischen hatte sich das splash!-Festival den Beinamen „größtes HipHop Festival Europas“ verdient – hieß es dann noch einmal mehr mit weitaus größerem Trouble fertig zu werden. Die Festival-Tage fielen sprichwörtlich ins Wasser. Regen überflutete bereits im Vorfeld das Gelände. Zusätzliche Sicherungsmaßnahmen für Bühnen und Zelte etc. waren nötig und somit auch zusätzliche Gelder. Mindestens aber eine ebenso riesige Stange Geld muss es wohl auch gekostet haben, um ein Programm dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen. Ich sag nur 2 Bühnen – HipHop und Reggae! Ein doppelt so fettes Line-Up (u.a. Saian Supa Crew, Samy Deluxe, Curse, Raptile und Roger Rekless, Azad, Tony Touch, Bounty Killer, Lady Saw und Elephant Man), wie man gewagt hatte zu hoffen. Trotz ordentlichem Schuldenberg, der nun auf den Schultern der Organisatoren lastete, galt denn auch nach wie vor das markante Credo der Chemnitzer splash!-Crew: „Seien wir realistisch – versuchen wir das Unmögliche!“ Man jubelte, anstatt sich zu ärgern. Frust wich dem Blick nach vorn, denn man konnte sich trotz aller Strapazen sicher sein, etwas wahnsinnig Großes vollbracht zu haben. An dieser Stelle noch eine nette kleine Randnotiz zum splash! 2001: Um ein Haar hätte einer der Main-Acts – Biz Markie – seinen Auftritt förmlich verpennt. Der schlummerte nämlich bis eine halbe Stunde vor Stage-Time friedlich und nur in Shorts bekleidet in der Lobby seines Chemnitzer Domizils. Nur mit Ach und Krach konnte Mouth Man auf das Gelände gebracht werden.

Eines stand aber am Ende unumstößlich fest: splash! war geradezu über sich selbst hinausgewachsen! Big things a`gwan auf 2 Stages hieß es, trotz aller vorangegangener Widrigkeiten, auch 2002 wieder. Vorab hatte dies für Phlatline und Splash! Entertainment, im wahrsten Sinne des Wortes, einen amtlichen Berg Arbeit, und Schweißvergießen ohne Ende bedeutet. Man sollte sogar sagen, gerade dieses Mal, denn ein klaffendes Geldloch musste gestopft, aber 25.000 Besucher gleichsam auf Top-Niveau unterhalten werden. Seinen Höhepunkt fand dies in einer hochkarätigen Starbesetzung – sowohl aus hiesigen Gefilden als auch aus den Staaten oder Jamaika. Zum anderen beschloss man, die drei Festtage (von denen der letzte traditionell wieder von Regenfällen überflutet wurde…) mit einem wundervollen Feuerwerk, direkt im Anschluss an das Programm der Headliner Seeed, denn splash! jubilierte. Die Organisatoren feierten mit ihrer Massive fünfjähriges Bestehen, dieses Festivals mit dem Leitfaden „Von der Szene für die Szene“.

 

An dieser Stelle sei unbedingt auch eine der wichtigsten Personen dieses Events erwähnt! Jan Richter – jener Mitbegründer dieser inzwischen mehr als nur renommierten Großveranstaltung in Chemnitz/Oberrabenstein – welcher im Oktober 2002 auf leider sehr, sehr tragische Art und Weise sein Leben lassen musste. Jan, gerade mal 20jährig und somit der Jüngste der splash-Kernmannschaft, wurde in der Nacht vom 02.10. zum 03.10. Opfer eines unglaublich dreisten Verkehrsunfalls. Ein betrunkener Autofahrer hatte ihn beim Überqueren der Straße nicht nur angefahren, sondern auch Fahrerflucht begangen. Jan Richter verstarb noch am Unfallort. Chemnitz hatte einen Freund und Idealisten – im Sinne des splash! – verloren. Es gilt, ihm würdigen Respekt zu zollen und vor allem ihn in Gedanken zu halten! Jan Richter war – und ist es noch – ein bedeutender Bestandteil dieses von uns jährlich gefeierten Mammut-Projektes, welches sich eine Handvoll HipHop-, Graffiti- und in erster Linie Party-Liebhaber 1998 in den Kopf gesetzt und tatsächlich umgesetzt hatten. Jan – YUH LARGE!

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