Interview mit Ferris MC

Ferris MC war lange weg. Anstatt als bekennender Freak für „Asimetrie“ zu sorgen, hat der Bremer mit Deichkind Hits wie „RemmiDemmi“ oder „Leider Geil“ hingelegt, die in Deutschland jeder regelmäßige Besucher von Studentenpartys kennt. Doch vor den Erfolgen mit der Band hat Ferris Hilton eine lange Rap-Historie hingelegt. Angefangen hat er als F.A.B. mit FlowinImmo, war später Teil der berühmt-berüchtigten Mongo Clikke, droppte den ersten deutschen Club-Rapsong „Reimemonster“ mit Afrob   Sascha Reimann hat die Anfangsjahre des deutschen Raps durchaus entscheidend mitgeprägt. Nach einer langen Auszeit, die mit viel Deichkind und Schauspielerei gefüllt war, bringt Ferris nun mit „Glück ohne Scherben“ zum ersten Mal seit 2005 ein Solo-Album heraus. Wir trafen Ferris MC in Berlin und sprachen mit ihm über sein neues Album, die aktuelle Comebackwelle und die deutsche Rapszene.

Dein Album kommt im Mai. Bist du schon fertig?

Das Album ist fertig. Ich weiß, das ist echt oft so, habe ich mitgekriegt, dass diese ganzen Neuzeit-Rapper irgendwie schon das Datum raushauen, aber noch mitten in der Albumproduktion sind. Das wäre mir viel zu unsicher. Mein Album ist seit letztem Jahr schon fertig und wir nutzen eine gesunde Vorlaufzeit. Es ist zwar ein Comeback, aber ich fühle mich eher wie ein Newcomer, nach so einem Generationssprung. Es fühlt sich auch an wie das erste Album, deswegen brauchen wir diesen Vorlauf im Gegensatz zu diesen ganzen Social-Media Hypes, die Millionen Facebook-Likes haben und Follower hier und da. Die brauchen diesen Vorlauf in dem Moment natürlich gar nicht. Ich habe natürlich das Glück dass ich mich auf der medialen Seite viel breiter aufstellen kann, weil ich kein Genrerapper bin, kein Typ, der in eine Schublade zu stecken ist. Für mich interessieren sich auch die ganzen Mags, wo eigentlich eher rockige Sachen oder Alternative passiert, für mich, weil ich einfach auch eine entsprechende Vergangenheit habe. Natürlich auch ein kleines bisschen wegen Deichkind. Aber Deichkind ist gar nicht so der Bonus in dem Moment, sondern eher, dass ich zur ersten Generation Streetrapper gehöre und schon da immer ein Außenseiter der Szene war.

Was war denn der konkrete Auslöser für dein Comeback?

Ich bin jetzt sieben Jahre bei Deichkind und die Marschrichtung da ist einfach vorgegeben. Hedonismus, humorvolle Sozialkritik, die musikalische Umsetzung ist meist elektronisch, wenn nicht sogar technoid. In mir stecken aber natürlich noch ganz viele andere Seiten, die weitaus emotionaler sind, ich will nicht sagen tiefgreifender. Aber geradlinig, und meine ganze Vergangenheit musste verarbeitet werden, auch mal auf ein Album gebracht, nach 11 Jahren. Mit dem neuen ‚ich‘, der ich jetzt bin, Ferris MC 2.0, der weiterentwickelte Typ. Das kann ich alles nicht im Deichkind-Kosmos ausleben. Das passt da nicht rein, das hört man ja auch auf dem Album, Songs wie „Glück ohne Scherben“ würden niemals zu Deichkind passen.

Also wolltest du nicht einfach nur ein Stück vom Kuchen abhaben?

Die Frage kommt derzeit öfter. Ich glaube, diese Welle der Kritik ist wenn überhaupt von Shindy losgetreten worden, indem er Curse kritisiert hat bei dessen Comeback. Ich verstehe seine Intention darin nicht, denn ich finde in einer ganz anderen Welt statt, in einem ganz anderen Genre. Ich reihe mich gar nicht in diesen Gangsta-Rap oder Neuzeit-Rap ein, und den Gedanken, den die alle teilen, den teile ich nicht. Ich gehöre gar nicht zu dieser Szene. Im Endeffekt ist es so: Mich anzuprangern für ein Comeback ist so, als wenn du Udo Lindenberg anprangern würdest wegen einem Comeback. Ich will auch gar nicht damit anfangen, zu erzählen, dass ich jetzt zur ersten Generation gehöre, das interessiert mich alles nicht. Mir gehen auch die ganzen alten Leute auf den Sack, die die ganze Zeit immer von ‚Keep it real‘ und ‚HipHop‘ reden. Das nervt mich ohne Ende und hat für mich schon wieder nichts mehr mit Musik zu tun. Genauso hat es aber für mich wenig mit Musik zu tun, den Jugendlichen oder Zuhörern die ganze Zeit unter die Nase zu reiben, wieviel man verkauft hat, welchen Platz man in den Charts hat, weches Auto man hat, wie hart man ist, wen man hinter sich hat. Interessiert mich alles einen Scheißdreck. Wenn ich mal auflisten würde, was wir mit Deichkind alles erreicht haben, wie peinlich wäre das, wenn wir das machen würden? Ich kümmere mich um ganz andere Themen.

Man wächst da ja auch raus.

Genau, bei mir war das zum Beispiel früher auch der Fall, dass ich ein Image hatte, einen Stempel auf der Stirn. Da war ich ein Genre-Rapper, der Assi, der Drogen-Junkie. Ich hab damit dann auch gespielt, das irgendwie als Geschäftsmodell gesehen. Aber da wachsen Jugendliche natürlich raus und können mit der Attitude dann nix mehr anfangen. Das wird diesen ganzen Genre-Rappern, die sich selber limitieren, genauso passieren. Die Generation Hurensohn ist dann irgendwann tot oder bröckelt langsam ab. Es kommen ja immer wieder neue nach, die immer nur dasselbe machen, was eh schon da ist. Alles dreht sich nur noch um Punchlines und gar nicht mehr um Textthemen.

Wie willst du dich davon abheben?

Mein Album ist wirklich ein Songwriter-Album und ich denke, dass ein Jugendlicher da nicht rauswachsen kann. Das Album ist auch abwechslungsreich, wie bei den Beastie Boys früher. Ein Album von denen hab ich nicht nur zwei bis drei Monate gehört und dann wieder weggestellt, das hab ich jahrelang gehört und es ist immer noch qualitativ hochwertig. Und das ist mein Anspruch, dass ich ein Album erschaffe, auf dem Songs wie „Reimemonster“ sind. Klassiker ist, die kein Ablaufdatum haben, die ein Leben lang bestehen können. Das ist mein Anspruch an Musik.

Man hört bei deinem Album durchaus auch rockige Einflüsse heraus.

Das ist ja bei mir nichts neues. Es passt einfach gut zu meiner Stimme, wenn ich die Kratzepeter-Stimme oder die Kettensäge anschmeiße, dann passt Rock sehr gut zu mir als Performer. Ich glaube, wenn ich straight up trapmäßige Ami-Beats oder auch französische Beats kopieren würde, dann würde man mir sehr schnell nachsagen, dass ich so einen DMX-Style kopieren würde. In den 90ern hätte man mir das wahrscheinlich nachgesagt. Den Stempel wollte ich nicht haben, ich wollte den Ferris-Stempel haben, den eigenständigen, auch jetzt noch der Freak. Einer der einfach weiß, was er tut. Früher war es sehr aus dem Bauch heraus, auch sehr unbedacht teilweise, einfach raus mit meinen Aggressionen, ein Ventil quasi. Diesmal ist das schon geradliniger und bedachter. Bauch, Herz und Kopf sind im Einklang.

Wir haben ja vorhin schon über Deichkind geredet. Würdest du sagen, dass das Projekt eine Art Rettung für dich war?

Nein, überhaupt nicht. Ich hab mich ja 2005 bewusst begraben, weil ich keinen Bock mehr hatte, in diesem Potpourri mitzumischen. Ich hatte auch keine Energie mehr und wollte meine Musik anonymer gestalten, habe mich auch schon während der Ferris MC-Zeit mit Techno und Electro beschäftigt und aufgelegt. Ich hätte bis ans Lebensende, wenn ich keine Herausforderung gesucht und nicht immer gerne bei Null angefangen hätte, von DJing leben können. DJing, gerade im Electro-Techno-Bereich, ist ein überbezahlter Job ohne Ende. Ohne dass irgendwelche Leute etwas davon mitbekommen haben, habe ich unheimlich viel Geld damit gemacht. Und dann ist da ja auch  noch die Schauspielerei, das ist auch ein Standbein, das einen super Lebensunterhalt, wenn es um Geld geht, bringt.

Geld war also nicht die Motivation.

Deichkind war einfach nur ein Goodie, ein Schmankerl, das dazukam. Jetzt bin ich seit sieben Jahren dabei. Ich bin eingestiegen, als wir mit Deichkind gerade einmal bei so 500-1000 Leuten waren, wir haben uns das dann Schritt für Schritt, Jahr für Jahr erarbeitet. Bei „Arbeit nervt“ haben die Verkaufszahlen noch lange nicht so gestimmt wie bei den Live-Verkäufen durch die Show, die erstellt worden ist. Wir haben auf Festivals teilweise Slots um 13, 14, 15 Uhr gespielt und haben uns dann innerhalb eines Jahre schon zu Headlinern hochgespielt, ohne die Verkaufszahlen eigentlich dafür zu haben. Dann kamm „Befehl von ganz unten“ mit „Bück dich hoch“ und „Leider geil“ und dann war alles außer Kontrolle, da waren wir dann natürlich überall Headliner, wir konnten noch mehr investieren in die Show. Jetzt ist es eine heftig große laufende Maschine, die sich weiter fortsetzt mit „Niveau Weshalb Warum„. Das ist ja auch jetzt mittlerweile Gold und die Tour wird, glaube ich, die heftigst besuchte von allen unseren Touren. Das ist schon krass, was für eine Entwicklung wir da genommen haben zusammen.

Was hast du musikalisch mitgenommen aus der Zeit? Das Album hat ja auch elektronische Anklänge.

Ja, aber nur bei „All die schönen Dinge„. Sonst sind nicht so viele elektronische Einflüsse drauf. Aber thematisch würdest du auch das bei Deichkind nicht hören. Natürlich kann man Inspiration nicht von der Hand weisen, wenn ich mit der Band tagein, tagaus zusammenarbeite, dann ist das ja so eine Art Spiegelreflexion, die in einen übergeht. Dann ist man davon nicht befreit, dass der eine oder andere positive Einfluss auch auf meinem Album Wirkung hat. Aber mein Ziel war, dass das Album nicht als Ganzes mit Deichkind verglichen werden kann.

Wie bist du an „Glück ohne Scherben“ konkret herangegangen?

Sehr viel Bandgeschichten sind drauf, ich hab das ganze Album mit Swen Meyer produziert, der normalerweise Sachen wie Tim Bendzko oder so macht. Eine Produzentenlegende. Das sind keine Laptop-Beats, die mal eben in einem Kabuff gemacht worden sind. Das Album ist ein sehr teures Album, andere kaufen sich dafür ein Auto. Bandeinspielung trifft auf professionelle Produktion im Endeffekt. Wir haben über ein Jahr lang an dem Ganzen gearbeitet, sowohl textlich, als auch musikalisch.

Hast du damit mit dem alten Ferris eigentlich endgültig abgeschlossen? Oder steckt der Freak immer noch in dir?

Der Freak ist auf jeden Fall noch da, das ist schon rein optisch gegeben, das kann ich nicht ändern. Ich bin immer ein Typ mit Ecken und Kanten und werde das auch wahrscheinlich bis ans Lebensende bleiben. Für die einen hässlich, für die anderen eine Charakterfresse, das kann jeder sehen wie er möchte. Aber die Attribute und die Attitude sind eine andere geworden. Ich hab Verantwortung für mich selber übernommen, für meine Frau, für meine neue Familie. Ich habe, glaube ich, mehr Power als damals mit 25, weil ich auch seit 10 Jahren nicht mehr kiffe und noch viel länger keine harten Drogen mehr nehme. Ich habe sehr viel verarbeitet in der Zeit, ich kann die Power mehr kanalisieren, die Energie besser einteilen als früher. Früher habe ich alles auf einmal rausgelassen und war dann einfach am Ende. Und das habe ich auch Deichkind zu verdanken: da habe ich gelernt, Energie richtig zu bündeln und im richtigen Zeitpunkt rauszulassen.

Dein Albumcover erinnert ein bisschen an an die Serie „Dexter“. Willst du dich als einsamer Rächer in der Szene darstellen? Ist das der Vibe?

Eigentlich ist das Cover so gedacht, dass ich, da wo ich stehe, umgeben bin von meinem kaputten Inneren. Der Vorschlaghammer ist ein Symbol dafür, da auszubrechen. „Glück ohne Scherben“ hat eigentlich eine positive Aussage, aber der Song ist schon etwas depressiv. Er beschreibt ja, dass ich einen Sinn in meinem Leben haben möchte, die Hoffnung auf Hoffnung. „Fensterlose Zeit“ ist auch in etwa das, was das Cover beschreibt. Der Ausbruch, die alte Haut abstreifen, um ein neues Leben zu beginnen. Mit der Lebenserfahrung, die man in der Zeit gemacht hat, daraus ein Resultat erschließen, wo man sagt: So war ich, so bin ich jetzt.

Wir haben über deine verschiedenen Einflüsse gesprochen. Gibt es trotzdem aus deiner Sicht einen roten Faden?

Das ist der rote Faden: Jeder Song steht für sich, jeder Song macht eine eigene Gefühlswelt, eine eigene Stimmung auf. Ich hoffe, dass das für Musikliebhaber wahrgenommen wird, nicht für Leute, die nur in eine Richtung denken, bei denen links und rechts nicht sein darf. Die nur ihre Fitness-Pumper-Mucke haben wollen, nur Punchlines, nur Gepöbel, Skandale, dies und das. Für die Leute ist es eigentlich nicht gemacht, aber es täte denen gut, wenn sie sich auch mit sowas beschäftigen würden, denn ich denke, kein Mensch ist immer auf dem selben Stimmungslevel. Wenn du dir die letzten Alben von diesen ganzen Leuten anhörst, und das meine ich nicht negativ, ist das so eine Atmosphäre, eine bestimmte Stimmung, die die ganze Zeit ausgeschlachtet wird. Das wäre so, als wenn ich ein Album lang „Reimemonster“ machen würde. Ich will mit mir im Reinen sein und nicht die Marionette eines Fans. Der Fan soll Fan von mir sein, weil ich ihm mehr zu bieten habe als nur einen engstirnigen Weg. Und da fühl ich mich viel wohler, wenn ich mich auslebe, frei von allem. Ich denke, es gibt viele Leute, die wie ich mit ganz viel verschiedener Musik großgeworden sind, sowohl mit The Ramones oder Die Ärzte als auch mit The Rocksteady Crew, Beastie Boys, Run DMC, Grandmaster Flash, DMX, Jay-Z, Biggie Smalls, Tupac und so weiter. 

Also hast du auch versucht, bewusst einen Kontrast zur aktuellen Deutschrap-Entwicklung zu setzen?

Im Endeffekt schon. Ich wollte mich auf jeden Fall abheben von dem und eine eigene Welt aufmachen, damit man mir nicht nachsagen kann, ich spring hier auf einen bestimmten Zug auf. Da kommen wir auch wieder zu der Sache mit dem Stück vom Kuchen. Von deren Kuchen möchte ich ja gar nichts haben. Ich backe meinen eigenen. Die sind alle Haifische in ihrem Haifischbecken und die Fische werden immer weniger. Ich hab mir mein eigenes Haifischbecken gebaut. Der ist voller Zuchtfische, und die kann ich ganz alleine essen. (lacht) Vielleicht teil ich mir die noch mit Casper oder Marteria und mit Peter Fox.

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