Afrob

Man hat lange Zeit nichts von Afrob gehört, doch das heißt tatsächlich gar nichts. Denn Afrob hat sich einfach Zeit genommen und an seinem neuen Album „Hammer“ gearbeitet, welches in der kommenden Woche erscheinen wird. Was er im letzten Jahr so erlebt hat und was ihn dazu bewegte, seinem Album den vielversprechenden Titel „Hammer“ zu verpassen, verriet er uns kürzlich im Office von Four Music.

rap.de: Warum wir heute aufeinander treffen, dürfte klar sein: Es geht um die Veröffentlichung deines neuen Albums. Warum hast du den Namen „Hammer“ für dieses Werk gewählt? Hat das eine bestimmte Bedeutung?

Afrob: „Hammer“ deshalb, weil mein Album einfach der Hammer ist! Als ich acht Tracks fertig und mir diese angehört hatte, fand ich sie einfach nur Hammer. Bei uns sagt man das halt so. Wenn du irgendwie kein Wort mehr findest, um eine Sache richtig krass zu beschreiben, dann sagst du einfach Hammer. Hammer fand ich auch irgendwie cool. Es ist ein geiles Werkzeug, mit dem du viel kaputt machen aber auch wieder aufbauen kannst. Das heißt aber nicht, dass ich mit einem Hammer in der Gegend herum schlage, damit alle merken, dass ich noch am Leben bin.
rap.de: Du bist also scheinbar schon der Meinung, dass „Hammer“ eines deiner besten Alben ist?

Afrob: Ich sage dir mal etwas: Wenn du ein Album heraus bringst und du findest nicht, dass es das Beste ist, was du je gemacht hast, dann lass es lieber gleich unveröffentlicht. „Hammer“ ist auf jeden Fall anders, aber von der Qualität her genauso Dope wie alle anderen Sachen von mir. Ich mache mir bei mir über Qualität eigentlich nie Sorgen. Es gibt immer nur die Frage: Was will ich erzählen? Was stelle ich mir als Inhalt vor?
rap.de: Apropos Inhalt. Mir ist im Intro aufgefallen, dass du sagst: „…das ist vielleicht mein letzter Schuss… .“ Ist „Hammer“ dein letztes Album?

Afrob: Was weiß ich. Man weiß nie, was passiert. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass das mein letztes Album ist. Ein paar Takte vorher sage ich ja auch: „…ich lasse niemals diesen Stift ruhen…“ – also relativiert das das Ganze wieder. Ich hatte nur so ein Bild im Kopf, von einem Mafia-Film. Der Gute ist in einem Haus, alle haben ihn umzingelt und ballern und ballern. Der Gute merkt dann irgendwann, dass er nur noch eine Kugel hat. Was macht er mit der Kugel? Was mach ich mit mir? Lass ich mich jetzt von den Arschfickern abballern, drück ich mir die Kugel selber rein, oder schieße ich und treffe genau den Richtigen. Wenn du genau den Richtigen triffst, dann wirst du da sicher herauskommen.

rap.de: Gibt es Leute, die dich stark enttäuscht haben? Auf „Hammer“ kommt es mir vor, als wolltest du mit manchen Leuten abrechnen.

Afrob: Es gibt auf dem Album die Titel „Stopp Die Party“ und „Zähl Mein Geld“. Das alles ist so eine gemischte Geschichte. Es geht um Sachen, die mir persönlich passiert sind, aber auch fiktive Sachen. Viele Leute können da vielleicht Parallelen ziehen, wenn ich sage: Diese Leute gehören zu dem kleinen Kreis, der mit jedem Jahr kleiner wird. Bestimmt haben mich Leute enttäuscht. Ich habe aber auch Leute enttäuscht. Das ist halt so. Man läuft nie aalglatt durch sein Leben. Es passiert immer etwas. Und es war halt so, dass ich eigentlich verarbeitet habe, wie ich mich fühle. Richtig verarscht, richtig abgefuckt und richtig sauer. So wie Michael Douglas in „Falling Down“. Mir ist jetzt alles egal. Ihr wolltet mich ficken, jetzt fick ich euch. Das ist schon die Attitüde von zwei, drei Tracks. „Zähl mein Geld“ ist auf jeden Fall fiktiver als „Stopp Die Party“. Bei „Stopp Die Party“ hört man am Anfang auch Robert De Niro labern: „Hört zu, ihr Wichser, ihr Scheißkerle. Hier ist jemand, der sich wehrt.“
 

rap.de: Da du gerade sagtest: Passt auf, hier kommt jemand, der sich wehrt, was sagst du zu diesem ganzen Battle-Ding, das gerade in Deutschland abläuft? Hast du alles mitbekommen?

Afrob: Klar kriege ich das mit. Die Frage bekomme ich alle zwei Jahre gestellt. Immer wenn ich ein neues Album heraus bringe. Es ist halt so: Battle gehört nun einmal zu HipHop, und ich weiß nicht, warum sich die Leute darüber aufregen. Vor einem halben Jahr fand ich es noch interessant. Jetzt gerade finde ich es lächerlich. Inzwischen schmeißt man ja nur noch mit Diss-Tracks um sich. Man blickt gar nicht mehr wer, mit wem und wer gegen wen ist. Mir ist das eigentlich scheißegal. Sollen sie sich doch alle dissen.
rap.de: Siehst du dich eigentlich starkem Erfolgsdruck ausgesetzt, weil bei Four Max Herre und Gentleman so stark nach oben gegangen sind? Oder bist du in dieser Hinsicht relaxed?

Afrob: Du musst dich einfach relaxen. Ich kann mir jetzt nicht den dicken Kopf machen und schauen, wie die anderen gechartet sind. Hoch charten ist zwar schön und sieht gut aus, aber am Ende kommt es auch immer auf die Verkaufszahlen an. In letzter Zeit geht es immer nur darum, wie hoch du eingestiegen bist – und was danach ist, scheint egal.
rap.de: Ist mit Samy irgendetwas geplant? So in die Richtung „ASD – die Zweite“ gehend?

Afrob: Ich weiß nicht – wissen wir beide nicht. Wir haben beide einfach viel zu viel um die Ohren. Ich bin erst am Anfang von meiner Kampagne, Samy hat jetzt seine dritte Single abgedreht. Ich muss an meiner Sache noch bis Herbst arbeiten. Wenn Samy und ich noch einmal ein Album zusammen machen würden, dann wäre das irgendwann gegen Ende 2006. Das wären noch fast zwei Jahre. Lasst euch einfach überraschen! Genauso wie bei dem ersten Projekt.

rap.de: Wie war die Zusammenarbeit mit Samy eigentlich für dich?

Afrob: Ich fand es geil. Das beste Kolabo-Album – das auch so schnell keiner toppen kann. Wenn ich das Teil höre, denke ich nur: Eh krass, damn! Es ist einfach geiler Sound! Alles klingt fett und professionell. Der Rest ist mir egal. foto-di-matti.com
rap.de: Du hast ziemlich viele Ami-Beats für „Hammer“ gepickt. Wie ist das zu Stande gekommen?

Afrob: Das ist noch ein Überbleibsel von der ASD-Geschichte. Ich hatte noch die Verbindung zu diesen Leuten. Ich habe mich aber nicht mit denen zusammengesetzt. Ich muss ja nicht überall hinfliegen, um Leuten extra die Hand schütteln. Ich hab hier echt genug zu tun. Außerdem hab ich Angst vor dem Fliegen.
rap.de: Also lieber mit dem Schiff fahren?

Afrob: Ja, ehrlich! Aber das dauert wiederum zu lange. Was soll ich da zwei Wochen herumhängen? Ich kann da ja noch nicht einmal kiffen. Ich habe halt mit den Jungs telefoniert und die Files einfach bekommen. Ich schließe es nicht aus, dass man die Leute irgendwann auch mal trifft, aber so wichtig ist das nicht. Das Ganze lief so: Anrufen, Beat aussuchen, Files schicken lassen und etwas daraus machen. Ich habe aber auch deutsche Produzenten auf dem Album – mehr als die Hälfte über sogar. Ich finde das cool, wenn ein Album deutsch klingt. Ich will, dass so etwas auch einen europäischen Touch hat. Das Ding ist, dass wir uns alle irgendwie an Amerika orientieren, aber du kannst vom Sound her deinen Ursprung nicht verleugnen. Abgesehen davon stehe ich auch darauf! Ich finde es richtig geil, wenn du hörst, dass der Shit aus Deutschland kommt. Wenn du die Beats den Leuten aus den Staaten vorspielst, finden die diese Sachen fett. Die hören auch diesen kulturellen Unterschied heraus. Das hat mich richtig verwundert. Mit Wajeed aus Detroit war das so.
rap.de: Hörst du grundsätzlich nur HipHop, oder bist du jemand, der sich auch mal zurückzieht, um andere Musik zu hören?

Afrob: Ich höre natürlich nicht nur Rap. Ich höre manchmal Rick James. Ich höre auch Soul und Reggae. Früher hab ich viel Jazz gehört und hab noch eine Sammlung, auf die ich ganz stolz bin. Manchmal packe ich sie einfach aus und höre sie mir an, weil das echt extrem beruhigend ist. Eventuell findest du sogar ein Sample.
rap.de: Wodurch lässt du dich inspirieren? Durch die eben angesprochene Musik, durch Feelings oder äußere Einflüsse?

Afrob: Eigentlich durch alles. Ich bin da offen. Ich wehre mich nicht dagegen, wenn ich etwas in meinem Kopf habe und mich das die ganze Zeit beschäftigt, etwas darüber zu schreiben, und es dann doch nicht auf Platte zu hauen, weil es nicht zu mir passt. Du schreibst natürlich nur die Sachen, von denen du meinst: Damit kann ich was anfangen. Nimm zum Beispiel „Zähl Mein Geld“ oder „Stopp Die Party“. Auch wenn es nur fiktive Geschichten sind, die ich jetzt nicht unbedingt selbst erfahren habe, ich hab halt gesehen, oder andere Leute haben es mir erzählt, was mit manchen Menschen passieren kann. So lange es aus meinem Umfeld kommt, finde ich so etwas total legitim. Ich könnte nie Sachen erzählen, die ich nicht selbst gemacht habe. Ich würde mich schämen, wenn ich so etwas machen würde. Es gibt Leute in Stuttgart, die mich kennen. Wenn ich irgendetwas erzählen würde, was nicht der Wahrheit entspricht, würden die mich angucken und denken: „Eh, der erzählt nur Scheiße.“ Ich würde mich schämen und könnte denen nie mehr die Hand geben. Ich muss nichts erfinden. Mein Leben ist interessant genug.
rap.de: Was war dein größtes Erlebnis?

Afrob: Als ich für zwei Konzerte die Vorgruppe von Public Enemy war. Wir haben auch ein bisschen gequatscht. Das war echt richtig cool. Ich bin nicht als Fan hingegangen und hab gesagt: Chuck, du bist der Größte. Wir haben uns einfach von Künstler zu Künstler auf respektvoller Ebene unterhalten, ohne dass ich erzählt habe, was ich mit denen so erlebt habe und wie wichtig sie für mich waren. Das hab ich beiseite gelassen. Und ich muss hier mal sagen, dass ich Rap echt dankbar dafür bin, was ich die ganzen Jahre erleben durfte.

rap.de: Bist du schon immer durch das Leben gezogen mit der Absicht, durch Musik dein Geld zu verdienen? Oder ist das alles eher zufällig passiert?

Afrob: Als ich angefangen habe, da gab es keinen Fernsehsender, der Musikvideos spielte, und man hat Rap halt einfach so gemacht. Da war keine Platte in Aussicht oder gar das große Geld. In dem Alter hat man halt Hobbys. Du spielst entweder Fußball oder machst irgendwelche anderen Sachen, die dich interessieren. Mich hat halt Rap verdammt interessiert. Als ich die ersten Jams miterlebt habe, war ich ungefähr fünfzehn Jahre alt. Du hast gemerkt: Yeah, da geht was. Und das wurde dann immer mehr. Jeden Monat eine Jam. Gleiche Location, aber immer mehr Leute. Im nächsten Monat dann noch mehr Leute. Dann musste man schon in die nächste Location ausweichen. Dabei war es nur ein Jam mit localen Rap-Acts, Breakern und Writern. Alle waren auf einem Platz. Du riechst überall den Geruch von Dosen, hörst irgendwo im Hintergrund, wie sich die Breaker gerade kloppen, und vor allem konnte jeder über den anderen etwas sagen. Da war zum Beispiel ein Breaker, und man konnte konstruktiv etwas dazu sagen und nicht nur: „Eh, der ist Scheiße.“

 

rap.de: Ich hab mitbekommen, dass du dein Heimatland Eritrea unterstützt. In welcher Form äußert sich diese Unterstützung?

Afrob: Es gibt in Deutschland das Eritreasche Hilfswerk. Ich stelle auf jeden Fall klar, dass ich mit ihnen zusammenarbeiten möchte und schaue, dass sie in Verbindung mit meinem Namen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dann versuche ich natürlich auch, so weit es geht, Geld zu mobilisieren, damit das Hilfswerk davon Kranken- und Weisenhäuser finanzieren kann. Im Krieg sind viele Eltern gestorben, viele Kinder leben in Weisenhäusern, und man kann sich vorstellen, dass sie da unten nicht gerade die beste Ausstattung haben. Da fehlt es an den einfachsten Sachen. Das ist echt das winzigste Zeug, zum Beispiel Aspirin. Die nutzen Aspirin, um ihr Leben zu retten, wie Schmerzmittel. Ich finde, es ist meine Pflicht zu helfen! Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen, aber Eritrea ist das Land, wo ich herkomme. Ich habe aber auch geholfen, als die Erdbeben in der Türkei oder im Iran waren.
rap.de: Sicherlich auch bei der Flutkatastrophe im Dezember in Asien.

Afrob: Nichts Offizielles, aber ich habe gespendet. In dem Augenblick, so kurz danach, ist man einfach nur Mensch und steht unter Schock. Ich fände es auch mal gut, wenn es solche Hilfsaktionen für andere Länder geben würde, wo nicht auf einen Schlag so viele Menschen ums Leben kommen, sondern die Leute mit der Zeit draufgehen. Ich finde, als jemand, der in der Öffentlichkeit steht, hast du einfach Verantwortung!

rap.de: Was kann man in nächster Zeit von dir erwarten? Sieht man dich auf dem splash! oder bei den HipHop Open?

Afrob: Wenn die mich einladen: klar – mal sehen. Ich gehe erst mal mit den Fantas auf Tour. Vielleicht kommt dann noch eine Tour im Herbst, aber das weiß ich alles noch nicht genau. So weit will ich auch gar nicht gucken. Ich will erstmal „Hammer“ und die erste Single herausbringen. Und man weiß ja, dass dies Stress genug ist.
rap.de: Dass dir die Musik und die Arbeit daran wenig Zeit zum chillen lässt, ist klar …

Afrob: …auf jeden, man…
rap.de: … aber wenn du mal Zeit findest, um dir eine Ruhepause zu gönnen, was machst du dann?

Afrob: Ich bin nicht am rumheulen und sage: Oh, mir fällt die Decke auf den Kopf, auch wenn es so ist und das Biz stressig ist. Wenigstens habe ich etwas zu tun. Es ist auf jeden Fall kein Akt, mit meinen Homeboys mal ein paar Körbe zu werfen und zu chillen. Man redet sowieso mehr als das man spielt. Aber für mich sind solche Sachen schon wichtig.
rap.de: Hast du schon irgendwelche Pläne in Sachen Familie? Du weißt schon, Haus, Frau und zwei Kids, die im Garten spielen.

Afrob: Wer hat das nicht. Ich habe da aber noch nichts geplant. Ich lasse das einfach auf mich zukommen. Manchmal hat man einen Partner, bei dem man denkt: Das ist vielleicht das Richtige. Ich will da aber nichts erzwingen. Das ist schließlich auch kein Spaß. Ich habe bei vielen Leuten gesehen, wie Familien zu Grunde gegangen sind, weil die Eltern nicht zufrieden waren. Und wenn die Eltern nicht zufrieden sind, dann können sie auch keine guten Eltern sein. Meistens sind dann auch die Kinder die Leidtragenden.
rap.de: Man kann mit fünfzig Jahren natürlich noch auf der Bühne stehen. Ob das cool kommt, sei dahingestellt. Wie sieht dein Leben, deiner Meinung nach, in fünfzehn Jahren aus?

Afrob: Ich habe keine Ahnung. Ich kann dir auch nicht sagen, was in fünf Jahren sein wird. Ich mache auf jeden Fall noch ein Album. Ich mache noch eins! Tut mir Leid für die anderen, aber es muss sein. Mal schauen, was genau ich machen werde. Ich habe für die nächste Platte auf jeden Fall etwas Spezielles im Sinn.

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