Absolute Beginner

HipHop in Deutschland: das hat mittlerweile eine Tradition, die von manchen Autoren als zwanzigjährig beschrieben wird (so der Titel des Buches „20 Jahre HipHop in Deutschland“ von Sascha Verlan und Hannes Loh).
Auch wenn diese Behauptung etwas schön gerechnet ist: Aktive Heads sind seit langem dabei, Beats und Reimen Bahn zu brechen. Die einschneidenste Metamorphose, die HipHop dabei durchlaufen hat, war zweifelsohne der Boom der letzten Jahre, welcher Rapmusik von den Bühnen der Jugendzentren auf die Bretter von Top of the Pops und die Seiten der Bravo hievte. A&Rs signen alles, was nicht bei drei im Underground verschwindet, Kids in der bayrischen Provinz wissen um die Farbcodes kalifornischer Banden und träumen wildromantisch vom Thuglife und wer sich nicht traut, beim neuen funky Ding mitzumachen, kann ja immer noch Triphop hören. Eine Band, die den ganzen Wandel durch die Neunziger hindurch miterlebt hat und sich damals wie heute selbstbewusst über Anfeindungen hinwegsetzte, sind die Absoluten Beginner.

Eißfeldt: Früher hast du HipHop gemacht, um für dich selber das zu machen, was dich flasht und als Asyl innerhalb von Deutschland, weil Deutschland war scheisse. Die Masse, die dazugekommen ist, machte HipHop in Deutschland zu Deutschland im HipHop. Und das ist das Schlimme, denn auf einmal hatte sich das, wovor man abhauen wollte, in die ganze Sache reingefressen. Weil durch die Masse a) mehr Mainstream mit reinkommt und b) viel mehr Leute dazustoßen, die sagen wollen, wo es langgeht, und die Regeln aufsetzen und den Rahmen für sich und die anderen immer enger stecken. Je enger der Rahmen ist – und das hat jetzt nichts mit Geld zu tun, sondern nur mit Weitsicht und Flash für die Musik und die Kunst – desto kleiner sind die Möglichkeiten. Und die werden damit auch alle irgendwann auf’s Maul fallen. Die Gruppen, die mich heute flashen sind diejenigen, die es schon vor dem Boom gab; nicht unbedingt bekannt waren, aber die damals schon gestylet haben und die ich damals schon geil fand. Es sind heute exakt die gleichen Gruppen, bis auf ein, zwei Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Der Boom kommt, aber es kommt keine Innovation dazu. Es ist immer das gleiche. Ich sag auch gar nicht, dass wir die heftigen Anderen sind und dass wir nicht auch auf die Klamotten stehen und auch auf den HipHop-Style, aber a) legen wir den auf unsere Person aus und b) schreiben wir nicht anderen vor, was und wie sie zu sein haben. Genauso gilt es für die Musik und für die Texte. Wenn immer nur das Gleiche passiert, richtet es sich durch seine eigene Langeweile zugrunde. Dennis: Die Veränderung von HipHop in Deutschland in den letzten Jahren und was wir durchlebt haben, ist das, was mich frustet – und zwar den ganzen Tag über. Meine Philosophie ist abgedriftet bzw. dieselbe geblieben und die Philosophie von HipHop in Deutschland ist abgedriftet Richtung CDU, Posen, nur noch Klischees, viel Konkurrenz, viel Image- Huberei, Ellbogen, faschistoide Kacke mit dem Versuch, andere fertig zu machen und mehr Macht zu kriegen, anstatt sich musikalisch frei zu bewegen und nur zu flashen; einfach abzustylen und ein freundliches Miteinander zu wahren. Es ist zum Teil noch so, ich will nicht alles schlecht reden, aber es geht in die Richtung und damit kann ich nichts anfangen. Nun kommen die Beginner aus Hamburg und dort nahmen sich einzelne Aktive der Punkbewegung schon früh des HipHop an, dessen vor allem jugendliche Musiker noch keine eigenen Strukturen

hatten. Buback brachte die Compilation „Kill The Nation With A Groove“ raus, was zu heftigen Diskussionen führte. Vor allem die Ästhetik des Cover-Artworks war punkmmäßig – von dem Titel der Platte ganz zu schweigen. Aber es gab Anfang bis Mitte der Neunziger verschiedene Gruppen, die politische Inhalte in den Texten transportierten. Die Bremerhavener Britcore-Band No Remorze wandte sich etwa in „The day The Lights Went Out“ gegen den Golfkrieg (ihr DJ Stylewarz war bis letztes Jahr für Ferris MC aktiv und tourt jetzt mit D-Flame) und die ABs forderten „Get Funky, Bulle“. Explizite Politik hat sich aus dem allgemeinen Textgut wohl so gut wie verabschiedet, seit jeder ob Globalisierung und daraus resultierenden Konsequenzen ratlos geworden ist. Das wäre an sich ja nicht unbedingt weiter schlimm. Immerhin hat die Musik dringlichere Aufgaben, als die Agitation für eine bessere Welt (diese kann sich nämlich alle in durch die Musik vermitteln und bedarf nicht mal der Worte).

Nur verkörpern leider immer mehr Kids im HipHop Werte, die sich in keiner Weise von denen des Rests der Gesellschaft unterscheiden. Damit droht dem deutschsprachigen HipHop, der sich soeben anschickt die neue Popmusik zu werden, das Schicksal zur nächsten Schlagermusik zu mutieren. Es sind eben nicht mehr die Outcasts, die sich zusammenrotten, um den blöden Rest zu schocken, sondern zunehmend der blöde Rest, dem die Geste der Stärke imponiert. Wieso sonst nennen sich arische Kids „Nigger“? Das um Befreiung ringende Motiv hinter der afroamerikanischen Strategie, Begriffe, die der Diskriminierung dienten, in ihr Gegenteil zu verkehren, wird schlichtweg ignoriert. In dem Video zu „irgendwie, irgendwo, irgendwann“ – Eißfeldts Reggae Nena-Cover, das ihm viel Hass der Kids eintrug, weil das Lied zu sehr Pop sei – sieht man eine Schönheit unter Wasser, die dem Zuschauer ein Plakat entgegenhält:

Nazis Raus“ steht darauf. Die Botschaft des Plakates hat nichts mit der des Songs gemein. Überhaupt haben sich auch die Beginner von politischen Themen eher verabschiedet. Eißfeldt: Wir haben festgestellt, dass wenn du immer nur die gleiche politische Scheisse erzählst – egal ob im visuellen oder im textlichen – dann hören sich das sowieso nur Leute an, die sich ohnehin solche Bücher kaufen, solche Filme gucken und sich solche Platten holen. Und ausserdem ist das langweilig und rollt einfach nicht. Wir haben uns irgendwann von dieser krass verkrampften, linken Fundi- Politikerhaltung abgewandt und eben unsere eigen Haltung gefunden. Wir machen das eben mehr so’n bißchen unten rum – subtil mit ein bißchen Humor. Und das ist dann die Frau, die das Plakat ausrollt. Dennis: Dass das Politische verschwunden ist, ist aber nicht das Wesentliche, was ich an den Veränderungen kritisiere. Man muss politische Themen nicht verkrampft im Rap durchdiskutieren. Was schade ist, ist dass diese menschliche Seite weg ist. Dass man einfach Mensch sein darf als MC, als Gruppe, als HipHop-Act. Was Fröhliches, was Ehrliches, was Trauriges, was Menschliches – nicht nur dieses Klischee: Ghetto-Fotzen-Style.
Find ich ja auch derbe, wenn in Amiland Leute auf Gangsterstyle sind, aber da ist alles möglich. Da gibt es auch Common Sense … Eißfeldt: Der ist doch scheisse! Dennis: Nee, ich find den nicht scheisse, weil der ein Typ mit Gefühl ist. Und dass es sowas gibt, find ich derbe wichtig. Dass das akzeptiert und gekauft und geflasht wird. Und hier habe ich Angst, dass es immer mehr in eine Richtung geht: „Ich diss ne andere Gruppe, damit ich ein harter MC bin und damit über mich geschrieben wird.
Die Verweigerungsstrategie der ABs kommt in zwei Solo-Alben zum Ausdruck: Eißfeldt veröffentlicht ein Reggae-Album und Dennis bringt ein HipHop-Album, welches die beengenden Grenzen hinter sich lassen will. „Searching For The Jan Soul Rebels“ und „Mini Disco“ erscheinen am 9.4.2001.

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