JuJu Rogers im Interview: Neues Album, neuer Sound und alte Traditionen

JuJu Rogers steht kurz vor dem Release seines neuen Albums „40 Acres N Sum Mula“. Der Schweinfurter mit amerikanischen Wurzeln unterscheidet sich vor allem in einer Sache grundsätzlich von seinen deutschen Kollegen: Er rappt auf Englisch. Im Interview verrät er, welche Inhalte er vermitteln will, welche Personen ihn inspirieren und welche Rolle alte „Black Traditions“ in seiner Musik spielen. Außerdem spricht er über seine Herkunft und die verschieden Einflüsse aus Schweinfurt, Berlin und New Orleans. „40 Acres N Sum Mula“ erscheint am 27. September über Jakarta Records.

Was verbirgt sich hinter dem Namen „40 Acres N Sum Mula“?

Es basiert auf „40 acres and a mule“. So nennt man in der afro-amerikanischen Geschichte Field Orders vom Präsidenten als Kompensation für die Arbeit als Sklaven. Weil ich diesen legitimen Aufruf für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung in die heutige Zeit bringen wollte habe ich „a mule“ was „Maultier“ bedeutet, in „Mula“ geändert. Das ist der moderne Straßenterm für Geld. Damit will ich die kapitalistische Haifischgesellschaft wiederspiegeln.

Du hast das Albumcover auch schon veröffentlicht. Darauf ist der Häuptling vom Young Seminole Hunters Stamm zu sehen. Wie ist das Bild entstanden?

Das ist eine ganz alte Black Tradition in New Orleans, wo meine Familie herkommt. Es haben sich früher rebellische Sklaven mit der indigenen Bevölkerung zusammengetan und haben gemeinsam ihre eigene Kultur entwickelt. Es gibt jetzt schwarze Indianerstämme in New Orleans. Auch da habe ich das Symbolische gefühlt: Die Connection von Roots zur Straße. Es ist eine ganz aktuelle Tradition, die heute mitten in den prekären Bereichen der Stadt praktiziert wird. Ich glaube das ist einfach ein super starkes Symbol. Die Expression ist krass!

Die Feierlichkeiten erinnern wegen der Kostüme an Karneval. Wie waren die Vibes dort?

Es ist ein bisschen spiritueller. An Karneval wird alles natürlich richtig zelebriert, mit Paraden und so weiter. Diese Traditionen finden aber im ganzen Jahr statt. Da gibt es verschiedene Tribes, die verschiedenen Nachbarschaften zugeordnet sind. Die haben ganz alte Chants, die machen Musik, die feiern, die sippen, die smoken und machen einfach ihr Ding.

„Ich wollte mich soundästhetisch aus dem Fenster lehnen“

Du hast mit „Babylon“ und „Follow Me“ schon zwei Singles vom neuen Album veröffentlicht. Die könnten vom Sound her kaum weiter auseinander liegen. Warum fiel die Wahl gerade auf die beiden Songs?

Ich glaube, es sind zwei extrem starke Songs. Den meisten war schon klar, dass jetzt kein Album kommt, dass wie „From the Life of a Good-For-Nothing“ klingt. Das ist ja schon 5-6 Jahre alt. Ich habe mich für „Babylon“ entschieden, weil er die beste Message hat. Es ist der letzte Song auf dem Album, sozusagen der Ausblick. Es war mir wichtig, diese Energie zu transportieren. „Babylon“ zeigt ein bisschen mehr in die Gesangsrichtung. Auf „Follow Me“ wollte ich einfach ein bisschen rappen und auf diese moderne Energie eingehen. Ich wollte mich soundästhetisch aus dem Fenster lehnen. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Es gab keinen spezifischen Grund, warum wir die beiden Songs gewählt haben. Ich glaube das Album ist eine sehr gute Mischung aus allem. Songs, die mehr nach vorne gehen und sich an der Contemporary Soundscape orientieren. Es bleibt natürlich trotzdem lyrisch sehr tief. Es ist viel Musikalität dabei,  vielleicht ein bisschen melancholischer und mystischer als vorher.

Du hast bei „Babylon“ von einer Message gesprochen. Auch bei deinem letzten Album hattest du viele politische Texte. Es ging um Armut, Rassismus und Kapitalismus. Ist das eine Message, die du auf dem neuen Album auch weiterführen wirst?

Absolut! Die Menschen, die JuJu ein bisschen verfolgt haben, wissen, dass ich nur das widerspiegeln kann, was ich in meinem Leben sehe und als wichtig empfinde. Realpolitisch hat sich seit „Lost in Translation“ (2016; Anm. d. Red.) unglaublich viel verändert, aber nicht zum Besseren. Tendenziell sogar eher zum Schlechteren. Viele Reisen, die Zeit in Berlin und auch mein Studium haben mir einen detaillierteren Blick gegeben. Natürlich spielen da Mass Incarceration, Racism, Identity, Depression und Self Medication eine Rolle. Die Dinge, die in der Gesellschaft eben aktuell as Fuck sind.

Du verwendest auf dem neuen Album auch Sprachsamples. Zum Beispiel von Assata Shakur und einem „Black Cowboy“. Wie kam es dazu?

Ich bin so ein richtiger Nerd, der sich viel mit Gesellschaftslehre, Politik, Geschichte und Ökonomie beschäftigt. Ich komme aus einer Tradition: African-American, Struggle for Liberation bis zum heutigen Tag. Da ist natürlich Assata Shakur nicht nur als black Human Being, sondern als black Woman extrem wichtig. Sie hat die Verbindung zu HipHop. Sie ist einfach eine krasse Person. Ich kann jedem nur empfehlen, sich da rein zu lesen. Sie ist die Patentante von 2Pac. Der kommt aus einer revolutionär-marxistischen Familie. Deswegen hat es für mich viel Sinn gemacht. Ich stehe hinter dieser Tradition. Es sind auch andere Zitate drauf. Ich glaube, man kann durch Rap viel sagen, aber es macht komprimiert auf 30 Sekunden Sinn, Leute einzubinden, die schon ein Standing haben. Das mache ich sehr gerne. Stell dir vor du liest eine Schrift aus den siebziger Jahren und das löst irgendwas in dir aus. Es ist ja nur logisch, dass du das dann verwendest.

„Ich habe dann irgendwann gemerkt: Jetzt bin ich energetisch über den Peak drüber“

Nach „Lost in Translation“ warst du auf Tour. Wann hast du angefangen am neuen Album zu arbeiten?

Eigentlich arbeite ich immer an Musik. Dieses Mal war das auch ein sehr fließender Übergang. Ich bin nicht bewusst konzeptuell daran gegangen. Ich bin durch meine Lebenserfahrung da rein gerutscht. Durch die vielen Reisen habe ich andere Perspektiven mitbekommen. Auch auf mich selbst und mein Verständnis als Künstler. Es hat sich viel verändert. Intensiv habe ich dann etwa ein Jahr am neuen Album gearbeitet.

Wenn du eigentlich immer an Musik arbeitest, musst du ja trotzdem irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dass „40 Acres N Sum Mula“ fertig ist. Wann hast du gemerkt: „ Jetzt habe ich einen guten Abschluss“?

Ich habe sehr lange Probleme dabei gehabt, Beats oder die richtige Soundästhetik zu finden. Für mich war klar, dass ich die Entwicklung von „From the Life of a Good-For-Nothing“ zu „Lost in Translation“ auch auf dem neuen Album weitergehen muss. Ich wollte auf gar keinen Fall auf diese 95-96bpm Beats drauf. Wir wollten noch jazziger und musikalischer werden. Wir haben die ganzen Musiker, die schon auf „Lost in Translation“ gespielt haben, wieder reingeholt. Dann habe ich Dhanya vom Produzentenduo Modha kennengelernt. Wir sind dann so reingerutscht. Man macht und macht und macht einfach. Ich habe dann irgendwann gemerkt: Jetzt bin ich energetisch über den Peak drüber. Ich schaffe es von den Bars und der Stimmung nicht mehr auf dieses Niveau zu kommen. Dann hab ich es abgeschlossen. Es war ein natürlicher Prozess, der schwierig zu beschreiben ist.

„Dann ist eine Stadt wie Berlin natürlich ein Traum für mich als bayerischen Kleinstädter“

Gehen wir noch einen ganzen Schritt weiter zurück: Du bist in Schweinfurt aufgewachsen. Das ist eine Stadt, die für ihre Industrie und die amerikanische Kaserne bekannt ist. Städte mit stationierten GIs waren damals meistens HipHop-Schmelztiegel. War das auch bei dir so?

Ich bin in den 90ern in einer Stadt groß geworden, die 50.000 Einwohner hatte, aber gleichzeitig 10.000 US-Truppen. Das bedeutet, dass du da natürlich die Ghetto People gehabt hast. Black and Brown und poor white People. Und das heißt im Grunde genommen haben wir, so cheesy es klingt, direkt aus den States immer frisch die Kultur bekommen. Aus den verschiedenen Städten, aus denen die Soldaten waren. Ich bin groß geworden mit New York Rap, LA Rap, Gang Bangin. Diese Sachen gab’s alle in Schweinfurt. Das war ein ganz natürlicher Einstieg in Hip Hop. Das ist total komisch, weil’s es so eine kleine bayerische Stadt ist, die jetzt auch ganz verändert ist. Aber damals hat sich das echt natürlich angefühlt und es war eine große und aktive HipHop-Szene. Auch viel Englisch, viele Amis haben gerappt, sogar die Albaner haben auf Englisch gerappt. Das war wirklich krass. Auch auf einem echt ansehnlichen Niveau, das war nicht kacke.

Wieso hast du dich dann trotzdem dafür entschieden, nach Berlin zu ziehen? Was gibt dir Berlin, was dir Schweinfurt nicht gegeben hat?

(lacht) Trotz des Glücks, dass da kulturell irgendwas abging, habe ich schon immer in Schweinfurt das Gefühl gehabt, dass ich mehr wollte. Ich wollte einfach mehr sehen, mehr erleben, mehr wissen und mehr fühlen. Dann habe ich mir selber und meinen Eltern zuliebe nochmal versucht zwei, drei Semester in Bamberg um die Ecke zu studieren. Aber da habe ich schon gecheckt, dass das nichts wird. Ich musste abhauen, ich musste irgendwie versuchen, frei zu werden, so komisch es klingt. Mir war ganz klar, da geht halt alternativ wenig. Mit alternativ meine ich einfach eine Alternative zu dem Leben, das man dir im konservativen, traditionellen Bayern vorlebt. Das hat mir nicht gepasst. Das wollte ich in Frage stellen. Dann ist eine Stadt wie Berlin natürlich ein Traum für mich als bayerischen Kleinstädter. Ich bin vor sieben Jahren hergekommen. Habe Menschen von überall auf der Welt mit verschiedenen Lebenskonzepten kennengelernt. Berlin ist eine sehr rebellische Stadt. Eine Stadt, die ein politisches Verständnis von sich hat. Hier gehen die Leute noch auf die Straße, wenn denen was nicht passt. Hier ist überall Kunst. Es gibt ganz viele Szenen, die man auschecken kann, auch wenn man kein Teil von ihnen ist. Ich bin so forschermäßig. Ich gehe gerne auf Hardcore-Konzerte. Oft lande ich dann in linken Kreisen. Punk-Konzerte oder so. Es geht einfach viel in so geilen, selbst verwalteten Häusern. Berlin ist einfach eine super Stadt, die mich und viele andere angezogen hat. Der Umzug nach Berlin war für mich ein logischer Schritt. Ich wäre sonst spirituell kaputt gegangen.

Du bist in Deutschland groß geworden, rappst aber auf Englisch. Das ist ja ziemlich ungewöhnlich für deutsche Rapper. Hattest du irgendwann mal die Idee, etwas auf Deutsch zu machen? Oder war das von vornherein klar, dass du auf Englisch Musik machen wirst?

Ich habe tatsächlich ganz am Anfang auf Deutsch gerappt. Alleine durch den Fakt, dass ich in Deutschland groß geworden und musikalisch sozialisiert worden bin, habe ich immer wieder mal Deutsch rein geschmissen. Zum Beispiel mit EloQuent. Ich habe jetzt auf dem Album zum ersten Mal einen ganzen deutschen Verse geschrieben, der sich mit der Identitätsfrage beschäftigt. Ich möchte gerne auch die deutsche Gesellschaft ansprechen. Das hat viel Sinn gemacht. Aber es ist wichtig, zu verstehen, auch durch meinen Background in der Stadt, dass wir mit Englisch groß geworden sind. Wir haben zu Hause Englisch und Deutsch gesprochen. Ich spreche beiden Sprachen fließend. Ich hab beide Staatsangehörigkeiten. Für mich war das keine Entscheidung von wegen „ich bin ein Deutscher und ich rappe jetzt auf Englisch“ wie es bei vielen vielleicht ist. In der Stadt bin ich mit Deutschen, Türken, Albanern und Russen aufgewachsen, die alle fließend Englisch sprechen. Sogar mit amerikanischem Akzent, so dass du denkst, „bist du aus NY oder aus LA?“. Ganz ähnlich, wie hier in Berlin eigentlich. Wenn du hier in Berlin groß wirst, dann ist das noch ein bisschen extremer. Dann verstehst du, warum Englisch für mich Sinn gemacht hat. Und natürlich weil ich englischsprachige Musik höre und wegen der Sozialisierung. Mein Vater hat einen großen Einfluss auf meine musikalische Bildung gehabt und das war natürlich keine deutsche Musik.

„Vereinzelt hören uns schon Leute von der ganzen Welt“

Fühlst du dich der Deutschrap-Szene angehörig? Hörst du auch selbst Deutschrap oder nur Musik aus den Staaten?

Nein, ich bin prinzipiell immer offen. Ein paar meiner Jungs sind ja auch da am Start. Ob ich mich der Deutschrap-Szene zugehörig fühle, ist schwierig zu sagen. Da müssten wir erst mal definieren, was die Deutschrap-Szene überhaupt ist. Es gibt sicherlich einen großen Teil, den ich gar nicht fühle. Ich finde es auch ein bisschen schade, dass wir zulassen, dass wir diesen kulturellen Approach rausnehmen. Da muss man tatsächlich manchmal komische Sachen lesen oder es fühlt sich manchmal komisch an. Aber es gibt natürlich absolut geilen deutschen Rap. Es gibt genug Sachen, die ich sehr gut fühlen kann. Musiker, die das auf einem extrem guten Level machen, auf dem ich das niemals machen könnte. Die sind sprachlich sehr versiert und so weiter.

Du warst nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa auf Tour. Hast du gemerkt, dass deine Musik in anderen Ländern anders wahrgenommen wird?

Ja, safe! Ich glaube, ich hab Glück mit Jakarta Records. Wenn Leute zu einem Event kommen und sehen, dass Jakarta da ist, dann hat das eine Art Stempel. Die sagen, das ist qualitativ hochwertige Musik. Stell dir vor du bist ein Künstler, der aus dem Ausland kommt. Dann wird man einfach anders wahrgenommen. Und gleichzeitig ist es hier so, dass man oft Confirmation von woanders braucht. Ich kann mir vorstellen, dass wenn Ok Player oder Two Dope Boys deutschen Hip-Hop-Fans sagen, es sei geil, dann ist es geil. Aber es ist noch nicht so, dass wir jetzt sagen können: Das ist ein geiles Album, hier geht auch einiges auf Englisch. Aber das kommt Stück für Stück. Wir wachsen weiter. Die Leute sind immer noch überrascht und supporten immer noch. Es wächst. Vielleicht kommt der Tag, an dem die Leute das umdrehen und sagen: Das ist unser Mann, den schicken wir jetzt in die Welt raus.

Gibt es schon einen Plan für die nächste Tour?

Wir arbeiten gerade an einem Plan, dass wir Anfang nächsten Jahres touren können. Aber du kannst dir ja vorstellen, dass es so kurz vor dem Release immer alles ein bisschen tricky ist.

Hast du das Ziel dann irgendwann mal mit deiner Musik in die Staaten zu gehen?

Manchmal haben wir in Deutschland auch so eine gewisse Ami-Fixierung. Natürlich ist das die Root. Aber wenn du mich jetzt fragen würdest, ob ich lieber in Lagos oder in Johannesburg spielen würde als in Chicago, dann würde ich dir wahrscheinlich sagen: Ja. Ich glaub ich hab den Fokus, dass ich in die ganze Welt will. Ich würde gern in Australien, Afrika oder Amerika spielen. Aber wenn wir von Amerika sprechen, dann meine ich natürlich die USA und Südamerika. Es gibt doch so viel. Das Ziel ist es, internationale Musik zu machen, was uns bis jetzt ganz gut gelingt. Vereinzelt hören uns schon Leute von der ganzen Welt. Und wenn wir das noch ein bisschen pushen könnten, wäre das geil.

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