Interview mit Camufingo: Die Sichtbarkeit Schwarzer Rapper erhöhen

Camufingo hat heute mit „Ombanji“ ein tiefsinniges, aber zu keiner Zeit langweiliges oder bemüht didaktisches Album veröffentlicht. Es geht um Herkunft, (zugeschriebene) Identitäten, koloniales Erbe, Diskriminierung, Vorurteile und vieles mehr. Wir sprachen mit dem Potsdamer, um mehr über seinen Ansatz und seine Welt zu erfahren.

Oli: Du hast dir auf die Fahnen geschrieben, Schwarzes* Selbstbewusstsein im Deutschrap zu zeigen, ohne Rücksicht auf die Erwartungshaltung der Mehrheitsgesellschaft zu nehmen. War das denn bisher nicht präsent im Deutschrap? Es gab ja immer Schwarze Rapper.

Ich habe das Gefühl, dass nach dem Mammut-Track „Adriano“ alles ein bisschen eingeschlafen ist – inklusive der Sichtbarkeit Schwarzer Rapper. Seit zwei Jahren erhöht sie sich wieder, man sieht wieder mehr afrodeutsche Rapper. Unglücklicherweise keine Rapperinnen.

Oli: Eunique und Nura von SXTN wären Gegenbeispiele.

Okay, nicht keine, sondern wenig. Was für mich noch viel wichtiger ist und was bisher nur das BSMG-Projekt hinbekommen hat, ist etwas zu verkörpern und sichtbar zu machen, was schon immer da war. Der eigentliche Kern von HipHop: Missstände aufzuzeigen, politischer Rap. Wenn mir irgendwer erzählen will, Rap wäre nicht politisch, hat er einfach keine Ahnung von HipHop. Ich meine: „The Message“. Da hat es angefangen. Im deutschen Rap ist das eingeschlafen und teilweise auch awkward geworden. Politischen deutschen Rap zu hören ist schwierig, ohne sich fremdzuschämen.

Oli: Da werden gerne die Verschwörungstheorien ausgepackt.

Ja, oder es wird versucht, einen Sachverhalt darzustellen, der eher nach einer Dissertation klingt. Natürlich hört sich das keiner an und feiert das.

Oli: Diese Deutschrap-Referate.

Genau. Oft fehlt mir in der Sparte der musikalische Anspruch. Politischer Rap muss nicht scheiße klingen. Meine Lieblingsbeispiele dafür sind Kendrick und Cole. Die bedienen eine Soundwelt, die mega krass ist und bleiben trotzdem ihrem Content treu. Das kann auch im Deutschrap funktionieren, wenn man versucht, den Begriff Politik nicht so verkopft zu denken. Politik bedeutet nicht, irgendwelche schweren Begriffe durch die Gegend zu schmeißen und eine komplizierte Sprache zu benutzen. Für mich ist Politik eher etwas Reales. Auf 16 bis 48 Bars hat man eh nicht so viel Platz, etwas mega detailliert zu erklären sonder muss über Gefühle arbeiten. Am besten mit ein paar pointierten Aussagen etwas beim Hörer auslösen, was der womöglich gar nicht für mega politisch hält sondern eher das Gefühl hat, dass es ihn auch etwas angeht. Ich schreibe, was ich sehe, packe das in eine Geschichte und schaffe damit einen Zusammenhang zur Realität.

Oli: Gab es bei dir irgendeinen Anlass, der dein politisches Bewusstsein geweckt hat?

Lange war ich nicht politisch. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne – denn als Schwarzer Mensch wirst du in Deutschland antirassistisch geboren. Du kannst es dir nicht erklären, es ist einfach so.

Oli: Weil der Druck von außen da ist?

Du lebst ja unter diesen Umständen. Du bist quasi – ich will nicht Opfer sagen, aber betroffen. Das war mir schon immer klar. Ich habe irgendwann angefangen zu lesen. Malcolm X war glaube ich das erste. Nee – erst „Roots“, dann Malcolm X.

Oli: Das Album ist ja aufgebaut wie eine Reise. Du fliegst von Tegel nach Luanda und erlebst dort bestimmte Sachen, beziehst aber auch Erinnerungen an die Kolonialzeit und den Bürgerkrieg mit ein. Spiegelt das konkret deine Lebensgeschichte wider?

Das Album startet in meinen Mitte Zwanzigern an einem Punkt, wo ich mit Deutschland durch war. Die ursprüngliche Motivation war eigentlich, zu gehen und nicht mehr wiederzukommen. Ich habe das Herkunftsland meines Vaters romantisiert und dachte, das dort alles besser wird, weil da alle Schwarz sind. Über das Album und den Verlauf meines Lebens habe ich gelernt: So einfach ist es nicht. Die Frage ist eher, wo ich mich in dem Kontext zwischen zwei Welten einordne. Daraus ist meine Politisierung gekommen.

Krissi: Hast du dich denn in Angola zugehörig gefühlt? 

Am Anfang hab ich mich fremd gefühlt. Du wirst als weiß gelesen. Gar nicht mal per se als weiß – einfach als Mensch mit mehr Privilegien. Es war schwer, das zu verstehen. Ich war noch nicht politisiert und konnte mir nicht erklären, woher das kommt. Ich wusste nicht, wie ich das für mich in einen Kontext setzen soll, mit dem ich arbeiten kann?

Oli: Wodurch hast du das geschafft?

Das klingt sehr banal, aber dadurch, dass ich versucht habe, die Menschen, die mir am nächsten stehen, losgelöst von ihrer Sozialisation zu betrachten. Das funktioniert natürlich nicht immer. Der einschneidendste Punkt war das Eingeständnis: Du gehörst zu beiden. Ich weiß, wo meine Mutter herkommt, ich weiß, wo mein Vater herkommt und ich habe mich mit beiden Seiten auseinandergesetzt. Mal angenommen, ich hätte nur in Deutschland gelebt – dann ist die weiße, deutsche Mehrheitsgesellschaft immer der Feind, weil man die andere Seite nicht kennt und keinen anderen Bezugspunkt hat. Durch die Auseinandersetzung mit beiden – blöd gesagt – Seiten, kannst du aus beiden das Beste herausziehen. Dadurch ist es mir einfacher gefallen, mich zu Verorten.

Krissi: Wie lange warst du in Angola?

In den letzten neun Jahren mehrmals. Zwischen 2009 und 2013 nicht so viel, aber ab 2013 in regelmäßigen Intervallen.

Krissi: Hast du die Sprache dort gelernt?

Ja, ich habe aber schon hier mit dem Lernen angefangen, da es ohne Portugiesisch einfach zu kacke gewesen wäre. Also habe ich mich während des Zivildienstes mit einem Lehrbuch hingesetzt und das bis zur Hälfte durch gemacht – dann war keine Zeit mehr. Der Rest ist von der Straße dort. Jedes Mal, wenn ich hier Angolaner oder Portugiesen treffe, hören die an meiner Art zu sprechen, dass es von dort kommt. (Gelächter)

Krissi: Gab es von Angolanern Feedback zu deiner Musik?

Ja, teilweise, aber dadurch, dass es auf deutsch ist, eher weniger. „Welt Nummer 3“ haben wir mit portugiesischem Untertitel herausgebracht, da kamen jetzt auch schon ein paar Nachrichten nach dem Motto: „Das ist also das, was du schreibst“. (lacht)

Krissi: Wofür steht eigentlich der Titel „Welt Nummer 3“?

Der Song ist der erste, der überhaupt für dieses Album entstanden ist und eine Art Zusammenfassung von dem, was auf dem Album passiert. Der Titel ist entstanden, da ich den gängigen Begriff „Dritte Welt“ nicht benutzen wollte. Ich nehme den Begriff zwar in Anspruch, benenne ihn aber so, wie ich es möchte, und nehme dadurch die Abstufung heraus. „Welt Nummer 3“ ist weniger abstufend als „Dritte Welt“.

Oli: Daraus folgt, dass das Album nicht chronologisch entstanden ist.

Richtig. Ich habe zwei Jahre an dem Album geschrieben. „Farbspiel“, „TXL-LAD“„Du bist nicht“ und „Welt Nummer 3“ galten als Grundgerüst und sind in ihrer Ursprungsform direkt nach bestimmten Ereignissen entstanden, die restlichen Songs waren Konzepte. Erst Ende letzten Jahres bis Mitte diesen Jahres habe ich alles in eine finale Form gebracht. Der Erzählstrang hat sich während des Ausproduzierens auch nochmal verändert und der Großteil der Songs wurde zwei- oder dreimal aufgenommen. Das mach ich auch nicht nochmal (Gelächter). Mir ging es darum, dass die Performances sitzen. Bei diesem Prozess habe ich gemerkt, wie schwierig es sein kann, ein Gefühl zurückzuholen – gerade bei so einem Track wie „Farbspiel“.

Oli: Stellst du dir eigentlich bestimmte Hörer*innen dafür vor?

Anfangs war das überhaupt nicht klar, weil ich einfach nur gemacht habe. Nicht unwillentlich aber unbewusst ist es ein Album für die Schwarze Community, insbesondere für die Schwarze Diaspora, geworden. Der Rest kann es sich natürlich auch anhören. (Gelächter) Aber geschrieben ist es für Schwarze Menschen, für BPoC. Ich hab bisher auch noch keinen Schwarzen Menschen getroffen, der nicht irgendwo eine Stelle gefunden hat, wo er meinte, okay, krass, damit kann ich mich identifizieren. Und nicht nur Schwarze – People of Color genauso.

Oli: Kann sich die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht auch etwas herausziehen?

Wenn sie bereit ist, sich das anzuhören, ja. Jeder kann sich da was rausziehen. Es ist kein Zeigefinger-Album, sondern ein Storytelling-Ding. Man könnte fast sagen, ein Dokumentaralbum ohne Off-Sprecher. (Gelächter) Es ist eben ein Realfilm. Alles, was darauf erzählt wird, ist so passiert. Nicht zwangsläufig mir, aber es ist passiert.

Oli: Hoffst du, dass Deutschrap da auch noch anders positioniert? Wir hatten erst letztes Jahr die unsägliche N-Wort-Debatte wieder, die gezeigt hat, dass da noch viel Nachholbedarf besteht.

Alles ist besser, als nichts machen aber Hoffnung ist immer ein riesiges Wort. Es wäre natürlich cool, wenn sich etwas verändert. Alles, was jetzt im Argen liegt, die ganzen Defizite, sind auf eine Art auch ein Riesenpotential. Es entsteht megaviel Mucke, die einfach niemand auf dem Schirm hat. Besonders aus der Diaspora. Meine Hoffnung wäre, dass das sichtbar wird und an Anerkennung gewinnt. Wie kann man Kendrick Lamar und J.Cole feiern, aber die deutschen Conscious-Rapper nicht unterstützen oder gut finden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das an der Sprachbarriere liegt. Das ist eher eine Verständnisbarriere.

Krissi: Dieses Problem geht deutlich über die Musik hinaus. Was kann jeder einzelne zur Gleichberechtigung beitragen?

Jeder sollte als erstes checken, welche Privilegien er hat. Nicht nur in Form von ‚Ich habe gelesen weiße Menschen haben Privilegien’ sondern in Form von: ‚Welche Privilegien habe ich?‘ Es wäre gut, wenn die Menschen ihr Privileg nicht zum Nachteil einer marginalisierten Gruppen nutzen sondern dazu, um klarzumachen, dass etwas falsch läuft. Das können die banalsten Dinge sein. Der Prozess benötigt natürlich Zeit.
Außerdem muss verstanden werden, dass der Scheißhaufen, den wir jetzt haben, weggeräumt werden muss. Dass das keine schöne Arbeit ist, ist klar. Aber wenn man einen scheiß Job hat, macht man ihn ja trotzdem, da man weiß, dass am Ende etwas dabei rum kommt. Das sollte auch beim Aktivismus so sein, sodass es am Ende allen besser geht.
Empathie beschränkt sich in Deutschland leider oft nur auf das „wir“ und nicht auf „die anderen“, was man aktuell gut an der Flüchtlingsdebatte erkennen kann.
Das größte Problem ist das Denken in Nationalstaaten. Wie rückständig. Hast du etwas dafür getan, in diesen Staat hineingeboren zu worden? Nein. Du hast das Geografielotto gewonnen – herzlichen Glückwunsch!

*Anmerkung: „Schwarz / Schwarze“ wird hier immer großgeschrieben, weil es sich dabei
nicht um das Adjektiv bzw. die Farbe handelt, sondern um eine politische Selbstbezeichnung.

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