DNP – Bis einer weint

Nach Pimpulsivs „Hepatits P“ kommen die Labelkollegen vom neuen Prekariat jetzt mit ihrem Longplayer aus der Wohnwagensiedlung herausgetaumelt. DNP, das sind Rapper Basti sowie Sänger/Produzent Beatmasta, und ihr neuestes Werk „Bis einer weint“ lässt sich nach mehrmaligem Hören am ehestem mit einem Gespräch mit einem Betrunkenen vergleichen – und zwar mitsamt aller Höhen und Tiefen.
 
Auf der einen Seite ist es auf eine sympathische Art bescheuert, witzig und unterhaltsam, auf der anderen Seite aber irgendwann auch anstrengend. Wenn sich zu Beginn des fröhlichen Umtrunks Beatmasta samt E-Gitarre zum Hörer an die Theke setzt und davon singt, dass man sich „besser bedeckt wie muslimische Frauen“ halten soll und dass die „Jungs von DNP“ bei Frauen „wa(h)llos wie Binnengewässer“ sind, kommt man um ein Grinsen nicht herum und prostet diesen Typen erstmal wohlwollend zu.? Auch und vor allen Dingen wegen der Ohrwurmhook. ?
Genauso, wie wenn Labelkollege Timi Hendrix auf „Partycrasher“ aus „Spaß an der Freude/ ein stark pharmazeutisches/ Markenerzeugnis / in den Arsch deiner Freundin“ schiebt und Basti trotz brennender Nase „weiterzieht als wäre er Zigeuner„. Ein weiterer Topsong ist „Das Virus„: Ein Appell, rothaarige Menschen umzubringen, weil deren „Tod bedeutsam für die AIDS-Forschung ist“ und, naja, im Grunde eigentlich einfach weil sie „Daywalker sind.“ Die Idee ist so beknackt und grotesk, das ich nicht anders kann, als sie abzufeiern, insbesondere bei der abschließenden Mitgröhl-Bridge: „Arielle STIRBT! / Pumuckl STIRBT! / Lola rennt irgendwo gegen und stirbt auch„. Wie schon ein weiser Mann in Jeansweste einst feststellte: Stumpf ist Trumpf. So Stumpf auf die Nerven gehend wie bei „Mitten im Leben“ muss es dann aber auch nicht sein: Bei keinem Song, wie bei diesem über einen Proll der sich in eine Assi-Tante aus einer Reality-Doku verliebt, ist es so schmerzlich mit anzusehen, wie ein Witz einfach nur überstrapaziert wird. Da komme ich dann doch langsam in das Stadium, in welchem man den eben noch lustigen Suffkopp, der sich den Tisch mit einem teilt, einfach nur schnellstens loswerden will.

Ein weiteres Merkmal von Gesprächen mit Betrunkenen ist ja auch, dass sie ab einem gewissen Pegel pseudotiefgründig und nachdenklich werden. Zum Glück verarbeiten die DNPler diese Phasen nicht mit Gejammere, sondern mit schwarzem Humor, wie man ihn schon aus der Single „Egal“ kennt. Aber irgendwie kommen sie nicht über das Level von, wenn auch unterhaltsamer, Provokation hinaus. Je nach Anspruchshaltung es Hörers mag man jetzt einfach den Fun-Faktor geniessen oder es einfach blöd und oberflächlich finden. Das betrifft auch den anderen Satire-Song „Aktion Mensch„.
Nunja, so ist es eben mit den betrunkenen Partygästen, mit denen man sich verquatscht: Sie labern und labern einen endlos mit nur halbwegs sinnigem Stuss voll, aber irgendwann muss man einfach lachen und ihnen wohlwollend auf die Schulter klopfen. Spätestens wenn Herr Weitkamp mahnend anführt, dass die Afrikaner ja wenigstens noch „Bananen im Magen“ haben, denn schließlich „mussten die Ossis da über 20 Jahre drauf warten.“ ?

Ein weiterer Song, der in eine ähnliche Richtung zielt, aber besser trifft, ist „Was der Bauer nicht kennt“ mit Alligatoah: Ein Track mit Countrymusik-Ambiente über einen vor Fremdenhass überschäumendes Dorf. Ein grandioser Song, aber weniger aufgrund des kurzen, wenig beeindruckenden Beitrages von Gastgeber Basti, sondern vielmehr wegen besagtem  Alligatoah, der es in all der Ironie und Satire eben nicht verpasst, auch mal eine knackige Aussage zu treffen: „An diesem herrlichen Ort steht ein Häuschen in Flamm’/denn die Ernte verdorrt und ein Säuglinge erkrankt/ denn wir werfen dir vor, deine teuflische Hand / ist schuld, und nicht, dass hier jeder säuft und nix kann.

Apropos nix können … nein, okay, das wäre eine gemeine Überleitung zur Besprechung von Bastis Rap-Fertigkeiten. Wäre irgendwo auch falsch, da er sich inzwischen von den langweiligen Hauptsache-Silben-passen-und-dann-muss-ich-garnichts-mehr-tun-Flows wegbewegt, die auf vorherigen Trailerparkreleases so offenherzig zum weiterskippen einluden. Aber ein vielversprechendes Talent in Punkto Sprechgesang ist der Berliner mit der versoffenen Stimme immer noch nicht, oft torkelt er viel zu unmotiviert und gelangweilt über die Beats, und manche Sprüche sind schon seit Jahren ausgelutscht: „Ich bin in der Regel voll wie Tampons“ etwa.
Die besondere Gabe des Wohnwagensiedlungsbewohners ist es aber, möglichst viel von seiner, wie es anmutet, naiv bis verwirrten, deswegen aber auch unterhaltsamen und sympathischen Persönlichkeit durchscheinen zu lassen. Auch die bis auf wenige Ausnahmen gut produzierten, meist auf Livetauglichkeit ausgelegten Beats tragen ihren Teil dazu bei: Die Ausflüge ins derb rockige (Was würde Lemmy tun“, Rap ohne Niveau 2.0“, „Das Manifest“) passen perfekt zu den Jungs, und erfüllen sicher auch deren Anspruch, damit live auftreten“ und „im Backstage rumzuficken“ statt irgendeine Message zu vermitteln“, wie es Beatmasta im Eröffnungstrack sang. Dort machte er an der Gitarre übrigens eine bedeutend bessere Figur als an den Reglern: Seine Beatbeiträge (Egal“, Mitten im Leben“, Das Virus“) klingen nach Schnellschussarbeiten mit einer FruityLoops-Demoversion und der nächstbesten Freeware von plugindex.de, und können mit den Beiträgen seiner Kollegen in keiner Weise mithalten. 

Ein bisschen Kaputt bin ich nach dem Hören des Albums schon: Es gab zwar sehr viele lustige, aber auch sehr lang gezogene, die Nerven strapazierende Momente in diesem Betrunkenengespräch namens „Bis einer weint„, allen voran der Nervsong „Mitten im Leben„. Geweint habe ich übrigens nicht. Weder vor Lachen, aber auch nicht vor Entsetzen. Weil das Album, wenn auch handwerklich und künstlerisch nicht sonderlich beeindruckend, einfach Spaß macht. Und weil lange Gespräche mit betrunkenen Menschen zwar anstrengend sein mögen, nur in seltensten Fällen inhaltlich von Belang sind, im Endeffekt aber immer für lustige Anekdoten gut sind.Prost!

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