Fler – Airmax Muzik 2

Nun also mal ganz alleine. Nach seinem Start im Zeichen des Aggrosägeblatts sowie einem kurzen, aber sicherlich lukrativen Gastspiel beim Label seines erst-nicht-mehr, dann-doch-wieder, jetzt-irgendwie-wieder-nicht-mehr-ach-leckt-mich-doch-alle-am-Arsch-Freundes Bushido bringt Fler sein neues Mixtape „Airmax Muzik 2“ auf seinem eigenen Label Maskulin heraus. Eine Entscheidung, die angesichts der für ein Mixtape ausgesprochen respektablen Chart-Platzierung (Platz 6) höchstens notorische Dauernörgler als falsch bezeichnen können – Glückwunsch dazu an dieser Stelle.

Geschäftlich geht Fler also durchaus neue Wege und wurde für diesen Mut auch belohnt. Musikalisch und inhaltlich, soviel sei gleich vorweggenommen, legt der Südberliner allerdings weit weniger Wille zur Veränderung oder gar Weiterentwicklung an den Tag. Das ist eine gute Nachricht für alle, die die ignorante Art von Frank White schon immer zu schätzen wussten, eine nicht ganz so gute hingegen für die, die Fler durchaus zutrauen, mit einem richtig krass persönlichen Album um die Ecke zu kommen. Nun, falls er das vor hat, müssen diese allerdings mindestens noch bis zum nächsten Release warten.

Für dieses Mal bleibt alles Gangsta: Nach dem einigermaßen vorhersehbaren Intro „2011“, in dem schon erste Warnschüsse Richtung Farid Bang fallen, folgt mit „Neue Ära“ ein erster Kracher. Das liegt vor allem an dem düster-dramatischen Beat, den X-Plosive da gezaubert hat. Wie genau nun die titelgebende neue Ära sich jetzt allerdings definiert, wird mir angesichts von Zeilen wie Reiß dein Maul auf und ich komm bei dir/ vorbeispaziert/ bring dir Manieren bei/das Geld wird nebenbei kassiert“ nicht so ganz. Beinahe wie ein roter Faden ziehen sich Flers Erzfeinde Kollegah und vor allem Farid Bang durch die ersten Stücke, immer wieder fallen mal hier halbe Sätze, dort zwei Zeilen über die Jungs: Was du nicht kennst/ weil du nicht bangst/auch wenn du dich so nennst“ („Du wirst gebangt“). Bleibt die Frage, ob das wirklich nötig ist.

Die dritte Single „Polosport Massenmord“, eine ziemlich entspannte Version 2.0 von „Cordonsport Massenmord“ mit Motrip und Silla glänzt mit einigen Premier-verdächtigen Bushido-Wordcuts (womöglich eine sehr subtile Anspielung auf dessen New-York-Reise inklusive Beatshopping bei Premo? Vermutlich nicht), ragt abgesehen davon aber nicht so richtig heraus aus der Ansammlung von gerade inhaltlich ziemlich ähnlichen Stücken.

Ich kenne Muschis, die mir Sushi bringen aus Japan“, behauptet Fler bei „Ghettoblaster“ und irgendwie wird man dieses Gefühl nicht los, das alles irgendwo schon mal gehört zu haben. Der sidoDiss „Ich und keine Maske“ enthält zwar originelle Standpunkte wie „Mit deiner Mucke konnte keiner etwas anfangen“, was zumindest zu bezweifeln ist, aber leider auch keine großen Überraschungen oder gar persönliche Untertöne.
Den Produzenten, allen voran besagtem X-Plosive, der ungefähr 90 Prozent des Mixtapes produziert hat, ist diesbezüglich schwerlich ein Vorwurf zu machen, die haben erstklassige Beats abgeliefert, düstere Synthie-Bass-Beton-Monster vom Feinsten.

Und dann, ja dann kommt endlich, endlich der erste richtig starke Track „Nie an mich geglaubt“. Erstens funktionieren Niemand-mochte-mich-aber-ich-habs-allen-gezeigt-ihr-Wichser-Songs bei Rap ohnehin immer am besten und zweitens ist Fler auch einfach genau der Richtige für diese Art von Song. Wo Fler schon mal aufgedreht hat, macht er mit „Minutentakt“ auch gleich so weiter, mit wenigen Zeilen, ein paar hingeworfenen Schlagwörtern erzeugt er beim Hörer Gänsehaut. So schön kann Gangstarap auf deutsch sein. Auch „Du machst, dass ich atme“, „Bruder“ und vor allem der tatsächlich richtig unter die Haut gehende Bonustrack „Mama is nich stolz auf mich“ beweisen, dass Fler neben arroganten Gangsta-Phrasen noch viel mehr zu bieten hätte, nämlich greif-, ja fühlbare Zeilen über zwischenmenschliche Dramen ohne Kitsch und falschem Pathos. Leider zeigt er diese Fähigkeiten viel zu selten. Stattdessen verteilt er mit dem etwas zu gewollt fiesen „Autopsie“ erneut Schläge bzw. Stiche und Schnitte an unliebsame Rapper-Kollegen. Irgendwann wird’s aber halt auch mal langweilig.

Sollte Fler bei seinem nächsten Album die Prioritäten mal etwas anders setzen, das Verhältnis von deepen zu oberflächlich-harten Songs (auf „Airmax Muzik 2“ etwa 4:14) einfach mal umkehren und seine bekanntlich schwierige Kindheit, Jugend und Gegenwart in emotional glaubwürdige Zeilen gießen – dann wäre so viel mehr möglich.

Die der Premium-Version beiliegende 30-minütige DVD mit Fotos und Videos aus Flers Kindheit sowie u.a. einem Interview mit seinem Stiefvater ist da schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

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