Lea-Won – Farbe Verleihen

Politischer und cleverer Hip Hop hatte in den letzten Jahren und in deutschen Landen ja einen eher schweren Stand. Lag teilweise an den Machern, teilweise an den Adressaten. Mir persönlich sind auch diese ganzen Polithopper mit hoch erhobenem Zeigefinger und schwachbrüstigen Skillz eher zuwider, wer nicht tight rappen kann, sollte in den Printmedien bleiben & Pamphlete drucken, fertig. So läuft es in der simpelgeistigen Welt des Flaneurs. Andere Kandidaten sind dann aber doch zu raffiniert, um von den Kassenwarten der örtlichen Graurückenstammtischrunde im mobilen Basssystem gepumpt zu werden.

Jemand, der auch weiterhin von der breiten Masse ignoriert werden wird, ist der umtriebige Münchener Lea-Won, welcher dem geneigten Hörer wohl schon alleine aufgrund seiner zahlreichen Veröffentlichungen aufgefallen sein könnte. Ob solo oder im Verbund mit Lautleben, hier haut jemand Silberlinge raus wie ein Pontius Pilatus. Bald werden es wohl dreissig sein, auf denen immer wieder Verrat an Staat & Szene geübt wird. Und dies nicht voller Überdruss und ohne Flow, sondern mit spitzer Feder & einem wachen Geist.

Seit dem 16. Februar bietet er seinen neusten Streich "Farbe verleihen" auf seinem MySpace-Profil kostenlos zum Download an, also hin gehen und saugen, denn – zum einen schaut man geschenkten Gäulen nicht in den Rachen, aber man ignoriert auch keine Katze die Geschenke machen. Die fünftrackige EP schlägt in die selbe Kerbe, die wir von Lea-Won gewohnt sind, aber – wer ihn noch nicht lieben gelernt hat, wird ihn aller Wahrscheinlichkeit nach, auch weiter hassen. Für alle anderen gilt: Diffuse Poesie auf umwerfenden Beats … Lea-Won und Defoos – ziehen, hören, lieben!

Beats, diese Beats – es überrascht nicht, dass der Beatschmied sich Defoos nennt, (wer dieses kleene Wortspiel jetzt nicht checkt, sollte die Finger ohnehin von der EP lassen) denn seine kleinteiligen Skizzen stecken voller Überraschungen. Dieser Gourmet serviert keine reinen Bumm-Tschak-Beats, keine mit mediokren D&B angereicherten Tanzflurhobel und auch keine jazzy Wohlfühlcuts, sondern einen sehr eigenständigen Klangentwurf, den ich in Deutschland bislang eher selten gehört hab. Nackendehnende Beats, Soundscapes für U-Bahnfahrten, leckere Vocalcuts & Filmzitate, weite, atmosphärische Flächen – Defoos zwingt den MC zur Entfaltung  und Lea-Won rechanchiert sich mit Styleabfahrten der anderen Art. Passt!

Und Lea-Wons Lyrics sind echt mehr als nur einem flüchtigen Hinhörer wert, denn die politischen Spitzen sind eher verdeckt, hier kotzt keiner Parolen & Bescheidwisshalbwahrheiten aus, aber hier werden definitiv saftigere Ohrfeigen verabreicht als bei manch einem anderen rappenden Kollegen.

Was mir persönlich an Lea-Won sehr zusagt ist seine komplette Weigerung mich zu belehren, hier werden keine Zustimmungsorgien vertont, keine catchy Reduktionen von komplexen Problematiken auf Beats geknallt, sondern es wird vielmehr Musik zum Nachdenken & Zuhören gemacht. Sein galliges, wunderschön herablassendes "Wo ist das Geld hin?" ist möglicherweise das beste Kommentar zu Finanzkrise, Geheimbundhysterien und andere Schuldzuweisungsorgien, das ich in den letzten Monaten gehört hab. Keine hysterische 23-Suchen-und-Finden-Poesie, wie sie nach dem sehr guten Prinz Pi-Song von sehr vielen, sehr viel schlechteren Adepten des Geheimwissens in Mode kam, keine einfachen Antworten, keine Gewissheiten, sondern einfach nur ein Text, in dem er seine Sicht der Dinge sehr ironisch in dein Ohr tropft.

Schön zu sehen, dass er immer weiter aneckt, Leute zu nachdenken anregt & die Stumpflinge (aber auch die selbstgerechten Anderen) dieser Szene einfach alleine weinend im Regen stehen lässt und dass er Anfeindungen aus der Szene kennt, zeigt seine hintergründige, düstere Auseinandersetzung mit schlägernden Trotteln ("Unverletzlich") und die ist selbst für ihn richtig weit draussen!

Welcher Song mir persönlich aber wieder und wieder unter die Haut fährt ist sein Postbeziehungstune "Phantomschmerz". Jede/r dessen/deren Herz gerade heftig tiefrotes Liquid auf den Boden tropft, weil jemand gegangen ist, mit dem man noch Stunden, Tage, Monate teilen wollte, wird ihn lieben. Normalerweise hasse ich Liebeslyrik wie italienische Präsidenten ’ne funktionierende Justiz, aber hier kann ich nur sagen, großes Kino!

Der Flaneur haut soviel Text zu drei von fünf Songs raus, da scheint jemand mit Inhalten zu punkten…Ja, überrascht? Dann komm mal raus aus deiner Punchline/Battle-Nische, aus deiner engstirnigen Politrapecke, aus deiner "Ich such im Ganjanebel nach den letzten Antworten"-Ecke& lern‘ ihn lieben. Ein MC mit Kante, Wortwitz und einem unglaublichen Gespür für atmosphärische Songs auf den sehr feinen & eigenständigen Beats von Defoos.

Zu den anderen Themenfelder: Szenenhassliebe, Herzbluten, Hass/Liebe, urbane Malerei, Famebitches, Geldgier, Tanz, Messerstechen, Phantomschmerz … usw. Checkt die EP!
 

+++Der Digitale Flaneur ist Gast-Autor und betreibt einen viel beachteten Blog, in dem er auch Comics und andere Themenfelder der modernen Pop-Kultur bespricht. Mehr auf seinem Blog!+++

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