Bushido – Zeiten Ändern Dich

Moritz:

Eigentlich ist das schade. Da hat man einen Stoff, wie die Bushido-Biographie, erwartet, zumindest für den ersten Teil, eine schmutzige Beton-Ästhetik, Drogen verticken, sprühen, Leute verhauen und dann sieht das aus wie ein ZDF-Fernsehfilm über Jugendgewalt. Ich meine, man muss es ja nicht immer mit "8 Mile“ vergleichen, dazu unterscheidet sich die Vorlage viel zu sehr. Aber so etwas wie "Knallhart“, oder so, das wäre was gewesen. Ansonsten: Was sollen die Szenen, in denen behauptet wird, Bushido wäre unfähig, eine Tomate mit einer Gabel aufzuspießen? Szenen, über die dann diese Tageszeitungs-Menschen höhnisch lächeln? Ansonsten: In der Rolle des Flers hätte ich mir Axel Stein gewünscht, Kay Ones Augenbraue sollte bei einem Remake dann von Christoph Waltz gespielt werden.

Lisa:

Filmemacher lieben ja solche Geschichten. Von unten nach oben, aus der Gosse ins Penthouse oder, wie Bushido einst zu sagen pflegte, "Vom Bordstein Bis Zur Skyline“. Bernd Eichinger musste einfach zuschlagen, als die Biografie eben jenes Rappers erschien und abseits des Rap-Kosmos auch gutbürgerliche Besserverdiener zu einem Blick zwischen die Seiten bewegte. All die Gewalt, die Selbstzweifel, die unglückliche Liebe, Sex, Drogen und schlussendlich der Triumph über alle Widrigkeiten – daraus musste sich doch der nächste Kassenschlager an den Kinokassen basteln lassen. Endlich eine Art deutsches "8 Mile“, endlich mal ein Vertreter der Gossenkultur HipHop, der sich abseits des Mikrofons als Persönlichkeit komplett durchleuchten und sezieren lässt. Schon als die Dreharbeiten mit Uli Edel noch nicht abgeschlossen waren, zeigte sich das Feuilleton größtenteils hämisch, nichtsdestotrotz hatte man das Bild des domestizierten, rhetorisch gewandten Bushidos vor Augen, der bei Kerner auf der Couch sitzt. Könnte das Ganze doch viel mehr eine aufwühlende Sozialstudie mit Happy End, denn eine kommerziell aufbereitete Selbstbeweihräucherung sein?
 
Bei der Antwort auf diese Frage wird man etwas differenzieren müssen. Betrachten wir das Ganze zunächst aus der Sicht des Kulturkritikers, der wiederum für das ganz gewöhnliche, thematisch nicht vorbelastete Publikum ein Urteil fällen muss.
 
Bushido sitzt vorne neben dem Fahrer des Tourbusses. Es ist Nacht und er sieht sehr müde aus. Er denkt nach. Über sein Leben. Ausgelöst wurde das Ganze durch eine Postkarte, die er von seinem Vater zum Geburtstag bekam – versehen mit der Bitte, ihn doch mal anzurufen. An dieser Stelle gerät die Handlung relativ schnell ins Rollen. Kindheits- und Jugendimpressionen zwischen Alltagsrassismus und Drogen verticken, das Kennenlernen der ersten großen Liebe, dann urplötzlich wieder Stress mit dem obligatorisch schmierigen Manager, der kurz vorm großen Auftritt am Brandenburger Tor noch eine kleine Imagekorrektur vorschlägt. All das lose aneinander gereiht, mit jeder Menge bedeutungsschwangeren Blicken und Gesten sowie zum Teil fast unerträglich pathetischen Dialogen. Schnell wird klar, auf welche Aspekte sich Eichinger in dieser Verfilmung eines an sich durchaus bewegten Lebens eingeschossen hat: Die unsterbliche Liebe zu dem Mädchen aus besseren Kreisen, die zumindest nicht im Hass endet, und die Beziehung zum eigenen Vater, die natürlich auf ein gewaltiges Happy End mit jeder Menge Lichteffekten und der großen, allumfassenden Versöhnung hinausläuft. Das könnte natürlich alles spannend sein, allein schon aufgrund der normalerweise nicht ganz unerheblichen Emotionen, die bei solchen Geschichten involviert sind. Leider erfährt man aber nicht sonderlich viel vom Innenleben der Charaktere.
 
Zwar schlägt sich der schauspieltechnisch eher unbeleckte Bushido durchaus solide, seine Musiker-Kumpels haben sowieso kaum Text und der Rest des Casts besteht aus bekannten und erfahrenen deutschen Schauspielern wie Hannelore Elsner, Uwe Ochsenknecht und Katja Flint. Wenn aber selbst ein talentierter Mime wie Moritz Bleibtreu nicht dazu in der Lage ist, seiner Rolle als Arafat, die irgendwo zwischen allwissender Berliner Hood-Gottheit und professionellem Stuntfahrer angesiedelt ist, so etwas wie Leben oder gar Tiefe einzuhauchen… Nun ja. Der ein oder andere sympathische Moment ist definitiv vorhanden und einen gewissen Unterhaltungswert will man dem Film auf keinen Fall absprechen, aber berühren oder gar mitreißen? Nein, das schafft er nicht.
 
Als Vertreter der Musikjournalismus-Riege kommt natürlich noch ein ganz anderes Bewertungskriterium hinzu. Wie authentisch und wie vorurteilslos die Musik-Karriere des Rappers aufgearbeitet wird. Wie auch dem eher rapuninteressierten Zuschauer nahe gebracht wird, welchen Einfluss der halbtunesische Südberliner auf die deutsche Gangster-Rap Szene hatte, bevor er parallel zu seinem musikalischen Schaffen auch noch zum Lieblings-Posterboy der Bravo-Generation wurde. Im Film wird das absolut ausgeblendet. Ja, der junge Mann interessiert sich für Musik. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center fängt er dann auch an zu rappen. Aber auch wegen seiner Exfreundin, die er immer noch liebt, die mit seinem asozialen Lifestyle aber nicht sonderlich viel anfangen konnte. Natürlich stellt sich da die Frage, wer Ende der 90er sein "Demotape“ aufgenommen hat, wenn der Künstler selbst doch erst 2001 zum Mic griff. Aber gut, daran zeigt sich das, was auf Filmlänge des Öfteren sauer aufstößt: Man zertrümmert das Bild "Bushido“ und setzt aus den Splittern nach eigenem Gutdünken ein Mosaik zusammen. So wie es sich dramaturgisch besser ans unbedarfte Publikum verkauft.
 
Schlussendlich bleibt bei "Zeiten Ändern Dich“ nur ein schaler Nachgeschmack zurück. Der komplette Film erinnert an eine Art Soap, nur dass die Charaktere und ihre ungefähren Lebensumstände tatsächlich existent sind. Weder die illustre Schauspielerriege, noch das Drehbuch kann begeistern. Lediglich die Musik überzeugt, auch wenn sie sich inhaltlich ebenso handzahm gibt wie der Rest des Machwerks. Schade. Das hätte was werden können.
 
Lena:
Vom Ghettojungen aus zerrütteten Familienverhältnissen samt gewalttätigem Alkoholikervater, zum supererfolgreichen Rapstar – so oder so ähnlich stellt man sich die Story vor, wenn man zurück an Bushidos Autobiografie denkt. Dann kommt es aber irgendwie anders und verwunderlich ist, dass die Ereignisse im Film rein gar nichts mit dem Buch zu tun haben.
 
Bushidos Lesestimme, mit der er in den immer wiederkehrenden Busszenen falsch betonend, als eine Art Erzähler fungiert und möchtegern tiefsinnige Sachen erzählt, ist besonders nervig.  
Teilweise möchte man sich auch gerne einfach die Augen zuhalten und ist ein bisschen peinlich berührt, wegen dem, was gerade auf der Leinwand passiert.
Zum Beispiel, wenn er als Kind in der Schule von der Lehrerin aufgefordert wird Goethes "Erlkönig“ vorzutragen. Statt das einfach zu machen, zieht sich der kleine Bushido selbstverständlich lässig die Kapuze über den Kopf und fängt stattdessen an, die Ballade zu rappen. Fremdscham deluxe.
 
Die Stellen, die wahrscheinlich lustig sein sollen, sind vorhersehbar. Andere, die es eben nicht sein sollen, sind wiederum so lächerlich und fernab jeglicher Realität, dass sie schon wieder ziemlich unterhaltsam sind.
So wird als ausschlaggebendes Ereignis, das Bushido animiert, mit dem Rappen anzufangen, die Terroranschläge vom 11. September 2001 dargestellt oder dass Bushido am Tourbus steht, während drinnen Neyz und Kay One eine Groupie Olle ficken und er den verlobten der Dame mit tiefer, bedeutungsschwangerer Stimme zuraunt: "Geh da besser nicht hinein!" das ist unangenehm, auch wenn man sich vorstellen kann, dass genau so eine Szene tatsächlich in der Realität stattgefunden hat.
Trotz allem macht "Zeiten Ändern Dich“ einfach keinen Spaß. Vor allem, weil es maßlos nervt, als was für ein Gutmensch der einst so böse Rapper auf einmal dargestellt wird. Dabei sind doch coole Bösewichter immer die viel interessanteren Figuren. Das wissen wir doch spätestens seit den Disneyfilmen. Wer interessiert sich schon für die herzensgute Arielle, wenn er die böse Meerhexe haben kann?

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