Rohdiamanten – Schlechter als Erwartet

Eigentlich gibt es doch immer ein Gut oder Schlecht, ein Dafür oder Dagegen, das Pro oder das Contra. Bei “Schlechter als Erwartet“ bleibt es vorerst beim seltenen Unentschieden. Die Kölner Rohdiamanten gehen mit ihrem zweiten Album zwar an den Start, aber irgendwie schaffen sie es nicht auf der linken Spur zu bleiben und alle anderen hinter sich zu lassen. Das könnte daran liegen, dass die Feierlaune der Rapper schier unbegrenzt zu sein scheint. “Nichts ist so schön, wie auf der A2 Party machen“ und so nehmen sie uns mit auf einen “Roadtrip“, bei dem die voll gepackte Karre hin und wieder ins Schwanken gerät.

Los geht die Reise mit "R.O.H. Muzik". Die Boxen vibrieren bereits, die Worte dringen tief ins Ohr und alles deutet darauf hin, dass die Schallmauer bald durchbrochen wird. “Für den Rest schlicht und ergreifend/ nicht zu erreichen“ geben die Beiden mehr Gas, “als der Arsch nach `ner Bohnensuppe“. Der Motor ist also schon längst heiß gelaufen und mit Retrogott als Beifahrer machen die Beiden weder Halt vor Chefs noch vor Ex-Freundinnen. “Drecksarbeit macht mir nix/ sag mir nur Bescheid und ich mach das für Dich“. Eine Bremse scheint es hier nicht zu geben, bis die Party in “Oberkante Unterlippe“ jedoch den Siedepunkt überschreitet und die Motorhaube anfängt zu rauchen. Plötzlich reicht die Energie nicht ein mal mehr für einen Titel und so fahren wir mit dem “Lied ohne Namen“ gemütlich rechts ran und kühlen ab. Die Stimmung ist gedämpft, das Partyvolk im Nachdenk-Modus, wie nach einer durchzechten Nacht, wenn einem klar wird: “egal was man im leben tut, Hauptsache man bereut es nicht“.

Gerade, wenn man denkt: “Ich schaff`s nicht mehr“, springen die Kölner förmlich auf, spucken in die Hände und ziehen einen mit “Schnaps und dicke Mädchen“ mit einem so heftigen Ruck aus dem Wachkoma, dass einem schwindelig wird und man alles nur noch in Pixel sieht. Und genau das ist der Punkt, an dem die Fahrer die Kontrolle verlieren. Die Rast war zu kurz oder an falscher Stelle. Ab hier ist das Ganze eine Berg- und Talfahrt der Emotionen. Gleichgültigkeit bei “Mir Egal“ denn “diese Welt ist so kaputt, ich seh`s jeden Tag/ Deshalb steh ich auf und schreie laut: mir egal!
In “Politics“ ist im Gegenzug zur Alles-Egal-Einstellung plötzlich wieder Frustration bei den “Kindern des Zorns“ angesagt – und “So Schön“ kann dann aber wieder absolute Überzeugung von der eigenen Person, jedoch gepaart mit unendlicher Selbstironie aussehen. “Meine Texte sind gut, ja ausgesprochen gut/ Und implizieren Intelligenz wie der Blick einer Kuh“.

Wie kommt es aber, dass jemand mit so viel Selbstbewusstsein, Stärke und Mut noch immer nicht genug Bestätigung hat, um zu “Fühlen dass ich Leb“? Wieder rücken Spaß und Anerkennung in den Hintergrund: “Ob Rapdeutschland mich liebt, ist mir im Prinzip ziemlich Latte“ und es wird herzzerreißend emotional: “Ich will nur meiner Mam das an Familie sein, was sie nie hatte/ Will das meine Schwester später ein Mal stolz auf mich ist/ Und dass sie rafft, was das Alles bedeutet für mich“. Glücklich schätzen darf man sich dann, dass Rapdeutschland keinen “Applaus für Scheiße“ vergibt,   sondern lieber die Trommel rührt, um sich gegenseitig zu stützen. Und so verbreiten Ercandize, Sinhue und co hier ihre “wunderschönen Grausamkeiten“ – “Obwohl schlechter als erwartet/ Ist es die Platte des Jahres“.

Mit dem letzten Satz, kann an dieser Stelle keine Einigkeit entstehen. Zwar wendet sich das Unentschieden in einem kurzen Fazit für die Rohdiamanten zum 7:3 Sieg. Aber Fakt ist, die Zielgerade werden sie mit dieser LP nicht als Erste erreichen.
Einen Pluspunkt bekommen sie für ihren nie endenden Wortwitz gepaart mit teilweise wirklich guten Reimen und noch einen für die Momente, die zum Nachdenken bewegen. “Mach heut was Gutes/ Denn morgen vergisst du`s/ Und was heute gut ist/ Ist morgen beschissen“.
Manchmal fehlt aber inhaltliche Logik: “Ich fahr in den Sonnenuntergang/ Halt das Steuer in der Hand/ Blinke damit ich auf der linken Spur überholen kann/ die ersten Sonnenstrahlen, die Leuten sonnen, baden sich“. Unverständlich, wie bei einem Sonnenuntergang plötzlich mit ersten Sonnenstrahlen ein neuer Tag anbrechen kann. Was ebenfalls auf die Dauer fast schon wieder ein bisschen eintönig und einfach zu Viel wird, sind die ewigen Vergleiche. Indem man versucht die einzelnen Verse zu behalten, kommt man nur schwer hinter die eigentliche Aussage mancher Songs.

Etwas mehr Storytelling, ein Paar thematische Sprünge weniger, die Dynamik beibehalten, wobei auch hier manchmal der Grundsatz gilt: “Weniger ist Mehr“ und die ganze Sache wird beim nächsten Mal bestimmt nicht ganz so ungeschliffen und roh wirken – oder vielleicht soll es das ja gerade!?!

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