Audio88 & Yassin – Zwei Herrengedeck, bitte

Dieses Album eignet sich einfach nicht dafür, es im Sommer zu hören. Da ist kein Lied dabei, dass man mit seinen betrunkenen Freunden am See hören kann oder eines, das in Kopf abläuft, wenn man mit einem Eis in der einen und seiner Freundin in der anderen Hand die Müllerstraße entlang flaniert. Das ist eher Musik zum "Grimmig-an-der-Zigarette-ziehen-während-die-Welt-explodiert“. Das Schöne an "Zwei Herrengedeck, Bitte“ ist aber, dass Audio88 und Yassin es in extremer Geschwindigkeit schaffen, den Hörer in eben diese Stimmung zu katapultieren. Das Cover verzichtet völlig auf die Abbildung wütend dreinschauender Jungmannen, besticht aber durch die Mühe, die sich eine gewisse Kathrin gemacht hat, als sie die Albumhülle zusammengenäht hat. Auch inhaltlich bewegen sich der Wahl-Neuköllner Audio88 und sein Partner auf eher ungewöhnlichem Terrain. Die Beats (produziert von unter anderem Dexter, Tillevision und Hulk Hodn) sind abstrakt, kränkelnd und lärmend, Audio88 verweigert sich immer wieder klassischen Reimschemen und beide besitzen einen bösen Humor, durch den so genannte sozialkritische Themen nicht in moraltriefender Ekelhaftigkeit versumpfen.

 

Der Track "Regenschirm“ ist eine schlechtgelaunte Abrechnung mit dem Smalltalk, der "nuttigsten Version der Konversation“, auf dem die beiden ihre Abneigung gegen Gespräche über das Wetter und Telefonverträge freien Lauf lassen. Das klingt etwas jetzt etwas bieder, ist aber durch den düsteren Beat und Text wirklich hörenswert.

Das dritte Lied "Krieg ist cool“ besticht wieder durch Textstellen, die einen noch intensiver an der oben genannten Zigarette ziehen lassen: "Ein Aidskranker im Puff ist zwar nicht zwingend mit einem Selbstmordattentäter zu vergleichen, eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich dennoch nicht leugnen – das ist nicht lustig? Natürlich nicht, das hat auch niemand behauptet“

 

Auch der Track "Kinderlied“ ist nicht so zahm, wie der Titel vermuten lässt (aber das wissen wir ja auch schon seit Bass Sultan Hengzt) und beschäftigt sich mit falschen Vorstellungen der Kindheit und dem Satz "Wenn du ganz fest an etwas glaubst, dann schaffst du es auch“. "Oh Bitte“ interpretiere ich mal als dezenten Disstrack in Richtung pseudodeeper Rapper sowie dem grassierenden Straßenrapwahnsinn (inklusive Rezitation einiger "Ich geh meinen Weg“-Phrasen), aber auch hier schaffen es die beiden, den Track nicht in die Richtung "Hey-wir-sind-lustige-Studenten-aus-Kassel-Deutschland-hat-kein-Ghetto“ abgleiten zu lassen.

 

Dem folgt "Kein Schöner Land“ mit einem Retrogott-Feature, auf dem die 3 Herren ihrem Weltekel freien Lauf lassen, auch hier werden sich Schöngeister von Zeilen wie "Die Sonderausgabe von Schöner Wohnen stellt auf Hochglanz die 10 schönsten Kellerverliese Österreichs vor, Natascha Kampusch moderiert jetzt auf RTL "die 10 besten Sexualstraftäter“, und erzielt damit bessere Einschaltquoten als "die 10 sympathischsten Flugzeugentführer“ mit Oliver Geissen“ abgeschreckt werden, für Zyniker jeder Coleur ist das aber ein Feuerwerk der bösen Gefühle.
 

Auf "Wo ist die Cypher“ wird ein weiterer Problemviertel-Wahlberliner gesamplet, die schönsten Interview-Sätze von Massiv werden verbraten, um den Freestyle-Skit ergänzen. Der Track auf dem Morlockk Dilemma gefeatured wird, fällt etwas enttäuschend aus, nicht weil der Ex-Snuff Pro-Rapper schlecht ist, sondern weil man dann doch etwas mehr erwartet hätte. Abschließend lässt sich über das auf Analog Alpha erscheinende Album sagen, dass es so klingt, wie es wahrscheinlich gar nicht klingen soll: Erfrischend. In Zeiten von Rappern, die durch dümmlich-deepe Phrasen oder seelenlose Technikspielereien auffallen, ist dieses Album eine radikale Abkehr zu vorherrschenden sinnlosen Trends.

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