Hammer & Zirkel – Musik ist unser Leben, darum werden wir Erzieher

Titel des Hammer & Zirkels ist "Musik ist unser Leben, darum werden wir Erzieher“. Erster Lacher. Kurzer Lacher. Nachdem ich mich wieder beruhigt habe stelle ich beim ersten Durchhören fest, dass ich als unter 70 Kilo wiegende, gutbürgerliche West-Tussi eigentlich nicht in die Zielgruppe von Hammer & Zirkel passe. Ich stelle aber auch fest, dass die Platte im Gegensatz zu "Auferstanden aus Ruinen“ des Labelbosses Joe Rilla sehr wenig ostpopulistisch ist, sondern vor allem charmant und selbstironisch mit dem Thema "Ossi-Wessi“ umgeht.

Hammer & Zirkel releasen über Plattenbau Ost bzw. über releaseyourself.net, Hammer ist der Rapper G-Fu und Zirkel der Produzent Sneezy, beides große Jungs. So groß wie breit.

Ein Skit leitet das Intro ein und ist tatsächlich auch ein bisschen witzig, inklusive kleinen Seitenhieben in Richtung Savas und Joe Rilla. Eigentlich sind alle Skits beim ersten und zweiten Mal hören ganz witzig, über die Verwechslung zwischen DMX und IhrmEx schmunzel ich immer noch. Ansonsten geht es auf "Musik ist unser Leben, darum werden wir Erzieher“ viel um dicke Bäuche, das was sie verursacht und Plattenbauten, immer schön in ostberlinerisch gerappt und das ist atzig und macht Spaß. Hammer & Zirkel schaffen es die Waage zwischen Klamauk und  Ernsthaftigkeit zu halten und so gibt es auch Tracks wie "Mike Aussa Platte“ über einen Jungen, der keinen Ausweg mehr aus dem Teufelskreis seines Lebens sieht. "Das war ein schmaler Grat, bisher lief alles grad, er grub seit 17 Jahrn an seinem eigenen Grab/ hier ist Schluss, es muss passieren, was passieren muss.

Aber auch viele, der vermeintlich lustigen Tracks, werden von ernst gemeinter Sozialkritik durchzogen und das finde ich super, denn hier wird nie mit dem erhobenen Zeigefinger gewettert, sondern jede Kritik humorvoll verpackt. Am deutlichsten zeigt sich das in "Kein Geld Macht Auch Nicht Glücklich“ mit Abroo: „Was ist der Unterschied zwischen gratis und umsonst? Du bist gratis zur Schule gegangen, ick umsonst, denn ick krieg ja eh keinen Job hier in meene Jegend, dit Geld, was ick habe, reicht jerade so zum Leben“.

Respekt bekommen die beiden übrigens auch für den Mut Lucilectric zu covern und so stelle ich mir vor meinem geistigen Auge 130 Kilo G-Fu vor, der, während silberne Glitzerfolie auf ihn regnet, mit knallrotem Lippenstift auf einer Schaukel sitzend „Ick bin so froh das ick’n Ostler bin. Komme doch ma rüber man und setz dich zu mir hin, weil ick’n Ossi bin“ schmetternd. Die Vorstellung ist besser als der Track selbst, trotzdem beweist der eine gehörige Portion Humor.

Totale Nonsens-Tracks sind auch dabei, „Ich storniere an der Humbug-Nervosität Sozialphysik im 3. Silvester“, etwas krampfhaft witziger Titel, aber super Hook: „Hurra Hurra, ich bin so individuell!“, oder auch "Mein Bad“: "Ey, mein Bad hat die Form von ’nem Toaster/ In mei’m Bad ist nich‘ mal Platz für’n Poster/ Mein Bad ist für mich Platzangst pur/Mein Bad sind 3m² Hindernisparkur“, beide ok und originell, beide aber nicht notwendig.

Ich feier im Gegensatz zu Rezensenten auf anderen Seiten den oftmals übertrieben herausgekehrten Akzent wie in "Hab ick ja keen Thema mit". Super, super, super. Positiv herausstellen muss man auch "Zwei gegen Zwei" feat. Marteria. Ein wirklich witziger verbaler Schlagabtausch.

"Musik ist unser Leben, darum werden wir Erzieher“ ist sehr amüsant und kurzweilig, allerdings nicht ausgeklügelt und abwechslungsreich genug, um dauerhaft gehört werden zu können. An vielen Stellen fehlt ein bisschen versteckter Wortwitz und so entdeckt man leider schon beim dritten Durchhören nicht viel Neues mehr. Trotzdem ist "Musik ist unser Leben, darum werden wir Erzieher“ eine der angenehmen Überraschungen des Hip Hop Herbstes. 

Ein SKit Zitat am Ende:
"Boah Man Ey! Musste dit jetzt wieder sein? Son plakativer Song da? Son Ossisong? Is doch kacke…"
"Wieso denn, is doch voll cool. Ick bin stolz druff dass ick’n Ossi bin…"
"Ja, ick bin da ja och froh drüber. Aber man hallo? Du kannst doch nicht einfach die Westdeutschen so ausschließen. Dit is dit erste was die hören und wat sollen die denn für’n Eindruck von uns haben?  Dit schlisst die ja gleich mit aus, so als Käuferschicht und so…"

Ich kauf das nächste Album trotzdem. Versprochen.

  

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