B-Tight – Goldständer

Ich tue mir ein bisschen schwer mit dieser Plattenbesprechung von Goldständer, denn mit Sicherheit muss man Künstler auch immer ein bisschen an ihren eigenen Fähigkeiten messen, auf der anderen Seite ist das, was B-Tight hier abliefert, auch für seine eigenen Verhältnisse, äußerst schwach. Auf gerade mal 35 Minuten und 45 Sekunden kommt der Tonträger und die Frage, warum überall "Goldständer" – das Album steht, lässt sich wahrscheinlich folgendermaßen beantworten: Man würde es sonst nicht merken, dass es ein Album ist. EP vielleicht, aber Album?
Nun gut. – Es gab natürlich auch schon Klassiker, die mit 40 Minuten Laufzeit auskamen und vielleicht habe ich auch was verpasst und die andere Hälfte des Albums befindet sich im Netz und ich könnte sie mir anhören, mit meinem Premium Free Aggro TV Player Zugang. Das will ich aber nicht. Erstens weil ich keinen irgendwie gearteten Player auf meinem Rechner haben will, der sich selber updatet und Dinge installiert, die ich nicht haben will. Zweitens. Ich bin alt. Ich möchte, dass ein Album auf CD ist, wenn es eine CD gibt und nicht zu Hälfte auf CD und zur Hälfte virtuell. Da bin ich irgendwie altmodisch. Ich weiß nicht, ob ihr das nachvollziehen könnt?

Wie auch immer. 13 Songs befinden sich also auf dem so called Longplayer und dem Cover nach zu schließen geht es also um das Prachtstück, das B-Tight sein eigen nennt. Dieses scheint, ähnlich dem Magic Stick von Fifty Cent, ein ganz, ganz besonders Werk der menschlichen Anatomie zu sein. Zumindest suggeriert einem das der erstaunte (begeisterte) Gesichtsausdruck, der auf dem Cover abgebildeten Damen, die allesamt sehr hübsch sind, aber wie bei deutschen Produktionen üblich, doch wieder ein bisschen B aussehen.

Was wir dann aber zu hören bekommen ist ein unterschiedliches Sammelsurium aus dem Mikrokosmos des B-Tight. Los geht es mit einem Representer, in dem Bobby Dick seine Rückkehr ankündigt, in dem er sagt, dass er nicht back ist, weil er gar nicht weg war, und in dem er richtige Flexerstyles auspackt. Man kann wirklich nicht sagen, dass sich Bobby Dick nicht weiter entwickelt hätte. Das hat er. Definitiv. Und wenn man sich das so anhört, dann ist da immer noch dieser Rap Fan von der Sekte, der sich mit amerikanischem Untergrundzeug beschäftigt und Rap wirklich mag.
Allerdings klingen die schnellen Passagen nach wie vor sehr unsauber und schlampig und man merkt, dass B-Tight immer noch technisch limitiert ist.

In "Noch einmal" fordert ihn eine laszive Frauenstimme dazu auf, gewisse Dinge noch einmal zu machen, wobei die Wiederholung des Top Ten Erfolgs nicht realisiert werden konnte. Dies „noch einmal“ zu machen, hat offensichtlich nicht geklappt. Danach wird in einem sehr unlustigen Skit der „Neger in ihm“ erschossen, was darauf schließen lässt, dass B-Tight nur noch Bobby Dick und ein Rockstar werden möchte, bevor er dann mit Frauenarzt und "Partytime" zum großen und obligatorischen Elektroangriff bläst.
Sie will mich  – hassen und muss mich lieben“ ist ein Ausflug ins Euro Trash Lager und eine Hommage an die große Liebe, die wie so oft „nicht mit und nicht ohne“ kann, aber aufgrund der wahnsinnigen, körperlichen Anziehung von B-Tight ist sie wie Wachs in seinen Händen, obwohl sie schon längst nicht mehr will. Thematisch ähnlich der Song "Egoist", wenn auch nicht nur auf eine Frau bezogen sondern auf die gesamte Menschheit und auch hier regieren die Über-90-BPM-Elektro Beats.

"Voll Ok" ist etwas ruhiger und hier kommt dann auch das schöne Wort Zauberstab drin vor, schließlich geht es in diesem Song darum, dass die holde Weiblichkeit dem Charme oder aber dem Schwanz von Herrn Dick nicht widerstehen kann. Selbst wenn sich die Damen zurückhalten sollten (was sie selten genug tun), weiß der Großmeister der Sexualität selbstverständlich um die geheimsten Wünsche einer jeden Frau und mit den Worten "Schlampe sein ist voll ok“ wird dann doch dazu aufgefordert den Trieben und wahren Gelüsten freien Lauf zu lassen.
Man könnte auch sagen, unter dem Blick von B-Tight sind alle Frauen wie Glas und ein Entrinnen ist absolut ausgeschlossen.

"Wir sind hart" überzeugt durch einen überraschend flüssigen Tony D (der Mann hat noch Hunger), bevor der nächste Representer mit "Kingmäßig" heranrollt.

"Sündenbock" ist thematisch das absolute Highlight auf diesem Album. Relativ ironisch nimmt Bobby die gesamte Verantwortung für alles Schlechte auf dieser Welt auf seine, mittlerweile durch viel Fitnesstraining gestählten Schultern, wobei er sich mit der Zeile "ich fühl mich gekreuzigt wie Jesus“ etwas überschätzt. 

Hart aber herzlich feat. M-Hot ist dann der "Song für alle Player" und ehrlich gesagt ist man jetzt nicht unbedingt todtraurig, dass nach knapp 36 Minuten Schluss ist.

Überraschenderweise geht es bei Goldständer also nur sehr selten um den tatsächlichen Goldständer oder das Thema Sexualität. In Wahrheit ist es ein ganz, ganz klassisches Battlerap Album, mit ein paar guten Sprüchen drauf, abwechlsungsreichen und von mir aus auch experimentellen Beats aber auch jeder Menge Leerlauf und Phrasendrescherei.

Insofern verstärkt sich ein bisschen der Eindruck, und man mags nicht wirklich sagen, aber irgendwie scheint bei Aggro ein bisschen die Luft raus zu sein, seit ihrem Majormove.
Das ist alles solide. Das ist alles ambitioniert und auch bemüht, aber so richtig will der Funke nicht überspringen.
Was beim Sido Album noch als Elder Statesman und etabliertes Popstartum durchgehen konnte wirkt bei Bobby Dick einfach drucklos, gesetzt und uninspiriert.

Und wenn es im Intro heißt. „Ich mache wieder mal die Szene verrückt – Bobby Dick!“ Dann muss man leider sagen: Nicht wirklich!

(Ich glaubem, diese Review ist übrigens so lange wie das Album selbst.)

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