LoDeck & OmegaOne – Postcards From The Third Rock

Bei mir ist das so: Es gibt Alben, die passen einfach nur in eine bestimmte Jahreszeit. Es gibt Sommeralben und es gibt Winteralben. Und das hier ist ein Herbstalbum. “Postcards From The Third Rock“ hätte auch gerne ein paar Monate später erscheinen können. Alben verschieben ist doch normal in diesen Tagen, fragt mal Dr. Dre. Ich würde mir das gerne erst im Oktober anhören, so bei windigem Wetter im Park, bei Regen und mit hochgeklappten Parkakragen. Aber mich fragt ja keiner.

Postcards From The Third Rock“? Was das für ein Titel? – Aha, ein Konzeptalbum. Der bisher in Deutschland weitestgehend unbekannte LoDeck nimmt die Rolle einer Art Alien ein und berichtet in Form von fünfzehn Audio-Postkarten den Daheimgebliebenen vom Planeten Erde. Essenz seiner Urlaubspost: wir sind alle krank. Das ausgerechnet ein Mensch wie LoDeck auf diese Idee gekommen ist überrascht nicht weiter. Als Elfjähriger wanderte der in einer weißrussischen Kleinstadt geborene Rapper mit seiner Familie nach Brooklyn aus und brachte sich innerhalb von vier Monaten selbst die englische Sprache bei. Klar, dass man sich, wenn man aus der zerfallenen Sowjetunion in den Westen zieht und zudem kein Wort versteht, wie ein Besucher auf einem fremden Stern fühlt.

Und jemand mit so einer Biographie schreibt nicht mal eben ein heiti-teiti Partyalbum. In bester ein Producer/ein Mcee-Tradition haben LoDeck und OmegaOne eine LP geschaffen, die einen melancholisch werden lässt. Die samplebasierten Beats von Omega stehen im Geiste  der bis zum kotzen gefeierten Soundästhetik der Golden Era. Dennoch ist das hier nicht einfach das Werk von zwei verbitterten Ewiggestrigen. Obwohl von klassischen Funksamples dominiert tappen sie nicht in die früher-war-alles-besser-Falle. Heute, Gestern, egal. LoDeck und OmegaOne finden vermutlich weder das Eine noch das Andere gut, sie scheißen einfach drauf.  So wirkt das Album zeitlos und unangestrengt, böse Zungen würden behaupten, dass das bloße Hintergrundmusik sei. In Bezug auf die Instrumentals kann das schon sein, experimentell geht anders. Da ich aber eine gute Zunge habe, behaupte ich mal, dass Omegas Instrumentals LoDecks Lyrics gerade genug Raum geben, um voll zur Geltung zu kommen. Falls jemand hier englischer Muttersprachler ist, ich beneide ihn. Denn mit meinen bescheidenen Sprachkenntnissen komme ich gerade soweit zu bemerken, dass auf  Postcards From The Third Rock“ Spannendes erzählt wird. Ob nun von verschollenen Touristen oder einem Obdachlosen, der sich umbringt weil er seine Familie vermisst – ich wünsche mir ein Booklet mit den Texten. Highlights sind das beschwingt pumpende "Nice Kids" (feat. Invizzibl Men & C-Rayz Walz), das sphärische “Still Cambodia“ (feat. Jak Progresso) oder der unerwartet leichtfertig vor sich hinklimpernde Titeltrack im Remix.

Noch ein Wort zum Booklet: hat ja keiner mehr Geld im Spiel, weswegen vor mir wahrscheinlich auch nur eine Plastikhülle für die CD liegt. Glaubt man jedoch dem Bild auf dem beigelegten Presseschreiben, so wird das Artwork großartig. Guckt auf die Website von Mars-1 und ihr wisst, was ich meine.

Postcards From The Third Rock“ besitzt gute Tracks. Und sehr gute. Keine Ausfälle. Nichts zum haten? Kommt drauf an. Auf mich wirkt die CD in sich geschlossen und wie aus einem Guss. Manch einer könnte dazu auch sagen, die Tracks sind sich zu ähnlich und das Album wird dadurch langweilig. Ich gehör nicht dazu. Wofür ich LoDeck und OmegaOne liebe ist ein Perfektionismus, den man heute nur noch selten findet. Ob Instrumentals, die nicht in fünf Minuten zusammengeschraubt worden sind, Lyrics, bei denen man merkt, dass sich dort nicht der nächste lustig gekleidete Jungspund einen Game fickenden Sechzehner aus den Fingern gesaugt hat oder ein Artwork, mit einer seltenen Liebe zum Detail. Kurz: ein rundes Album. Nicht zögern, anhören. Oder um es mit LoDecks Worten zu sagen: “the moment you hesitate is the moment you loose“.  

 

 

 

 

 

 

 

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