Morlockk Dilemma – Omnipotenz In D-Moll

Durch seine letzten Soloalben "Egoshooter“ und "Index Finest“ wurde Morlockk Dilemma bereits zum Bürgerschreck in der Szene. Mit seinen Plattenverkäufen spart er auf eine Toilette aus purem Platin, um seine Geschäfte angemessen verrichten zu können. Seit "Hang Zur Dramatik", zusammen mit V-Mann, putzt er sich die Zähne nur noch mit Sekt. Und jetzt gerade reibt er sich entspannt den Bauch und setzt ein laszives Grinsen auf, denn sein neues Album "Omnipotenz In D-Moll" steht in den Läden und der Traum vom blitzenden Scheißhaus scheint in greifbarer Nähe. Der Albumtitel sagt es, der Messias präsentiert sich in einer Tonart, die, nicht verwunderlich, traditionell als ernste, mit dem Jenseits verbundene gilt. Eine große Vendetta, ein Meer aus Blut und Kajak fahren.

Der Einstieg, das Intro, ist schwungvoll und atemlos, live kommt der Morlockk da schon mal aus der Kontenance. Altbekannte Vocals und Scratches prasseln nieder, gefolgt von Battlelines auf zwei verschiedenen, ineinander übergehenden Instrumentalen, verpackt in komplexe Reimschemen, unerklärlich, was sich da manchmal reimt  – "Ich weiß, du wäscht dich nur aller Jubeljahre, glaub mir das nächste mal wenn du mal badest, wirst du zum Uwe Barschel.

Gleich der erste Song "Bootlegdeath“ widmet sich EINEM dieser "Pressewichser“, denen zugegebenermaßen viel Verantwortung vor einer Veröffentlichung überlassen wird, der sich vor dem Release von Dilemmas Musik bediente, sie im Internet uploadete und sich sicher wähnte. Doch, "(..) was er nicht wusste war, dieser Idiot, jede der Promo CDs war markiert mit dem Code, ein verstecktes Audiosignal gemischt unter das Master, für einen Namen brauchten wir es nur noch runter zu laden.“ Was folgt, oder im Song vorangestellt ist, ist ein kleines Folterszenario mit viel Liebe zum Detail. Die Erklärung ist plausibel, es ist wirklich beklemmend, die Geschichte aber ist wahr, zumindest der Teil mit der Raubkopie. Bei der Anderen bin ich mir nicht so sicher, Pressekollegen kommen und gehen.

Was beim Durchhören sofort auffällt ist, dass die reinen Battle-Songs den etwas gehaltvolleren numerisch unterliegen. Das ist nicht unbedingt negativ und vielleicht als Weiterentwicklung zu betrachten. Morlockk übt Kritik, zeigt Probleme der menschlichen Seele auf, aber das in typisch überzeichneter und ins absurde ausgebauter Dilemma-Manier. Ein Beispiel aus "Es Kümmert Mich Nicht“: "Ich bleibe gefühlskalt wie ein Nachrichtensprecher, hungernde Kinder in Indien hindern mich nicht am Abendbrot essen“, in der gleichen Strophe wird auch eine mögliche Ursache genannt: "Ich rede in Werbeslogans, ich wurde vom Fernseher betrogen, meine Reize sind überflutet, jetzt brauche ich härtere Dosen, ich sitze auf der Couch mit apathischem Lächeln, Bindenwerbung zwischen Kinderfernsehen und den Naziverbrechen.“ Was wiederum auch typisch ist, Lösungen oder gar Erlösung gibt es nicht. Das wäre vielleicht auch langweilig oder utopisch, oder nicht?
Was für ein herzloser Mensch redet schon im gleichen Atemzug über Kaffee, Kuchen, Topfschlagen, Selbstliebe und die Verbrechen vom "9.11“? Nur ein exzentrischer Zyniker sagt der eine, der andere sagt, weil Dilemma an diesem Tag einfach Geburtstag hat. In einer Trauerfeier steckt das gleiche Paradoxon. Meine Lieblingsstelle des Songs: "Es war ein wolkenfreier Tag im September, alle Nachrichtensender zeigten Bilder vom Attentat auf das Center, ein schwarzer Tag im Kalender, doch fragst du Dilemma lächelt er brav, denn er bekam dieses abgefahrene Rennrad (..)

Ein bisschen gewöhnungsbedürftig klingt der gesungene Chorus von Damion Davis in "Fuffie“, das Songkonzept des wandernden Geldscheins ist übrigens schon ein alter Hut. Auch der Gastpart  von Choleriker in "Ruff Rugged N Raw Pt. 2“ klingt irgendwie dahingeschmiert, der unglaubliche Beat kaschiert das nicht mal wirklich. "Wunderschöner Tag“, erinnert stark an "Twelve Monkeys“, nur ohne den Teil mit den harmlosen Tieren und Verrückten. Der Versuch von Dilemma den Chorus dieses Songs gesanglich selbst zu gestalten, gelingt nur bedingt. Und für mich mal zwei neue Evergreens: "Unterwegs“, eine zügellose Odyssee durch die Nacht und Morlockk Romantiko als triebhafter "Gentleman“. Stellt sich die Frage, ob sie auf dem Lokus entstanden sind? Nach dem Outro kommt dann doch noch die Erlösung: Der "Nachtrag", fünf Strophen Hass, nur Dilemma und ein imaginärer Feind. Endlich, Befriedigung und jede Menge musikalische Varietät.

Das alte Furniturenhandwerk des Samplings beherrscht Dilemma miterweile sehr gut, obwohl an der ein oder anderen Stelle manches etwas zu eckig, abgehackt oder zu rund klingt. Er selbst vergleicht den Kolorit seiner Beats, wobei auch Dexter und V-Raeter  sehr schöne beisteuerten, mit Städten in lodernden Flammen, oder einem kurzen Scharmützel, indem ein Heer aus Reitersoldaten im Vorbeireiten ein paar Bauern nieder macht. "Omnipotenz In D-Moll" ist wahrhaftig keine leichte Kost. Kein bunter, fruchtiger Sommerobstsalat mit einem zarten Zimthauch. Eher ist es eine "Kugel durchs Arschloch“ oder wie einen "Backspin-Redakteur mit einer Juice zu erschlagen“.

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