Wiley – Playtime Is Over

Das Jay-Z-Syndrom hat nun auch im Vereinigten Königreich Einzug erhalten. Im Vorfeld seines Albums "Playtime Is Over" hieß es seitens Wiley, es werde sein letztes Album sein und er werde sich komplett aus der Grime-Szene zurück ziehen. Doch nun kehrt er mit seinem neuen Label Eskiboy Recordings zurück – dabei ist das Album noch nicht mal draußen!

Sagen wir mal: Gut so! Was der Grime-Urvater (in seiner Gegenwart besser den Term "Eski" benutzen, denn "Grime" wird unter Szenegrößen nicht als Definition des Genre akzeptiert) mit "Playtime Is Over" dem Zuhörer vor den Bug knallt, hat eine ähnlich durchschlagende Wirkung wie Lennox Lewis‘ Rechte. Roll Deep’s "In At Deep End" war kommerziell mit seiner Silber-Plakette nicht unerfolgreich, doch das seichte RnB-/ Crossover-Konzept wurde seitens der Grime-Community größtenteils nicht angenommen. Auch Wiley konnte sich damit nicht hundertprozentig anfreunden und läd nun wieder – wie gewohnt – zum freudigen etwas härteren Rave ein.

Fast durchgängig prasseln hier rhythmische Schellen wie "Bow E3", "Johnny Was A Bad Boy" oder "Getalong Gang" auf die Gehörgänge. Elektronische Basslines, hallende Snares und ganz viel lyrisches Feuer – Eski wie er lebt und gefeiert wird. Respresented wird ab Minute 1 ("50/50"). Wenn Wiley seine Ausflüge ins verfeindete South West London narrativ darbietet ("Slippin") um dann zwei Songs später klar zumachen, mit was für Leuten er verkehrt bzw. hat ("Gangsters"), dann weiß der Zuhörer, dass hier kein Storyteller zu Werke ist, sondern jemand, der die Straßen und ihre Eigenheiten kennt und lebt. Dann werden auch mal Lethal Dizzle und Konsorten vom Fyah Camp an den Pranger gestellt und als "Wanna Be Gangstas" tituliert.

Überhaupt hat Wiley Einiges zur momentanen Grime-Szene zu sagen. Auf "Getalong Gang" verhärtet er seine These, dass viele Crews nur nach Außen hart wirken wollen, jedoch schneller die Füße in die Hand nehmen als ihre Faust in einem fremden Gesicht zu platzieren. Deutsche Probleme also auch in England. Dizzee Rascal bekommt mit "Letter 2 Dizzee" seine eigene Abrechnung von Wiley. Es ist eine Geschichte der Zeit, die die Beiden gemeinsam auf Raves, im Radio oder sonst wo verbracht haben. Der Hörer merkt, dass Wiley natürlich an seinem ehemaligen Protegee hängt. Emotional ist auch der Track "Baby Girl", den Wiley seiner kürzlich geborenen Tochter gewidmet hat. 

Wirklich schlechte Tracks findet man nicht. Einzig – um in der Box-Sprache zu bleiben – der ein oder andere Jab verfehlt aus Kraftmangel das Ziel. Hierunter fallen die Grime meets RnB-Komposition "Come Lay With Me" mit Rachel, das von JME co-produzierte "No Qualms" und das unmotiviert dahinschleichende "Nothing About Me". Daneben sind jedoch Banger wie "Johnny Was A Bad Boy" oder "Eski-Boy" plaziert, die das Kräfteverhältnis wieder ins rechte Licht rücken.

Bleibt festzuhalten, dass "Eski Boy" Wiley uns auch in Zukunft mit seinen musikalischen Visionen segnen wird. Nach diesem Album wäre ein Abgang nicht nachvollziehbar. Vielleicht das Grime’sche Pendant zum "Black Album" … innit?

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