Ali – Chaos & Harmonie

Die Pariser Straßen sind und bleiben das zu Hause der 45 Scientific-Group – jenem Label, was schon die ersten fünf Lunatic-Maxis und das legendäre Lunatic-Album „Mauvaise Oeil“, den Hifi–Solojoint „Rien Perdre, Rien Prouver“ und das erste Booba-Soloalbum produziert hat. Und nun kann man mit dem Debutalbum eines altbekannten Künstlers – Ali – aufwarten. Nachdem sein „Lunatic“  Ex-Kollege Booba inzwischen schon an seinem dritten Longplayer arbeitet, zieht auch Ali  mit „Chaos & Harmonie“ nach. Es ist sein erstes Soloalbum, aber er ist wahrlich kein Anfänger- und das hört man auch.

Zusammengearbeitet hat er vornehmlich mit alten Kollegen aus Timebomb Tagen, so z. B. mit Gastrapper Hifi und dem Produzent & Rapper Géraldo – aber auch Fred Doudouet hat er sich ins Boot geholt, welcher ja seit Anfang der Neunziger Jahre als Toningenieur und Produzent mit Rapgrößen der französischen Szene zusammenarbeitet (Mafia Trece /Calbo/Guerriers Psychopates u.v.a). Mit diesem kleinen, aber hochkarätigen Team hat Ali ein ebenso kleines, aber hochkarätiges Album produziert. Vierzehn Tracks wirken vielleicht auf den ersten Blick ungewohnt mager, wenn man es aber schafft, sich auf das Wesentliche zu beschränken, und fern von primitivem Geprolle Wahrheiten auf den Punkt zu bringen, reichen vierzehn Tracks vollkommen aus, um das Weltbild eines universell religiösen Mannes zu zeichnen, der im Koran genauso zuhause ist, wie in der Bibel, und traditionelle asiatische Lehren mit denen der Rastas und afrikanischer Naturvölker zu einem dichten Netz aus Lebensweisheiten spinnt – mit dem er wiederum den Zuhörer einfängt.

Seine Reime sind blumig, aber eher im Sinne einer Distel: Rauhe, tiefsinnige Straßenpoesie, wie sie nur in Pariser Vorstädten gedeihen kann, untermalt von düsteren, teilweise hypnotisch wirkenden Beats mit pompösen Streichersätzen, kirchlich anmutenden Orgelklängen und orientalischen Chorälen. Das Ganze wird abgerundet durch den eigenwilligen, zähen Rap-Stil und die tiefe, ruhige Stimme von Ali, der nur durch drei Features „unterbrochen“ wird. Hifi, Macson Escobar und Keydj & Wallen sorgen für eine willkommene Abwechslung. Erstere durch ihre Aggressivität, Keydj & Wallen geben „Sang Froid“ (Kaltes Blut) durch Wallen’s Gesang einen angenehmen R&B Touch.

Das Album ist durchgehend deep und philosophisch gehalten. Wie der Titel und das schwarz / weiße Cover schon vermuten lassen, dreht es sich hier um die essentiellen Dinge des Lebens. Da es für einen Sohn Nordafrikanischer Auswanderer in Frankreich nicht immer einfach ist, spielen Rassismus, Terrorismus, Drogensucht, Hoffnunglosigkeit und Gewalt natürlich eine zentrale Rolle in den Texten – genauso wie die eigene Vergangenheit als MC. So z.B in „Génération Scarface“: L.U.N.A.T.I.C. "[…] j’ai mis un croix dessus comme Ali l’a fait pour Cassius Clay[…]“ (L.U.N.A.T.I.C. ich habe damit abgeschlossen wie Ali mit Cassius Clay). Und auch bei „Golden Boy“ beschleicht einen das Gefühl, daß eine Anspielung auf Booba’s kommerzielle Ambitionen enthalten ist.

Aber auch politische Zusammenhänge, wie Imperialismus und Ausbeutung der dritten Welt werden nicht ausgespart. In „La Vérité Reste La Vérité“ (die Wahrheit bleibt die Wahrheit) klingt das so: „[…] Déraciner les uns, enraciner les autres, redessiner les cartes, déporter les corps…les ordres sont les ordres […]“ zu deutsch: „die einen herrausreißen, die anderen einpflanzen, die Karten neu zeichnen, die Körper deportieren… Befehle sind Befehle“. Auch mit dem „Chant Des Sirènes“ (Gesang der Sirenen) sind keineswegs schöne Frauen gemeint, sondern Polizeisirenen. Aber bei Ali wird „aus Leid die Harmonie geboren…“  ("Chaos & Harmonie"), und so ist ein äußerst harmonisches Album entstanden, bei dem sich Inhalt und Umsetzung in nichts nachstehen. Einen Party– oder Battle-Track, im herkömmlichen Sinne, wird man hier vergeblich suchen. "Chaos & Harmonie“ ist eher ein Album für kalte Wintertage oder melancholische Herbstspaziergänge, aber durchaus zu empfehlen.

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