Verkaufszahlen? Schafft lieber die Charts ab! (Kommentar)

Unser Chefredakteur verfasste gestern einen Kommentar, in dem er die öffentliche Bekanntgabe aller Verkaufszahlen fordert. Ich sage: Scheiß drauf! Ich sage stattdessen sogar: Schafft die Charts ab! Niemanden außer den Künstler selbst (und alle anderen die in das Projekt involviert sind) gehen die Verkäufe etwas an. Rap ist seit jeher Competition. Aber doch bitte auf musikalischer Ebene. Wenn Oliver Marquart in seinem Kommentar schreibt „Hier muss kein Drake-Fan mit einem Kendrick Lamar-Freund darüber streiten, wer denn nun mehr verkauft hat. Numbers don’t lie, ist die Devise der Amis„, dann denke ich mir: Ja hey, ganz toll alles! Aber was haltet ihr mal davon über die Musik zu diskutieren? Ein Majoe kann noch so viele Einheiten absetzen – trotzdem ist ein spärlich verkauftes Album von Prezident oder Private Paul unendlich viel besser.

Die Charts und der ganze Streit um Verkaufszahlen lenken nur vom wesentlichen ab: Der erbrachten Leistung. Es geht hier verdammt nochmal um die Musik. Verkäufe sind kein Gütesiegel – wenn ich mir so die Charts ansehe, denke ich manchmal sogar eher, dass eine hohe Platzierung ein Indikator für Wackness sein könnte. Vor meiner Tätigkeit bei rap.de habe ich mir die Charts ohnehin nie angesehen. Wozu auch? Ich verstehe auch nicht so ganz, warum wir überhaupt über Chartplatzierungen berichten. Klar, das Interesse der User daran ist hoch – aber wirklich einsehen kann  und will ich das nicht. Die Verkäufe sagen etwas über die Reichweite aus, die ein Künstler hat. Darüber wie viel Geld das Label in die Promo steckt und wie sympathisch der Künstler dem Fan ist. Denn jeder kann sich Musik fast kostenlos im Stream reinziehen. Es soll sogar Möglichkeiten geben, sie völlig kostenfrei herunterzuladen (wurde mir erzählt). Also kauft man entweder weil man Sammler ist, oder aber, um den Künstler zu unterstützen. Aber auch das ist kein Qualitätsmerkmal für Musik! Ich wiederhole das immer wieder, weil ich das Gefühl habe, das wäre vollständig in Vergessenheit geraten. Der ganze Wirbel um Charts, Verkaufszahlen und den ganzen Mist ist völlig nutz- und sinnlos!

Für einen Künstler ist es natürlich wichtig, gut zu verkaufen (auch wenn für gewöhnlich ein großer Teil des Broterwerbs durch Konzerte und Merchverkäufe erfolgt) – aber doch auch, ein gutes Album zu machen. Charts, vor einigen Jahren war das ein Wort, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellten, weil es Assoziationen zu billiger, liebloser Popmusik weckte. Und vor noch mehr Jahren waren chartende Rapper quasi Geächtete. Der Wolf, jemand? Heute verkauft jeder fröhlich seine Limited Deluxe-Boxen und investiert mehr Zeit in die Promophase als in die Albumproduktion. Warum diese verdammten Boxen? Die sind der Trick, deswegen regiert deutscher Rap die Charts. In Deutschland werden die Charts nach Umsatz aufgestellt. 14€ Umsatz gelten als eine verkaufte Einheit. Wenn jemand also seine verdammten Boxen für 45€ das Stück verkloppt hat er mit einer Box drei Einheiten abgesetzt – bei 10-20 Tausend Boxen schnappt Rapper XY sich mit seinem halbgaren Album also im vorbei gehen die Chartspitze. Tolle Leistung. Glückwunsch!

Mir ist das eigentlich egal. Ich lasse mich von den Charts nicht vom wesentlichen ablenken – offenbar im Gegensatz zu vielen anderen. Leute schauen sich ernsthaft voller Spannung den Echo an. Der verdammte Echo wird nach Verkaufszahlen vergeben, die sind die oberste Instanz – keine Jury, kein Gremium, kein Geschmack. Ich sage: Weg damit! Schaltet die Computer der GfK ab! Die Künstler haben nicht einmal mehr Euro-Zeichen in den Augen (was schon schlimm genug ist), nein, mittlerweile sind es Chartplatzierungen (auch wenn die kein eigenes Symbol haben). Und die Fans bewerfen sich mit Verkaufszahlen um zu klären, wer besser ist. Weg damit! Wenn ihr die Verkaufszahlen nicht verraten wollt, gut. Noch besser wäre es, ihr würdet auch die Charts für euch behalten. Dann wäre endlich Ruhe. So. Ich zieh mich jetzt in meinen Untergrund-Keller zurück und höre Mach One: „Guter Rap gedeiht im Dreck“ („Der war doch in den Top…“ „HALT DIE FRESSE!„)

3 KOMMENTARE

  1. Seit der Diskussionsrunde geht rap.de over 9000.
    Ich co-sign den Kommentar, möchte Musik hören. Mich interessieren keine Erfolge des Künstlers.

    Der Vergleich von Majoe mit Prezident ist etwas radikal. Da hätte ich Brenna mit seinem sehr guten Plan B besser gefunden. Das Album scheint völlig unter dem Radar gewesen zu sein und ist erstklassig mit aktuellem Sound. Majoe ist ja auch „aktuell“ und Prezident ist… hängengeblieben.

  2. Guckt euch einfach die amerikanischen Rap-Charts an… Künstler wie Nicki Minaj oder Ludacris können richtig gut rappen, fahren aber (meines Erachtens) bewusst ihre Rapskills herunter, damit sie mehr Einheiten verkaufen. Vergleicht einfach mal die Offenbarung von Nickis Monster Part mit dem Müll, den sie so auf ihren Mainstream Singles macht… da liegen Welten zwischen.
    Denn der gemeine Hörer will keine komplexen Reimschemas und abwechslungsreichen Flows, kombiniert mit kreativen inhaltlichen Ideen… Und wer damit protzt, dass er mehr verkauft, behauptet doch auch nur, dass er sich dieser konturlosen Allgemeinheit am besten angepasst hat. Herzlichen Glückwunsch, du hast es voll drauf.
    Wobei die Digital Deluxe Editionen eigentlich nicht das Problem sind. Im Jahr 2015 muss man sich halt nen paar Gedanken machen, wie man seine Musik an den Mann bringt, da man sich den einfachen Sound auch herunterladen kann. Es sei (mal wieder) auf Atmosphere verwiesen, die zum „When Life gives you Lemons, you paint that Shit Gold“ Album eine Deluxe Version mit Kinderbuch veröffentlicht haben, dass ich (als Vinyl-Käufer) bis heute nicht sehen konnte. Weil man so was halt nicht downloaden kann.

    Aber wenn wir schon bei Charts sind: Man sollte die Charts (und vor allem den Echo) einfach umstellen. Arbeitet einfach mit Eventim zusammen und veröffentlicht, wer über dieses Portal wie viele Tickets für seine Live-Shows absetzt. Wer seine Fans in Scharen davon überzeugt, 20plusX Euro (Plus Getränke) für nur 2 Stunden Spaß auszugeben, hat wirklich was drauf.

    • Das mit den Live-Shows kann man aber auch nicht vergleichen da Bands/Rapper, wie Trailerpark oder Casper, Live einfach viel mehr Stimmung machen wie beispielsweise ein Kollegah, da sich dessen Musikeinfach nicht so gut für einen Live-Auftritt eignet wie andere.

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