DCS – Silber

Guten Morgen. Die Nacht ist vorbei – komm, steh auf!“ begrüßt einen die angenehm warme Frauenstimme zu Beginn des neuen DCS-Albums. Und tatsächlich befand sich die Kölner HipHop-Crew ja in einer Art Dornröschenschlaf, aus dem sie sich nun selbst wachküssen. Die große Frage ist dabei natürlich: Schafft man es nach einer so langen Auszeit, wieder da anzuknüpfen, wo man aufgehört hat? Oder passt man sich einfach dem neuen Soundbild an, das sich im Deutschrap mittlerweile entwickelt hat?

Guck mal, die Sonne scheint„, fährt die Stimme mütterlich fort, „Ja“ erwidert Schivv ergeben und schon ist man mittendrin in einem klassischen DCS-Song. „Okay, dann los/ alles auf los/ reib den Schlaf aus den Augen/ die Welt ist groß/ es ist ein Tag um zu glauben„. Nach wie vor bestehen die Texte von Schivv und seinem Partner Kallis aus dichten, detailreich gedrechselten Wortbildern voller Querverweise, Anspielungen und Referenzen. „Es ist auch so wie es ist/ weil es war wie es war“ rappt Schivv in seiner ersten Strophe nach dem symbolischen Erwachen und gibt damit, neben der Anspielung auf die berühmte Cora-E.-Zeile „Es wär heut‘ nicht wie ist, wär es damals nicht gewesen wie es war“ auch gleich die Richtung von „Silber“ vor: Anknüpfen an die eigene Vergangenheit ja, aber verzweifeltes Beschwören alter Stärken und Leistungen ganz sicher nein.

Diese Linie wird auch in „Wie war das nochmal 2012“ gemeinsam mit Sido propagiert. Während der Rückblick der beiden DCS-Herren im milden Glanz des Lichts einer langjährigen Laufbahn und lange zurückliegender Erinnerung erstrahlt (der Originalsong ist immerhin von 1996), bilanziert Sido seine Vergangenheit eher schonungslos und schroff: „Wie war das nochmal, als es so war, dass alles schwer war? (…) Alles war schlecht, meine Kindheit in Fetzen (…) Die alten Zeiten waren so scheiße, doch zum Glück sind sie jetzt beendet„. Da kommt wahrlich keine Nostalgie auf…

Das passt aber insofern, als Nostalgie auch gar nicht das Thema der Platte ist. „Was du siehst“ wurde schon Ende letztes Jahr als Video ausgekoppelt und vereint alle Stärken, die DCS in 2012 ausmachen: Stringente, ausgefeilte Reime von zwei MCs im Wortsinn, die beide einen hohen Wiedererkennungswert haben, leidenschaftlicher Vortrag und ein bumsender Beat ohne Schnörkel und Firlefanz. Der von Schivv und Kallis im rap.de-Interview geäußerte Vorsatz, zeitlose Musik zu schaffen, wird also durchaus erfüllt.

DCS stehen, wofür sie standen, aber sie bleiben nicht stehen. Sie machen „Weiter„. Denn, wie es in gleichnamigen Song heißt, „Ich hab nichts, wofür ich sterben/ doch so viel, wofür ich leben will„. Die trockene, abgeklärteHerangehensweise hebt sich oft angenehm von der plakativen, marktschreierischen Art gewisser Kollegen ab. Wenn Kallis in „Bis ich dich finde“ etwas sucht, so ist nicht von Anfang an einfach klar, was genau er da sucht. Erst nach intensivem Zuhören erschließt sich dem Hörer das Ziel der Suche, gleichzeitig kann er es aber auch gut und gern auf andere Suchaktionen übertragen. Diese Mehrschichtigkeit ist eine Qualität, die man meistens bei eher älteren Semestern findet und DCS spielen sie auf „Silber“ mehrfach voll aus.

Die Themen, die auf „Silber“ verhandelt werden, sind vielfältig. Sie umfassen scheinbar banales wie das Reisen („In Die Welt„), aktuelles wie soziale Probleme („Les Miserabeles„), trauriges wie Verlust („Nachtfrost„) oder heiteres wie musikalische Vorlieben („Soundtrack„). Auch wenn die ganz große Ignoranz-Welle im Deutschrap seit einiger Zeit zuende ist – soviel Substanz sucht man sonst doch meistens vergebens. Dass man mit der naturgemäß gestiegenen Zahl der eigenen Lebensjahre humorvoll umgeht, beweist das Stück „Sex im Alter“ mit Olli Banjo, das die beiden Leidenschaften Sex und Essen gewitzt miteinander verbindet und zu dem Schluss kommt: „Sex im Alter heißt Leistung durch Skills“ – die Einsicht lässt sich übrigens auch problemlos auf eine dritte Leidenschaft, die Musik, anwenden…

Richtig tief gehen Tracks wie „Eins„, in dem Schivv seinen Sohn berappt und „Er„, in dem es um eine Geschichte von Widerständen und Nicht-Aufgeben geht: „Doch es lief nicht alles cool/ und jetzt/ wo er verletzt/ die Wunden in der Bude leckt/ und Schweiß und Blut ins Studio steckt/ vernetzt er sich neu/ entdeckt er sich neu„. „Zuzu“ hingegen ist eine wahre Stabreimspiel-Orgie, die ganz um das Affix „zu“ herum aufgebaut ist – reiner Wortsport eben. Früher war so etwas Standard, heute freut man sich, es mal wieder in so zuende gedachter und gekonnt ausgeführter Form zu hören.

Kurzum: Mit „Silber“ genehmigen sich DCS einen gediegenen Wiedereinstieg ins Game, das sie vermutlich zwar weder entscheidend verändern noch nachhaltig prägen werden. Auch auf einen Top Ten-Einstieg sollte man nicht unbedingt wetten. In der gewachsenen Vielzahl der Stimmen, mit denen Deutschrap heutzutage spricht, sind sie aber auf jeden Fall eine, der man gerne zuhört. Denn auch, wenn die Jugend im allgemeinen die krasseren, überraschenderen Ansagen auf Lager hat – ab und an schadet es sicher nicht, auch mal den Silberrücken mit ihren ausgefeilteren Wortmeldungen Gehör zu schenken. Den Spruch mit dem einige Jahre gereiften Wein schenken wir uns an der Stelle einfach mal…

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