Tua – Raus EP

Als bekennender Tua-Fan ist es mit Scherheit nicht verkehrt, sich vor der Besprechung seines neuesten Werkes ein wenig zu desensibilisieren und sich mal mit weniger fanatischen Musikfreunden über „Raus“ zu unterhalten. Und wenn dann die anderswo löblich erwähnten Dubstep-Einflüsse von manch eingefleischtem Rapfan mit der Frage „Was sind das bitte für Störgeräusche?“ kommentiert werden oder befreundete Anhänger elektronischer Musik loben, dass das doch „fast wie Edit“ klänge, nur das „weichgespülte Gejaule“ nerve halt, dann zeigt dass doch vor allen Dingen eines: Tuas selbstgeschaffenes (und im rap.de-Interview auch nach sich selbst als Tua-Musik betiteltes) Genre bricht mit sämtlichen Hörgewohnheiten und Erwartungen. Die Musik eckt an. Sie ist kompliziert, schwierig und verweigert sich einem einfachen Zugang. Und? Ist das schlimm? Ganz im Gegenteil.

Klar, Liebhaber von Tuas Rapskills werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Wie bereits angekündigt beschränkt sich der gute Mann hier auf Produktion und Gesang. Wer sich aber eher durch das Gesamtpaket Tua angezogen fühlt, durch die einzigartige Stimmung und die melancholischen Thematiken, wird trotzdem seine helle bzw. düstere Freude an der Fortsetzung von „Grau“ haben. Denn nur weil Texte jetzt sparsamer zwischen die mal brachialen, mal psychedelischen Post-Dubstep-artigen Instrumentals gestreut werden, sind sie nicht weniger ausdrucksstark: „Meine  Tür hab ich abgeschlossen als wär es das letzte Mal / nur damit ich’s ne halbe Sekunde später vergessen hab / (…) / Scheiß drauf ob ich morgen aufwach’, für mich zählt nur Jetzt und Hier“ – schon der Titelsong „Raus“ bringt die mal zornige, mal zynische Angepisstheit von der Welt, die man schon von älteren Songs kennt, gleich zu Beginn der EP perfekt auf den Punkt.

Und wollen wir mal ehrlich sein: So viel hat sich gar nicht verändert. Deutschraps Franz Kafka entführt uns in seine bekanntermaßen düster-verstörende Welt aus einzelgängerischer Weltverweigerung („Raus“, „mp3-Player“), sehr eindrucksvoll geschilderten Psychosen („Vadata“) und romantisch angehauchten Höhenflügen („Stadt aus Heissluftballons“). Und die Texte, obgleich gesungen und/oder zigfach durch die Effektgeräte gejagt, klingen vom Reimschema und auch der Wortwahl immer noch nach waschechten Raplyrics im Tua-Stil.

Das Potential zu einem wirklichen Klassiker hat auch das schon vorab als Videosingle ausgekoppelte „Moment“: Und obwohl Tua mit dem eingängigen Refrain zur sanften Pianomelodie sich zunächst in die Nähe von Xavier-Naidoo-haftem Pop begibt, verweigert er sich dieser Schublade nur wenige Takte später radikal und zwingt den Hörer, sich durch ein wildes Schnipselwerk aus rückwärts gechoppten Wortfetzen zu hören – beim ersten Hören anstrengend, aber von Mal zu Mal beeindruckender. Der eingangs zitierte Elektrofreund hatte, nebenbei bemerkt, an dieser Stelle seine helle Freude, an der Abkehr vom vermeintlich „weichgespülten“ Gesang.

Die Instrumentalstücke, besonders „SHSFLS“ und „Babylon“ ergänzen das Gesamtbild durch einen guten Klangrahmen. Andererseits ist hier manche sich zigfach überschlagene Bassline sogar einem eingefleischten Fan zu experimentell; so mancher Loop wirkt nicht nur interessant und komplex, sondern auch erdrückend und überfrachtet. Streckenweise hat der Hörer das Gefühl, dass es Tua hier weniger darum ging, gut hörbare Musik zu produzieren, sondern seine soundästhetischen Möglichkeiten bis an die äußersten Grenzen auszureizen. Das muss man respektieren, durchweg geniessen kann man es nicht.

Wobei unangenehm nicht immer gleich unangenehm ist: „Vadata“,eine expressionistische Beschreibung einer (möglicherweise drogeninduzierten) Alptraumerfahrung hört sich ebenfalls alles andere als einladend an: „Wieso schlägt dein Herz so wild?/ Warum schläfst du so schwer ein?/ Wieso hältst du niemals still?/ Hast du Angst, es holt dich ein?/ Sie holen dich, sie holen dich ein“. Die pochenden Kickdrums, ungewöhnlich weit im Klang-Hintergrund, die wabernden Gitarrenriffs im Vordergrund und Tuas schräger Stimmeinsatz erzeugen eine Faszination für diese Abgründe, der man sich nur schwer entziehen kann: „Du bist kein großer Architekt, nur weil du Kartenhäuser baust“.

Anders als „Vadata“ überzeugt ein Song wie „mp3-Player“ hingegen durch eine Beschreibung viel alltäglicher Erfahrung von Abschottung, die jeder Musikliebhaber kennt:  „Wieso kann man diesen mp3-Player nicht lauter drehen? Ich will die Welt nicht hören!/ Kapuze im Gesicht so tief, keiner sieht ob ich mein Gesicht verzieh“. Auch der eingangs erwähnter HipHop-Fanatiker hörte hier übrigens auf zu lamentieren: „Dieses Lied könnte mich ja doch zum Fan machen“ – eben auch wegen der etwas zurückgenommener ausgelebten Leidenschaft zum wilden Experiment. Das Rezept ist einfach: Sanft gesungene Strophen und ein energischer, fast schon gebrüllter und von jaulenden Synthies untermalter Refrain.

Keinesfalls soll Tua hier aber seine Lust am Experiment negativ angelastet werden: Ohne diese Leidenschaft hätte er wohl kaum einen derart ausdifferenzierten, individuellen Stil entwickelt, wie sonst kein einziger Künstler aus der deutschen HipHop-Szene. Richtig gelesen, KEIN EINZIGER, Freunde. Parallel zu diesem roten Faden hat „Raus“ aber auch einen ganz eigenen  Klang: Es hat nicht den Pathos von „Eviglia“, nicht die Triphaftigkeit von „Grau“ und erst recht nicht die Street-Atmosphäre von „Nacht“. Es ist weitaus experimenteller als all seine Vorgänger. Das macht es schwerer zugänglich. Wer sich aber etwas länger damit befasst, ob nun vom Ufer HipHop oder vom Ufer der elektronischen Musik aus, wird inmitten des Flusses eine wahre Schatzinsel entdecken. Und die liegt eben weitaus näher am Dubstep-Downbeat-Kontinent als an unserem. Aber eine Genre-Einordnung ist eben kein Qualitätsurteil. „Raus“ ist kompliziert und schwer zugänglich, aber nach mehrmaligem Hören faszinierend und fesselnd. Und jetzt bitte Repeat drücken.

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