Marsimoto – Grüner Samt

Marsimoto zu hören, ohne dabei auf grünen Wolken zu schweben – eigentlich ein Kardinalfehler. Nicht, weil die Musik ohne Rauschzustand unerträglich wäre, keinesfalls. Aber seien wir ehrlich:  Das Album trägt nicht umsonst den Titel „Grüner Samt“: Das verpeilte, reggae-lastige Intro, das mit Dubeffekten behallte Eingangssample, dann die plakativen Einstiegszeilen:  „Endlich wird wieder gekifft/ Du hast doch längst vergessen wie das ist“ – der Titelsong und letztlich auch das Gesamtwerk, will und tut in erster Linie eins, nämlich den Hörer ganz offensichtlich an alte, süß riechende Laster erinnern.

Aber, wie sich nach einigen spontanen Telefonaten herausstellt, ist im Heimatort des Rezensenten derzeit leider Krise angesagt. Nun denn, dann muss das Werk eben mit nüchternem Kopf gehört und besprochen werden. Ist auch gar nicht weiter schlimm: Obgleich ein grandioses Album zur Bewusstseinserweiterungsbegleitung ist „Grüner Samt“, wie schon die Torch-Anspielung im Titel vermuten lässt, vor allem eines: Ein großartiges HipHop-Album. Nicht bloß Rap, sondern tatsächlich HipHop.

Dabei wird hier weder über Rap gerappt, Ausnahme „Wo ist der Beat“ (dazu später mehr), noch an die oft verklärte goldene Zeit referiert. Das Album ist absolut im Hier und Jetzt verankert, gerade, was die grandiose Produktion angeht. Die erinnert den Hörer nochmal daran, dass HipHop ursprünglich ein künstlerischer Flickenteppich, ein Spiel mit Samples, Zitaten und Querverweisen ist. Und dabei muss sich, entgegen der musikalischen Auffassung so mancher Leute, das ganze nicht auf das zehntausendste Soul- oder Jazzsample beschränken. Man kann’s aber auch wie Marsimoto und sein Producerteam Green Berlin machen: Zeitgenössische Klänge wie Dubstep (am eindrucksvollsten bei „Alice im W-LAN Land“) oder psychedelischen Electro („Angst“, „Absinth“) aufnehmen, umarbeiten und am Ende dann auf ein kompaktes, dickes HipHop-Drumset packen – check.

Und nach jahrelangem HipHop ist tot-Gerede, gerade auch aus aus den Mündern diverser Rapper, ist es echt angenehme, mal wieder eine Hook wie die von „Wellness“ zu hören: „Was ist denn mit der Realness? Wer malt heute noch den Zug?“. Dank des schräg-abgedrehten Beats samt des James-Bond-artigen Sample und den verspielten Lyrics („Ein Männlein dreht im Wald“, „Morgens kauf ich mir die Welt, abends nehm ich mir die Zeit“) interessiert mich als Hörer auch nicht wirklich, inwiefern Marsis realer Hintermann Marten Laciny die nötige Kredibilität für solche Aussagen vorweisen kann. Man freut sich, dass hier gutes, altes HipHop-Feeling aufkommt, ohne von vorgestern zu klingen. Oder nach angestaubtem Neo-Boombap.

Diverse kleine Zitate und Anspielungen tragen ihren Teil dazu bei. Ob mit „In meinem Viertel weiß es jeder: Ich rauch Gras!“ (aus: „Der springende Punkt“) auf altbekannte Blockhymnen von Sido angespielt wird oder der Hörer von „Wo ist der Beat“ vielleicht zweimal überlegen muss, um etwas unbekanntere Glanzstücke der Deutschrapzeit wiederzuerkennen: „Jetzt rollt die Plastiklawine auf uns zu/Begräbt alles und schuld bist nur du!“.

Eigentlich sind die Zitate aber nur ein unglaublich interessanter Nebenschauplatz in den wirren, verschlungenen Welten, in die uns der Interpret entführt. Im Vorfeld durften sich zum Beispiel splash!-Besucher schon von dem Song „Indianer“ irritieren lassen: „Barack Obama, gib den Indianern ihr Land zurück!/Hey!/Sie ham’ es sich verdient!“. Ob in sich geschlossene Story zur bloßen Unterhaltung oder Parabel auf Entwicklungen in der HipHop-Szene („Frag Torch, wo wir unsern Style herhaben“; „Wieso fährst du jetzt dieses Mercedes-Benz?“) – man weiß es nicht. Ebenso offen für verschiedene Interpretationen sind auch andere Songs, „Blaue Lagune“ zum Beispiel, ein Song über einen ehemals Kunststücke vorführenden Wal, der erst von den einen Menschen für seine Kunststücke gefeiert, von anderen dann vertrieben und gejagt wird, kann man getrost als Analogie auf das Showbusiness verstehen. „Spring hoch, mach ne Rolle / die Meute am klatschen (…) Und dann tauch ich wieder auf/ Mach wieder ne Rolle, doch sie lachen mich aus.

Das die Songs ebenso offen wie gelegentlich irritierend sind, macht das Album auch zu einem idealen Soundtrack zum Kiffen, ohne dass der Hörer hier mit 0815-Bonghymnen gelangweilt wird. Die Assoziation zu unserer Subkulturdroge Nummer Eins wird hier über die Umsetzung dieser Stories geschaffen: Der, wenn auch stellenweise impulsive, meist doch sehr entspannte und auf’s Wesentliche reduzierte Flow, die teilweise überraschend gesetzten Pausen und Leerstellen in den Texten – analog zu den abdriftenden, meist nicht zu Ende gedachten Überlegungen im angenehm benebelten Kopf. Es ist kaum zu bestreiten: Das Album macht Lust auf Rauschzustände.

Was nicht bedeutet, dass es hier keine Songs gäbe, die eine klare, eindeutige Richung haben: Und zwar straight nach vorne, wie zum Beispiel auf dem rockigen „Grünes Haus“: „Green Berlin , ich seh die Welt mit andern Augen/ schmeiß die Krücken weg und fang endlich an zu laufen“. Anderes Beispiel: „Wo ist der Beat“, eine augenzwinkernde Abrechnung mit den zahlreichen Hobbymusikern in ihren diversen Kellern: „Bekiffter Loser, wärst gern Hitproducer/ mach doch ersteinmal deine Schule und koch was gutes“ – battlen kann der gute Marsi eben auch.

Grüner Samt“ ist ein unglaublich facettenreiches Album: Kiffersoundtrack ohne Standardkiffertracks, HipHop-Feierei ohne Rap über Rap, musikalischer Trip in abgedrehte Welten. Und hoffentlich ein Wegweiser für deutschen HipHop: Musikalisch nach vorne, innovativ und offen für neue Einflüsse, gleichzeitig aber in einer Linie mit guten, alten Traditionen – sowohl musikalisch als auch textlich. Die Entwicklung weg von eingefahrenen Genregrenzen hin zu einem freien Spiel mit Einflüssen, weg vom krampfhaften Technikfetischismus des Deutschrap hin zu fühlbarer Atmosphäre und Stimmung, gibt es ja schon seit längerem. Aber selten wurde sie so facettenreich, textlich interessant und musikalisch ausproduziert auf den Punkt gebracht. Der moderne deutsche HipHop findet hier sein Manifest.

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