Review: Estikay – Auf entspannt

So ein bisschen hinterlässt Estikay ja den Faden Beigeschmack, dass Sido sich da seinen eigenen Shindy heranzüchten möchte. Makellose Rapskills, gut abgehangene, hervorragend produzierte Beats, oberflächliche Hedonisten-Themenpalette – die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Macht das Estis Debütalbum schlechter? Auf keinen Fall! Vorm ersten Durchgang hielt sich mein Interesse an dem Hamburger zugegebenermaßen in Grenzen. Umso überraschter war ich darüber, wie gut mir „Auf entspannt“ letztendlich gefiel. Das war zwar die einzige Überraschung, die die homogene BoomBap-Platte für mich parat hatte, aber das, was Estikay macht, macht er absolut richtig.

SiNCH, der es sich im Produzentensessel bequem macht, hat einen samplelastigen Bummtschack-Teppich ausgerollt, über den Esti sich mit katzengleicher Grazie zu bewegen weiß. Die (vermutlich nicht von Natur aus) rauchige Stimme schmiegt sich wie angegossen an die Soul- und funkbeladenen Beats, mit denen Estikay sich elegant treiben lässt. Das ist auch die größte Stärke von „Auf entspannt“: Die Beats sind hervorragend produziert und Esti weiß sich darauf einzulassen. Unangestrengt und versiert rappt er stets lässig und wohlklingend. Auch die Hooks gehen ihm locker von der Zunge und ebenso locker in den Kopf.

So gut „Auf entspannt“ klingt, so leichte Kost ist es auch. Der Name ist Programm – hier ist Easylistening angesagt. Der eng gestrickte Themenkosmos beschränkt sich im Grunde auf Frauen, Freunde und Genussmittel in herbaler und flüssiger Form. Einzig „Eines Tages“ bricht damit. Der Song ist Estikays verstorbener Mutter gewidmet und durchaus persönlich, wirklich intime Einblicke sucht man aber auch hier vergebens. Stattdessen wird im unmittelbar folgenden und etwas deplatziert wirkenden „Samstag Nacht“ direkt weiter gefeiert und dem Fortpflanzungstrieb nachgegangen. Das ist alles nicht verkehrt, doch Highlights bleiben dadurch aus. Stattdessen wird sich repetitiv im Kreis gedreht, wodurch der Protagonist leider die gesamte Spieldauer über etwas blass und austauschbar bleibt. Ein sympathischer Faulpelz, der seine Familie und Freunde liebt, den Lastern aber etwas zu zugeneigt ist. Dabei bleibt es.

Das ist etwas schade, aber nicht weiter schlimm. „Auf entspannt“ ist einfach stimmige Hintergrund-Beschallung. Mehr will und soll es auch gar nicht sein. Alles „Auf entspannt“ eben. Ein Kurztrip durch das, was Estikay bereit ist, aus seinem Leben preis zu geben – und das ist durch das Signing bei Sidos Label Goldzweig gerade auf dem aufsteigenden Ast. Der Labelchef selbst läuft auf den beiden Songs, auf denen er vertreten ist, übrigens zu lange nicht gehörter Höchstform auf – der Elan seines Protegees scheint ihn anzustecken. Auch dessen Mit-Hansestädter Taimo liefert stark. Estikays Debüt ist sogar einer dieser seltenen Fälle, in denen ein paar mehr Gastbeiträge gar nicht verkehrt gewesen wären. Doch auch so macht „Auf entspannt“ eine Menge Spaß. Ganz oberflächlich und ohne irgendwelche Räder neu erfinden zu müssen. Für Album Nummer zwei dann bitte etwas weiter ausholen, aber manchmal reicht eben bodenständiger, guter Rap. Ganz ohne überflüssigen Tand.

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