Mudi – Hayat [Review]

Mit „Hayat“ eröffnet Mudi eine weitere Abteilung in der Firma Deutschrap. Er selbst nennt seinen Style Arabesk-Rap und bezeichnet den legendären türkischen Sänger Ibrahim Tatlises, der kurdische und arabische Wurzeln hat, als größte Inspiration. Wer mal in der Türkei war, kennt auf jeden Fall Songs von Ibo – selbst, wenn er seinen kompletten Aufenthalt nur im Taxi verbracht hat. Gerade dort ist die wehmütige, extrem emotionale Musik des Volkssängers zu hören. Außerdem in Minibussen, Restaurants, Läden sowie aus offenen Fenstern, egal ob von Autos oder Wohnungen.

Nun sollte man allerdings keine falschen Erwartungen an „Hayat“ haben. Es ist kein Arabesk-Album. Der musikalische Einfluss ist zwar in Form von diversen Samples da, aber orientalisch angehauchte Samples gab es auch schon vor Mudi. Der Berliner hebt sich nicht unbedingt durch die Beats von seinen Kollegen ab, sondern viel mehr durch seine Texte: 2016 ist es schlicht ungewöhnlich, einen sog. Straßen-Hintergrund zu haben und nicht übers Drogen ticken, Leute abziehen und Kahbas knallen zu rappen.

Denn davon ist auf „Hayat“ absolut keine Rede. Mudi inszeniert sich nicht als ignoranter Alphatyp, der Gefühle zu zeigen für eine Schwäche hält. Im Gegenteil, er gibt vielmehr den idealen Schwiegersohn, der sowohl seiner Mama als auch seinem Papa jeweils einen ganzen Song widmet. Ansonsten geht es um seine beiden Heimatorte Berlin und Beirut, und, dem Titel entsprechend, der in mehreren Sprachen „Leben“ bedeutet, das, genau, Leben an sich, das Schicksal, falsche Freunde, Verrat und Treue, Liebe.

Diese klassischen, man könnte auch sagen konservativen Werte – Familie, Anstand, gutes Benehmen – sind zwar nicht ganz neu im Deutschrap-Kosmos. Neu ist aber, dass sie ohne Brechung konsequent angewendet werden. Mudi kann man nicht die ansonsten so beliebte Doppelmoral anderer Deutschrapper vorwerfen (Mama ist die beste vs. alle Frauen sind Huren etc.). Er verkörpert mit seinem Rap eine Rolle, die bisher kaum besetzt wurde: Der ganz normale Junge, der trotz seiner dunklen Haarfarbe nicht das Klischee vom Messerstecher, Drogenticker und/oder radikalen Religiösen erfüllen will.

Das finde ich einerseits gut, weil es jungen Raphörern endlich auch mal ein anderes Rolemodel anbietet. Überspitzt gesagt: Immer böse gucken und alle Klischees, die AfD und Pegida über Muslime verbreitet, zu erfüllen, kann auf Dauer auch nicht alles sein. Aus gesellschaftlicher Sicht ist das extrem erfrischend. Auf der anderen Seite bin ich ehrlich gesagt selbst ein großer Freund von Rap mit einer direkten, expliziten Sprache. Gerne auch mit Schimpfwörtern, muss aber nicht. Was „Hayat“ abgeht, ist die aggressive Grundhaltung, die so gut zu Rap passt. Gangsta-Rap kann man viel vorwerfen, aber er ist eben nach wie vor der Seismograph, der gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Fehlentwicklungen sehr direkt und unverblümt deutlich macht, und das fehlt mir an Mudis Musik.

Abgesehen davon aber ist „Hayat“ ein interessanter, neuer Farbton auf der Deutschrap-Palette, eine neue Stimme, die man so noch nicht gehört hatte. Und das kann man nun wirklich nicht über jedes Debütalbum sagen.

 

 

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