Karate Andi – Turbo [Review]

Das zweite Album soll ja angeblich das schwerste sein. Noch schwerer wird es dann natürlich, wenn dein Debütalbum „Pilsator Platin“ heißt und ungefähr jeder extrem hohe Erwartungen an den Nachfolger hat. Die Messlatte war hoch gelegt, die Sorge, dass „Turbo“ das hohe Niveau seines Vorgängers nicht halten kann, war durchaus berechtigt.

Allerdings braucht es nicht lange, um zumindest einen Teil der Zweifel zu zerstreuen. Was die Beats angeht, hat Andi hörbar aufgerüstet, ohne sein Alleinstellungsmerkmal einzubüßen. Bazzazian und Farhot aka Die Achse haben mit vollen und düsteren Beats einen „Turbo“ -Sound erschaffen, der perfekt auf den „Eckneipenhustler“ zugeschnitten ist. Ein gutes Beispiel dafür ist „Spiel des Lebens„, das klingt, als wäre der Beat direkt aus einem Spielautomaten gesamplet worden, in den die beiden Meister ihres Fachs in einer billigen, verrauchten Neuköllner Kneipe dafür extra ein paar Münzen gesteckt haben.

Turbo“ klingt im Großen und Ganzen deutlich besser ausproduziert als dessen Vorgänger und behält – ohne monoton zu klingen – die gesamte Spieldauer über ein dunkleres Soundbild bei, das mit hart knallenden Drums unterlegt ist. Moment – die ganze Spieldauer? Nicht ganz. „Kleid deiner Mutter“ fällt mit der helleren, positiv eingestimmten Stimmung etwas aus der Reihe, aber passt trotzdem perfekt rein, weil es etwas erfrischendes mit sich bringt, was das Album nochmal abrundet. Zusammen mit der Gesangshook und dem Gast-Part von Nico K.I.Z. ist „Kleid deiner Mutter“ eines der Highlights der Platte.

Der einzige etwas deepere Song „Lass mal bleiben“ ist ein weiteres Highlight, das besonders raussticht. ‚Deep‘ heißt in dem Fall aber nicht, dass Andi jetzt ‚erwachsen‘ ist und oberflächliche Gesellschaftskritik oder über die Probleme mit seiner Ex rappt. Im Song wird lediglich der ganze Struggle thematisiert, den so ein Human Träffick -Lifestyle nun mal mit sich bringt, ohne weinerlich oder kitschig zu klingen, ohne zu beschönigen oder verharmlosen.

Eigentlich will ich ’ne Runde dreh’n, ein paar alte Kumpels sehen/ und sage schon seit Tagen, lass mal in ’ner Stunde gehen […] Tanzen geht nicht klar, Champagner von der Bar/ Mit ’nem aufgesetzten lächeln, solang‘ andere bezahl’n/ Ficken – kein Bock, mit dir reden sowieso nicht/ Zieh‘ das Ketamin vom Klositz, ich kenn‘ jeden nur platonisch“ („Lass mal bleiben„).

Jedoch ist „Lass mal bleiben“ – um im Kneipenjargon zu bleiben – nur die Kippe zum Bier. Das Bier ist der Rest des Albums, bei dem der Selfmade-Künstler sich thematisch im klassischen Karate Andi-Kosmos bewegt, was heißt, dass er Geschichten über Alkohol und ausgefallenere Drogen wie Ketamin oder Glasreiniger und den typischen Lifestyle bestehend aus Mofa fahren und Spielo erzählt. Das alles lustig, gut pointiert und intelligent verpackt. Gegen die selbstverständlich wacke Konkurrenz wird natürlich auch das ein oder andere Mal geschossen. Der typische „Pennerrap“ halt, wie man’s von Karate Andi aka Schore Volker 500 gewohnt ist.

Deine Crew besteht aus ahnungslosen Mainstream-Rappern/ Ich ziehe Koks aus der Arschritze von H.P. Baxxter […] Mein Booker hat die Herdplatte im Auge/ Weil ich grad in einem Stripclub die Konzertgage versaufe“ („Gott sieht alles„).

Turbo“ macht alles richtig, Schwachpunkte sucht man vergebens. Andis Sound hat sich stark weiterentwickelt, während er sich treu geblieben ist, ohne zu langweilen. Ein schmaler Grat, aber Andi tanzt auch mit zweistelligen Promille-Werten noch gekonnt darauf. Er zieht weiter sein Ding durch und hat sich von seinem neuen Label tatsächlich nicht verbiegen lassen. So kann man das mit der Weiterentwicklung durchaus machen. Prost.

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