Selfmade Records – Chronik III [Review: Skinny vs. Oliver]

Skinny: Ich habe ja neulich einen Kommentar geschrieben, in dem ich meine Befürchtung geäußert habe, „Chronik III“ werde sehr durchwachsen – und ich hatte recht. Die einzelnen Songs gehen fast ausnahmslos gut rein, aber als rundes Album funktioniert das nicht, auch wenn die Produzenten dem ganzen einen relativ homogenen Anstrich verpasst haben. Wie siehst du das, Oliver?

Oliver: Nun, ein Labelsampler ist ja auch kein Album im klassischen Sinne. Ich empfinde „Chronik III“ ganz klar als Machtdemonstration, als ein Zeichen der Stärke. Es kommt wie ein schwarzer Panzer dahergerollt, dessen Ketten mächtige, wuchtige Beats sind und in dem kampfbereite Soldaten wie Kollegah, Favorite, Genetikk, die 257ers und Karate Andi sitzen – gerade letzterer, das jüngste Signing, wird gut in Szene gesetzt.

Skinny: Ich bin großer Karate Andi-Fan, finde aber, dass er sehr deplatziert wirkt. Der einheitliche Sound ist ein Kompromiss, der Andi nicht gerecht wird. Der Stil steht ihm nicht sonderlich gut – und das ist der Punkt. Keiner der beteiligten Künstler kann sein volles Potential entfalten, weil versucht wurde, all diese unterschiedlichen Künstler unter einen Deckel zu bringen. Da sind ein Stratege, ein Sprengstoff-Experte, ein Pilot, drei Sturmsoldaten und ein Scharfschütze in einen schwarzen Panzer gezwängt – aber keiner von denen hat etwas in einem Panzer zu suchen.

Oliver: Das sehe ich anders. Zwar sind mir die Beats insgesamt ein bisschen zu glatt, aber der einheitliche Sound funktioniert durchaus. Jeder Protagonist bekommt genügend Platz, sich und seine Einzigartigkeit zu präsentieren. Und Karate Andi macht gerade auf diesen für ihn ungewohnten Breitwand-Geschossen eine sehr gute Figur. Die Mossad-Line ist allerdings lahm, sowas braucht 2015 kein Mensch mehr.

Skinny: Provokation halt, genau wie Kollegahs Germanwings-Line. Ich finde das tragbar, muss aber nicht sein. Gerade die Einzigartigkeit der Künstler wird „Chronik III“ als Gesamtwerk zum Verhängnis. Ich finde vor allem die 257ers wirken komplett deplatziert – die Beat-Technisch ja auch eine Extrawurst kriegen und des öfteren aus dem Rahmen fallen. Songs wie „Gangsta“ trüben den Eindruck einfach enorm, zumal ironischer G-Funk absolut nicht zündet.

Oliver: Provokation, aha, wow. Nee. Die Germanwings-Line allerdings verdeutlicht den Unterschied zwischen Kollegah und Money Boy: Kolle weiß, wann man sowas bringen kann, ohne dafür gehatet zu werden. Wobei MB natürlich genau das wollte. Egal – mit den 257ers tu‘ ich mich textlich auch bisschen schwer, rein raptechnisch fügen sie sich allerdings recht gut in den Gesamteindruck ein. Was geil ist: Der Casper-Part. Überhaupt guter Move, auch die alten Recken (Shiml und Montana Max) ranzuholen. Und Marteria mit Genetikk ist halt ebenfalls ein Träumchen.

Skinny: Casper hat absolut abgerissen, diese Dipset-Beats stehen ihm eh hervorragend zu Gesicht. Marteria hat auch verdammt stark abgeliefert und harmoniert besser als erwartet mit Karuzo. Das Album mit den Gründungsmitgliedern abzuschließen ist auch eine Verbeugung. Aber ob Abschluss oder nicht spielt halt im Grunde keine Rolle, weil es wie gesagt nicht als Album funktioniert. Man könnte „Chronik III“ auch in der Zufallswiedergabe abspielen – es würde absolut keinen Unterschied machen. Das einzige, worauf beim Tracklisting geachtet wurde, ist dass die Künstler relativ abwechselnd auftreten – eine Spannungskurve oder ähnliches gibt es aber überhaupt nicht. Das ist einfach ein Haufen guter neuer Songs in einer willkürlichen Playlist.

Oliver: Ja, klar. So läuft das Labelsamplern nun mal. Ist ja nicht der Wu-Tang Clan, sondern eine Reihe starker Künstler, die aber alle in eine andere Richtung gehen. Warum soll das dann ein klassisches Album sein? Eigentlich habe ich an „Chronik III“ echt nicht viel auszusetzen. Sogar das Farid Bang-Feature passt irgendwie, weil es zur Auflockerung beiträgt. SSIOs Part ist sowieso geil, allerdings verträgt der sich mit diesem Beat nicht so richtig.

Skinny: Am Farid-Feature nichts auszusetzen? Mein lieber Scholli, sicher nicht! „Weil du sehr gay (Sergej) bist/ wie der russische Name“ – SOWAS braucht 2015 kein Mensch mehr. Das ist doch ein Sampler, keine Playlist oder Compliation. Bei den Vorgängern hat das auch geklappt, der aktuelle Label-Kader lässt aber einfach kein rundes Endergebnis zu – und statt sich damit abzufinden, werden die Künstler auch noch eingeschränkt und müssen Kompromisse eingehen. Schade.

Oliver: Doch, ultraprimitiver Humor muss auch und gerade 2015 sein. Mein Eindruck ist ein anderer: Das ist ein gut produzierter Hochglanz-Actionfilm mit starken Darstellern, die aus allen Rohren feuern. Eine zusammenhängende Story gibt es natürlich nicht, aber es geht eben mehr um die Stunts und die Effekte, Verfolgungsjagden und Schießereien. Und das ist zwar nicht unbedingt tiefschürfend, aber super unterhaltsam.

Skinny: Ja, das trifft es. Aber ich finde solche Filme scheiße. Da kann ich mir auch unzusammenhängende Ausschnitte auf YouTube anschauen – und das ist der Punkt. Lauter unzusammenhängende Ausschnitte machen für mich weder einen guten Film, noch gutes Release aus. Ich feiere die Einzelsongs, aber als Gesamtwerk taugt „Chronik III“ einfach nicht. Ich werde mir die einzelnen Songs in die Ordner der jeweiligen Interpreten ziehen, dann habe ich wenigstens dort eine Bereicherung.

Oliver: Nachvollziehbar, aber das geht mir mit den meisten Alben auch so. Ich bleibe dabei: Ein starker Labelsampler, der die einzelnen Acts von Selfmade gut zur Geltung bringt – und noch mehr Bock auf das Karate Andi-Album macht.

VÖ Datum: 9. Oktober 2015
Verkaufsrang: 3
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2 KOMMENTARE

  1. Imo ziemlicher Mist das Ding. Der Genetikk Track mit Marteria war gut und ein paar Lines von Karate Andi ganz lustig, aber das wars dann auch schon. Achja natürlich auch gut das man nochmal Shiml und Max rangeholt hat. Aber so insgesamt ist der Sampler jetzt nicht wirklich schön zu hören und die Einzeltracks zünden auch selten wirklich.

  2. Diese Skinny vs. Oliver Reviews sind cool! Der Sampler macht mir aber echt keinen Spaß. „Machtdemonstration“ trifft es gut, das soll wohl eine sein, aber dafür hätten sie echt krasser abliefern müssen, sowohl individuell als auch im Zusammenspiel. So klingt das einfach nur nach Selbstüberschätzung – und nicht von der guten Sorte. So wie dieses 300 Seiten Buch. Kommt mal wieder runter… Der „Kompromiss-Sound“ wird keinem der Artists richtig gerecht, aber geht noch am ehesten in Kollegah-Richtung, sodass der nur Standard-Programm abliefert. Karate Andi wirkt logischerweise noch am hungrigsten, aber bombt mich jetzt auch nicht. Selfmade Chronik I ist immernoch beste.

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