Trailerpark – Crackstreet Boys 3 (Review)

Trailerpark als Boyband, die zweite. Mit einem Unterschied zum Vorgänger: Dank Alligatoah haben sie jetzt sogar einen waschechten Popstar im Team. Sonst ändert sich aber nix. Und somit ist jetzt schon klar: Auch mit dem dritten Teil von „Crackstreet Boys“ (wobei der erste Teil noch ein Labelsampler war) gibt es für die Damen und Herren der BPjM wieder einiges zu tun. Handelsübliche Boyband-Thematiken wie die große Liebe werden hier noch nicht mal mit der Kneifzange angefasst. Okay, auf „Die Traubenstampferin“ widmet sich das Quartett einer beleibten Dame, die „Im Bett beim Orgasmus wie Godzilla klingt“ und „in der Jauche plantschen“ geht. Irgendwie schon ein Liebeslied, könnte man meinen. Aber nein, hört man genauer hin, stellt man fest: Es geht lediglich darum, eine fette Frau zu besingen – einfach, weil witzig. Finden jedenfalls Trailerpark. Einfach, weil witzig ist hier Programm.

Auch die vermeintliche Gesellschaftskritik in einem Song wie „Dicks sucken“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als unbeabsichtigt. Es geht auch nicht darum, die im Rap nach wie vor weitverbreitete Homohpobie zu problematisieren. Es geht eher darum, über Schwänze zu rappen. Der Rest ergibt sich dann von selbst. Gehaltvolle Texte sucht man also vergebens auf „Crackstreet Boys 3„. Stattdessen gibt es steile Thesen der Marke „Neun von zehn haben an ’nem Gangrape Spaß“ und möglichst asoziale Punchlines, die offensichtlich nur ein einziges Ziel kennen: Den größtanzunehmenden Tabubruch. Von Fäkalien-Verzehr über Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen bis hin zum exzessiven Drogenkonsum ist alles dabei. „Wenn du einer dieser Menschen bist, der wenn Not am Mann ist nicht mal seine Schwester fickt/ und ein Pissecocktail für dich sehr befremdlich ist/ sind wir die falsche Band„.

Es ist, das wurde schon oft kritisiert, Provokation um der Provokation willen. Hier geht es nicht darum, durch Schockeffekt auf Missstände aufmerksam zu machen, Gott bewahre. Hinter all den Tabubrüchen verbirgt sich: nichts. Es geht einfach nur um den anarchischen Spaß am Beschäftigen mit allem, was viele – ob nun zu Recht oder nicht – eklig, absurd und pervers finden. Einer der abgewichstesten Tracks stammt dabei vom Trailerpark-Videoproduzenten Vortex, der auf „Mensch ohne Grund“ sein Debüt am Mic gibt. „Viele sagen ich bin pädophil – dabei bin ich gar nicht mal so pädophil“ – man sollte schon mit einem tiefschwarzen Humor gesegnet (oder gestraft?), sein, um derartige Provokationen Hammer zu finden.

Musikalisch ist das Album mindestens genau so sehr Geschmackssache wie inhaltlich. Großteils von Tai Jason produziert bestehen die Beats aus synthetischen Bangern, die eher im oberen Tempobereich angesiedelt sind. Teilweise, etwa auf „Russisch Tourette„, klingen sie aber auch arg chaotisch und überladen. Handwerklich ist das natürlich einwandfrei, aber zum entspannt nebenbei hören definitiv nicht geeignet. Der Münchner gibt permanent Vollgas. Die Beats, bei denen Alligatoah mit Hand angelegt oder sogar vollständig selbst produziert hat,  gehen dagegen schon besser rein, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Arrangements und Drumsets um einiges schlanker daherkommen. Das wiederum lässt mehr Platz für den Rap.

Und das ist gut so, denn jeder der vier ist auf seine Art ein hervorragender Rapper. Abwechslungsreiche Flowpassagen, dazu größtenteils eingängig von Alligatoah gesungene Hooks lassen keine Langeweile aufkommen. Jeder der vier hat einen eigenen Style und jeder der vier weiß, wie man sensibleren Gemütern den Teint binnen Sekunden scharlachrot färbt.

Trotzdem ist Abwechslung auf „Crackstreet Boys 3“ nicht gerade Trumpf. Es gibt die flotteren, bisweilen anstrengenden Beats von Tai und die etwas leichter konsumierbaren von Alligatoah. Zwei Arten von Sound also, und genau eine Art von Inhalt: Asozial auf die Kacke hauen. Wer sich damit begnügen möchte und bereits über vorhergegangene Werke der Band lachen konnte, wird sicherlich sehr zufrieden mit „Crackstreet Boys 3“ sein, denn in dem, was es ist, also asozial, ist es noch einen Tick präziser und mehr auf den Punkt als der Vorgänger. Neue Fans wird man damit hingegen nicht unbedingt rekrutieren. Wer es lieber hintersinnig und feingeistig mag, wird weiterhin einen großen Bogen um die Wohnwagensiedlung machen. Schon wegen des Crystal Meth Geruchs.

VÖ Datum: 2014-12-05
Verkaufsrang: 2
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