Dissythekid – Pestizid (Review)

Der Newcomer Dissythekid betritt die Bildfläche auf eine mittlerweile fast schon ungewöhnliche Art und Weise: Statt sich durch Internetbattles nach und nach eine Fanbase anzulachen oder als Protegé einer bereits etablierten Rapgröße von dessen Marketingmaschinerie zu profitieren, feilte der MC aus Erfurt so lange im Stillen an seinen Skills, bis die Zeit reif war, mit einem Debütrelease ins Game zu steppen, das selbst einen gewissen Falk Schacht zwingt, sich beeindruckt zu zeigen. Von diesem gleich  mit dem Titel „Teil der Zukunft deutschen Raps“ ausgestattet, startet Dissythekid seinen Vormarsch mit der, kostenlos erhältlichen „Pestizid“-EP – und die steckt das ein oder andere Top 10 Album locker und unbeeindruckt in die Tasche.

Bereits das Interlude reicht aus, um den Hörer mit seiner kafkaesken, beklemmenden Atmosphäre in den Bann zu ziehen und auf das darauf Folgende vorzubereiten. „Dein Garten ist aufgeblüht – du musst was tun, wenn du ihn verwelken siehst / weil etwas drunter kriecht – besorg dir Pestizid“. Die Grundstimmung der EP lässt sich im Allgemeinen mit einem gewissen Unbehagen, welches in seiner tristen, serifenlosen Präsentation auch als auditive Untermalung eines Bukowski-Romans dienen könnte, beschreiben. Hervorheben möchte ich an diesem Punkt „Fynns Theme„, welches komplett ohne Vocals auskommt und dem „Pestizid„-Produzenten Fynn seine Bühne bietet. Allerdings wären da auch noch die entwaffnend ehrlichen Tracks, etwa „Hook“ und „Trash„, welche gespickt mit slick vorgetragenen Beobachtungen und Respektlosigkeiten durchaus zu unterhalten wissen, ohne dabei zu effekthaschenden Punchlinern zu verkommen. „Du meinst dass dieses Facebook viel über die Menschen sagt? / Ich ebenfalls: Sie sind Leghasteniker“

Diese Mischung mag auf dem Papier (ihr wisst schon…) disharmonisch und wirr klingen, ist aber zu jeder Zeit stimmig. Die aufgebaute Atmosphäre wird nicht abrupt unterbrochen, sondern sinnvoll weitergesponnen. So bleibt „Pestizid“ stets in Bewegung, statt an einem bestimmten Punkt zu verharren und sich irgendwann zu verlieren – ein Balanceakt, der vielen alteingesessenen Künstlern misslingt, wird hier von einem Newcomer mit Bravour vorgeführt.

Was Dissythekid als Künstler und somit auch seine Musik des weiteren Interessant macht ist das Mysterium, das sich um ihn spinnt. Die Rede ist nicht von einer Maskerade oder einem aufgesetzten Image, sondern der Tatsache dass die Texte durchaus einiges über die Persönlichkeit des Menschen hinter dem MC aussagen – über den aber wenig bis nichts bekannt ist. Die Anziehungskraft des Geheimnisvollen kann kein Mensch verleugnen, so fragt man sich unweigerlich, wer denn nun dieser zwar lässig mit Unverschämtheiten um sich werfende, aber dennoch nachdenkliche und reflektierte junge Mann ist. Nicht, dass dessen Musik ohne dieses Spiel mit dem Geheimnisvollen an Reiz verlöre, aber im Hinterkopf schwirrt einem Dissythekid  auf diese Weise noch über die exzellente EP hinaus herum. Natürlich ist der Erfurter kein schüchterner Bursche und all dies ist auch kein ein angenehmer Nebeneffekt dieser vermeintlichen Schüchternheit, nein, dahinter steckt Kalkulation, das ist durchaus gewollt.

Dissythekid ist noch ein Geheimtipp – wird es aber wohl nicht lange bleiben. Die pointiert reflektierten Texte und die slicke Vortragsweise, gepaart mit den düsteren, synthetischen Instrumentalen und einem sicheren Gespür für Atmosphäre-Achterbahnfahrten machen aus dem geheimnisumwobenen Newcomer einen tatsächlich sehr interessanten „Teil der Zukunft deutschen Raps„.

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