Review: Shacke One – Shackitistan

Die Künstler rund um die Nordachse Cash Croup agieren seit einigen Jahren im Untergrund des Deutschrap-Kosmos‘. Wer darin nicht besonders involviert oder tief genug eingetaucht ist, hat das neue Release des Labels vielleicht nicht unbedingt auf dem Zettel. Allerdings erwartet der ein oder andere Underground-Head seit der Videoauskopplung Mitte Februar sehnsüchtig das neue Album von Shacke One.

Nachdem der Berliner 2014 das erste Mal mit MC Bomber zusammen im gemeinsamen Album „Nordachse“ der etwas breiteren Masse zugänglich gemacht wurde, konnte Shacke One 2016 sein Debüt-Album namens „Stechs Schmiers & Suffs“ nachlegen. Nur ein Jahr später erschien sein nächstes Solo-Release „Bossen & Bumsen“, welches ihn mit erfrischend klassischem Rap endgültig in Berlin und über die Grenzen hinaus als Geheimtipp etablierte. Aus diesem Grund waren die Erwartungen an das kommende Album „Shackitistan“ definitiv hoch. Ob er diese erfüllen konnte? Mehr als das.

„Untergrund ist kein Ort, Untergrund ist eine Haltung. Willkommen in der Gegenkultur. Willkommen in Shackitistan.“ So fängt das Album des selbsternannten Untergrundbosses an. Shacke One berappt in 10 Anspielstationen seine Welt. Diese besteht aus dem weiblichen Geschlecht, dem Alkoholkonsum und den Schattenseiten des wilden Berliner Nachtlebens.

Raps auf BoomBap-Beat mit Herz und Kopf

„Ankunft“ ist der erste Track auf dem Longplayer und zeigt direkt, in welche Richtung es geht. Shacke besteigt den Boom-Bap-Beat kompromisslos, ohne langes Vorspiel. Mit straight gerappten Parts kommt er mit Inhalt und Aussage um die Ecke. In eigenen Worten: „Rap ohne Punkt und Komma, nur mit Ausrufezeichen!“ Er erzählt von seinem Kiez, in dem er aufgewachsen ist, lange vor der Zeit, in der er ein Mic in der Hand hielt.

Doch schon in diesen Tagen hatte sich die Crew einen Ruf erkämpft. „Bevor wir bekannt wurden, glänzte unser Namen auf der Straße/ Heute gibt’s Rap gegen gute Gage“ Es wird Hass gegen diejenigen geschoben, die nichts aus ihrem Leben machen und lediglich dem Staat dienen. Richtig guter Einstieg in die Platte.

Postwendend folgt „Shack Norris mit dem Roundhousefick“. Liebhaber der alten Schule fallen während der ersten paar Takte direkt in Nostalgie, als ein Sample aus dem 2000er Jahr zu hören ist. Hierbei handelt es sich um „Es gibt kein Battle“ von Orgi, der damals Frauenarzt, MC Basstard und Taktloss als Featuregäste auf dem Song begrüßen durfte. Dass es definitiv kein Battle geben wird, macht Shacke One auf dem Track unweigerlich klar. Mit der arroganten Attitüde eines Berliners, der sich und seinen Kiez selbstredend für die Krassesten hält, beweist der Künstler trotzdem Humor und wirkt von Grund auf sympathisch.

„100.000 Klicks, Rap macht mich langsam zum Star./ Doch der große Durchbruch gelang mir, als meine Mama mich gebar“

Zwischen Kneipenabenden und Rap

Die dritte Anspielstation ist ein Skit auf dem Album, in dem die Kiezlegende Heiko, getarnt als Radiomoderator, den perfekten Übergang zwischen dem selbstbewussten Proleten-Gehabe und der nächsten Alkohol-Hymne schafft.

Langsam aber sicher geht es nämlich auf den Abend zu. Also, ab nach Hause? Niemals. Denn was gibt es Schöneres, als sich mit guten Freunden in der Stammkneipe bis zum Sprachfehler zu betrinken? Richtig, nichts. Und Shacke One weiß, wovon er redet. Darum widmet er dem geliebten Feuerwasser mit „LaLaLa“ eine Lobeshymne, in der genau diese Einstellung zum besten gegeben wird. „Lieber leben im Überfluss, als ein überflüssiges Leben.“ Und all das, obwohl Shacke die Folgen des nächsten Tages bestens kennt. Dennoch wird kein Gang zurückgeschaltet. „Morgen brauch ich ’ne Ibu 3000/ und bin im Flugmodus, doch heute bleib‘ ich draußen“.

Nach den exzessiven Ausschweifungen am Vorabend besinnt sich das Nord-Berliner Urgestein dann wieder aufs Rappen. „Bawrs, Mann! Bawrs! Gib mir die Bawrs, Motherfucker!“, hatte schon einst Damion Davis verlangt. Shacke One hat sich definitiv daran gehalten. Zwei 16er als Mittelstück einer Platte. Ohne Hook. Ohne Sing-Sang. Ohne Autotune. Wenn das Smartphone (welches der Rapper übrigens erst seit Januar 2017 besitzt) nicht gerade das Jahr 2019 anzeigen würde, könnte man auch gut und gerne denken, es sei 1998.

Straighter Rap mit einem Einstieg à la „Nutte, halt die Fresse, es ist Shacke One der Lausbub/ Wenn dir nicht gefällt, was du hörst, dann mach die Augen zu!“ und Punchlines über Sex und Suff. Einfach nur großartig. Dem oder der Einen mag das eventuell zu stumpf klingen, doch darauf entgegnet Shacke einfach: „Was sonst soll los sein?“ Untergrundrap to the fullest.

Eine eigene Welt bauen – Berlin geht aber auch

Jeder von uns träumt doch von einer besseren Welt. Im Titeltrack zum Album „Shackitistan“ ist der selbsternannte „Möglichmacher“ dem nachgegangen und hat sich mit Schaufel und Spaten einfach eine neue Welt selbst gebaut. Eine, in der es keinen „Krisenwahn“ gibt und selbstverständlich auch „kein Battle“. Nur authentischen Rap. Klingt ganz nach dieser Platte. Falls es doch mal in irgendeiner Form Ärger geben sollte, regelt den das „Nordachse Militär“. Viel ist es nämlich nicht, was den Künstler wirklich glücklich machen würde.

„Shacke ist der King, ich bau‘ mir meine Welt,/ wie’s mir gefällt./ Alles was ich brauche, ist viel Spaß und ’n bisschen Geld./ ‚Ne geile Disko und ’ne asoziale Kneipe,/ wo ich alles gratis krieg‘, denn dann bin ich nie pleite“

Auch die Polygamie würde in vollen Zügen genossen werden. In „Shackitistan“ geht es einfach darum, das Leben zu genießen. Darum zählt das Motto: „Mehr Sein als Schein, ich rede vom Geld./ Denn anstatt Millionär, bin ich Lebemann von Welt./“ Nach diesem Track habe ich definitiv ein neues Lieblingsland, in dem der „Himmel zwar grau“, aber die „Träume wahr“ sind.

Leider läuft nicht alles so, wie man es sich wünscht. Was in diesem Fall eventuell gar nicht so schlimm ist, da Berlin an sich ja auch etwas zu bieten hat. Selbst, oder vielleicht sogar vor allem dann, wenn es dunkel wird und das Gesocks die Straßen aufsucht. Die Menschen, die hier leben, sind auf Drogen, haben Probleme oder betäuben ihre Sinne mit Alkohol, um den Frust und das Leid irgendwie zu ertragen.

Bei genaueren Betrachtungen merkt man, dass man selbst gar nicht so viel anders ist. Jedoch muss man gewaltig aufpassen, dass die Straße einen nicht, wie das „Bermudadreieck“, verschluckt.

Aber warum will er das eigentlich? Shacke One fühlt sich in der „Untergrundhaft“ gefangen. Seine Crew ist die einzige, die in Berlin wirklich noch vernünftigen Rap macht und somit „fickt“ er erneut kompromisslos „jeden von der Bühne“.

Nicht, dass Shacke keinen anderen Rap machen könnte:

„Ja, ich könnt‘ auch drei mal um die Ecke denken, doch im Endeffekt versteht’s dann eh keiner“

Sound: Zeitlos

Ein paar Wort noch zum Klangbild: In Zusammenarbeit mit den Hausproduzenten der Nordachse Achim Funk und Klaus Layer wurde im Jahr 2019 ein Sound kreiert, der nicht mehr allgegenwärtig ist. Die Produzenten haben auf minimalistischste Art und Weise ein geniales Gesamtwerk geschaffen, auf dem der Rapper seine Stärken komplett ausspielen konnte. Dabei haben sie den aktuellen, modernen, progressiven Sound in den Hintergrund rücken lassen und einen stabilen Fick auf die Möglichkeit gegeben, in diversen Playlisten der Streaming-Anbieter zu landen.

Natürlich könnte so manchem Zuhörer der Humor zu stupide, die Beatwahl zu monoton oder die Themenauswahl an Frauen, Alkohol und Rap über Rap zu engstirnig sein. Zudem ist das Album mit einer Spiellänge von 27 Minuten nicht besonders lang geworden. In meinen Ohren aber ist es ein vollkommenes Werk. Mit lyrischer Finesse beweist der Künstler Kreativität, Humor und Attitüde – und zeigt, dass Berliner Untergrundrap womöglich so stark wie nie zuvor ist.

2 KOMMENTARE

  1. Vorzüglicher, trefflicher oder treffsicherer Artikel über eines der besten Alben dieses Jahres.
    Man muss sich freuen, dass es neben Dingong-Beats und Autotune noch kredibilen, ernstgemeinten HipHop gibt. Einwandfrei.

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