Review: Ebow – K4L

Viele Künstler*innen tingeln mit dem Geheimtipp-Status durch die Szene. Bei kaum jemanden ist das aber so unverdient wie bei Ebow. Denn Ebow macht nicht nur HipHop, sie ist HipHop. In ihren Anfängen inspiriert von Rapperinnen wie M.I.A. und Missy Elliot, macht sie schon seit vielen Jahren ihr eigenes, einzigartiges Ding und liefert mit „K4L“ ihr bereits drittes Album. Ein echtes Unikat.

Die Wahl-Wienerin türkischer/alevitischer/kurdischer Herkunft hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als gesellschaftskritische und experimentierfreudige Rapperin gemacht. Ihre Texte sind politisch, ihre Attitüde authentisch, ihr Style extrem fresh und ihr Sound maximal wiedererkennbar. „K4L“ reitet genau auf dieser Welle und hebt sie aufs nächste Level.

Consciously unconscious

Wer beim Gedanken an politische Texte augenrollend den erhobenen moralischen Zeigefinger auf uninspirierten Boombap-Beats erwartet, hat sich gehörig geschnitten. Der Sound auf „K4L“ ist vielfältig: Er erstreckt sich von „Schmeck mein Blut“, dem kompromisslosen Banger der Platte, über „Zug“ mit seinen unkonventionellen Soundsamples und Electro-Anleihen bis zu R’n’B- und melodielastigeren Tunes wie „Butterflies“. walter p99 arke$tras Beatschmiede schenkt sowas wie Trendkonformität keine Beachtung. Die Entwicklung seit ihrem letzten Album „Komplexität“ liegt auf der Hand. Ebows Sound ist fresh, modern, abwechslungsreich und endlich mal etwas wirklich Neues.

Politische Realness

Ebows Texte bewegen sich zwischen Politik und Liebe, zwischen Ruhelosigkeit und Entspannung. Es geht nie um eine moralische Überlegenheit. Sie erzählt straight und real aus ihrem eigenen Leben, aus dem ihrer Familie und aus dem der Menschen in ihrem Umfeld. Das ist Politikum genug.

„Egal ob arme Kanaken oder reiche Kanaken/ Wir sind und bleiben nun einmal die gleichen Kanaken/ Euer fucking Entertainment/ Ich frage mich, worüber will ‚Die Bild‘ sonst reden?“ („Amk“)

Was Ebow unter anderem so besonders macht, ist ihr reicher Erfahrungsschatz aus diversen Szenen und Communities. Das spiegelt sich in ihren Texten wider. Egal ob queere Szene oder türkische Community, egal ob eher progressiv oder konservativ – auf dem Album finden Realitäten Repräsentation, die öffentlich sonst eher wenig Beachtung finden.

Dabei sticht auch das von Journalistin Hengameh Yaghoobifarah eingesprochene Skit heraus: Es „geht raus an alle Almans und Cis-Heten, die sich migrantische, nicht-weiße und queere Ästhetiken aneignen“. An alle, für die es ein Trend ist, den man wieder ablegen kann. Ohne Respekt, ein bloßer Fetisch. Sie schließt ab mit einem „herzlichen Mashallah“ und der freundlichen Empfehlung, sich zu verpissen. Das bleibt nicht das einzige Mal auf dem Album, bei dem Szene-interne Probleme im Deutschrap angesprochen werden. Ich will an dieser Stelle deutlich sagen: Danke Hengameh, danke Ebow.

„Kanak For Life“

Eine besonders einprägsame Singleauskopplung aus dem Album war das gleichnamige „K4L“, dem ein extrem starkes Video (inklusive Miriam Davoudvandi-Cameo) verpasst wurde. Es ist eine Hymne für alle, die hierzulande täglich Diffamierung, Missgunst, Unterdrückung, Rassismus ausgesetzt sind. Ebow solidarisiert sich, ist Sprachrohr und Identifikationsfigur. All das gleichzeitig. Spätestens mit Lines wie „Migrantenkind – In mir steckt der Zorn meiner Oma, meiner Mama, meiner Tanten drin“ offenbart sich Ebows Anspruch, auch sich überschneidende Diskriminierungsformen zu porträtieren.

Idee und Umsetzung: 100% HipHop

Ebow macht politischen Rap, der tanz- und feierbar ist und sowohl musikalisch als auch textlich „Empowerment!“ schreit. Migrantische Frauen* werden laut und werden gehört. Neben deutlichen Botschaften und klaren Positionierungen ist dabei mindestens genauso viel Raum für Liebe und softe Vibes. Innovative und experimentelle Sounds, neue und vielfältige Perspektiven, Mut aus Mustern auszubrechen und Haltung zu zeigen – kurzum: Ebow bringt mit „K4L“ das Release, das Deutschrap so dringend gebraucht hat.

 

Ebow ist im April noch in diversen deutschen Städten auf ihrer „Planet Kanak“-Tour.

5 KOMMENTARE

  1. „Viele Künstler*innen tingeln mit dem Geheimtipp-Status durch die Szene. Bei kaum jemanden ist das aber so unverdient wie bei Ebow. “
    ist damit gemeint, dass ihr geheimtippstatus VERDIENT ist? würde sich mehr mit dem rest der review decken =)

    • ‚Es „geht raus an alle Almans und Cis-Heten, die sich migrantische, nicht-weiße und queere Ästhetiken aneignen“‘
      Echt jetzt, cultural appropriation anprangern? Die Bestandteil aller Kulturen ist? Und dann hiphop machen? Ich find Ebow ganz dope, und es muss auch eine vernünftige feministische Kanakrapperin geben, das ist gut für Deutschrap. Aber des ist Stuss.

  2. Schlechte Mumble Rapper und queere Ästhetiken, wenn das euer Bild von Rap ist dann kann man diese Seite bald ganz abhaken…

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here