AK Ausserkontrolle mit einem etwas anderen Bruch: Die Review zu „XY“

Vorweg das Offensichtliche: AK Ausserkontrolle ist mit das Härteste, Authentischste und Ekelhafteste (in diesem Genre ein durchaus positiv besetzter Begriff), was deutschsprachiger Straßenrap zu bieten hat.

Seit aus dem ursprünglichen Duo ein Solokünstler wurde, stagniert das Schaffen des Weddingers zwar etwas, geizt aber nicht mit seinen Qualitäten: Unverblümte Ansagen voller Wortwitz und mit schockierender Expertise geschilderte Gaunergeschichten auf brachialen Synth-Beatmonstern prägten die letzten beiden Alben.

Routine läuft!

Dieser Linie bleibt “XY” zwar treu, AK (über)würzt die monochrome Suppe allerdings mit einigen Ausflügen in sonnigere Gefilde. So fährt der Gullideckel-Gangster anfangs noch die gewohnten Routinen ab, die nach wie vor exzellent funktionieren und um ein paar melodische Nuancen in den Hooks bereichert wurden. Lautstark und technisch eindrucksvoll werden rostige Messerklingen in Halsschlagadern versenkt, Verräter grausam abgestraft und Schaufenster mit Gullideckeln zertrümmert. Allerdings erhellt und entschleunigt sich die musikalische Untermalung irgendwann und der maskierte legt die Brechstange bei Seite. Statt sich die Finger schmutzig zu machen, cruist AK plötzlich in edlen Autos durch Steuerparadiese, spachtelt überteuerte Steaks und lässt sich von zahlreichen Gespielinnen verwöhnen.

Der Bruch

Das ist handwerklich auch einwandfrei umgesetzt. „Nympho“ ist mit seinem versiert auf LoFi und Vinylrauschen getrimmten Kanye-Type-Beat und der spartanischen Autotune-Hook ein gottverdammter Ohrwurm! Das Problem ist nicht, dass derlei Songs nicht gelungen wären. Sie zerstören aber schlichtweg die packende Atmosphäre, die AK Ausserkontrolle zuvor mühevoll aufgebaut hat und gegen Ende sogar wieder einzufangen versucht.

Dabei haben die melodiösen Refrains in den brachialen Songs doch hervorragend funktioniert. Alles war kalt, hart und bedrohlich – plötzlich werden Cocktails mit Schirmchen serviert, mir wird ein Fußmassage angeboten; der Typ, der mich gerade eben noch zusammengeschlagen hat, setzt eine Markensonnenbrille auf und schwadroniert über das schöne Wetter. Dies bricht nicht nur extrem unbeholfen mit der Marschrichtung des Albums, ein wenig demontiert AK auch den brandgefährlichen Charakter, den er eigentlich so glaubhaft verkörpert. Das ist leider nicht die Art von Bruch, für die AK Ausserkontrolle stehen sollte.

Praise the Skip-Button

Dieser Versuch, sich weiter zu entwickeln und zu überraschen, ist zwar löblich, aber auch ein dermaßen brutaler Stimmungskiller, dass der zuvor noch gelynchte 31er froh sein kann, einen so gnädigen Tod gestorben zu sein.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen: Es gibt einen Skip-Button und wenn man den ein paar Mal bemüht, ist „XY“ ein wahnsinnig gelungenes Album. Vielleicht hätte schon ein durchdachteres Tracklisting Abhilfe geschaffen, aber nach dem samtweich geträllerten „Immer mehr“ plötzlich von Sa4 angebrüllt zu werden, zeugt nicht gerade von einer konsequenten Konzeption.

Dennoch fürs Protokoll: AK Ausserkontrolle ist ein wahnsinnig starker Rapper, der authentisch und bedrohlich wie kaum ein zweiter auftritt, doch auch mit sauberer Technik, gewitzten Zeilen und eine atemberaubend kraftvollen Vortrag punktet. Daran können auch Songs, die nach Bermudashorts klingen, nichts ändern.

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