Identität durch Rap und HipHop? Die Geschichte eines Wandels

HipHop wird auch heute noch oft als Jugendkultur bezeichnet. Gerade Jugendliche suchen in ihrer Findungsphase nach Bewegungen oder öffentlichen Personen, mit denen sie sich identifizieren können. Doch was bedeutet Identität in der HipHop-Kultur? Und gibt es die eine Identität, die alle Kultur-Angehörigen miteinander vereint?

Wie alles anfing

Die Bronx gilt bis heute als die Geburtsstätte der HipHop-Kultur. Junge Leute fanden in der Kultur eine Möglichkeit, sich auszudrücken, kreativ zu werden und empfanden dadurch eine Gemeinschaft, die vielen Jugendlichen – damals wie heute – fehlt. Diese neuen Möglichkeiten haben die Grundlage für die Identität der HipHop-Kultur geschaffen. Die Vereinigung der Zulu Nation lehnte Drogen und Gewalt klar ab. Ihr Gründer Afrika Bambaataa trug einen großen Teil dazu bei, dass HipHop einen sozialen sowie politischen Ansatz bekam. Das alles schuf eine Identität, die sich zwischen dem Ablehnen von vorherrschenden Lebensumständen und der Anstrengung, die Umstände zu bekämpfen bewegt.

Blickt man heute auf die Anfänge von HipHop, dann ist deutlich zu erkennen, dass es eine weitgehend geschlossene Identität gab. Alle Künstler fuhren mehr oder weniger denselben Film. Im Vordergrund stand beim Rap immer die Kritik an Unterdrückung, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit. Der Ansatz war es, diese Missstände durch Kunst zu bekämpfen – und dabei Spaß zu haben. Vergleicht man diesen Konsens von damals mit der heutigen viel weiter aufgesplitteten Identität, dann wird klar, dass sich die Ursprungsidee und somit auch die Identität von HipHop verändert oder zumindest erweitert hat.

Wandel durch Vielfalt

HipHop bietet bis heute eine große Bandbreite an Entwürfen, um sich zu identifizieren und von anderen abzugrenzen. Das hat viel damit zu tun, dass sich auch die Musik in immer weitere Subgenres verzweigt hat. Hören zwei Personen Rapmusik, dann heißt es 2016 längst nicht automatisch, dass beide den selben Musikgeschmack haben. Die Liste der neuen Stile und Trends innerhalb von Rap wird im Laufe der Zeit immer länger. Trotzdem bleibt die Identifikation, die die Hörer durch die Musik herstellen, weiter wichtig – auch wenn die verschiedenen Identitäten, die es im HipHop heute gibt, untereinander oft gar keine Berührungspunkte mehr haben, sich teilweise sogar feindlich gegenüber stehen.

Heute ist sich die HipHop-Szene auch nicht mehr wirklich einig, ob man die Identität des HipHop nur annehmen kann, wenn man einen kreativen Beitrag leistet oder man auch einfach nur Fan der Musik sein kann und trotzdem ein Teil davon ist. Früher war das klar und eindeutig: Alle, die sich zur Kultur zählten und dazu gezählt wurden, waren in irgendeiner Form aktiv. Passive Teilnahme gab es so gut wie nicht.

Rebell ohne Pause

Die HipHop-Kultur, aus der Unterdrückung und sozialen Benachteiligung von Schwarzen in den USA entstanden, hat viel Widerstandspotential. Bis heute wird HipHop dafür genutzt, um sich aus jeglichen Arten der Fremdbestimmung zu befreien und eine eigene selbstbestimmte Identität zu erschaffen. Diese Art der Musik, in der sich Künstler ausdrücken und ihren Unmut oder schlechte Lebenserfahrungen nach außen geben, gibt vielen Jugendlichen das Gefühl, nicht alleine zu sein und verstanden zu werden.

Bist du real?

Realness spielt in der Rapszene eine immens große Rolle. Das gilt auch für die Identitätsfindung. Im Zuge des Aufstiegs von Gangsta Rap erfuhr der Begriff zwar eine Wandlung oder Spaltung: Während es vorher vor allem bedeutete, authentisch, „man selbst“ zu sein, kann er nun auch bedeuten, hart und Street zu sein. Doch abgesehen davon: Was passiert, wenn man die Realness und Authentizität gewisser Künstler in Frage gestellt wird?

Sido ist das perfekte Beispiel für die Diskussion um Realness und Fake und eine vielleicht verloren gegangene oder sich verändernde Identität: 2004 veröffentlichte er den Song „Mein Block“, in dem er über das Leben und Überleben im Märkischen Viertel rappt. Die Story steht natürlich im krassen Gegensatz dazu, wie Sido inzwischen lebt. In einem großen Haus mit schicken Autos vor der Tür.

Daran zeigt sich, wie wandelbar Zuschreibungen sind: Identitäten können sich im Leben entwickeln. Mit 20 ist man nicht mehr eins zu eins die Person, die man mit 40 ist. Mehr noch, gerade durch Songs wie „Mein Block“ schaffte Siggi es, seinem zuvor berapptem Alltag zu entspringen, was sicherlich für die meisten Menschen, die wenig Perspektiven zu haben scheinen, das Ziel ist.

„Rap ist mein Talent und meine Identität“ Max Herre

Um zum Punkt zu kommen: HipHop und Rap haben zwar nicht mehr DIE eine, in sich geschlossene Identität. Dafür können sie heute viel mehr Menschen da draußen etwas geben, in dem sie sich sehen und mit dem sie sich identifizieren können.

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