Interview mit Waldo the Funk über sein Debütalbum „Domingo Vogel“

Der Vogel ist gelandet – Waldo the Funk hat sein Debütalbum veröffentlicht. In wohlbehüteter Atmosphäre hat der Heilbronner zusammen mit seinen Produzenten und Freunden Dexter, Enaka, Brenk Sinatra, Fid Mella und Audio Dope den Erstflug des „Domingo Vogels“ in die Wege geleitet. Wir sprachen mit dem Süddeutschen über den Schaffensprozess seines Langspielers, die schwäbisch-badische Seele  und seine Einflüsse..

Dein Album wirkt beim ersten Hören sehr entspannt. Spiegelt sich da dieses Heilbronner/Freiburger Gemüt wieder?

Ich weiß es gar nicht so genau ehrlich gesagt. Ich hab mich nicht hingesetzt und gesagt, ich will unbedingt entspannt klingen, weil dann wirkt man ja meistens verkrampft. Ich glaub einfach, dass ich mir genug Zeit gelassen habe. Ich steh einfach auch auf Alben, die man in Ruhe durchhören kann. Wie das letzte The Doppelgangaz-Album „Peace Kehd“ – das ist auch nicht so einfach, das zu machen irgendwie. Dann ist es vielleicht meine ruhige Art, ich bin jetzt nicht so der laute Mensch. Und so eine süddeutsche Lässigkeit kommt bestimmt auch dazu.

Dein Album ist sehr hochwertig produziert. War das Motivation und Druck für dich?

Motivation hat das auf jeden Fall viel gegeben. Druck nicht, weil ich die Menschen die da produziert haben gut kenne und behaupte mit denen befreundet zu sein. Das war eher so: „Die geben ihr Okay für die Beats, Waldo wir vertrauen dir, mach mal.“ Da war viel gegenseitiger Respekt da. Es war eher eine Motivation und sehr, sehr unterstützend, wenn man solche Leute im Hintergrund hat. Ich bin auch sehr verwöhnt, was das angeht. ich find‘ nicht jeden Beat direkt geil, da bin ich schon eher etwas picky. Der kreative Austausch mit diesen genialen Leuten stand halt immer im Vordergrund.

Vor drei Jahren kam deine „Toykis“-EP, jetzt das Debütalbum. Hast du damals nach der EP gleich angefangen, auf das Album hinzuarbeiten?

Jain, also richtig bewusst im Sinne von „Ich werde jetzt Musiker und in einem Jahr ist die Platte fertig“ war´s noch nicht. So reif war der Gedanke nicht. Es war schon klar, es wird was kommen, weil „Toykis“ eine sehr überraschende Resonanz einbrachte und dann dacht ich mir: Geil, das funktioniert, die Leute finden sich wieder in dem, was du tust, also mach mal ’n richtiges Album statt ’ner EP. Dann hab ich das aber nicht mit großem Termindruck angefangen, mein Label hat mir auch die Zeit gelassen und die hab ich auch gebraucht. Mit der Betonung aber darauf, dass das nächste Release auf keinen Fall nochmal genauso lange dauern wird, weil ich jetzt in ganz anderen Bahnen bin, vor allem das letzte Jahr hab ich so viel an Musik gearbeitet wie noch nie. In diesem Rhythmus bin ich gerade voll drin. Jetzt ist es schon wieder in meinem Kopf, dass ich schon wieder Gedanken habe, was die nächsten Schritte sind.

Auf deinem Album gibt es viele Reminiszenzen an die 90er. Hast du so eine ganz typische Kinder der 90er Kindheit gehabt?

Genau. TV gucken, Comics lesen und mit den Turtels Figuren spielen. Man konnte so richtig  in einer Welt versinken und hatte richtig Zeit, sich  in einen Mikrokosmos einzuschließen. Ich glaube, dass sich meine Vergangenheit in der Musik widerspiegelt, die ich heute mache und vielleicht kommt dadurch auch diese Unverkrampftheit und Lässigkeit, die du angesprochen hast. Aber es ist nichts, was ich forcieren wollte, es ist einfach so entstanden.

In „Daniel-Sohn“, dem Opener des Albums, sagst du: „Ich frag mich dann halt selbst, hey, wann kommt dein Album raus?“ Wie meinst du das?

Nach „Toykis“ gab es diverse Menschen die gefragt haben, wie sieht’s aus? Wann geht’s weiter? Das hat zwar mit der Zeit nachgelassen, aber ich hab’s nicht vergessen. Und dann hab ich das so umgedreht und gesagt: Ob ihr euch damit beschäftigt, ist im Grunde egal – ich muss mich das Fragen. Es ist essenziell für mich selbst. Ich bin der Verantwortliche, der zwischen dem Release steht. Und es gab im Schaffensprozess auch einige Zweifel die hier einen Wink finden. Mich wundert es eigentlich, dass diese Zweifel gar nicht so im Album drin stecken, weil die gab es auf dem Weg ganz oft. Dazu ist es ein Link an die Retrogott-Line „Hey wann kommt dein Album raus?“ Kleiner Shoutout an der Stelle.

Ist der Track „Billy Hoyle Dunk“ als reine Hommage an den Film „Weiße Jungs bringen´s nicht“ zu verstehen?

Es ist eine Hommage an den Film, aber vor allem eine an den Charakter des Films Billy Hoyle, der da den Underdog spielt und darum geht’s in dem Song eigentlich. Ich bin gern lieber so der Vertrottelte, der dann unerwartet was reißt. Dieses Sinnbild kommt in dem Film wahnsinnig gut raus. Am Anfang ist er so der weiße nerdy Dude, der auch aufm Platz steht mit den coolen schwarzen Jungs und dann machen sie dieses Shootout, wo sie um Geld und Ehre diese Freiwürfe shooten und der Billy besiegt halt gleich den King aufm Platz und so. Aber er begibt sich erst bewusst in diese Loser-Rolle, dreht die Cap um, sieht bisschen dullymäßig aus, kokettiert damit, dass er sich erstmal als whack darstellt. Das mag ich sehr, ich mag es nicht, wenn man sich hinstellt und sagt „Ich bin der King“. Grundsätzlich bin ich lieber in der Rolle des Underdog, um die Leute zu überraschen.

Im Track „Beste“ behandelst du die Thematik, dass man alles von Zuhause aus im Internet bekommt. Ist das eher kritisch auf diese Konsumgeilheit bezogen oder feierst du diese Bequemlichkeit einfach?

Nee, das ist auf jeden Fall mit einem Augenzwinkern zu sehen. Es soll ein sarkastischer Spiegel sein, dass das viel zu einfach geht. Da steht sehr wohl Konsumkritik dahinter. Da ist die Zeile „Ich töte Menschen für mein Amazon Seller Ranking.“ Das ist natürlich nicht ernst gemeint, da kommt’s vielleicht n bisschen durch. Aber auf der anderen Seite bin ich mir vollkommen bewusst, dass wir Menschen aus Widersprüchen bestehen und auch ich mich von diesem Konsumverhalten nicht frei machen kann, das auch teilweise natürlich genieße. Es geht einfach darum, dass ich mit dem Song dazu aufrufen möchte, mal kurz inne zu halten und zu überlegen: brauch ich das Ding XY jetzt überhaupt wirklich? Weil heute ist alles so schnell, schnell, schnell, ein Klick und dann haste das Ding zuhause. ich verteufle da auf keinen Fall das Internet. Diese neuen Wege sind super, aber man sollte halt mal so’n bisschen drüber nachdenken.

Du hast auf deinem Album auch einen Softdrink-Song. Ist der auch eher ironisch zu verstehen?

Es geht bei mir immer um Gefühle und für mich ist ein Softdrink, vielleicht auch bisschen aus meiner Kindheit geprägt, mit ein Gefühl, was dir sagt: Hey, Leben ist geil. Weißte, so richtig plakativ über Werbung, so zisch Dose auf, gluck gluck, Life is geil. Das haste bei Bier oder so nicht. Da geht’s dann eher um Natur, um Männerbilder oder so. Ich mag dieses lockere daran und die Vielfalt, jeder hat seinen eigenen Softdrink und da steckt für mich so ein bisschen Lifestyle halt hinter. Mein Favorite wechselt aber auch regelmäßig. Aktuell feier ich Charitea Red, die spenden auch immer bisschen was, wie der Name sagt und das ist schon ziemlich nice.

Du hast ein Feature mit MC DJ Oldschool Legende auf dem Album, der einer deiner ältesten Weggefährten ist. Mit dem bist du deine ersten musikalischen Schritte gegangen, richtig?

Ja, wir fingen an als Duo Funker und Legende. „HipHop aus dem Bauch“ war so ein bisschen der Subtitel. Er war eher so der Freestyler und einiges besser als ich, was man so auf Partys gemerkt hat. Wir haben ganz klassisch angefangen, Texte zu schreiben, so ging das eigentlich los. Uns hat auch immer verbunden, dass wir dieses: Ab zu Müller, das EinsZwo Album am Releasetag kaufen, heimgehen, auspacken, zusammen in mein Zimmer setzen, die die CD einlegen, nicht skippen, die Musik zelebrieren – dass wir das von Anfang an geteilt haben.

Du scheinst dich nicht groß um aktuelle Strömungen im Deutschrap zu kümmern. Die Zeile in „Vogelfrei“ „Mach nicht immer das, was die Szene dir sagt“ unterstreicht das ja auch. Ordnest du selbst dich überhaupt irgendwo ein?

Ja, ich würd schon sagen, dass ich HipHop mache (lacht). Nein, also das ist schon schwer so richtig einordnen, will ich da aber auch gar nicht. Man merkt jetzt schon, dass „Toykis“ viel klassischer gehalten wurde vom Soundbild her. Jetzt sind schon so ein paar angetrapte Einflüsse drin oder 808s oder was auch immer, aber das ändert sich auch ständig. Dank so Game-Changern wie Kendrick Lamar und Drake kommt man ja an dem neuen Zeug nicht vorbei. Das ist einfach unfassbar gut und dann verändert sich das persönliche Soundbild im Schaffensprozess automatisch. Manchmal sag ich, dass ich wavy Sound mache, so als Kategorisierung, aber das haben auch die Betty Ford Boys schon für sich beanspruchst, beziehungsweise erfunden, also hab ich das von denen geklaut. (Erfunden hat es eigentlich Max B – Anm. d. Redaktion) Weiß nicht, ob ich so richtig wavy bin, aber so ein bisschen kann man das als Untergenre schon sagen.

„Domingo Vogel“ ist aus einem langen Prozess heraus entstanden. Ist das gut oder schlecht?

Dadurch, dass der Schaffensprozess so lange ging, haben die Songs die Stärke ’ne Weile zu überdauern. Irgendwann wird man dann mal einen weniger feiern, aber manche feier ich sicherlich ein Leben lang. Das lässt sich aber auch schwer voraus sagen. Im Moment sind die Songs so wie sie sind alle Killer, aber wie genau das in drei, vier Jahren aussieht, weiß ich natürlich nicht. Ich werde mich, glaube ich, immer weiterentwickeln, das ist mir ganz arg wichtig und man muss die Leute jetzt schon erziehen, dass Waldo the Funk nicht für was Gleiches stehen bleibt. So wie ein Action Bronson gezeigt hat, dass er auf den einfachsten Loops von Alchemist flexen kann und dann kommt aber Harry Fraud mit „Bird On A Wire“ und das funktioniert auch mit richtigen Trapsachen. Ich will auf dem Album so meine Liebe zum klassischen Sound und zu Trap genau nebeneinander stehen lassen – das muss doch möglich sein heutzutage.

Ist es definitiv. Vielen Dank für das Gespräch. 

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