Soprano

Was für ein Chaos! Totale Desorganisation herrschte bei Sopranos zweitem Tourstop in Berlin am 12.02 auf seiner “La Colombe Tour 2011“. Ein vom Winde verwehter Zeitplan machte es uns nicht gerade leicht, ein paar Minuten mit dem sympathischen, jungen Mann aus Marseille zu verbringen.
Der ursprüngliche Interviewtermin zwischen 15:00 und 16:00 Uhr wurde nach mehrmaligen Vertröstungen dann auf 21:00 Uhr gelegt und nach fünf Stunden Warterei – was quasi US-amerikanischen Standards entsprach – trafen wir dann endlich den Frontmann der Rapgruppe "Psy 4 de La Rime" im Backstagebereich beim Abendessen. Wir sprachen mit Soprano über die französische Rapszene, den Reggae-Musiker Gentleman, seinen Fußballverein Olympique Marseille und natürlich über sein neues Album "Le Corbeau", das am letzten Freitag den 18.03.2011 erschienen ist.

rap.de:
Du bist mit dem deutschen Rapper JAW unterwegs. Kanntet Ihr Euch schon vorher oder wie kam der Kontakt zustande?

Soprano: Nein wir kannten uns überhaupt nicht. Sascha von Bodensee Records hatte uns miteinander bekannt gemacht und uns vorgeschlagen, dass wir doch zusammen auf Tour gehen könnten. Da gab’s für uns kein Problem.

rap.de: Du hast auch schon mit anderen deutschen Rappern zusammen gearbeitet wie den Massiven Tönen und Skillz En Masse. Das war 2001 oder 2002.

Soprano: Ja, irgendwie in dem Dreh, ist auf jeden Fall lange her. Wir sind damals in Stuttgart gestartet.

Am Rande des Konzerts mit Soprano hatten wir die kurze Gelegenheit, ebenfalls ein Gespräch mit JAW zu führen. Ein paar Minuten vor seinem Auftritt stand der Freiburger uns Rede und Antwort.

rap.de: Wie ist der Kontakt zu Soprano zustande gekommen?  Wie kommt es, dass du mit ihm auf der "La Colombe Tour 2011" spielst?

JAW: Also der Kontakt mit Soprano ist ja jetzt nicht so direkt zustande gekommen. Ich wurde halt angefragt, übers Management. Die haben noch nach Support gesucht, dann haben wir uns ein bisschen unterhalten und sind schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass es eine gute Idee ist, ihn zu supporten. Für mich ist es natürlich auch eine gute Möglichkeit mich gegenüber dem Publikum etwas präsent zu zeigen (lacht). So erreiche ich halt auch Leute, die jetzt noch nicht unbedingt meine Mucke kennen.

rap.de: Bist du zufrieden mit dem Auftakt? Wie hat dir das in Hamburg gestern gefallen?

JAW: Geil! ich fand es wirklich geil. Die Location war ein bisschen größer als ich das sonst gewohnt bin. Auch heute ist es wieder eine große Halle. Das macht einfach Bock. Es sind auch ganz andere Umstände. Man wird behandelt wie ein kleiner König.

rap.de: Ist das hier das Größte, was Du bist jetzt hier an Touren gemacht hast?

JAW: Das hier ist auf jeden Fall das Größte, was ich bis jetzt gemacht habe. Wobei das natürlich die Frage ist, was man größer nennen kann: Support von Soprano zu sein oder eben eine eigene Tour mit "Trailerpark" zu machen? Das hier ist von den Umständen her natürlich deutlich luxuriöser.

rap.de: Erkennst Du da einen Wandel vom damaligen deutschen Hip Hop zum heutigen?

Soprano: Ja ganz klar! Heutzutage findet man eine viel größere Auswahl an Stilrichtungen. Da gibt’s die einen, die amerikanischartigen Rap machen, dann welche, die besonderen Wert auf Inhalt legen.

rap.de: Findest Du, dass die Amis nur inhaltslosen Rap machen?

Soprano: Nein, das nicht. Ich finde, die achten nur mehr auf… Ich denke, das Hauptaugenmerk liegt bei denen eher auf dem Flow. Hier ist es eher wie in Frankreich. Es gibt sehr viel mehr unterschiedliche Stile wie zum Beispiel Independentrap oder harte Musik, wie vielleicht von Chakuza.
Früher kannte ich ein paar Sachen, die so in die Richtung von Afrob gingen. Heute sehe ich einen Chakuza, der genauso erfolgreich ist wie ein Samy Deluxe. Es gibt einfach eine breitere Auswahl.

rap.de: Hört ihr denn überhaupt Rap aus Deutschland in Frankreich?

Soprano: Wir hören… besonders auf den Flow! Den Text verstehen wir ja eh nicht. Wir hören das wie amerikanischen Rap. Das heißt, wir versuchen rauszuhören, wie gereimt wird und wie man hier flowt.
Es stimmt aber schon, dass wir keinen Anschluss an die deutsche Rapszene haben oder überhaupt an europäischen Rap. Wir kriegen kaum was mit.

rap.de: Da gab’s doch vor relativ kurzer Zeit ein Projekt, das hieß "La Connexion". Wo französische und deutsche Rapper gemeinsam Tracks aufgenommen haben…

Soprano: Ja, haben IAM da nicht irgendwas gemacht? Das Ding bei uns ist, dass beispielsweise IAM wirklich bekannt in Frankreich sind. Das ist wirklich ne große Band, selbst Rockgruppen kennen IAM. Und wenn die etwas tun, gibt es da immer ein bisschen Aufsehen drum. Allein das garantiert, dass es ein bisschen Aufmerksamkeit gibt.

Wenn solche Projekte gestartet werden, weiß man allein durch die großen Künstler bei uns bescheid. Man hört ja auch viel von links und rechts, von hier und da. Alleine dadurch, dass ich im Moment in Deutschland toure, weiß Frankreich, dass da in Deutschland was geht.
Um Dir jetzt mal ein Beispiel zu geben: Samy Deluxe. Den hat man mir auch gezeigt. Da hat man mir halt erzählt, dass er in Deutschland sehr berühmt ist und viele CDs verkauft. In Frankreich hatte ich aber vorher noch nie von ihm gehört. Wenn ich aber hier nach Samy Deluxe frage, hört man sofort "na klar kenn ich den“! Für uns ist es trotzdem schwierig, zu wissen wie es hier so läuft. Jetzt mal abgesehen vom Internet.
Durchs Internet öffnet sich das langsam alles. Ich meine, wenn ich hier nach Deutschland komme, kennen die Zuschauer alle meine Lieder. Guck mal, ich bin ja kein Star, ich mach einfach meine Musik und darum geht’s mir. Und wenn ich dann sehe, dass man selbst hier meine Tracks kennt… Das ist wie in diesen Cartoons, in denen den Figuren die Münder sprichwörtlich auf den Boden Fallen! Einfach nur WOW! Das macht mich glücklich. Und genau so war das auch gestern, bei unserem ersten Konzert in Hamburg. Ich weiß jetzt nicht, ob die gesamte Tour so sein wird, weil das echt schon übertrieben war, aber mal sehen. Immerhin sind wir heute in Berlin, das soll ja auch ein gutes Publikum haben.

rap.de: In der Deutschen Szene gibt es immer wieder Rapper, die sich gerne anzicken. Alle gegen alle. Ist die Stimmung in Frankreich ähnlich geladen?

Soprano: Großen Beef? Nee, das ist völlig vorbei. Da gab’s mal was zwischen Booba und Sinik, aber seit dem???
Zur Zeit gibt es nur noch die musikalische Konkurrenz, wie zwischen Booba und Rohff. Im Moment streiten sich noch nicht mal die Unwichtigen (Gelächter).
Zur Zeit ist es ruhig! Jeder macht sein Ding, man hat eigentlich gar keine Zeit mehr, noch an Beef zu denken, weil es auch sehr schwierig geworden ist, in Frankreich CDs loszuwerden und Konzerte zu klären. Also konzentriert sich jeder von uns auf sein Business und versucht seine Sache voranzubringen.
 

rap.de: Vielleicht haben wir in letzter Zeit die falsche Musik gehört, aber es kommt mir so vor, als ob es um dich in letzter Zeit ein wenig still geworden ist. Planst du gerade etwas?

JAW: Ja gut, still.. "Täter-Opfer-Ausgleich" ist jetzt auch ein halbes Jahr raus. Aber ich arbeite grade an diversen Sachen…

rap.de: … über die Du nicht sprechen kannst?

JAW: Doch. Nach wie vor sind zwei EPs geplant, eine mit Adolph Gandhi und eine mit Absztrakkt. Und ich plane jetzt in diesem Jahr noch ein Solo zu machen, aber das ist schwer abzuschätzen, weil immer mehr Stress auf einen zukommt, als man ursprünglich erwartet hat.

rap.de: Wo wir grade bei Stress sind, ist das wirklich ernst mit Dir und Private Paul? Messerstecherei, zumindest verbal!

JAW: Ach, was heißt ernst? Das Thema ist für mich jetzt ehrlich gesagt nicht mehr so aktuell. Ich hab ja mein Lied gemacht, einfach als Stellungnahme und, für mich ist das Thema damit eigentlich auch erledigt. Jetzt macht er sein Liedchen und hat auch bestimmt seine 15 ICQ-Freunde, die darauf mit ihm abfeiern. Für mich ist das gegessen. Ich möchte mit ihm nichts zu tun haben und das habe ich ja auch nicht mehr.

rap.de: Trotzdem sagst Du auf Deinem Track "La Colombe", dass auf Deiner rechten Schulter ein Taube sitzt und auf Deiner linken ein Rabe, dass Du in Deiner rechten Hand eine weiße Flagge schwenkst und in Deiner linken die Kalaschnikow. Ist das die Beschreibung eines inneren Kampfes, auch was Deine Musik angeht?

Soprano: Im Endeffekt liebe ich Rap, aber ich liebe auch die Musik im Allgemeinen, also habe ich schon einen inneren Konflikt zwischen meiner sehr ausgeprägten Rapseite, aber auch meiner musikalischen. Ich möchte beide Seiten ausdrücken, da sie natürlich beide ein Teil von mir sind. Deshalb hab ich das Album "La Colombe“ veröffentlicht, das sehr melodiös ist. Während mein Album "Le Corbeau“, das jetzt im März kommt, ziemlich Rapfokussiert ist. Guck, das ist so ein Bisschen das Konzept meines "Universums“, das ich entwickeln wollte, um es den Leuten zu präsentieren.

rap.de: Hast Du dann auch solche Ideen wie Lil Wayne, der dieses Rockalbum rausgebracht hat?

Soprano: Ja! Also kein Rockalbum..! Bei mir wird es immer Rap geben! Mich gibt’s nicht ohne Rap, sonst mag ich aber auch sehr gern Reaggae. Also würde ich vielleicht ein Album mit zwei Dritteln Reaggae machen, aber auf jeden Fall auch mit einem Drittel Rap.
Ich liebe Reaggae! Wirklich! Und Gentleman gehört auf jeden Fall zu den Top Fünf meiner Lieblingskünstler überhaupt! Also Gentleman mag ich wirklich, wirklich, wirklich!

rap.de: Dann erübrigt sich fast ja die Frage, ob du gern mit ihm Musik machen würdest.

Soprano: Sollte ich eines Tages die Möglichkeit haben, selbstverständlich! Also auf jeden Fall!

rap.de: In letzter Zeit hast Du die mittlerweile recht erfolgreichen Sexion D’assaut gehypet, selbst in Deutschland kennt man sie nun.

Soprano: Ja, die sind super! Ihr Erfolg in Frankreich ist aber vorbei, weil sie… einige Probleme hatten. Naja das ist kompliziert… Seid ihr da nicht auf dem Laufenden?
Die haben einen Fehler gemacht. Die haben in einem Interview über Homosexuelle gesprochen und die Radiostationen haben sie dann aus dem Programm entfernt, das Fernsehen will sie nicht mehr spielen.

Ich hoffe aber, dass sie jetzt dafür kämpfen, dass man nicht alles vermischt. Weil ich ihre Musik sehr schätze. Sie bereuen das, was sie in diesem Interview gesagt haben und versuchen trotzdem ihre Sache weiter nach vorn zu bringen. Wenn sie jetzt also Erfolg in Deutschland haben, macht mich das superglücklich! Und ich hoffe das wird noch größer.

rap.de: Was denkst Du denn, wie sich der französische Rap weiter entwickeln wird?

Soprano: Also meine Vision des französischen Hip Hops ist, dass es auch weiterhin viele verschiedene Stilarten im Rap gibt. Es gibt halt viele, die nur auf Gangsterrap stehen und andere, die besonders Consciousness-Texte feiern. Für wiederum andere steht die Tanzbarkeit im Vordergrund und ich persönlich möchte das alles ein bisschen verbinden. Ich denke, dass ich all diese Teile in mir habe.

rap.de: Geht es denn trotzdem mit PCP weiter?

JAW: PCP ist alles wunderbar. PCP bestand ja auch lange bevor er dazu kam. Die eigentlich PCP-Formation ist sozusagen jetzt wieder da und wer weiß, vielleicht machen wir jetzt auch mal wieder ein Album. Zwischen uns persönlich ist alles cool.

rap.de: Wie war das bei Euch eigentlich? Seid ihr durch Rap Freunde geworden, oder wart ihr Freunde und habt dann zusammen gerappt?

JAW: Wir sind durch Rap Freunde geworden. Wobei, wir kennen uns eigentlich schon seit Kindestagen, aber der richtige Kontakt ist dann erst über die Musik zustande gekommen. Rynerrr war damals bei uns im Ort der große Rapper. Mich kannte kein Arsch, er hatte sich aber schon ein bisschen einen Namen gemacht. Irgendwann haben wir dann mal zusammen ein Lied gemacht, dann haben wir uns entschlossen, noch mehr Lieder zusammen zu machen. Und dann war eben noch sein Bruder dabei und so ist das entstanden. Wir hatten auch immer so die ähnlichen Vorstellungen, uns haben dieselben Sachen abgefuckt und darum hat das ganz gut gepasst.

rap.de: Ok, abschließende Worte?

JAW: Gruß an alle, ich bedanke mich für das Interview.

rap.de: Wir danken ebenfalls.

 

rap.de: Anderes Thema: Du aus Marseille bist doch bestimmt Fan von Olympic Marseille?

Soprano: Nicht nur das, ich bin sogar der Repräsentant der Mannschaft!

rap.de: Auch offiziell?

Soprano: Oooffiziell! Und es ist super (Gelächter)!

rap.de: Was hältst Du denn von anderen offiziellen Gesichtern Frankreichs, speziell von Eurem Präsidenten Nicolas Sarkozy?

Soprano: Sieh mal, mein Problem, das ich mit ihm habe ist, dass er der Bevölkerung einfach sehr fern ist. Deswegen kann er vieles nicht vernünftig einschätzen und ist sich nicht sicher, was er tun muss. Heutzutage lässt sich das am besten an der Behandlung und dem Umgang mit den Immigranten und mit der Integrationspolitik ablesen.
So wie er die Probleme in den sozial schwachen Vierteln Frankreichs schürt, haben wir nicht das Gefühl, dass er da wirklich helfen möchte, oder sich für ihre Interessen und Probleme überhaupt interessiert. Das ist ein Problem, dass die Franzosen mit ihm haben und nicht nur die aus den Problem-Vierteln.

rap.de: Wirst Du etwas davon ansprechen, wenn Du Dein drittes Album releast? Oder kannst Du uns schon irgendwas über das Konzept Deines Albums erzählen?

Soprano: Naja, das Album ist eigentlich gar nicht richtig mein drittes Album, als viel mehr mein zweieinhalbtes. Weil das erste "La Colombe“ hieß und das kommende "Le Corbeau". Das soll ein Bisschen abschließend verbinden, was ich auch in der Zwischenzeit gemacht habe. Genau das Puzzleteil, das gefehlt hat, um mein bisheriges Schaffen abzurunden und das Konzept ist diesmal besonders meine Rapseite, soll heißen mein Flow, meine Technik…

rap.de: Ich hab ja immer das Gefühl, dass Technik im französischen besonders schwierig ist, weil es so wenig Worte gibt, die sich wirklich reimen.

Soprano: Ah! Ja das stimmt! Aber… ich krieg’s zum Glück hin! (Gelächter) Ich krieg’s ein bisschen hin, mir das so hinzudrehen und die richtigen Worte zu finden. Davon abgesehen, hab ich hier übrigens ein Feature gemacht mit jemandem, der zwar nicht Deutscher ist, aber den ich hier kennen gelernt habe. Er heißt Method Man.

rap.de: Was bedeutet Hip Hop für Dich eigentlich, wie würdest Du das definieren?

Soprano: Für mich ist Hip Hop Freiheit. Peace, Love, Fun und Unity! "Peace“ heißt, es ist egal woher du kommst, bist du jetzt schwarz, weiß, Moslem, oder Jude, das ist uninteressant. Hauptsache du kannst was.
"Love“ ist die Familie. Und meine Freunde, die als Psy4 De La Rime immer mit mir unterwegs sind.
"Fun“: Wir sind da, haben eine gute Zeit, lachen viel, sind voll drin und "Unitiy“ meint, dass wir dabei alle zusammen sind und Musik daraus schaffen. Das ist meine Hip Hop Konzeption.

rap.de: Merci beaucoup pour l’interview.

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