Azad & Jeyz

Der Bozz auf seiner letzten großen Tour? Nachdem vor zweieinhalb Wochen die Pressemitteilung rausging, in der die Schließung von Bozz Music verkündet wurde, könnte man das ja eigentlich annehmen. Doch Azad wäre nicht Azad, wenn er kampflos aufgeben würde.
In topform und um 20 Kilo leichter, stellt sich der Frankfurter unserem Gespräch und betont, dass auch 2010 noch mit ihm zu rechnen sei und dass er nicht vorhabe, aufzuhören, solange es ihm noch Spaß macht.
Dass es ihm Spaß macht, konnten die Fans im Berliner Sage Club hautnah miterleben, denn trotz der mageren Besucherzahl, war die Show von Azad, inklusive Jeyz und 439 ein wahres Feuerwerk an Energie. Oder wie es im Slang der Nordie wohl heißen würde: Bombt dich bös!

rap.de: Wir treffen uns hier nach der Labelschließung. Fluch oder Segen, Befreiungsschlag oder Trauer?

Azad: Als wir zu gemacht und das dann auch öffentlich gemacht haben, hat das natürlich ein paar Tage lang depressive Laune verbreitet. Keiner ist ans Telefon gegangen und alle wollten das erst mal jeder für sich verdauen. Wie als wäre in einer Beziehung Schluss gewesen. Aber es war auf jeden Fall auch eine Erleichterung, weil ich ja nicht zu gemacht habe, weil alles gut lief. Das hat sehr an mir gezehrt und hat mich natürlich finanziell auch die ganze Zeit sehr hart ran genommen. Deswegen gucken wir jetzt mal, wie es sich kristallisiert, wie es wird.

rap.de: Wie es für dich als Solokünstler jetzt weiter geht?

Azad: Nee, auch für die Jungs. Es ist ja nicht so, dass es mich jetzt gar nicht mehr interessiert, was mit denen ist. Ich gucke schon, dass es läuft und ich denen, wenn ich gerade kann, unter die Arme greife.

rap.de: Als ich diese E-Mail gekriegt habe, in der das bekannt gegeben wurde, war ich lustigerweise schon sehr früh wach. Das war morgens um halb Sechs. Ich musste mir dann vorstellen, wie ihr die ganze Nacht davor saßt und dann erst morgens auf "Abschicken“ geklickt habt.

Azad: Das war wirklich ein bisschen so, beim Abschicken war aber natürlich der Robin dabei. Wir wollten das eigentlich schon ein bisschen früher machen, aber wir haben überlegt, wie wir das jetzt am Besten formulieren und waren auch nicht sicher, ob das jetzt alles so gut formuliert war. Aber so hat es sich halt angefühlt und da habe ich halt gemeint "Komm, schreib das genau so hin“. Das war in der Nacht davor so und bis wir das dann abgeschickt haben, ist ein bisschen Zeit noch vergangen. Das war auch schwer für uns.

JEYZ

Viele halten ihn für einen der unterschätztesten Rapper der Republik. Azad sagt über ihn, dass er schon mindestens fünf Alben veröffentlicht hätte, wenn er nicht so perfektionistisch wäre. Er selbst sagt, dass er ohne ein spezielles Kraut nicht schreiben kann, jetzt aber gerade den Selbstversuch startet, auch ohne kreativ zu sein.
Die rede ist von Jeyz, der am 27.11. sein Mixtape "Zeit Zum Scheinen“ veröffentlichen wird. Wir sprachen mit dem gebürtigen Sizilianer darüber, was sich in den letzten Monaten bei ihm verändert hat und wie sich das Ende von BOZZ Music auf seine Laufbahn auswirkt.

rap.de: Was glaubst du, warum sich die Majors nicht mehr für die Art von Musik interessieren, die ihr macht?

Jeyz: Vielleicht weil sie ein bisschen gewalttätig daherkommt. Und weil sie das mit anderen Rappern vergleichen, bei denen das dann verherrlicht wird. Also gut, bei mir kommt das auch vor, aber meine Message ist es, Leuten Mut und Hoffnung zu machen, selbst wenn du ganz unten bist. Und ich habe auch viele Briefe bekommen. Bei einem dachte ich erst, "Ey, der will mich verarschen!“. Der war kurz davor, vor einen Zug zu springen und hatte dann "Gib Mir Ein Zeichen“ in seinem Walkman, und das war der Grund, warum er dann doch nicht gesprungen ist. Da habe ich ihm geantwortet, "Das glaube ich dir nicht so ganz!“, da hat er mir einen Riesenbrief zurück geschrieben, da stand drin "Ich würde niemals mit so etwas Scherze machen, das ist wirklich so gewesen.“ Das macht mich dann schon stolz. Aber warum das so ist? Keine Ahnung, es macht mich einfach traurig, das schon wieder eines der krassen Labels geschlossen hat. Ist ja nicht nur BOZZ Music, es sind ja auch Aggro Berlin, Optik. Das sind ja schon Säulen gewesen. Die sind alle weg, das ist wegen den Fans, die immer Autogramme und Fotos nehmen, aber nie ein Album kaufen. Aber in zwei Tagen kommt mein Mixtape, ich habe einen neuen Vertrieb, ein neues Label.

 

rap.de: Wie hast du die BOZZ Schließung mitgekriegt?

Jeyz: Ich wusste ja schon, dass geschlossen werden soll, ich wusste aber nicht, wann. Und dann habe ich eine SMS gekriegt, "Bozz Music hat heute offiziell geschlossen.“ Und dann bin ich ins Forum gegangen, habe dich erste Seite gesehen, Azads "Ich hatte einen Traum“, es war eine sehr schöne Zeit. Schade, dass ein Label schon wieder schließen musste, nur weil die Leute lieber Autogramme und Fotos jagen statt CDs zu kaufen. Und deshalb muss ich es nochmal erwähnen, am 27. 11. kommt mein Mixtape "Zeit Zum Scheinen“, kaufen und nicht downloaden!

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rap.de: Du hattest das für längere Zeit ja auch schon immer in Interviews so ein bisschen angedeutet. Wie lange hast du das im Endeffekt vor dir hergeschoben?

Azad: Zwei Jahre bestimmt schon. Da hatte man schon die ersten Gedanken von wegen "Boah, Scheiße, das rentiert sich ja null. Das kostet nur Geld“. Irgendwann dreht sich das aber wieder und man denkt sich "Wir kriegen das gebacken. Wir sind einfach zu gut, es kann nicht sein, dass das nicht funktioniert.“ und so geht das halt immer weiter und man will nicht aufgeben. Das ist auch nicht meine Art. Wenn ich etwas mache, dann wirklich bis zum Schluss. Da muss ich schon total am Arsch sein und sehen, dass es nicht mehr anders geht.

rap.de: Was waren die konkreten Zahlen, die dich dazu gebracht haben, das zu beenden?

Azad: Die Zahlen waren einfach so, dass ich seit ich dieses Label habe, in es investiert und nie daran verdient habe. Seit wir dieses Label haben, haben wir nie Geld verdient. Weil das Label an sich, die Mieten, die Gehälter immer ein Stück höher waren. Und wenn wir mal Einnahmen hatten, die eigentlich Plus gebracht hätten, hat sich das einfach in den nächsten zwei, drei Monaten aufgebraucht, in denen wir keine Einnahmen hatten. Im vierten Monat waren wir dann also wieder im Minus und deshalb sind wir eigentlich immer hinterher gerannt, ohne wirklich ins Plus zu kommen. Es war nie so, dass wir sagen konnten "Ey Jungs, wir haben Geld verdient! Jetzt schütten wir es aus“. Für die Künstler war das auch kein Zuckerschlecken. Wenn kein Geld rein kam, konnte ich auch nicht groß welches verteilen. Natürlich war da dann irgendwann auch eine depressive Stimmung. Chaker und Sezai haben ganz aufgehört zu rappen. Auch wir haben unsere Krisen. Wir machen das auf jeden Fall noch weiter und 439 auch, aber wir fragen uns natürlich, wo wir hier gelandet sind. Es ist nicht so, dass das ein Dauerzuckerschlecken ist.

rap.de: Ich habe in einem Blog für MySpace geschrieben "Eine Generation geht“. Es ist schon irgendwie ein Generationswechsel, oder?

Azad: Mal gucken, was da jetzt so hinterher kommt. Auf jeden Fall ist jetzt gerade der größte Tiefpunkt im Rap seit… Was weiß ich, zehn Jahren?

rap.de: Aber es gehen jetzt eben auch die Leute, die seit zehn, fünfzehn Jahren dabei sind. Die sagen "Ok, wir haben unser Leben geopfert und…

Azad: Und die anderen, die noch da sind, die haben noch nicht so viel geopfert und denken "Boah, es ist so toll und Rappen macht so Spaß und ich bin jetzt ein Star und habe eine Clip“. Aber lass die mal fünf, sechs Jahre dabei sein und nichts anderes machen und sich nur darauf konzentrieren. Dann werden die auch irgendwann an die Grenzen ihres Atems und ihres Willens kommen. Wenn du etwas neu anfängst, bist du immer total motiviert, aber nach den ersten Rückschlägen siehst du das auch anders.

rap.de: Hast du schon mit einer Fehleranalyse begonnen? Fehler bei der Labelarbeit?

Azad: Oh ja, natürlich. Der größte Fehler war, dass wir nicht genug Geld hatten, um das in die Realität umzusetzen, was wir gerne wollten. Wir konnten zum Beispiel keine krassen Videos machen, wir hatten einfach kein Geld dazu. Eigentlich war das kein Fehler von uns, aber dadurch waren wir wie gefesselt. Ein anderer Fehler war, dass wir in den ersten Jahren zu wenige Produkte hatten und das hat uns halt gefickt. In meinen Augen ist das eigentlich auch kein Fehler, aber es hat eben dazu beigetragen. Wir sind schlimme Perfektionisten, weißt du? Von den Produzenten bis hin zu den Rappern, alle Perfektionisten des Grauens. Du kriegst einen Beat, von dem du sagst "Oh mein Gott, Alter, der fickt die Welt“ und der Produzent sagt "Nee, unter den kann ich doch nicht meinen Namen setzen!“. So waren wir alle und dadurch haben wir uns natürlich lange Jahre selber zurück gehalten.

Dieser Knoten ist sehr spät erst bei uns geplatzt, dass wir uns gesagt haben, dass alles was wir machen seinen Wert hat und nichts davon Dreck ist. Dass wir aufhören müssen, alles tausendmal zu hinterfragen und die Sachen einfach mal loslassen. Irgendwann hatten wir diese Erfahrung und Selbstsicherheit, aber dann war es halt zu spät. Da hatten wir schon unser gesamtes Hab und Gut aufgebraucht, weil die Fixkosten einfach zu hoch waren. Das war auch noch mal so ein Problem: In Frankfurt sind die Mieten am zweithöchsten in Deutschland. Wenn du ein Studio, ein Büro und eine Wohnung da hast, dann hast du schon unfassbar miese Fixkosten. Dann zahlst du Gehälter und bist bei einem horrenden Betrag, den du jeden Monat auf den Tisch legen musst, nur um zu existieren. Wenn die Leute den genauen Betrag wüssten, würden die sagen "Azad Alter, dass du so lange überhaupt offen gelassen und nicht schon vor drei Jahren zugemacht hast!“. Man hat eben einen Traum und nimmt dafür einiges in Kauf. Man denkt sich "Egal, lass mal bluten und dann wird irgendwann schon alles“. Deswegen hat das bei mir jetzt auch ein sehr großes Loch hinterlassen, weil ich so lange gebraucht habe, um diesen Schritt zu gehen.

rap.de: Was würdest du heute jungen, hoffnungsvollen Nachwuchs-Labelmachern mit auf den Weg geben?

Azad: Macht kein Label, wenn ich ganz ehrlich und trocken sein soll. Macht Musik, haut die raus und wenn ihr was erreicht habt, baut euch was mit anderen Leuten auf. Wenn ihr einen Kumpel habt, der auch gut ist, stellt ihn den Leuten vor und versucht darüber was. Man muss nicht unbedingt ein Label machen, um Leute mitzuziehen und sie zu unterstützen. Du musst kein Label haben und die selber unter Vertrag nehmen. Im Moment würde ich den Leuten wirklich davon abraten. Man muss sich ja nur umgucken: Alle Labels haben in letzter Zeit mehr oder weniger zugemacht und die, die noch da sind, haben sich bestimmt auch schon zigmal überlegt „Komm, wir machen zu. Ach nee, wir versuchen es noch mal“ – so wie wir auch. Wir hatten drei Jahre lang diesen Gedanken immer wieder und haben den rausgezögert. Die Hoffnung war halt noch da.

rap.de: Ok und wie geht es bei dir da jetzt ganz konkret weiter?

Azad: Eigentlich so, wie es bisher auch lief. 2009 habe ich ein Mixtape und ein Album gebracht "Azphalt Inferno“ und "Assassin“, und das ist auch das mindeste, was ich 2010 release. Darüber hinaus könnte es sein, dass wir das zweite "One“-Album machen, was auf jeden Fall nicht "Two“ heißen wird, auch wenn mich das viele gefragt haben! (lacht) 2011 habe ich geplant, den Nachfolger von "Leben“ zu produzieren, wo ich wieder alle Cuts und alle Beats selber mache. Das wird "Leben 2“ heißen und "Leben“ hat dann halt sein zehnjähriges Jubiläum, deshalb ist die Zeit für dieses Album dann auch reich. Ich werde mich intensiv mit meinem ersten Album auseinandersetzen und auch wirklich versuchen, dieses Gefühl wieder aufzugreifen und einen ebenbürtigen Nachfolger zu machen.

rap.de: Gab es in den Tiefen der Nacht auch mal die Überlegung, ganz aufzuhören und was komplett anderes zu machen?

Azad: Diese Gedanken gibt es auch ab und zu. Aufhören will ich gar nicht, weil ich noch Bock habe und so lange ich Bock habe, mache ich weiter. Aber wenn du eine Sache zehn Jahre lang intensiv machst, kommt  halt auch mal "Hmh, wie schmeckt denn das da drüben?“. Zum Beispiel Pläne, eine Kampfsportschule aufzumachen. Das sind eben Sachen, die auch Spaß machen, und man sucht nach neuen Herausforderungen im Leben. Im Moment bin ich glücklich und habe noch Bock zu Rappen und werde das auch auf jeden Fall tun.

rap.de: Wir haben die Information gekriegt, dass es so eine Bozz Support-Gruppe gab, bei der die Mitglieder 30 Euro zahlen mussten, aber nichts für bekommen haben. Weißt du was davon?

Azad: Wir haben einmal im Jahr ein Konzert für die veranstaltet, die haben alle ein T-Shirt und immer alle Infos bekommen, wenn die sich vor Konzerten rechtzeitig angemeldet haben, sind die immer alle Backstage gekommen… Was haben die erwartet? Mehr haben wir auch gar nicht versprochen.

rap.de: Wie ist denn jetzt allgemein das Verhältnis zu deinen Fans? Reihst du dich richtig ein in die Klage der Musikindustrie, dass die Verkäufe so eingebrochen sind?

Azad: Natürlich kommt der Moment, an dem du denkst, dass da irgendwas doch nicht so ganz passt. Ich habe 10.000 Alben verkauft und bei Youtube hat dann das "Halt Die Fresse“-Video 1,2 Millionen Klicks. Wann du irgendwie raus gehst in die Welt und du siehst, jeder zweite kennt dich, begrüßt dich, reagiert auf dich aber das geht weit auseinander mit den Plattenverkäufen. Natürlich kannst Du Dir zusammenreimen, dass jeder zweite, dritte, fünfte sich dein Album gebrannt hat und dann kriegst Du schon Dein Abturn. oder wenn Leute kommen und sagen: “Azad, ich feiere Deine Musik so krass, aber ich weiß nicht, wo find ich Dein Album? Ich kann das nirgendwo downloaden.“ Aber ernsthaft, ohne das Gefühl, das er was falsch macht! Mit so einem Strahlen: “Guck mal, ich hab überall gesucht aber ich kann es nicht dowloaden. Ich finde es nicht! Sag mir doch mal wo.“ Das ist eine Normalität geworden. Die Leute wachsen damit auf und das ist für die stinknormal, ein Album oder Filme einfach down zu loaden und es wird von Jahr zu Jahr normaler. Das ist wie ein Virus der sich verbreitet und jeder denkt sich: “Alter, warum soll ich die CD kaufen, jeder brennt sie ich geh auch jetzt auch brennen!“ Und so wird das immer schlimmer. Und Jugendliche machen sich eh über keine Folgen Gedanken. Wenn die jetzt vor den Zug springen, denken die auch nicht: “Oh der überfährt mich jetzt, dann bin ich tot.“ Und er überlegt sich auch nicht: “Wenn ich ein Album brenne, vielleicht macht das die Musik kaputt und dann gibt`s gar nichts mehr, was mir gefällt.“ Das kannst du von den Jugendlichen auch gar nicht erwarten. Natürlich gibt es auch welche, die setzen sich damit auseinander, aber ich als Jugendlicher, hätte mir auch keinen Kopf darüber gemacht.
 
rap.de: Was hälst Du denn von Sachen wie Digi-Protect, wie Moses das macht?

Azad: Ich sag mal so, ich  hab das die ganzen Jahre nicht gemacht. Vielleicht erwische ich einen Falschen und dann ist der gefickt und er war unschuldig. Aber die Schlinge wird immer enger. Ich weiß, ich werde beklaut und ich hab kein Bock mehr, mich beklauen zu lassen und zuzugucken. Ab jetzt hab ich auch gar kein Problem damit. Jeder, der mein Album brennt kann auch mit einer Anzeige rechnen. Hab ich kein Problem damit.

rap.de: Es klang bei dir immer so, als würdest du dich nicht 100%ig von der Musik abhängig machen.

Jeyz: Nee, nicht wirklich. Aber es immer noch meine größte Leidenschaft, weil ich mich da immer öffnen und selbst therapieren kann. Aber ich weiß halt auch, dass ich nicht davon alleine leben kann, deshalb schaut man sich auch immer nebenbei noch um.

rap.de: Was arbeitest du?

Jeyz: Mein Bruder hat ein Firma und da habe ich dann gearbeitet. So ein bisschen Papierkram machen, hier was hinfaxen. Bürozeugs halt. Mein Bruder hat es für mich gemacht. Da kann ich ein bisschen Geld verdienen, ohne dass ich jetzt mit irgendwelchen Leuten reden muss. Seitdem ich das alles mache, geht’s mir auch viel besser, weil der Druck nicht so groß ist. "Du musst das jetzt machen, du musst das Album raus bringen, weil du sonst nicht die Miete zahlen kannst.“ und so weiter. Allerdings will ich das haben, was mir zusteht. Nachdem ich "Blut, Schweiß Und Tränen“ raus gebracht habe, wurde es innerhalb von 5 Monaten 700.000 mal illegal gedownloadet. Und als dann nach 7 Monaten mein Album über eine Millionen mal runtergeladen wurde, meinte mein Management, "Hör mal, das hat kein Sinn mehr, die ganzen Portale zu löschen, wir löschen heute 2 und morgen sind 5 neue da“ Als ich die Zahlen gehört habe, dachte ich auch erst "Diese Wichser“ aber auf der anderen Seite ist halt auch cool, wenn so viele das mögen. Aber: Ich will, dass ich mehr verdiene!

rap.de: Würdest du auch laden, wenn du jung wärst?

Jeyz: Ganz ehrlich: Ich weiß nicht mal, wie das geht. Aber mittlerweile wächst die Jugend ja auch damit auf. Die haben ja Schulkurse am PC. Aber ich sage mal so: Ich war auch jung, und ich habe mir alle Tupac-Alben gekauft.  Weil ich so ein übertriebener Tupac-Fan war. Alleine die Musik war schon geil, aber ich wollte ja auch das Cover in der Hand halten. Die ganze Sammlung schön auf den Tisch gestellt, dann noch ein Poster an die Wand geklebt. Das ist halt traurig: Die Leute feiern einen Künstler, aber den Künstler kann es nicht geben, wenn er nichts verkauft. Natürlich macht man das Anfang einfach nur aus Liebe, aber je älter man wird, hat man auch noch Alimente zu zahlen. Man kommt nicht drumherum, etwas zu verkaufen und Geld zu verdienen.

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rap.de: Was glaubst du wie es in dieser Beziehung weitergeht? Das lässt sich ja nicht aufhalten.

Azad: Die Download Geschichte? Man muss nicht versuchen, es aufzuhalten, sondern das Spiel zu ändern oder mitzuspielen und versuchen einen Weg zu finden, der für alle Beteiligten gut ist. Aber jetzt auf Teufel komm raus zu denken: “Nein, wir kriegen das hin, wie es vorher war.“ Das ist quatsch. Und die großen Konzerne haben voll verpennt in meinen Augen. Das sind voll die Nachzügler. Aber das ist eh das Problem bei den Majors. Die haben super Power, aber das ist so ein großer Konzern, dass der da oben nicht weiß, was der da unten macht. Und bis das Gehirn den Fuß erreicht und sagt: “Ey Fuß, jetzt machen wir einen Schritt“, ist wieder so viel Zeit vergangen. Das ist der Abturn. Die hätten einiges machen können und die gehen jetzt mit Theorie daran, mit dem Vorschlaghammer, um alle zu verklagen. Auf dieser Basis ist es keine schlaue Idee. Es wird ne Weile gut gehen und die Leute müssen irgendwelche Clips bei den Portalen runternehmen, aber es wird nichts daran ändern. Null!

rap.de: Über wen werden Deine weiteren Releases veröffentlicht?

Azad: Wir arbeiten weiter mit unserem Partner “Groove Attack“, mit denen ich auch sehr zufrieden bin und so wird das jetzt weiter laufen.

rap.de: Also es wird straight independent bleiben?

Azad: Wir bleiben independent.

rap.de: Diese independent Struktur wird auf Dich zugeschnitten sein?

Azad: Ja, ich bin sehr zufrieden damit, Ich hab auch den Anspruch nicht, dass ich 100.000 Platten verkaufen muss. Ich hab` s eingesehen und mach 10.000 Platten, solange die Platte cool ist und ich nicht selbst draufzahlen muss. Das ist das einzige Problem. Das musste ich bei “Assassin“ und beim “Wahrheit“ Album. Da haben wir eineinhalb Jahre dran gearbeitet, Kopf gefickt und am Ende musste ich in die Tasche greifen. Das war richtig mies. Du hast ein Jahr gearbeitet und musst dafür noch Geld bezahlen. Du kriegst dann richtig Hass auf alles. Und darauf habe ich kein Bock. Aber solange ich mit kleinen Stückzahlen kleines Geld verdiene, wovon ich leben kann, ist es auch in Ordnung.

rap.de: Aber das Konzept geht ja auch auf, so habt ihr jahrelang gearbeitet.

Azad: Ist so. Darauf müssen sich auch die Fans einstellen. Es wird keine großen Werbekampagnen mehr geben, keine übertrieben teueren Videos, aber es wird weiterhin gute Musik geben von Azad und wenn das den Leuten reicht, dann können wir zusammen einen Weg gehen.

rap.de: So richtig “Back to Basics“.

Azad: Damit komm ich auch klar. Ich hab eh nie den Drang gehabt, Gold zu gehen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich ne Millionen verdienen könnte, Freunden und Familie helfen, aber deswegen bin ich nicht ins Musikgeschäft gekommen, sonst würde ich nicht die Musik machen, die ich mache. Mal gucken! Ein Freund von mir hat gesagt, ich soll ein Album für Kinder machen. Das ist ne Sache, die ich gut finde. Die Kinderfans hab ich so richtig gerne, die haben immer so ein Leuchten in den Augen. Die sind immer freundlich, immer höflich. Ich hab viele Ideen. Ich wollte ein Album machen, nur mit kurdischen Themen, nur für die Kurden. Aber jetzt gibts eine neue Idee, vielleicht mache ich ein Album für die Kids.

rap.de: Moses meinte, dass Labelarbeit ein wenig Sozialarbeit ist.

Azad: Wie meinst du das?

rap.de: Na, das man sich viel um Belange außerhalb von Labeltätigkeiten kümmern muss, man übernimmt Verantwortung.

Azad: Natürlich, aber du bist auch ein Arsch wenn du das nicht machst. Wenn du sagst: “Ist mir egal. Wir haben einen Vertrag und was Du als Mensch bist, ist mir egal.“ Das kanns ja nicht sein. Ich meine so was gibt`s auch, aber bei uns nicht.

rap.de: Ja, das meinte er auch. Entweder man muss ein extremes Arschloch sein, oder Du gehst unter.

Azad: (rappt) Rapper reden viel, aber ich schwöre, dass sie lügen!

rap.de: Wenn man so viel über Business gerade nachdenken muss, bleibt dann noch die Zeit…

Azad: Kreativ zu sein? Also das fickt schon den Kopf und hindert schon hart. Ich hab letztens überlegt, ob ich in den Zeiten, als ich im Studio geschlafen habe und keine Wohnung hatte, nicht glücklicher war als jetzt. Jetzt mal ohne Spaß. Was auch zur Erkenntnis führt, dass Reichtum nicht glücklich macht.

rap.de: Warst du in der Zwischenzeit reich?

Azad: Nö, aber mir ging es besser. Sagen wir mal so, Reich ist auf jeden Fall was anderes.

rap.de: Wird sich denn zukünftig was an deinem Sound ändern? Hast du darüber mal nachgedacht, dass es am Sound und den Themen liegen könnte?

Azad: Ich weiß, dass die Musik, die ich mache für viele Deutsche nichts ist.

rap.de: Ist es wirklich so ein Deutschen-Problem?

Azad: “Deutschen-Problem“ klingt jetzt wieder ganz anders. “Das liegt an den Deutschen“ so ist es nicht, aber ich glaube einfach, dass sich viele Deutsche irgendwann gesagt haben “Das, was Azad macht, ist mir zu sehr Kanakenfilm“. Das habe ich zumindest oft so gesagt bekommen. Und dass meine Texte früher, sag ich mal, etwas intelligenter waren, stimmt schon. Ich hab früher auf andere Sachen Wert gelegt, mehr Inhalt und jetzt wollte ich nur “In-Die-Fresse-Musik“ machen. Weil das mir besser gefällt. Mir war egal, ob das den Leuten gefällt oder nicht.

rap.de: Und ist es immer noch so?

Azad: Das ist immer noch so. Es heißt ja nicht, dass andere Sachen mir nicht auch gefallen und ich da nicht auch drauf scheiße, ob`s den Leuten gefällt, aber ich wusste, das wird sich nicht so gut verkaufen und so gut ankommen wie meine andere Sachen. Aber das war mein Wunsch seit ich Rap mache, diese Album zu machen. Und das hab ich auch bei “Leben“ und den anderen Alben versucht, aber im Endeffekt dachte ich dann so “Ok, das ist aber immer noch nicht das brutalste, härteste Album“. Und jetzt mit “Assassin“ hab ich das glaub ich geschafft. Ich bin jetzt soweit, dass ich sage: “Ok, ich hab`s geschafft. Ich hab das, warum ich angefangen hab zu Rappen, erreicht.

rap.de: Wenn man jetzt soviel übers Geschäftliche nachdenken muss, wie du gerade, ist denn da überhaupt noch Platz für Kreativität? Oder mit was beschäftigst du dich in deinen Tracks?

Jeyz: Es geht schon über mein Leben. Alles was mit widerfährt, über mein Leben. Dinge, die Freunde mir erzählen, Dinge, die ich sehe. Jetzt allerdings habe ich aufgehört zu kiffen, dadurch wird das schreiben schwieriger.

rap.de: Ist das so?

Jeyz: Ja, auf jeden Fall. Vor zwei Wochen wollte ich wieder was schreiben und mir ist echt nichts eingefallen. Das war richtig Blockade des Grauens. Aber jetzt kommt ja erstmal mein Mixtape, wodurch nochmal ein bisschen Aufschub habe. Aber ab Januar wollte ich mich an ein neues Album setzen.

rap.de: Glaubst du, dass das Kiffen und das Schreiben so krass miteinander verbunden ist?

Jeyz: Ach, des is‘ nur ’ne Gehirnsache. Ich glaube nicht, dass man besser schreibt wenn man kifft, oder umgekehrt.

(Aus dem Hintergrund): Aha, auf einmal?

Jeyz: (lacht) Ja ja, ich gebs ja wenigstens zu. Aber in meinem Gehirn ist halt immer noch diese Blockade! Aber trotzdem warte ich ab, und hoffe, das es voran geht. Aber ich merke, dass es in mir schon wieder kribbelt, ich muss bald wieder schreiben. Ich geb mir noch einen Monat Zeit, und dann geht’s wieder richtig los!

rap.de: Schreibst du jetzt gerade im Moment eigentlich? Oder schreibst du immer so konzentriert kurz vor Abgabe?

Azad: Immer. Ja.

rap.de: Also, kurz vor knapp? Übermorgen ist Abgabe und Du bist schon fast fertig oder Du hast schon alles geschrieben?

Azad: Das wäre wirklich schön. Ich beneide andere Rapper. Gestern zum Beispiel hat mir Hamid erzählt, wie sido arbeitet. Und ich dachte “Alter, der hat`s gut. Was ein geiler Flash.“ Der sagt, er kommt, hört sich den Beat an, hat dann so ein paar Ideen, geht rüber, schreibt, boom-bang, Song ist fertig, danke! Wenn ich so arbeiten könnte, wäre Game Over. Aber das geht bei mir halt nicht.

rap.de: Wie arbeitest Du?

Azad: Ich mach irgend ne Scheiße. Verplemper meine Zeit. Guck links und rechts. Irgendwann merk ich: “Ach du Scheiße, alles geht bergab, ich muss ganz schnell ein Album machen. Jungs könnt ihr mir Beats besorgen?“ So. Oder ich sammle Beats die ganze Zeit und dann hab ich meine Favoriten, die mein Album füllen und dann setz ich mich auf den letzen Drücker hin und schreib die dann alle am Stück durch, nehm` sie auf. So ist es eigentlich immer. Auf den letzten Drücker. Aber wenn das nicht so ist, wenn der Druck nicht da ist, kommt auch nichts raus, was mir gefällt.

rap.de: Womit verbringst Du dann Deine Zeit?

Azad: Ach, wenn ich das erzähle denken die Leute: “Was macht der denn? So ein Idiot“.  Wirklich, mit gammeln, abhängen. Was machen wir noch? Nur unwichtige Sachen. Videospiele, Fitness Training, Scheiß labern und so, die ganze Zeit. Ich bin so. ich kann nichts machen, wenn die Sonne nicht untergegangen ist. Frag die Jungs. Die sagen: “Bist du behindert, Alter?“. Und wenn’s hell ist denk ich, ich muss chillen. Vielleicht treffe ich ein paar Jungs, wir gehen abhängen, gehen in die Stadt… Denkst: “Geh doch mal arbeiten!“, aber ich kann so nicht arbeiten. Später, später. Dann chillen wir bis zum Exzess und dann geht’s irgendwann ins Studio. Dann ist es halbe Chill-Arbeit. Ich geh dann schreiben, dann bin ich konzentriert. Aber ich höre die Jungs draußen lachen und denk: “Was ist denn da los?“ Geh dann hin, guck rum und dann spielen wir Pro Evolution.

rap.de: Nervt Dich Deine Art manchmal?

Azad: Ja, natürlich. sonst würde ich sido und andere, die so eine Arbeitsweise haben, nicht beneiden. Ich wünschte es wäre anders, aber man kann nun mal nicht alles haben, so wie man es will.

rap.de: Hast Du auch mal überlegt in einer Disco aufzutreten?

Azad: Mal ganz kurz aber davon bin ich auch wieder ganz schnell abgekommen. Dieses Nachtleben, Dauerbesoffene, Kaputte… Das kann ich mir alles nicht geben. Ich geh auch nie weg.

rap.de: Was machst Du dann?

Azad: Ich chill dick. Ich bin ein harter Chiller.

rap.de: Feiern ist nicht Dein Ding?

Azad: Überhaupt nicht! Nie gewesen. Auch nicht, weil man jetzt sagt: “Ok ich hab`s hinter mir“. Es war nie ein Teil von mir gewesen. Früher lief nie die Mukke, die mich geturnt hätte. Ich hab Aggros gekriegt in der Disco, dachte: “Was für ein Dreck hier läuft“. Heute läuft das schon, aber irgendwann hat sich das erledigt. Mit dem Bekanntheitsgrad führst Du dann zwanzig Interviews und gehst mit so nem dicken Kopf nach Hause und denkst: “Wo war mein Spaß heute?

rap.de: Wir bedanken uns für das Interview und wünschen alles Gute für die Zukunft.

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