Moses Pelham

Als Moses P. zusammen mit Martin H. im Jahr 1994 zum ersten mal so etwas wie Straßenrap in den Plattenläden der Bundesrepublik brachte, stand die deutsche Rap Nation Kopf.
Rödelheim Hartreim Projekt nannte sich die Formation und glänzte dadurch, dass man mit den Fantstischen 4 Schlitten fuhr und auch ansonsten kein gutes Haar an der deutschen Rap Szene ließ.
Später wurde Moses Pelham als Entdecker von Sbrina Setlur aka Schwester S. und Xavier Naidoo zu einem der einflussreichsten Player im deutschen Musik Biz, zumindest zu einem der lautesten.
Doch der typische Frankfurter Pathos gin auch an Pelham nicht spurlos vorbei und so war es nur folgerichtig, dass mit GLASHAUS ein Projekt entstand, dass an Schwermut und Tiefe in Deutschland wohl seinesgleichen sucht.
Nach dem Weggang von Cassandra Steen nun aber erfolgt die Wandlung. Das neue GLASHAUS Album heißt "neu" und soll auch nicht nur soundmäßig neue Wege beschreiben.
Wir jedenfalls haben zu unserem Interview einen vollkommen neuen Moses getroffen. Zumindest einen Moses, der wenig mit dem Bild zu tun hatte, das wir uns von ihm gemacht haben. 

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rap.de: Du hast ja in letzter Zeit sehr viele Interviews gegeben zum Thema "Neu“, so heißt die neue Platte von Glashaus. Du hast gesagt, es ist alles neu auf dieser Platte? Der Sound ist neu…

Moses: Hab ich das gesagt?

rap.de:  Ja, hast Du gesagt. Ist alles neu?

Moses: Wie kann denn alles neu sein? Also es gibt ein paar neue Sachen.

rap.de:  Ja und auf die Frage warum die Platte "Neu" heißt…

Moses:  Hab ich gesagt: "Alles neu“? 

rap.de: Hast Du gesagt: “Weil’s Neu ist“.

Moses: Ok ist auch neu, aber nicht alles. Also es gibt n’ paar Neuerungen.

rap.de: Die wären?

Moses: Na die Offensichtlichste, die neue Sängerin, die wirklich so viele neue, andere Dinge mit sich bringt. Ich glaub, dass die Peppa viel Druck mitgebracht hat, in vielen verschiedenen Beziehungen. Menschlich von ihrem Charakter her, aber auch in die Stücke. So n’ Stück wie “Das Hier“ hätt` s einfach in unserer alten Besetzung nicht gegeben. 

rap.de: Das heißt Cassandra Steen und Du, Ihr wart eher Schwermüter?

Moses: Ich glaub Cassandra fand es nie so gut, dass ich mich so auf die schwere Sache konzentriert hab. Aber ich hab das zur der Zeit so empfunden und wie es halt so ist, wenn man sich erst mal da rein geschrieben hat. Zweitens ist es aber auch so, dass ich finde, dass es zu Cassandras Stimme sehr gut passt. Ich fand, dass sie das sehr, sehr schön getragen hat.

Aber ich wollte davon inhaltlich weg. Wenn du dir “Ein Schöner Tag“ auf meinem 2004er Album anhörst, merkst du schon, dass ich mich nach ner neuen Perspektive sehne. Es hat einfach nur lange gedauert, bis es geklappt hat und ich finde das klappt jetzt ganz gut. 

rap.de: War das mit der Schwermut immer nur ein Aspekt deiner Persönlichkeit? Warst du in dieser Zeit dann auf der anderen Seite trotzdem feiern und glücklich oder warst du wirklich unglücklich?

Moses: Ich kann mich an so’n Zitat von mir selbst erinnern: Wenn` s mir gut geht, geh ich lieber feiern. Das war damals mein Ernst und ich hielt es auch für ziemlich schlau. Das find ich heute nicht mehr schlau. Ich find`s ne Verdrehung von Wahrheit.

Für mich hat Musik auch dieses ewige Therapieren blabla, das stimmt schon. Sachen raus lassen, sich mit Dingen auseinandersetzen, mit denen man sich wahrscheinlich lieber nicht mit auseinander setzen würde und so. Das ist alles richtig und das ist auch toll. Es gibt viele Stücke in dieser Art die mir Trost und Halt gegeben haben und ich hör’s von Menschen auch immer wieder, dass sie das ähnlich empfunden haben, aber sich darauf zu beschränken find ich falsch und ich hab keine Lust mehr eine Platte anzuhören, die 15 Tracks lang nur Trauer ist.

Weil einfach auch so ne gewisse Perspektive fehlt. Und es gibt auf dem neuen Album ein Stück, das auf nem Gedicht von Dietrich Bonnhöfer basiert, das er im Gefängnis geschrieben hat und er wurde dann auch in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges ermordet. Und das ist so positiv, wie er in dunkelster Stunde an seine Familie schreibt, das hat mich beschämt. Eigentlich geht es einem gut und trotzdem sieht man alles nur dunkel und man schreibt auf, wie traurig alles ist und ungerecht und so. Ich find, das kann`s auf Dauer nicht sein.

So’n bisschen Druck so’n bisschen Perspektive steht so einer Palette sehr, sehr gut. Das brauch ich auch als Mensch.

rap.de: Ist Dein Leben ein Jammertal? Hast du das so empfunden?

Moses: Ich nehme Dinge schwer. Ich bin so’n Mensch aber wie ich vorhin sagte, das war natürlich nicht nur so. Ich fand, dass es zu ernsthafter Kunst irgendwie besser passt. Ich mach jetzt auch keine Party Tracks oder so was, aber Dinge, mit ner gewissen Positivität. 

rap.de: Warum habt ihr mit Cassandra nicht mehr weiter gearbeitet? 

Moses: Weil Cassandra mit ihrer Solokarriere  beschäftigt war.

rap.de: Xavier Naidoo wollte damals auch weg von Dir und es gab da sehr viel Streit. Damals wirkte das für mich von außen wie der Kampf zweier alttestamentarischer Figuren, die erbittert miteinander ringen. Hat sich da was verändert in der Zwischenzeit? Würdest du das heute noch mal so machen?

Moses: Nee, würd ich nicht. Aber um zu der Erkenntnis zu gelangen, muss man da durch gegangen sein. Und weißte, bei so nem Streit hat ja jeder irgendwie was dazu zu sagen und so, aber ich glaube, dass die wenigsten Leute wirklich ne Vorstellung von dem haben, wie so was ist. 

rap.de: Du hast für Hip Hop aus Deutschland eine der spektakulärsten Karrieren in Deutschland hingelegt. 3P war ja wirklich so ein Imperium eine Zeitlang. 

Moses: (Lacht)

rap.de: Wie hast Du’s angestellt? Wie bist Du dahin gekommen, wie hast Du das geschafft?

Moses: Ich hab das so nicht empfunden, wie Du’s grade darstellst, weißte.

rap.de: Wie hast Du’s empfunden?

Moses: Ich hab uns immer ein bisschen als gallisches Dorf gesehen.

Ja, ich hab mir nichts dergleichen überlegt gehabt oder so, ich wollt einfach nur Musik machen. Eigentlich wollt ich ja nur rappen. Ich war dann mit der Musik, die andere für mich gemacht haben unglücklich und so hab ich angefangen Rap-Musik zu machen.

Dann war ich mit dem Marketing, das andere Menschen gemacht haben, unzufrieden und so hab ich angefangen Marketing zu machen. Und so rutsch man da so rein. Es gibt ja Leute, die als Jugendliche schon sagen: “Oh guck mal, ich will mal ein Label haben.“ Das war für mich überhaupt nicht so, ich wollte einfach mein Ding machen. 

rap.de: Du wolltest auch gar kein Label machen? 

Moses: Es ist nicht so, dass ich was dagegen gehabt hätte, ein Label zu machen. Aber es war kein Plan oder so. Also es war dann mehr so der Not folgend. Da ist niemand der das so macht, wie du es gerne hättest, also machst du es am besten selbst. Auch für so viele Leute arbeiten, das hab ich nicht gewollt. Ich bin da einfach rein gerutscht und damit war ich auch zuletzt sehr, sehr unglücklich. Muss ich ehrlich sagen.

Neuen Leuten immer wieder dieselben, alten Regeln zu erklären, dazu bin ich ein bisschen zu wenig Sozialarbeiter. 

rap.de: Ist Labelarbeit ne gewisse Art von Sozialarbeit?

Moses: Ich glaub schon. Entweder musst du sehr arschlöchig sein und Menschen einfach nicht ernst nehmen, oder du bist dauernd dabei, Überzeugungsarbeit zu leisten.

Ich find, das ist ein relativ undankbarer Job. Klar, ich hab das teilweise sehr gerne gemacht und ich arbeite gerne mit Menschen, aber das ist nicht, warum ich hier reingekommen bin. Ich wollte meine eigene Musik machen. Ich würde das niemals wieder so ausufern lassen, ehrlich gesagt.

rap.de: Fandest Du das teilweise ungerecht, wie die Leute Dich gesehen haben?

Moses: Welche Leute?

rap.de: Also, sagen wir’s mal so, Du hattest nicht den besten Ruf. Du bist als Dampframme verschrieen…

Moses: Dampframme?? (Lacht) Ich hab ja viel gehört, aber  das noch nicht so

 

rap.de: Ja, was man immer von Dir gehört hat: “Unfassbar schwierig, zornig, unfreundlich, arrogant…

Moses: Also, ich hab bestimmt in der Kommunikation mit Außenstehenden auch den einen oder anderen Fehler gemacht…

rap.de: Waren das Fehler oder war das Dein eigener Kopf? Man könnte ja auch sagen, Du hast einfach das durchgezogen, was Du machen wolltest. 

Moses: Ich hab immer noch meinen eigenen Kopf. Ich würde es nur heute hier und da n bisschen anders formulieren.

Aber, gegenüber Menschen, für die ich gearbeitet hab, war ich nie so. Wahrscheinlich gehört es dazu, wenn du im Showgeschäft arbeitest, dass Leute, die überhaupt nichts über dich wissen, trotzdem über dich reden. Ist ja auch ein Teil des Games. 

rap.de: Würdest du Stefan Raab heute noch mal schlagen?

Moses: Heute wieder in der Situation damals?

rap.de:  Was war denn die Situation? Ich kenne verschiedene Geschichten. 

Moses: Also, pass auf, das war insgesamt ne Situation, in der ich mir nicht anders zu helfen wusste. Ich dache, das geht mir so nah, ich möchte, dass dir das auch nah geht und ich glaub, das ist es auch. Ich hab das nicht gerne gemacht, aber ich hab keine Alternative gesehen

rap.de: Was hat es denn gesagt?

Moses: Er hat alles mögliche gesagt, das wäre mir auch zu unangenehm, wenn ich das jetzt heute noch mal wiederholen würde. 

rap.de: Also er war richtig Disrespekt?

Moses: Ja um mal einen Hip Hop Begriff zu bemühen. Ich habe mich richtig verhöhnt gefühlt, angegriffen, beleidigt. Aber ist doch klar, wenn jemand so nach ner Grenze sucht, wird irgendjemand kommen und sagen: “Hier ist eine!“. 

rap.de: Hat er sich jemals dafür entschuldigt?

Moses: Nee. Wir haben niemals wieder miteinander gesprochen. Aber das ist jetzt auch keine Geschichte auf die ich stolz wäre und ich muss auch sagen, wenn du so viele Platten gemacht hast wie ich, die wirklich bei Menschen was Gutes bewegt haben und immer wieder die Geschichte kommt: “Och guck mal, Du bist doch der, der vor 100 Jahren mal nen TV Moderator geschlagen hat“… Das ist schon auch hart.

Das waren zwei Minuten in meinem Leben, während ich mich das ganze Jahr hier durch Tracks kämpfe. Das halte ich für spannender. Da sind so’n paar Sachen, die ich nennenswerter finde, du nicht?

rap.de: Wie ging’s denn damals weiter, nachdem Ihr Rödelheim-Hartreim-Projekt gegründet habt? Du warst ja vorher schon Musiker?

Moses: Ehrlich gesagt, bin ich gar kein Musiker.

rap.de: Warum glaubst Du, dass Du kein Musiker bist?

Moses: Weil ich kein Instrument spiele.
 

rap.de: Aber Du machst doch Musik!

Moses: Ja ich mach Musik

rap.de: Wertvolle Musik. Erfolgreiche Musik

Moses: Oh danke schön, danke schön.

rap.de: Naja, mitunter.

Moses: Mitunter wertvoll oder mitunter Erfolgreich?

rap.de: Mitunter wertvoll, mitunter sehr erfolgreich, aber Du hast es auf jeden Fall geschafft, ne Menge Leute zu bewegen und zu berühren. Warum Denkst Du, dass Du kein Musiker bist?

Moses: Weil für mich die Definition von Musiker ist… Aber lass uns nicht über Begrifflichkeiten streiten. Streiten schon gar nicht. Ich glaub das sitzt sehr tief. Mein Vater war Musiker, der spielt ein Instrument.

rap.de: Warum hast Du kein Instrument gelernt?

Moses: Ich hab Gitarre gelernt. Aber das ist natürlich auch nicht so einfach, wenn dein Vater Gitarrist ist und man sich ein bisschen absetzten will.

Ich bin dann aber auch sehr unterstützt worden darin, Schlagzeug zu spielen, was mir glaub ich auch heute noch sehr viel bringt, ohne dass ich noch sehr viel spielen könnte. Es hilft mir in meinem rhythmischen Verständnis sehr.

Irgendwie hab ich mich dann in diese Plattenspieler-Sache und diese Drum-Machine-Sache verliebt. Da konnte ich einfach mein eigenes Ding machen, ohne mich dauernd messen zu müssen, so kann ich das erklären. Findest Du das abwegig?

rap.de: Ich frage mich, warum Du das nicht als Musikinstrument neuerer Bauart sehen kannst.

Moses: Ja das kann man so sehen bestimmt.

rap.de: Ich will Dich nicht überzeugen. Dann bist du halt kein Musiker.

Moses: Ich bin ganz glücklich so, ohne Musiker zu sein, ist alles gut.

rap.de: Hat Dich der Erfolg überrascht?

Moses: Von Rödelheim-Hartreim-Projekt?

rap.de: Von Rödelheim-Hartreim-Projekt und von dem was danach kam?

Moses: Also, ich hab schon sehr an das geglaubt und war immer der Überzeugung, wenn’s was gibt, was für dich so großartig ist, kann`s nicht für den gesamten Rest der Welt völlig unerheblich sein. 

rap.de: Du hast vorhin gesagt, die Marketing-Methoden der Plattenfirmen haben Dir nicht gefallen, was hat dir nicht gefallen?

Moses: Mir haben Detail nicht gefallen. Das Cover meiner ersten Platte hab ich erst gesehen, als das Album schon im Laden stand. Und es war grauenhaft, Horror, Alptraum.

rap.de: Es ist heute ein Highlight der 80er Jahre Musikkultur. 

Moses: Alptraum, Alptraum! Ich mein guck dir das Cover an, dann weißt du warum ich das selbst machen will. 

rap.de: Ja, aber Du hast doch selbst damals so eine Frisur getragen.

Moses: Ich hab ja auch gar nichts dagegen. Das ist jetzt zwar nicht die Frisur, die ich heute haben wollte, noch könnte. Das hat mir einfach  nicht gefallen, Feierabend! Und du läufst dann damit durch die Gegend und wirst damit verbunden, das kann sehr, sehr unangenehm sein.

rap.de: Bist du noch verliebt in Rap? Du hast ja auch immer Rapartists gefeatured, die auch durchaus abseits vom Mainstream waren und sind.

Moses: Ich weiß nicht, ob “verliebt“ der richtige Begriff ist, aber das ist ein Ausdrucksmittel, das ich seit 26 Jahren hab. Doch, ich lieb das.

Wenn wir über “Neu“ reden, da drück ich mich auch aus und geb viel von mir Preis. Das ist ja meine Sicht der Dinge. Aber halt mit Mitteln, die mir persönlich überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Weil ich kann nicht singen.

Das Ausdrucksmittel, das mir persönlich zur Verfügung steht, jederzeit, wäre nach wie vor Rap. Und das weiß ich natürlich unglaublich zu schätzen. Und ohne Rap würde ich das alles nicht machen, würde ich auch nicht für andere Leute schreiben.

Es hat mir schon Gelegenheit gegeben, mich mit mir selbst und meiner Sicht der Dinge zu beschäftigen, über den normalen Rahmen hinaus.

Weißt du, du findest irgendwas, das sich reimt und fragst dich: “Trifft`s das? Bin ich das?

Es gibt ein Stück auf “Geteiltes Leid 2“, das heißt “Wenn Ich Schreib“ und es hört auf mit den Worten: “Vielleicht gehört es zu dem Scheiß, dass Dinge aufs Papier kommen, die ich selbst von mir nicht weiß“ und das stimmt! Man kann dabei, sehr viel über sich selbst erfahren.

rap.de: Was hast du über dich erfahren?

Moses: Alles Mögliche.

rap.de: Ein, zwei Beispiele…?

Moses: Ach, wie es halt so ist, wenn du es zulässt, dass du in deiner Vergangenheit gräbst. Wenn du dir Sachen aufschreibst, wie du sie teilweise empfunden hast. Es gibt ja auch Dinge, die wir verdrängen, weil es angenehmer oder gesünder für uns ist. Wenn es aber dein Job ist, die Wahrheit aufzuschreiben, bist du vielleicht schonungsloser. Da gräbst du dann noch ein bisschen tiefer. 

rap.de: Ich glaube, dass es wiederum andere Kollegen Deiner Zunft gibt, die sich davon abwenden und Worte wie ein Schutzschild vor sich hertragen.

Moses: Das Eine schließt das Andere gar nicht aus und es ist ja nicht so, dass ich das nicht getan hätte. Ich habe ganz viele Sachen aufgeschrieben und gesagt, die ich heute für vollkommen absurd halte. Aber ich habe dabei eben auch gelernt, mich mit mir zu beschäftigen und Sachen zu entdecken, die mir vielleicht gar nicht so passen. 

rap.de: Sind dir Statussymbole wichtig?

Moses: Mhm… Ich würde so gerne fromm und frei sagen können "Überhaupt nicht“, aber das wäre wahrscheinlich gelogen.
 

rap.de: Das ist ja auch schwierig, mit einer Brille und einem Pulli von Ralph Laurent.

Moses: Das hätte ich jetzt nicht als Statussymbol gezählt, ehrlich gesagt.

rap.de: Ist das mit Bedacht gewählt?

Moses: (seufzt) Ich würde jetzt gerne behaupten, dass es nicht so ist. Aber wenn du dich anziehst, dann suchst du dir natürlich was aus, was dir gefällt und von dem du glaubst, dass es dir steht. Irgendwas willst du damit ja auch sagen und wenn es Sachen sind, die du eigentlich nicht sagen willst. Da brauchen wir uns ja nichts vormachen. Aber ich würde mich wohler fühlen, wenn ich behaupten könnte: "Nee“.

rap.de: Moses, was ist passiert in den letzten zwei Jahren, dass Leute aus dem Bürokomplex in Deiner Nachbarschaft sagen: "Der Moses ist ganz nett geworden, der grüßt jetzt sogar wieder“?

Moses: (lacht) Also, das ist ja eine Unverschämtheit! Wer hat so was gesagt?

rap.de: Ich war drüben auf Stippvisite in diesem anderen Gebäude und da haben die gesagt "Ach ja, der Moses. Doch, der ist sehr nett geworden.

Moses: Das haben die nicht gesagt, die da drüben kennen mich seit 20 Jahren…

rap.de: …und zwischenzeitlich hast du sie 15 Jahre lang nicht gegrüßt.

Moses: Also, das ist Quatsch, wirklich.

rap.de: Was ist passiert?

Moses: Dass ich jetzt plötzlich grüße? Ich habe mein Leben lang gegrüßt. Im Gegenteil. Früher wenn ich die Leute beim zweiten Mal in der Nachbarschaft gegrüßt habe, habe ich irre Blicke geerntet. So von wegen: "Was will der denn von mir?“. Ich wollte "Hallo“ sagen, das habe ich so von Zuhause beigebracht gekriegt.

Das eben von Dir war ein Scherz, oder?

rap.de: Ja, ich habe Dich ein bisschen provozieren wollen. Aber irgendetwas ist passiert, dass Du glücklicher wirkst.

Moses: Och, das ist jetzt aber schön gesagt. Ich kann das so nicht sagen. Bemühen wir uns nicht alle ein bisschen darum, glücklich zu sein?

rap.de: Es gibt Leute, die stehen sich da sehr im Weg.

Moses: Das kann ich auch gut, aber vielleicht gelingt mir gerade das im Weg stehen im Moment nicht so gut. Ich kann nur sagen, dass ich dafür sehr dankbar bin und es sich sehr gut anfühlt.

Ich weiß aber auch, wie man in Schwierigkeiten kommt und versuche, dem aus dem Weg zu gehen. Ich glaube, ich habe eine Sache für mich verinnerlicht: Der Außenwelt die Schuld zu geben ist sehr einfach und so richtig unschuldig ist wahrscheinlich eh keiner, aber das, was du am aller ehesten für dich verändern kannst, habe ich gemerkt, bin ich selbst. Oder um Ghandi zu bemühen: "Be the change, that you want to see in the world.

Ich habe mich früher zum Beispiel auch sehr schnell angegriffen gefühlt. Das habe ich einfach in mir und das wirst du so schnell auch nicht los. Aber in letzter Zeit passiert es mir seltener, dass ich mich von dem, was ich eigentlich machen will, abbringen lasse.

Im Gegenteil, ich habe sogar das Gefühl, dass wenn es dir zum ersten Mal gelungen ist, den Teufelskreis zu durchbrechen, du das auch ausstrahlst und das irgendwie zurückstrahlt. Das klingt jetzt alles sehr spirituell.

rap.de: Hast du lange Zeit etwas gemacht, was du nicht machen wolltest?

Moses: (sehr lange Pause) Wie kommst du darauf?

rap.de: Was willst du eigentlich machen?

Moses: Ich will Musik machen. Für mich war es voll der Befreiungsschlag, zu sagen: "Ey passt mal auf, ihr seid raus“. (lacht) Das ist eine Erkenntnis, zu der ich gelangt bin.

Dass ich keinen Bock mehr habe, mich mit denen rum zu streiten. Das ist gar nicht böse gemeint und ich nehme es auch niemandem übel, dass er ist, was er ist, aber ich will sein, was ich sein will und da dann irgendwann die entsprechende Konsequenz zu ziehen, halte ich nur für vernünftig.

Wenn du das jetzt in allen Bereichen deines Lebens hinbekämst, dann wärst du wahrscheinlich der glücklichste Mensch der Welt.
 

rap.de: Wie lange vorher hast du gewusst, dass es zu Ende gehen muss mit dem Label?

Moses: Du weißt doch, wie es ist, wenn man am Spieltisch sitzt. Da kann doch das richtige Blatt noch kommen. "Ja ok, das sieht jetzt gerade ein bisschen schlecht aus und der hat dich schon wieder angelogen, aber der da drüben, vielleicht lügt der ja nicht.“ (lacht) Und ich arbeite wirklich gerne mit Menschen.

Eine Zeit lang mag es so ausgesehen haben, und das habe ich dann sogar selbst geglaubt, dass ich Menschen hasse. Aber ich hasse nicht die Menschen, sondern diese Mechanismen, die da wirken. Und so platt es klingt: Ich erkenne meine Schwester und meinen Bruder in manchen Menschen.

rap.de: (Stille) Dürfen wir Dein Cora E. Tattoo sehen?

Moses: Ekelhaft. Und das sind diese Mechanismen, mein Freund! (Gelächter)

rap.de: Ich hab nur davon gehört. Da gibt es so viele Mythen und Legenden über dich. Gut.

Moses: Das kann doch jetzt nicht das Ende gewesen sein!

rap.de: Das war ein wunderschönes Ende.

Moses:
Ein schlimmer Ausstieg.

rap.de: Wollen wir noch einen Rundgang machen zu Deinen mannigfaltigen Platten? Was ich wissen möchte, ist…

Moses: … hat es einen Grund, dass manche Platten hier hängen und manche nicht?

rap.de: Nein. Ich habe einfach angenommen, dass da alle hängen.

Moses: Es gibt auch keinen Grund dafür.
 

rap.de: Es gib aber ja immer Platten, die einem mehr bedeuten, als andere. Welche sind das bei dir?

Moses: Ganz ehrlich, die Platten hier sind für mich alle was Besonderes. Bei einer LP kommst du eigentlich nie unter ein Jahr weg, von der Zeit her. Oft ist es auch wirklich ein Kampf, zu einem Ergebnis zu kommen, das dich glücklich macht. Es gibt keine Platte, die ich gemacht habe, die mir nicht irgendwas bedeuten würde. Aber es gibt darunter Platten, die mir besonders viel bedeuten und von denen ich auch heute noch finde, dass sie mir besonders gut gelungen sind. Das hängt jetzt hier nicht, aber "Gott Liebt Mich“ vom "Geteiltes Leid 2“-Album ist für mich zum Beispiel ein sehr wichtiges Stück.

Das war nie eine Single, aber für mich heute so unfassbar treffend ist und beinahe prophetisch oder "Neuer Morgen“ auf "Geteiltes Leid“. Was damals niemand so richtig gefühlt hat, aber J-Luv so richtig gefeiert hat. Es war auch das erste Stück, was ich mit ihm aufgenommen habe.

Das ist auch so ein Stück, das ist zwar alt, aber auf der letzten und vorletzten Glashaus Tour habe ich das immer noch performt, weil es einfach so treffend ist. 

rap.de: Glaubst du, dass es ein bisschen mit der Stadt Frankfurt zu tun hat, dass hier der Pathos so groß ist? Es kommen wahnsinnig pathetische Künstler aus Frankfurt.

Moses: Goethe! (lacht)

rap.de: Zum Beispiel. Oder auch die Böhsen Onkelz. Die sind ja wahnsinnig pathetisch. Azad ist pathetisch. Man hat immer das Gefühl, dass sich alles Leid dieser Welt über dieser Stadt konzentriert.

Moses: Mir ist das noch gar nicht so aufgefallen, aber jetzt, wo du es sagst, gebe ich Dir in Deiner Wahrnehmung Recht. Glashaus ist ja auch so. Wenn jemand meint, er müsse sein Album "Geteiltes Leid“ nennen, dann ist das ja auch nicht zu verleugnen. Ich weiß aber nicht, ob es was mit der Stadt zu tun hat. Das habe ich mich so auch noch nie gefragt.

rap.de: Moses. Wir bedanken uns. 

Moses: Ich danke Dir.