EPMD-Parrish Smith

Die Hip Hop-Dinosaurier von EPMD feiern ihr 20-jähriges Bestehen und verwöhnen ihre Fans, samt der modernen Hip Hop Welt, mit ihrer siebten LP namens "We Mean Business". Das eigentlich Spektakuläre daran ist die 9-jährige Abwesenheit der zwei On-and-Off-Partner Eric Sermon und Parrish Smith.
Letzterer erzählte uns am Telefon aufgeregt und engagiert von EPMD’s Anteil in der Hip Hop Geschichte – Vom Golden Age bis zur Hip Hop Renaissance. Viel Spaß!

rap.de: Zunächst mal danke ich dir dafür, dass du, im Gegensatz zu einigen deiner Rapkollegen, so zuverlässig bist und dass ihr tatsächlich pünktlich angerufen habt.

Parrish: Tatsächlich? Ja, dann freu ich mich.

rap.de:  Wie geht’s dir?

Parrish: Mir geht es sehr gut, danke. Wir haben ein brandneues Album auf dem Markt. Alles ist gut.

rap.de: Wir haben es eben noch hier in der Redaktion gehört. Es hört sich wirklich gut an. Ich freue mich sehr über dieses Album. Es hört sich so an, als hätte es auch vor zehn Jahren rauskommen können.

Parrish: Wow, danke. Freut mich, dass du es so siehst. Es sollte auch zeitlos klingen.

rap.de: Ja, das auch. Aber es hört sich auch stark nach den 90ern an. Es klingt nach Golden Era, Teddy Riley ist mit drauf.

Parrish: Wir wollten vor allem nicht so klingen wie alle anderen momentan. Wir haben das Gefühl, die Musik hat die Kontrolle über sich selbst verloren und weiß nicht wohin.

rap.de: Muss Musik deshalb wieder zurück zum Anfang? Liegt die Entwicklung in der Musik darin, dass sie zwischendurch wieder von vorne beginnt?

Parrish: Sie muss nicht unbedingt wieder zurück. Ich glaube EPMD mussten ein bisschen zurück, um dort anzuknüpfen, wo wir aufgehört haben. Wir waren eine ganze Weile lang von der Bildfläche verschwunden und wollten den Erwartungen, die an uns gestellt wurden, gerecht werden, um ein echtes EPMD-Album rauszubringen, damit die Leute, die uns schon in der "Golden Era“ mochten, sich jetzt freuen können. Wir leben in einer Welt, in der die meisten Leute Musik einfach satt haben, weil sie gleich klingt und Texte keinen Inhalt mehr haben. In der Musik ist keine Abwechslung mehr vorhanden und die Industrie will das auch so haben. Sie wollten zum Beispiel  auch, dass wir unseren Sound anpassen und unser Image, aber das war nicht EPMD.


rap.de:  War früher alles besser?

Parrish: Nein, nein. heute ist alles gut. Es war damals alles cool und es ist auch heute alles cool. Damals haben wir Tantiemen gekriegt, ungefähr 60-70 Cent pro CD, heute führen wir unser eigenes Label und machen sieben Dollar pro CD. Wenn Eric und ich touren wollen, wenn wir ein Video drehen wollen, dann machen wir das aus ganzem Herzen. Wir wollen uns so präsentieren, wie wir uns selber auch wahrnehmen. Jetzt müssen wir gar nicht so viele CDs verkaufen, damit unser Label als erfolgreich angesehen wird. Die meisten Majors verlangen Verkäufe in Millionen-Höhen und du siehst trotzdem so gut wie nichts von den Einnahmen. Wir sind EPMD und EPMD ist Indie. Das sind wir, das macht uns aus. Sleeping Bag Records, unser erstes Indie-Label, war in Übersee so was von erfolgreich! Deshalb waren Eric und ich am Anfang unserer Karriere auch so viel auf Tour. Genauso mit Def Jam. Die Leute beschweren sich über die Musik heutzutage und wir wollen ihnen geben, wonach sie verlangen, wir sind weder Old School, noch New School. Wir haben so viele Künstler bei uns: Keith Murray, DAS EFX, Method Man, Redman und viele mehr. Auch als du Eric und mich nicht gesehen hast, waren wir trotzdem da. Wir sind offiziell die Gruppe, deren Hits am meisten gesampelt wurden in der gesamten Hip Hop-Geschichte. Jay-Z hat seine Karriere mit unseren Samples begonnen. Biggie und Mary J. Blige auch. Also mussten wir unser Ding machen, auf unserem Label, um unseren eigenen Antrieb zu schaffen.

rap.de: Und das ist euch auch hervorragend gelungen. Ist es schwierig so viele Künstler auf einem Album zu vereinen?

Parrish: Nein, weil im Vorfeld schon Anfragen an uns gesendet wurden von den Künstlern, die EPMD in ihren Herzen respektieren, und die wir respektieren. Wir mussten uns eigentlich nur noch die passenden Rapper aussuchen, bei denen wir wussten, dass sie selbst hohe Ansprüche an sich selbst stellen, weil unsere Ansprüche an das Album ebenfalls sehr hoch waren. Nach dem gleichen Prinzip haben wir auch die Produzenten ausgesucht, so wie DJ Honda und 9th Wonder, auch wenn wir 90% unserer Tracks selbst produzieren.

rap.de: Mit den Beiden an Bord kann aber auch so gut wie nichts mehr schief gehen. Auf jeden Fall zwei sicke Hip Hop-Produzenten, die sich Gott sei Dank von Auto-Tune-Tracks distanzieren. Was hältst du eigentlich vom Auto-Tune-Wunder?

Parrish: Es ist witzig, dass es jetzt zurück kommt, denn das ist doch irgendwie unser Markenzeichen, "You Gots To Chill“ mit dem Roger Troutman Sample. Aber es ist nur eine Phase, heute hier, morgen weg. Aber du musst den richtigen Zeitpunkt treffen und es ist doch cool, dass wir einen Track gemacht haben, wie "Listen Up“ mit Teddy Riley und dieser Sound gerade durchkommt, wenn wir zurückkehren. Das Album bietet alles, Inhalt, Head Banger, alles. Und abgesehen von den Tracks mit Teddy, Honda und 9th Wonder, ist alles EPMD.

rap.de: Und wer hätte da besser gepasst als Teddy Riley? Er ist der Mann am Vocoder. Er und Roger Troutman haben die späten 80er und die 90er mit diesem Sound stark geprägt. Ist der Auto-Tune Effekt der neue Vocoder?

Parrish: In gewisser Art schon. Das ist halt die Zeit des Auto-Tunes. Manche Sachen sind schlecht, manche sind gut. "Listen Up“, unsere erste Single sticht aus der Masse heraus, weil er mehr Vocoder als Auto-Tune ist. Es ist EPMD, das ganze Album ist so echt und so sehr WIR. Und die Single ist grad mal das Intro. Für andere Künstler waren die Auto-Tune Sachen vielleicht schon ihr größter Hit. (lacht)

rap.de: Aber glaubst du nicht, dass Rap nur noch von einem bereits vergangenen Bild lebt? Ist es nicht ein wenig, wie ein lebendiges Museum in deinen Augen?

Parrish: Witzig dass du das sagst. Denn, und jetzt hör mir genau zu, genau das ist das Ding! Wie kannst du Hip Hop erwarten und Hip Hop wollen, wenn es kein Element gibt, dass für Hip Hop steht? Das Problem ist doch, dass es kein Label da draußen gibt, das wirklich Hip Hop repräsentiert, und zwar auf die Art und Weise, die für einen echten Hip Hip Head vertretbar ist. Wie kannst du, nach all dem was Hip Hop für dich getan hat und dir gegeben hat, dieser Musik einfach den Rücken zukehren und sie den Majors überlassen? Ich finde es großartig, dass mittlerweile so viele Künstler Indie sind. Es darf keinen Middleman mehr geben. Legt euer Leben nicht in die Hände von Majors. Sie scheissen auf euch! Nutzt lieber die Möglichkeiten des Internets.

rap.de:  Fühlst du dich ein wenig wie ein Lehrer für die neue Generation oder lernt man voneinander?

Parrish: Man lernt natürlich voneinander. Das macht sich bei Shows wie "Rock The Bells“ bemerkbar, weil du da 15.000 Leute hast und die Hälfte Teenager sind. Die Retro-Kids sind überall. Die kommen zu solchen Shows, weil die auch keinen Bock haben auf den Einheitsbrei. Die Skater sind zurück, die Parkrapper, sie kommen alle wieder. Und jetzt geben wir ihnen auch noch freshe EPMD-Musik.

rap.de: Aber hast du bei manchen jüngeren Künstlern nicht Lust, sie zu packen und ihnen eine ordentliche Backpfeife zu geben? Bei Soulja Boy zum Beispiel?

Parrish: Nein. Er ist doch noch jung. Uns konnte bei unserem ersten Album auch keiner was erzählen. Soulja Boy ist ein Name der heutigen Generation, so wie wir ein Name des Golden Ages waren.

rap.de:  Ja, aber ihr wurdet auch Hip Hop genannt und als Hip Hopper anerkannt.

Parrish: Ja. Aber wir haben auch lange aufgehört und nicht gearbeitet. Diese jungen Leute arbeiten, also guckt die Rap-Welt natürlich auf sie. Wir können das nur grade rücken und ändern, indem wir wieder übernehmen und anfangen, wieder hart zu arbeiten. Die Fans dieser Leute sind zwischen 14 und 21 Jahre alt. Aber was ist mit den 18-40 Jährigen. Die sind in der Mehrheit. Und genau denen bringen wir "We Mean Business“. Du kannst ihnen nur was beibringen, indem du ihnen zeigst wie es läuft. Außerdem geht es denen heute besser als uns damals. Wir mussten mit MC Hammer und Vanilla Ice touren. Da haben die Jüngeren heute auf jeden Fall bessere Optionen. (lacht) Wir haben damals "Crossover“ gebracht, um zu zeigen, dass jetzt was Neues kommt. Wir haben uns die Freiheit genommen, Hip Hop neu zu definieren.

rap.de: Glaubst du denn, dass ihr Vorbilder seid für die Newcomer?

Parrish: Auf jeden Fall. Denn wir zeigen ihnen, wie man überlebt. Wenn du nicht weißt, wie die Labelarbeit aussieht, dann gehst du unter. Die Wahrheit ist, dass noch zu viele junge Künstler nicht wissen, wie sich alleine ernähren können, wenn Mama Label nicht mehr da ist. Du musst wissen, wie du Publicity kriegst, wie du eine Promo-Tour planst und wie und wo du deine Fotos herbekommst. Kannst du dir vorstellen nach Übersee zu gehen, drei mal die Woche aufzutreten und nebenbei noch dein eigenes Label zu führen? Kannst du das schaffen? Wenn nicht, dann guck dir an, wie wir es gemacht haben. Nutzt die Plattformen, die ihr heute habt! Geht nicht unter!

rap.de:  Wo ist Hip Hop heute?

Parrish: Hip Hop ist in einem wiederaufbauenden Stadium. Es gab das "Golden Age“, dann kamen diejenigen, die aus Hip Hop ein Business gemacht haben, denen es nur um das Geld ging. Und jetzt definiert es sich neu. In einem Interview fragte mich ein Journalist: "Wenn morgen Außerirdische hier landeten und sie würden dich fragen, was sie von Hip Hop erwarten können, was würdest du ihnen sagen?“ Faszinierende Frage. Ich sagte zu ihm, dass egal was du vorhast, wenn du es dir klar vorstellen kannst, wird Gott dir einen Weg dahin bahnen. Guck uns an, wir haben es von Classic-Hip Hoppern zu Def Squad und bis hier hin geschafft und es war immer ein Erfolg, weil wir daran geglaubt haben. Die meisten haben die Träume und die Visionen, aber sie folgen einer Industrie, die ihren Vorstellungen eben nicht folgt. Formt eure eigenen Labels. Die Leute haben nicht mehr oder weniger Geld als früher, aber sie achten mehr darauf, wofür sie es ausgeben. Hip Hop findet momentan sein Gleichgewicht.

rap.de: Viele Leute fokussieren sich stark darauf, für New York die Krone zurückzuholen. Kennst du einen Newcomer, der das schaffen könnte?

Parrish: Ich glaube nicht, dass ein einziger Künstler das schaffen könnte und würde auch nicht wollen, dass so viel Verantwortung bei einem einzigen Künstler liegt. Das ist mehr eine spirituelle Fackel, die weitergereicht wurde vom Hit Squad an Bad Boy, von Death Row an No Limit, an Cash Money und immer weiter bis dahin, wo wir jetzt sind. Hip Hop war immer am stärksten, als Leben darin war, als mehrere Künstler und Gruppen zusammen eine gewisse Zeit geprägt haben, mit starken Independant Labels hinter ihnen. Slick Rick, Big Daddy Kane, Run DMC, EPMD, die Liste ist endlos. Aber einer alleine kann das nicht schaffen, das ist zuviel Gewicht. Wir stehen wieder ganz am Anfang. Aber man spürt, dass was im Anmarsch ist. Ich höre so viele dope Untergrund-Musik hier in New York, überall. Die Welt ändert sich, wir haben einen neuen Präsidenten! 

rap.de: Gibt es einen neueren Künstler, den du persönlich präferierst?

Parrish: Ich persönlich? Ehrlich gesagt, könnte ich dir keinen Namen nennen, den ich öfter mal höre. Ich kenne die Namen dieser Leute nicht.

rap.de: Was ist mit Leuten wie Blu & Exile?

Parrish: Kenne ich nicht.

rap.de: Solltest du kennen. Ich finde Blu hat wirklich Potenzial.

Parrish: Warte, ich hole mir einen Stift und schreibe es mir auf. Die Namen kommen mir bekannt vor, aber ich kann sie nicht einordnen. Ich glaube, mich hat schon mal jemand auf die zwei angesprochen.

rap.de: Die zwei sind echt gut. Es ist eher melodisch, geht so in die Conscious-Rap-Schiene. Auch eher ein 90er Ding. Deswegen frage ich dich ja, ob du das auch so siehst, dass Rap zurückkehrt Richtung Golden Age.

Parrish: Ja! Na klar. Rap ist über sein Ziel hinaus geschossen und muss einen Schritt zurück. So ist das halt. Zu viele Köche verderben den Brei. Seit 1992 habe ich viel Zeit in den Bergen verbracht und Ruhe gesucht. Ich musste meinen Kopf wieder stärken, denn nur starke Köpfe können die Welt ändern. Conscious Rap ist der Schlüssel dazu. Die Mixtapes und Demos, die mir zugeschickt werden, zeigen mir, dass die Lyricists zurückkommen, dass die Menschen wieder mehr nachdenken. Das ist wie frische Luft. EMPD ist zurück mit frischer Luft. Die Bässe gehen runter, die Texte werden essentieller. Ich freue mich für die Zuhörer, denn die alten MC’s sind nicht mehr da und im Leben musst du deine Aufgaben durchziehen, sonst wirst du bestraft. Ich freue mich auch für uns, für EPMD. Wir sind zurück und unsere Shows sind unfassbar.


rap.de: Ja, dem kann ich zustimmen. Ich habe euch beim "Rock The Bells“ in Amsterdam gesehen. Aber ich habe kein Interview bekommen. Was sollte das?
 
Parrish: (lacht) Weil wir im Februar zurück kommen und du dann alle Zeit kriegst, die du willst. Wir gehen wieder auf Europa-Tour! Wahrscheinlich vom 12. – 28. Februar 2009. Ich freue mich sehr darauf. Europa schützt die Hip Hop-Kultur teilweise mehr als die USA. Das habe ich schon damals 2000 gemerkt, als ich mit DJ Honda drüben war. Europa ist immer schon ein sehr wichtiger Markt für Hip Hop gewesen. Die haben noch Liebe für Live-Shows.
rap.de: Gibt es Kollabo-Pläne mit europäischen Artists?

Parrish: Ich habe während der Europa-"Rock The Bells“-Tour mit einem englischen Künstler namens Kashino einen Track aufgenommen. Er wird bald auf unserer Webseite zu hören sein.

rap.de: Cool. Viel worüber man sich freuen kann. Neues Album ist raus, ihr kommt bald auf Tour. Ich danke euch vielmals.

Parrish: Danke. Ich weiß das zu schätzen, denn es gibt nicht mehr viele Künstler auf diesem Level und wir versuchen einfach nur, gute Musik zu machen.

 

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